Pünktlich zum Jahresende drücken auch wir uns nicht mehr um jenes Wesen herum, das die Modewelt im letzten Jahr auf eine Weise durcheinandergewirbelt hat, die ihresgleichen sucht: Andrej Pejic. Geboren wurde er 1991 in Bosnien, lebte dann bis zu seinem achten Lebensjahr in Serbien und siedelte schließlich mit seiner Familie nach Australien um. Seine Mutter ist Lehrerin, sein Vater arbeitet in der Tourismusbranche – allzu sehr muss uns das nicht interessieren, schließlich geht es uns um ihren Sohn. Im Interview mit dem Zeit-Magazin hat Andrej erzählt, dass er stets gern Frauensachen trug. Das tun einige Jungen, wenn sie noch klein sind, aber bei Andrej hielt die Begeisterung auch dann noch an, als er sich vielleicht für ein Geschlecht hätte entscheiden müssen.

In der Tat kam dann auch ziemlich schnell eine Phase des Nachdenkens, deren Plot die folgende Aussage aus oben genanntem Interview recht gut einholt: „Erst als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass es eine feine Linie gibt zwischen Jungen und Mädchen.“ Andrej Pejic spricht nicht von einem Unterschied, einer Kluft oder einer Grenze – all diese Worte sind ihm zu stark, er nennt das, was zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit liegt stattdessen nur „eine feine Linie“ und macht damit zugleich unmissverständlich klar, dass ein Spielen mit den Rollen, ein Switchen zwischen den Geschlechtern, für ihn niemals ein Grenzübertritt gewesen ist. Wenn es nur eine feine Linie ist, über die wir hier reden, dann sind beide Seiten womöglich sogar Spielarten der jeweils anderen. Für Andrej Pejic ist das so. Er funktioniert als weibliches Model ebenso wie als männliches. Die großen Modehäuser, darunter zum Beispiel Gaultier, buchen ihn für ihre Damen- und Herrenkollektionen. Wo war da der Übergang für einen Jungen, der aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Australien kam, sich gern Sachen anzog, die für ihn vielleicht nicht vorgesehen waren, deswegen aber noch längst keine Modelkarriere im Blick hatte? Wo die Brücke zur anderen Welt?

Sie kam, wie Pejic abermals im Zeit-Interview erzählte, in Form eines Melbourner Obststandes daher. Ein Modelagent schlenderte dort umher und kaufte bei Pejic schließlich Erdbeeren. Ein Biss, und es war um ihn geschehen – so oder so ähnlich kann es gewesen sein. Die Richtigkeit und der Grad der Übertreibung tun hier eigentlich nichts zur Sache, denn Andrej selbst lässt im Argen, ob diese Geschichte sich je so ereignet hat. Sie klingt jedenfalls gut, nach Thomas Manns „Tod in Venedig“ und homoerotischer Anziehung. So oder so können wir ja nicht prüfen, wo Andrej Pejic aufhört und die Inszenierung seiner selbst beginnt. Deswegen reden wir lieber von den Dingen, die offensichtlicher sind. Wie Pejic zum Beispiel die Männer- und Frauenmode wahrnimmt. Als Mann, so sagt er, ist er schlicht. Das will nicht heißen, dass er uninteressant ist, aber so wie die Schnitte der Männermode unverschnörkelt und geradlinig sind, so finden auch Körperkontrolle und Bewegungsabstimmungen auf einem recht niedrigen Level statt. In der Frauenmode ist alles ein wenig ausgefuchster, die Stücke sind oft pompöser und der Gang entscheidet mithin darüber, ob Eleganz und Extravaganz in den Besucherreihen auch so gelesen werden können, wie sie gemeint sind. Ganz gleich, wie Pejic selbst die Bereiche sieht: entscheidend ist, dass er in beiden als Figur funktioniert und das nicht zuletzt auch deswegen, weil sich sein Name von Anfang an mit einem großen Diskurs um Geschlechterrollen in der Modewelt verbunden hat. Wenn Andrej Pejic nun also sagt, dass das Geschlecht, das er haben möchte, sollte er sich einmal wirklich entscheiden müssen, sein Geheimnis bleibt, dann gendert die Mode um des Geheimnis Willen eben auch ein bisschen mit. Der Begriff ‚gender‘ selbst trägt die Möglichkeiten, die das Faszinosum um Pejic ausmachen, ja selbst schon in sich, insofern er eben nicht auf das biologische Geschlecht hinaus möchte, sondern auf „kulturell, gesellschaftlich und historisch unterschiedlich bedingte Identitätskonzepte, die dem ‚Weiblichen‘ und dem ‚Männlichen‘ zugeschrieben werden“, wie das Handbuch Populäre Kultur weiß. Gender versteht sich also als ein Konstrukt, das kulturell gebaut und manifestiert wird und – das liegt dann in seiner Natur – strukturell wandelbar ist. Insofern es sich seit Jahren in die Kultur- und Sozialwissenschaften einschleicht und auch gern dann auf den Plan tritt, wenn eine Charlotte Roche wieder einmal durch glitschige Gefilde schreitet, war es nur eine Frage der Zeit, dass es zum neuen großen Ding der Modebranche wird. Versteht man es zuguterletzt erneut mit dem Handbuch zur Populärkultur als eine Art Jahrmarkt, einen Ort also, an dem Überraschung, Ekstase und Phantasie das Sagen haben, konnte es keinen besseren Akteur als Pejic geben. Innerhalb des eben abgesteckten Agitationsfeldes hat er die Kalküle bislang äußerst gut bespielt und bedient – und dabei stets gut ausgesehen.