Abgesehen davon, dass sich Silvio Berlusconi nicht als Tischler probieren sollte, scheint es ihn nicht zu stören, dass er die Beine seines eigenen Stuhls absäbelte – dummerweise sein Regierungstuhl. Die Menschen in Italien feierten Anfang November den Rücktritt eines Premierministers, der zuvor 17 Jahre die Zügel der Macht in der Hand hielt. So lange hatte es zuvor keiner geschafft – ein Rekord. Rekordverdächtig allerdings auch die  Anzahl der Eskapaden, die es während seiner Regierungszeit in Italien gab. Ausgenommen der Sexskandale, die sich um den 75-jährigen kleinen rundlichen Mann reihen, gibt es eine Unzahl weiterer kurioser Fälle, die schnell deutlich machen, mit welch übersteigerter Form von Egoismus er in Italien regiert. Verzeihung, regierte natürlich.

1994, also kurz nach seinem Eintreten in die italienische Politik, begann Silvio Berlusconi gleich einmal damit, seinen Glanz zu versprühen und kümmerte sich um die „Probleme der italienischen Justiz“. Probleme – damit sind nicht etwa die vielen Straftaten und organisierte Kriminalität in Italien gemeint, vielmehr allerdings seine eigenen – Berlusconis Straftaten. In den darauf folgenden Jahren sollte der italienische Premier mehr als 36 Gesetze entwerfen, die ihn selber vor einer Verurteilung schützen sollten. Davon dürfte so mancher Kleinkrimineller träumen. Doch Berlusconi ist ganz und gar kein solcher ‘kleiner Fisch‘, eher ein ganz dicker. Korruption, Richterbestechung, Bilanzfälschung, Missachtung von Kartellgesetzen und, und, und. Seine Gesetze brachten ihm Verjährung seiner Straftaten oder aber Immunität, als Premierminister, vor der Strafverfolgung ein. Politisch gesehen erinnert Berlusconi an die Diktatoren vergangener Zeiten, die versucht haben, auf egoistische – fast schon egozentrische Art und Weise –  umzusetzen, wovon sie immer geträumt haben. Letztlich bleibt aber nur ein Schluss: Berlusconi und all die anderen Premiers, die sich wie  Dikatoren an der Spitze des jeweiligen Parlaments befinden oder vielleicht selbst Dikatoren sind, sind nichts anderes als größenwahnsinnig und haben scheinbar den Draht zur Wirklichkeit vollkommen verloren. Wer solch ein verzerrtes Anschauungsbild seiner Person hat, müsste sich eigentlich nach seiner eigenen Rechtfertigung als Politiker fragen.

Es ist außerdem kein großes Geheimnis, dass Politiker lieber auf selbstkreierte Witze verzichten sollen. Entweder die schlagkräftige Pointe fehlt, oder aber es wird skandalös. Bei Berlusconi ist dann wohl wieder einmal klar, in welche der beiden Richtungen es geht. Nach dem Erdbeben 2009 in den Abruzzen sagte Berlusconi: „Man muss es eben nehmen wie ein Camping-Wochenende.“ Politische Hilfe der etwas anderen Art sozusagen. Bei der Katastrophe waren mehr als 290 Menschen ums Leben gekommen, 50.000 wurden obdachlos. Ein ziemlich großes Campinggelände also. Als ob das nicht reichen würde, findet sich bei Berlusconi ein weiterer allseits bekannter Skandal, der wahrscheinlich nur die Kirsche auf der Torte der Unglaubwürdigkeit ist und war. Gegen sein Faible für junge Frauen würde anscheinend niemand etwas sagen, wenn diese nicht minderjährig wären, er nicht selbst verheiratet wäre und wenn er zu allem Überfluss nicht auch noch versuchen würde, seine ‘Schönheiten‘ für das Europäische Parlament zu holen. Und auch hier findet sich ein weiteres Beispiel – das jüngste – wieder, denn als Berlusconi vor kurzer Zeit dafür kritisierte wurde, sagte er, dass er eben lieber Frauen anschauen würde und dass dies noch immer besser sei, „als schwul zu sein“. Als  schließlich die Ruby-Affäre offenbarte, dass das minderjährige Escort-Mädchen Karima el-Mahroug eine Affäre mit Berlusconi hatte, ging zum einen wieder einmal ein Stück seiner Glaubwürdigkeit verloren und zum anderen brachte es ihm den Beinamen „Bunga Bunga“ ein. „Bunga Bunga“ ist ein Ausdruck für ungewöhnliche Sexualpraktiken. Eigentlich stammt dieser Sprachgebrauch aus dem Englischen, aus der Kolonialzeit. Bunga Bunga Berlusconi darf sich nun also eine Krone aufsetzen. Nicht im politischen Sinne, aber dafür, dass er längst verstorbene Sprachgebräuche wieder weit verbreiten lässt.
Im Übrigen braucht sich der Mult-Milliardär nicht um seine Zukunft sorgen. Der Medienmogul – er besitzt zwei Verlagshäuser, kontrolliert eine Kinokette – ist seit 1986 Besitzer des AC Mailand, einer der größten und erfolgreichsten Fußballklubs. Seitdem 2004 ein neues Gesetz erlassen wurde, dass Regierungsmitgliedern ein Führungsamt in Wirtschaftsunternehmen verbietet, musst er den Sitz des Präsidenten im Klub aufgeben. Nun darf er ja wieder und hat auch hier eine schwere Aufgabe vor sich – und zwar eine sehr ähnliche wie in der italienischen Regierung. Der Verein hat Unsummen an Schulden, im letzten Jahr wurde das Geschäftsjahr mit einem Minus von 60 Millionen Euro abgeschlossen. Italien hat zwar ein paar mehr schulden, aber vielleicht gut für ihn, sich an etwas Kleinerem zu versuchen. Die Aufgabe in der Politik war für ihn nämlich zu groß.