Liebesbekundungen an jeder Ecke: Auf unschuldigen Baumwollbeuteln, schlabberigen T-Shirts, Tassen aus dem Souvenirshop. Eigentlich kommt man dieser Tage (und wenn man ehrlich ist, schon seit einigen Jahren) nicht mehr dran vorbei. Die Menschen lieben New York, Paris, sich selbst oder Google – Hauptsache, ein rotes Herz prangt auf der Brust und überflüssige Buchstaben machen Platz für ein neckisches Icon.

Seltsamerweise liebt keiner Harvey Ball. Dabei wäre das unheimlich sinnig, schließlich haben wir dem Herrn aus Massachusetts irgendwie zu verdanken, dass verkürzte Kommunikation heute so super funktioniert. Er ist der Erfinder des Smiley, jenes gelb-grinsenden Dings, das noch vor Herzen, Blumen, Sonnen oder Eichhörnchen wichtig war, wenn man sich per Computer unterhielt und inmitten all der Bleiwüsten ein wenig Freude streuen wollte. Harvey Ball selbst hat mit der elektronischen Version unseres gelben Freundes natürlich herzlich wenig zu tun, aber ohne seinen flott hingemalten Aufmunterungsversuch aus den Sechziger Jahren hätte Scott E. Fahlman, seines Zeichens Informatikprofessor, uns zwanzig Jahre später vielleicht nicht das gezaubert, was uns heute so lieb ist wie ein guter Freund und was damals noch ohne gelbe Farbe und anderen Kitsch daherkam, sondern schlicht und ergreifend so: :-).

Nach einem kurzen Abenteuerurlaub in stürmischen Wassern – Rave, Ecstasy, Acid House und dergleichen furchteinflößende Sachen – ist der Smiley nun dort, wo alle ihn offenbar dringend brauchen: im Internet. Man kennt das ja – fünf Chatfenster ploppen parallel hoch, an jedem Ende der Welt wird in die Tasten gehackt, als gäb‘s kein Morgen. Klar, dass da nicht immer Zeit für  erklärende Hinweise bleibt. Und dann passiert es eben, dass Emil von der Sophie, die er gern mag, plötzlich „Arschmade“ genannt wird und sich auf einmal – dabei lief die Konversation doch so gut – nicht mehr sicher ist, ob die das jetzt ernst meint. Hat sie es ihm vielleicht doch krumm genommen, dass er ihre Hose drei Sätze zuvor eine „modische Gratwanderung“ nannte? Dabei hatte er doch extra einen liebevoll nach oben glotzenden Smiley hinterher geschickt. Überhaupt scheinen die Dinger alles mögliche retten zu müssen. Wenn einer am anderen Ende mal eben keinen Sarkasmus versteht – no problem, ein passendes Teil ist schnell gefunden und die Freundschaft gerettet. Andererseits geht so leider auch ernst gemeinte Kritik ein wenig unter: Wer glaubt schon, dass einer ihm so richtig böse ist, wenn er dann eine gelbe Kuller hinterschickt, die sich albern aufbläst und schließlich vor Wut platzt? - Eben. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass ernste Diskussionen und Wut nur dort Platz haben, wo der Smiley sich verkrümelt.

Was sich beim ersten Mal vielleicht noch ulkig liest, ist eigentlich ein ziemlich seltsames Phänomen. Denn irgendwann einmal war die Idee von Emoticons, dass alles schnell und einfach wird und dabei sogar noch Spaß macht. Im Prinzip ist es das auch, nur nehmen die Kollateralschäden, die entstehen, wenn man mal aus Versehen nicht via Smiley angezeigt hat, wie das Geschriebene gemeint ist, bisweilen bizarre Konturen an. Und ehe man sich versieht, ertappt man sich selbst dabei, wie man immer öfter zur Tastenkombi für den nötigen Pepp oder das schnelle Statement greift. Allzu bitter sollte man bei der ganzen Sache aber auch nicht werden, schließlich kann man dem Geschehen jederzeit den Riegel vorschieben. Oder es einfach so handhaben, wie‘s auch Scott E. Fahlman selbst tut: Einfach mal aufs Chatten verzichten und sich stattdessen für die etwas reflektiertere Email entscheiden.