In Europa geht die Angst um. Nachdem sämtliche Regierungen ihre Batterien wechselten und Wirtschaftsexperten in die Politik und auf die Regierungsbanken holten, keimte kurz Hoffnung auf. Sie alle scheiterten am Druck, an den Schulden und teilweise an ihrer eigenen Inkompetenz. Und wer nicht spurt, der wird zum Rapport zu Merkel und Sarkozy gerufen, wie es vor Kurzem auch der ehemalige griechische Ministerpräsident Papandreou erfahren musste. Nun kam ein weiteres Sorgenkind zu Angela Merkel: David Cameron. Der britische Premier traf sich mit Angela Merkel im Kanzleramt, denn in der Europäischen Union wird derzeit von einer Transaktionssteuer auf Finanzgeschäfte gesprochen. Eigentlich Camerons größtes Motiv, zu Merkel zu reisen, schließlich steht es nicht gut um sein Land und den Pfund. Wäre die „City“ nicht da, würde England wahrscheinlich schon längst pleite sein.

Wird von der „City“ geredet, dann meinen die Engländer ihre Hauptstadt: die Metropole London. Hier sitzen viele und vor allem große Banken und andere Finanzdienstleister. London gilt insgesamt als einer der größten weltweiten Handelsplätze. Eine Transaktionssteuer wie sie gerade in der Europäischen Union diskutiert wird, wäre deshalb für England wohl mehr als nur eine Katastrophe. Das wäre eine „Steuer auf Großbritannien“, skandierte der britische Wirtschaftsminister Vince Cable, kurz nachdem die Rufe nach einer solchen Steuer laut geworden waren. Würde eine solche Steuer eingeführt werden, dann würde das für London bedeuten, dass womöglich viele Banken und Finanzdienstleister den Standort London als Handelsplatz verlassen würden, viele Jobs würden abgebaut werden müssen und eine Versteigerung der Kronjuwelen der Queen wird immer wahrscheinlicher. Nein, soweit sollte man es dann doch nicht mit dem Späßemachen treiben, dafür steht es  um England und die gesamte Europäische Union zu schlecht.

Im Moment baut die britische Wirtschaft auf einen Alleinverdiener – wie bereits bekannt ist auf London als Handelszentrum. Der Abzug solcher Finanzunternehmen würde bedeuten, dass dem Land jährlich 37 Milliarden Pfund durch die Lappen gingen.

Eine Horrorvorstellung für England und ganz Großbritannien. Denn würde es den Finanzsektor in London nicht geben, dann hätte der starke wirtschaftliche Rückgang mit seiner Rezession, die hohe Arbeitslosenquote in Höhe von 7,8 Prozent, das neun Prozent große Haushaltsloch und die fünf Prozent Inflation der englischen Wirtschaft wahrscheinlich schon längst den Garaus gemacht. Nur logisch also, dass die britische Politik den Aufstand übt und eine Transaktionssteuer ablehnt.

Außerdem mehren sich Stimmen, dass die Europäische Union im Bereich der Finanzen zentral kontrolliert werden solle. Das würde zur Folge haben, dass diese Behörde im Notfall eingreifen könnte und die Zügel der Volkswirtschaft des jeweiligen Landes innehaben könnte. Das möchte natürlich Großbritannien nicht. Dass die britische Politik sich scheinbar wieder einmal gegen die Pläne aus Brüssel stellt, ist keine neue Überraschung, denn seit dem EU-Beitritt Großbritanniens 1973 will die britische Politik mit Samthandschuhen angefasst werden, das zumindest unterstreichen sämtliche umgesetzte Forderungen. Denn schon bei den Längen- und Größenmaßen und dem Verkehr wollten die Briten ihre Einteilungen beibehalten – und so fuhren sie weiterhin auf der linken Straßenseite und nicht in Kilometern pro Stunde, sondern natürlich in Meilen. Dass der Pfund beibehalten wurde, scheint jedem selbst überlassen zu sein, das sieht auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble so. Doch er glaube nicht, dass der Pfund eine wirkliche Zukunft haben könne, auch wenn noch nicht alle Länder von einer gemeinsamen Währung überzeugt sind: „Aber es geht vielleicht schneller, als mancher heute auf der britischen Insel glaubt“, sagt er im Interview mit der Nachrichtenagentur „dpa“. Das ist aus Sicht der Europäischen Union allerdings noch nicht das Ende der britischen Fahnenstange in der EU. Dass immer noch nach dem Ausweis gefragt wird, wenn vom Festland auf die britische Insel und andersrum gereist werden will, liegt ebenfalls daran, dass die britische Politik auch beim Wegfall der Personenkontrollen ihr eigenes Ding durchziehen wollte. Gleiches gilt im Übrigen auch bei der Sozialpolitik und der Innen- und Justizpolitik.

Der erzkonservativen Margaret Thatcher haben es die Briten zu verdanken, dass sie weniger Geld in den EU-Topf einzahlen, als andere Länder im Vergleich zu ihrem Bruttoinlandsprodukt. Sie nämlich handelte einen Rabatt auf die EU-Beiträge aus, so dass kleinere und ärmere Länder England mitfinanzieren müssen. Für manchen deutschen Politiker ist das schon zu viel, wie beispielsweise für den CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder. Er hält eine Ablehnung der Transaktionssteuer seitens der Briten für ungerechtfertigt: „Nur den eigenen Vorteil suchen zu wollen und nicht bereit sein, sich auch einzubringen, das lassen wir den Briten nicht durchgehen“, machte er seine Haltung deutlich.

„In Europa wird wieder Deutsch gesprochen“

Ob der folgende Satz allerdings als Kurzschlussreaktion bewertet werden kann, ist nicht überliefert: „In Europa wird wieder Deutsch gesprochen!“
Es scheint natürlich klar zu sein, dass dies von den britischen Zeitungen nicht unbemerkt geblieben ist und schon standen auf deren Titelseiten: „Europas neue Herren“ oder „das neue Vierte Reich“.

Damit spielt die britische Zeitung auf die Haltung Angela Merkels zur Schuldenkrise und Europa an. Denn sie gilt derzeit als Galionsfigur bei der Frage um die Eurorettung. Und auch Merkels Zwilling, der französische Premierminister Nicolas Sarkozy, sagte über die Briten nichts Gutes: „Wir haben es satt, dass ihr uns ständig sagt, was wir tun sollen.“

Nachdem auf deutscher Seite bereits  Kauder und Schäuble an die Front zogen, forderte auch Werner Langen, Leiter der CDU/CSU-Abgeordneten im EU-Parlament, Entscheidungen von der britischen Politik: „Die Briten müssen sich entscheiden, was sie wollen. Wenn sie bei der Finanzmarktregulierung ständig quer schießen, stellt sich die Frage nach ihrer EU-Mitgliedschaft. Und diese Frage könnte schneller beantwortet werden als ein Austritt Griechenlands aus dem Euro. Europa kann auch ohne Großbritannien gut funktionieren.“

Nun reiht sich also ein weiterer Politiker unter den Schusshagel aus Brüssel und seiner eigenen Politik. 80 Abgeordnete seiner eigenen Partei stimmten bereits für eine Volksabstimmung über einen möglichen Austritt aus der Europäischen Union. Wenn allerdings schon von einem „Vierten Reich“ und einer deutschen Sprache, die „Europa regiert“, geredet wird, scheinen Fronten aufgestellt worden zu sein, die so wohl niemand haben wollte.