Vancouver gilt als eine der schönsten Städte der Welt. 2010 wurde sie von der  Medienungruppe „The Economist“ zum fünften Mal in Folge zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität gewählt. Doch in keiner anderen kanadischen Metropole leben so viele Obdachlose wie hier an der Goldküste.

Manche sagen: Den besten Einblick in eine Stadt bekommt man morgens um 7:30 Uhr, dicht gedrängt bei der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Für keine Stadt gilt dies mehr als für Vancouver. Hier quetscht man sich in den „Skytrain“, eine Transitbahn, die sich führerlos-futuristisch durch die modernen Glasbauten dieser manchmal fast märchenhaften Wolkenstadt schlängelt. Hinter und vor den mal verschlafenen, mal kaffee-quatschenden Vancouveranern hieven sich schwer die in weiße Federkissen gekuschelten Ausläufe der Rocky Mountains in den Blickwinkel.
Im Skytrain hört man auch die am häufigst gesprochenen Sprachen der Stadt. Englisch natürlich, oft auch Kantonesisch aber wie fast überall auf der Welt: Deutsch; gesprochen aus den aufgeregten Mündern der vielen Work-and-Traveler und Touristen. Sogar unter den Kanadiern ist es schwer,  jemanden zu finden, der nicht irgendeine deutsche Großmutter oder zumindest Germanistik studiert hat. Das ist ein bisschen zugespitzt ausgedrückt, trifft aber einen wahren Kern. In diesem Teil der Westküste Nordamerikas bildeten vor den 1980er Jahren Menschen deutscher Abstammung neben den Briten die zweitgrößte Gruppe.
Die meisten Leute steigen an den Stationen Granville oder Burrard Street aus, dort, wo die  Wolkenkratzer stehen und wo viel Geld verdient wird. In drei Minuten kommt schon der nächste Zug. Meistens pünktlich. Nicht schlecht für ein Computerprogramm, das sich von einer 3,5“-Diskette laden lässt und die Menschen sicher und automatisiert durch Vancouver und seine Vorstädte transportiert.Der Stadtteil, in dem viele Leute nicht arbeiten oder oft nicht arbeiten können heißt Downtown Eastside. Hier leben allein 700 der insgesamt 2000 Obdachlosen der Stadt. Wer in Chinatown aussteigt und an den vielen asiatischen Geschäften Richtung Osten zur Hastingsstreet wandert, findet sich vor allem Morgens in der Rush Hour der Obdachlosen wieder. Man muss sich vorstellen: beschäftigt, eilig und bevölkert wie die Berliner Friedrichstraße um dieselbe Zeit, nur mit tausenden Drogensüchtigen, Kranken und Obdachlosen, die Essen und Sozialhilfe ausgeschenkt bekommen. Die Rate der HIV-Infizierten ist hier höher als jene von Botswana.

Die meisten Touristen und Einheimischen trauen sich nicht an diesen Ort. Sie erzählen von Schießereien und Überfällen. Vancouver zieht mit seinem milden Klima und seinen milden Wintern eben nicht nur Touristen, sondern auch jene an, denen es unter dem kanadischen Sozialsystem zu kalt geworden ist.

Etwas weiter von Downtown entfernt befindet sich die Nachbarschaft um den Commercial Drive. Hier gibt es ein eher studentisches und künstlerisches Flair, nur weniger gewollt als in den anderen In-Viertel der Stadt. Der Ein-Dollar-Laden ist hier direkt neben der italienischen Pizzaria. Die kulturelle Szene ist reich. Jeden Donnerstag lädt das Café Deux Soleils zur Open-Mic-Night ein. Hier kann jeder zeigen, was er musikalisch so drauf hat, meist auf höchstem Niveau.

Das Prenzlauer Berg Vancouvers befindet sich in Kitsilano. Hier pflegen die etwas Wohlhabenderen ihr Bio-Öko-Image und zeigen sich gerne mit eigenem Einkaufsbeutel und französischem Käse an der Kasse. Beides gilt hier schon als höchst alternativ; in einer Kultur, in der die Geschmacksstufen des kanadischen Block-Käse mit Zahlen von eins bis vier kenntlich gemacht werden und in der alles in so viele Plastikbeutel wie möglich gepackt wird. Neben Bio Supermärkten gibt es in Kitsilano auch andere interessante Einkaufsmöglichkeiten, wie zum Beispiel den wundervollen Indie-Recordstore Zulu in dem man alles wohlgeordnet von „La Düsseldorf“ bis „Atlas Sound“ findet und zudem noch gut beraten wird.
In diese Gegend Vancouvers gelangt man jedoch nicht mit dem Skytrain, sondern nur mit dem Bus. Der fährt einen anders als sein Kollege zwar nicht so schnell, dafür aber gemütlich und ebenso sicher entlang der hohen Glasbauten, entlang der Parks und der Einfamilienhäuser, entlang der schneebedeckten Berge, die, ob Regen oder Sonnenschein, die Stadt einfach immer schön aussehen lassen. Und wenn man einmal keine Lust mehr auf die Großstadt hat, macht man sich einfach auf die einstündige Reise zu denselben und fährt Snowboard oder Ski. Mit Skytrain und Bus.