Wer war der erste Couchsurfer? Im Netz finden sich zahlreiche Artikel vom Personen, die meinen, diese Frage ganz einfach beantworten zu können. Ein Blogger sagt beispielsweise: „Ich bin der erste Couchsurfer von Ägypten!“. Es ist wie ein verrückter Wettbewerb. Der Erfinder vom Couchsurfing selbst jedoch scheint ganz klar couchsurfing.org-Gründer Casey Fenton zu sein. Doch stimmt das wirklich? Wir haben den wahren Erfinder von Couchsurfing ausgegraben. Jim Haynes heißt er, er ist Amerikaner, lebt in Paris und ist eine echte Legende.

Ok, wir haben ihn nie persönlich getroffen. Aber das Internet ist doch ohnehin die beste Referenz, oder? Wie hätten wir ihn auch sonst je kennengelernt? Jim Haynes hat eine Website. Natürlich – wie jede Legende. Auf www.jimhaynes.com erfährt man alles über seine Biographie, seine Veröffentlichungen als Autor, Editor oder Fotograf, sowie Zeitungsartikel über ihn und so weiter und so fort: Wir fühlen uns also kompetent genug, sagen zu können, dass wir ihn wirklich gut kennen. Wir wissen, dass er nun schon 78 Jahre alt ist, schon so gut wie jedes Land der Welt bereist hat, eine Brille trägt und ein bisschen wie der nette alter Herr von nebenan aussieht. Jeden Sonntag veranstaltet er ein Abendessen bei sich zu Hause in Paris, wo sich alle Weltbürger per Mail selbst einladen können. Seit 30 Jahren macht er das nun schon und kennt damit Gott und die Welt.

Ende der 80er Jahre gab Heynes ein Buch heraus, das „Poland: People to People“ heißt und ein Verzeichnis mit 1000 Namen enthält. Unter jedem Namen stehen das Geburtsdatum, eine Liste mit Hobbies und Interessen, Adresse und einer kurzen Selbstbeschreibung der zugehörigen Person. Michael Chrowski beispielsweise schreibt: 11.12.1976, Warschau, „Ich baue oft Sandburgen und feiere gerne Weihnachten“. Oder ein anderer: „Ich bin Ingenieur, habe zwei Kinder und finde die Aussicht aus meinem Fenster schön“. Fast so eloquent wie die momentan ca. 600.000 angemeldeten User bei Couchsurfing.org.

Aus heutiger Sicht ist es kein Wunder, dass Heynes gerade Polen als Pilot-Couchsurf-Nation ausgesucht hat. Die Polen haben einen ausgezeichneten Ruf als Couch-Gastgeber und gelten als extrem freundlich, hilfsbereit und überaus enthusiastisch wenn es darum geht, Touristen ihre Heimat nahe zu bringen. Der Journalist Nicholas Lezard machte 1992 den Selbstversuch und war begeistert von den weltoffenen und herzlichen Polen, die oft nicht einmal wussten, dass sie in dem Verzeichnis stehen. Ihr Lehrer habe ihnen einmal etwas ausgeteilt, dass interessant klang und sie haben etwas ausfüllen und unterschreiben müssen. Dass auf einmal der englische Reporter bei einigen von ihnen angerufen hatte, fanden diese kurz nach der Wende überhaupt nicht schlimm – eher aufregend. Die Mutter eines Gastgebers meinte sogar, der Besuch eines englischen Reporters sei wie ein Sechser im Lotto. Ob die polnischen Mütter das 20 Jahre später noch genauso sehen, ist fraglich.

Fraglich ist auch, ob Jim Haynes wirklich der wahre Erfinder von Couchsurfing ist. Vielleicht hat Leonardo da Vinci ja schon ein solches Verzeichnis angelegt oder Marco Polo. Bevor jedoch nicht jemand mit einem Beweis einer solchen Behauptung daherkommt, heißt der offizielle Erfinder unserer Einheimischen-Vermittlung Jim Haynes. Im Unterschied zum heutigen Couchsurfing war Haynes Verzeichnis jedoch nicht kostenlos – mit fünf Pfund aber auch nicht unerschwinglich. Einige Jahre nach der Veröffentlichung von „Poland: People to People“ war Haynes Idee etwas eingeschlafen. Weitere Verzeichnisse wurden geplant aber nicht vollendet. Es mussten mehr als zehn Jahre vergehen bis Haynes Idee eine Renaissance erfahren und die Bedeutung und Internationalität erreichen konnte die sie heute inne hat – durch die Macht des Internets.