„Unter allen Beschäftigungen, die dem Menschen den Unterhalt liefern, ist die Handarbeit diejenige, die uns dem Stand der Natur am Nächsten bringt.“, stellt Jean-Jacques Rousseau in der Mitte des 18. Jahrhunderts fest. Nun hat Rousseau die Zeit, in der wir leben, natürlich niemals kennenlernen können und möchte mit seiner Formulierung obendrein auf das Problem um Kultur und Gesellschaft der Aufklärungszeit hinaus; trotzdem aber können wir auch ohne ein dickes Philosophiestudium in der Tasche zumindest eines erlesen: dass Handarbeit nämlich deswegen gut ist, weil sie uns von Vergesellschaftung erst einmal ein bisschen wegholt, mit neuer Technik nicht allzu viel am Hut hat und uns vielleicht sogar ruhiger, konzentrierter arbeiten lässt.

Nun ist uns beim Gang durch die Stadt aufgefallen, dass es hier unheimlich viele Änderungsschneidereien gibt, etwas, das der normale Karstadt-Käufer vermutlich gar nicht mehr wahrnimmt geschweige denn braucht, weil er sich seine Hose für fünf Euro Aufpreis lieber direkt im Betontempel umnähen lässt. Das ist auch völlig in Ordnung, trotzdem kann man sich fragen, wieso es hier so viele – vor allem auch türkische – Schneidereien gibt.

Am Hohenzollerndamm befindet sich eine der ältesten Änderungsschneidereien Berlins. Sie existiert seit 1966, wurde 1971 von einer ehemaligen türkischen Fabrikarbeiterin übernommen, die aber Mitte der 80er Jahre wieder in die Türkei zurück kehrte. Seitdem führt sie der ebenfalls aus der Türkei stammende Abdullah Özcan. Der Rbb hat ihn mit seinem Rundfunkformat Radioeins vor Kurzem besucht und schon eine erste kleine Antwort auf die Frage danach, was an der Selbstständigkeit als Schneider so reizvoll ist, geliefert. Selbstständigkeit bedeutet nämlich, so Özcan, zwar viel viel mehr Arbeit, dafür aber auch einiges mehr an Geld. Außerdem ist man sein eigener Chef, kann den Laden für einen längeren Urlaub dann schließen, wann es einem beliebt und fühlt sich auch sonst nicht in der Mangel irgendeines Arbeitgebers. Die Sozialwissenschaften haben dafür schon vor einigen Jahren einen Begriff gefunden: Sie sprechen von einer „Kultur der Selbstständigkeit“, die mit den türkischen Auswanderungswellen selbst in die deutschen Städte kam. Sie besagt, verkürzt formuliert, dass die Immigranten sich in den Aufnahmeländern wirtschaftlich ähnlich verhalten, wie in ihren Herkunftsländern – in der Türkei liegt die Selbstständigenquote weitaus höher als in Deutschland, der Kurzschluss, den das eben erwähnte Kulturmodell dann zulässt, ist eine rasche Existenzgründung türkischstämmiger Menschen in Deutschland. Ein anderes Argument fokussiert die Nachfrage der Deutschen selbst: Während in den 60er Jahren das Geschäft der Änderungsschneiderei vornehmlich eines war, das innerhalb der Zuwanderergruppe selbst gebraucht und genutzt wurde, haben sich die Dinge in den letzten Jahren verschoben. Auch Deutsche schätzen die kleinen Geschäfte: Sie befinden sich zumeist in unmittelbarer Umgebung, arbeiten rasch und unterscheiden sich preislich kaum von den großen Konsumoasen. Was den Zuwanderern außerdem hilft, ist so etwas wie die TDU, die Türkisch-Deutsche-Unternehmervereinigung  Berlin-Brandenburg. Der Verein wurde 1996 von 28 türkischen Unternehmen gegründet, unterstützt seitdem die „türkische (Business-) Community“ und ist eine der wichtigsten „Anlaufstellen für Personen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen des In- und Auslandes geworden“, wie es auf der Internetseite des e.V. heißt. Er veranstaltet Themenabende, bietet Existenzgründerseminare, kurzum: vermittelt, schult und berät.

Wie sieht es nun aber aus in einer solchen Änderungsschneiderei? Nun, zuerst einmal ist es sehr eng, überall hängt oder liegt Stoff herum und ansonsten gibt es nur einen langen Arbeitstisch und eine kleine Kasse. Zierrat oder Technik haben hier kaum Platz. Das Licht ist etwas unangenehm, ein wenig wie im Krankenhaus – sehr hell und weiß, Neon eben. Das mag aber nicht in allen Schneidereien so sein. Es wird eifrig gearbeitet und kaum gesprochen, das Handwerk steht im Mittelpunkt. Ein Stück weit geht es hier auch um Erhaltung: Die Tradition der Änderungsschneiderei war zwischenzeitlich einmal fast ausgestorben, nun kehrt sie in die Städte zurück und das flächendeckend. Egal, ob man sich nun in Neukölln oder in Charlottenburg aufhält – die Dichte der Änderungsschneidereien ist gleichsam hoch. Tradition ist überhaupt ein gutes Stichwort: Die Türkei nämlich hat eine lange und traditionsreiche Textilindustrie, ist der sechstgrößte Baumwollproduzent der Welt und kannte das Phänomen privater Änderungsschneidereien natürlich schon lange bevor es nach Deutschland schwappte. Für die vielen Gastarbeiter, die vor 50 Jahren mit dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen nach Deutschland kamen, um die hiesige Wirtschaft anzukurbeln, war es dann das Naheliegendste, einer Beschäftigung nachzugehen, die sie bereits im Heimatland gelernt und ausgeübt hatten. Der Weg von der Fabrik in die eigene kleine Schneiderei war aus den bereits genannten Gründen dann ein sehr kurzer. Seit 2005 ist der Beruf des Änderungsschneiders übrigens auch in Deutschland durch das Berufsbildungsgesetz und die Handwerkskammer staatlich anerkannt. Die Ausbildung dauert zwei Jahre – eine Tradition, wie sie Abdullah Özcan und andere kennen, kann sie indes nicht ersetzen. Für ihn läuft das Geschäft gut, solange weiterhin viele Leute ihre Hosen bei ihm umnähen lassen – bei einem Preis zwischen acht und 15 Euro sollte das noch lange der Fall sein.