Cusch Jung ist Schauspieler am Hamburger Musical und spielt die männliche Hauptrolle bei „Sister Act“. Im Interview mit uns erzählt er, wie die Zeit während 15 Jahren „Theater des Westens“ war, wo er mit Koryphäen wie Ute Lemper, Hildgard Knef und anderen arbeitete. Außerdem spricht er über Momente, in denen er viele gute Freunde verloren hat, die an AIDS gestorben sind.

Cusch, dein Vorname hört sich hebräisch an.
Das ist lustig. Der Name steht in der Bibel, hat aber mit ihr eigentlich nichts zu tun. Da hieß jemand Claus Ulrich Schmidt und der hat sich die Anfangsbuchstaben zusammengereimt und den fand ich toll. Ich heiße eigentlich auch Klaus und dann habe ich mir den Namen geschnappt und habe mir gedacht, dass ich mit dem irgendwie Karriere machen kann, weil ich damals mit zwölf Jahren schon Theater gespielt habe. Und da er sowieso nicht aus meiner Heimat Kaiserslautern kam, habe ich ihn mir dann irgendwann in den Pass eintragen lassen. Und dann, 25 Jahre später, sprach mich jemand darauf an, dass der Name ‘Cusch‘ in der Bibel steht. Achso, und Bachus, der Gott des Weines, heißt übersetzt: der junge Cusch.

Du hast mit zwölf angefangen Theater zu spielen, oder schon eher?
Mit zehn habe ich zum ersten Mal richtig auf der Bühne gestanden und habe Heinz Erhardt rezitiert, was die Leute natürlich unheimlich fasziniert hat, wenn ein Zehnjähriger Heinz Erhardt rezitieren kann. Auf Weihnachtsfeiern habe ich meistens, nachdem der offizielle Teil vorbei war und es gemütlicher wurde, dann eben Heinz Erhardt rezitiert – da flippen die Leute natürlich aus und das war dann mein erstes Publikum. Das waren meine ersten Erfahrungen damit, wie man Leute mit Komik – vor allem wenn sie Eins, Zwei gesoffen haben – aufmischen kann. Das hat mir richtig Spaß gemacht.

Und wie ist es dann weiter gegangen?
Mein Bruder hat in einer Anzeige einer Zeitung gesehen, dass 40 Detektive für das Stück „Emil und die Detektive“ gesucht werden. Dann bin ich hin und habe wieder einmal Heinz Erhardt vorgesprochen. Dann nahm mich der Regisseur zur Seite und meinte: „Pass auf, du spielst mir den Gustav.“ Das war eine geile Rolle mit geilen Schauspielern und das war nicht nur ein Kinderstück, sondern in einem richtigen großen Schauspielhaus und ich habe damals damit das erste Geld verdient, auch wenn die Gage jetzt nicht übertrieben hoch war. Und seit der Zeit bin ich halt in der Ausbildung.

Immer noch in der Ausbildung?
Na ja, wo die Ausbildung aufhört, fängt die Einbildung an. Nein, als Schauspieler hörst du ja nicht auf zu lernen und ich habe mir alles autodidaktisch beigebracht. Ich habe in einer Band mitgespielt, habe vierstimmige Gitarre, vierstimmigen Gesang gemacht. Das hat mir dann beim Theater immer geholfen. Und ab dem zwölftem Lebensjahr habe ich viel Theater gemacht, viel Schauspiel, viel Shakespeare. Damals habe ich viele kleinere Stücke mit kleineren Rollen gespielt, mit super Leuten, die jetzt auch bekannt im Fernsehen sind. Michael Mendl beispielsweise (spielte bereits im „Tatort“, „Der Untergang“ mit; Anm. d. Red.).

Welche Zeit war das ungefähr?
Also mit zwölf angefangen und dann nie wieder aufgehört. Das war 1970. 1976 startete ich dann mit dem Musical.

Wann bist du dann nach Berlin gekommen?
1981 bin ich für eine kurze Zeit zurück nach Kaiserslautern gegangen, weil ich da bei der europäischen Erstaufführung von „Anything goes“ gespielt habe und da habe ich dann auch meine Frau Janett, die Engländerin ist, kennengelernt. Und drei Jahre später sind wir beide nach Berlin gegangen, weil ich dort ein Engagement im „Theater des Westens“ bekommen habe.

Wie war das im „Theater des Westens“?
Janett ist ein Jahr später dort engagiert worden. Das Engagement verlängerte sich immer von Jahr zu Jahr und unser Chef Helmut Baumann war damals sehr berühmt, da wollten alle zu seinen Inszenierungen kommen. Er war damals der deutsche Musicalregisseur überhaupt. Wenn ich also nicht gefeuert wurde, hat sich der Vertrag dann automatisch verlängert. Und daraus wurden dann 15 Jahre. Wir haben damals fünf Stücke im Jahr gespielt, das war also sehr anspruchsvoll. Wir hatten damals auch viele Gastspiele in Washington, in der Schweiz oder in Paris – das war schon alles sehr geil.

Wie ist es, wenn man eine Frau aus einem anderen Land kennenlernt?
Aufregend. Auf jeden Fall aufregender als die deutschen Frauen. Ja, war schon geil. Ausländische Frauen – gerade Engländerinnen – waren schon immer für mich interessant. Und ja, du kannst dein Englisch anbringen. Ich konnte gut Englisch sprechen, hatte mein Abi ja in Englisch gemacht und damals in meiner Heimat waren unglaublich viele Amerikaner stationiert, weil Rammstein direkt um die Ecke liegt. Also haben wir immer viel Englisch gesprochen. Und wenn du dann jemanden kennenlernst, der Englisch spricht, dann quatschst du nur noch Englisch.

Gibt es dann wegen der Sprache nicht Probleme?
Manchmal ist es so, dass die Sprache ein bisschen missverständlich ist. Nicht, weil ich etwa merke, mit Englisch kommt man nicht weiter, sondern weil ich falsch verstanden werde, weil der Ton ein anderer ist. Dann versuche ich es auf Deutsch zu relativieren.

Hast du noch Freunde aus der damaligen Zeit?
Es sind viele Freunde in der Zeit an Aids gestorben, es waren sehr enge Freunde. Denn wenn du kein Kind hast – meine Tochter kam erst 1994 zur Welt – bist du sehr unabhängig und wir haben damals eigentlich zu jeder Zeit etwas unternommen. Mein bester Freund, der mir das Tanzen beigebracht hat, ist Anfang der 90er gestorben und noch so viele andere enge Freunde. Das ging damals alles in kürzester Zeit ab, es war wie eine Bombe. Du musst dann die Wohnungen von denen ausräumen und das Grausame daran ist, dass du in die Schubladen musst, Unterlagen rausnehmen, die du eigentlich nicht sehen würdest. Und das Ganze mehrere Male, das heißt, du kannst irgendwann auch nicht mehr Sachen mit in deine eigene Wohnung nehmen, weil du die Sachen eben schon in fünffacher Ausführung hast, auch wenn du sie nicht wegschmeißen willst. Du findest alte Bilder, du musst alles durchschauen – und das war heftig. Du wusstest nicht mehr was los ist, weil du immer wieder und immer öfter Nachrichten erhalten hast, dass deine Freunde tot sind oder HIV haben – und sie starben auch alle relativ schnell. Viele meiner Freunde waren Amerikaner, also waren sie in San Francisco oder New York unterwegs, was ja damals die Städte waren, wo man Kunst, Kultur und Party hatte. Meine Freunde wussten auch alle nicht genau, wann sie sich angesteckt haben, weil es oft so gewesen ist, dass man sich auch untereinander angesteckt hat. Das war so ein bisschen wie Russisch Roulette – und es wusste ja auch vorher keiner. Es ist schrecklich, wenn du deine Freunde bis zum Tod dahin raffen siehst. Es war furchtbar.

Was geht dann in einem vor, wenn man so viele gute Freunde in kürzester Zeit verliert?
Im Nachhinein kann ich sagen, dass es eine Erfahrung ist, die mir bewusst gemacht hat, dass die Sachen, die wir noch heute in unserer Wohnung zu stehen haben, nicht mir gehören. Und dass auch die, wenn ich mal sterbe, wieder weitergehen werden. Das heißt, dass der materielle Wert eigentlich kein Wert ist.

Hat sich deine Sicht auf das Leben verändert?
Ja, sofort. Sie waren ja damals alle zehn Jahre älter als ich und ich bin jetzt schon froh, dass ich zehn Jahre länger leben durfte, als die meisten meiner Freunde. Ich bin einfach dankbar, dass ich noch lebe. Und du weißt es nicht, wann du stirbst. Manchmal kann es schnell gehen. Eine Kollegin von mir hat Zuhause sauber gemacht und mit einem feuchten Lappen über die Lampe gewischt, die unter Strom stand und hat einen Stromschlag gekriegt. Bumm, tot. Da weißt du, dass es so schnell vorbei sein kann. Ich bin an dem Tag als ich das erfahren habe, sehr langsam Auto gefahren, weil mir in dem Moment bewusst geworden ist, wie schnell es gehen kann.

Deine Familie ist in Berlin und du arbeitest in Hamburg, bist für sechs Tage in der Woche nicht Zuhause. Geht das?
Wenn so Sachen anstehen oder irgendwas passiert, dann sitzt du alleine in der Wohnung in Hamburg und weißt nicht was du machen sollst, du kannst nicht sofort vor Ort sein und das ist das Schlimme, auch wenn mir meine Arbeit in Hamburg sehr viel Spaß macht. Aber wir hatten den Luxus, 15 Jahre in einem Haus engagiert zu sein, also meine Frau und ich. Und das ist in dem Beruf sehr selten. Aber es geht nicht anders, man muss ja Geld verdienen.

Ist es immer noch dein Traumjob?
Nach wie vor ja! Ich mache ja nicht nur Schauspiel, sondern auch Sachen, die in dem Beruf in irgendeiner Form möglich sind. Also wenn ich für das Fernsehen drehen kann, dann drehe ich dafür, auch wenn das durchs Theater sehr selten vorkommt, weil du dort ja feste Zeiten hast. Dann mache ich im Bereich Synchronisation sehr viel, dann übersetze ich, führe Regie, wie jetzt auch in Leipzig den „Graf von Montechristo“ und spiele weiterhin am Hamburger Musical. Und ich unterrichte auch noch als Dozent in Hamburg. Hätte ich mir niemals vorstellen können, dass ich unterrichte und Leuten etwas beibringe von einem Beruf, den ich selber eigentlich nicht erlernt habe. Und letztlich ist das Geile an dem Job, dass du nie das Gleiche machst. Jede Aufführung ist immer wieder anders und irgendwo auch eine Prüfung, weil du dich nie ausruhen kannst. Und das macht es interessant und spannend.