Zehlendorf liegt im Südwesten Berlins, grob gesagt unterhalb von Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof und Neukölln eingeklemmt. Das unheilvolle Wörtchen ‚unterhalb‘ zeigt es bereits an: da ist man lange unterwegs; so ungefähr müssen sich die Studenten der Freien Universität jeden Tag fühlen, die liegt nämlich auch gleich nebenan. Autos schwemmen die Straße entlang wie dicke Brocken in einer ebenso dicken Suppe – Berufsverkehr und Nebel, eine denkbar unschöne Konmbination. Wir lassen uns natürlich nicht entmutigen und kriechen fröhlich weiter, bis wir mit eingerosteten Gliedmaßen dort ankommen, wo wir eigentlich hinwollten, Im beschaulichen Teil Zehlendorfs nämlich. Dazu zählt vor allem die Gegend um den Schlachtensee. Alles ist hier sehr aufgeräumt, selbst die kleinsten Bäume sind schon akkurat gestutzt, ebenso wie die Hundetiere, die einem hier und da begegnen. Die Menschen, auf die wir hier treffen, tragen Gaastra und andere teure Marken, gern auch in Kombination mit Pelz um Hals und Kopf. Einen Kilometer entfernt liegt dann der Schlachtensee selbst vor uns, ein kleines Idyll, an dem vermutlich etliche Vögel zwitschern würden, wenn die passende Jahreszeit dafür wäre. Villen sieht man hier erst einmal keine mehr, stattdessen klares Wasser und Bäume in den schönsten Farben. Eine Familie ist zum Ausflug mit dem Rad unterwegs – das Bild ist indes ein recht eigentümliches. Mutter und Tochter fahren in feinen roten Dufflecoats und Holländerrädern vorneweg, Vater und Sohn mit sportlichen Mountainbikes und diesen dicken, dunkelblau-glänzenden Daunenjacken, die vor zehn Jahren dank Helly Hansen schon einmal cool waren, dann Gott sei dank verschwanden und nun als Indizien des Reichtums zurück kehrten, hinterher. Die Haare mit ordentlich Gel zurück gelegt, stets im Hinterkopf, dass der Grat zwischen edel und schmierig ein sehr sehr schmaler ist – aber well done. Ein „Dankeschön“ dafür, dass wir im Angesicht vierer schneller Räder todesmutig beiseite sprangen um Platz zu machen wäre aber nett gewesen. Nun gut, wir wollen nicht meckern, sondern die Natur genießen. Als es zu kalt wird, machen wir uns wieder auf zu den Villen, es ist inzwischen ziemlich dunkel, sodass man mit ein wenig Glück auch mal einen Blick ins beleuchtete Innere der Fassaden werfen kann. Dort hängen natürlich große, schwere Lampen von den Decken. Kunst klebt gerahmt an den Wänden, Bücher stehen in den Regalen, so wie man das in einer der wohlhabendsten Ecken der Stadt auch erwartet. Die Häuser sind dabei recht unterschiedlich – mal sieht man riesige Villen, die gar kein Ende zu nehmen scheinen und bisweilen an das Haus der Hexe Babajaga erinnern (ohne Fuß natürlich), mal kleine Bauhauswürfel, mal auch Häuschen, die an Bungalows denken lassen und sich eher in der Horizontalen ausbreiten. Vor den Häusern sieht man vereinzelt einige Menschen, die modisch alle beieinander abgeschaut haben – dicke Daunenjacken, die eigentlich noch nicht einmal gut aussehen, aber vermutlich ein kleines Vermögen kosten. Seitdem Jack Wolfskin und andere nun endlich auch etwas schickere Damen-Daunenmäntel machen also auch solcherlei. Selbst die Hunde sehen erhabener aus als anderswo: braun-graue Windhunde schreiten grazil neben ihren Besitzern.

Eine Viertelstunde später sind wir plötzlich an einem Fleck, wo plötzlich gar nicht mehr alles schön ist: Am S-Bahnhof Zehlendorf selbst stehen ein paar Männer an einer Currybude und trinken Bier, daneben tun einige Jugendliche dasselbe. Mädchen in Schlaghosen und mit so etwas wie Plateauschuhen ohne das dicke Plateau an den Füßen hechten von einem Handyshop in den nächsten, dazwischen noch ein kurzer Stopp beim Friseur. Kaum Anzugträger, kaum Gaastra-Daunenjackenträger. Dafür noch ein paar Jungen, die sicher Studenten sind und in Cordhosen, Outdoorjacke und Deuter-Rucksack den Sprint zur S-Bahn antreten. Die Gegend der schönen, großen Einfamilienhäuser haben wir also hinter uns gelassen – hier stehen Reihenhäuser und sanierte Altbauten, wie man sie von überall kennt. Dazu ist alles weihnachtlich geschmückt und wuselig, sodass wir mit einem recht behaglichen Gefühl über die Clay-Allee den Rückweg antreten.