Im italienischen Untergrundlabor Grand Sasso fand eine europäische Forschungsgruppe etwas Sensationelles heraus: Albert Einsteins Relativitätstheorie stimmt nicht. Demnach würde es doch Teilchen geben, die sich schneller als das Licht ausbreiten. Nach Einsteins damaligen Erkenntnissen war dies unmöglich. Nun haben die Forscher allerdings festgestellt, dass sogenannte Neutrinos eine Strecke von 730 Kilometern zurückgelegt haben und das sechzig Milliardstel Sekunden schneller als Licht. Zwar würde die Welt nicht zusammenbrechen, wenn sich diese Erkenntnis in weiteren Forschungen bestätigen sollte, allerdings würde es die ganze Weltanschauung und sämtliche andere Forschungsarbeiten auf den Kopf stellen. Albert Einstein interessiert das vermutlich weniger, schließlich ist er schon seit 56 Jahren tot.

Doch wird der Biografie Einsteins Achtung geschenkt, dann wurde er 1999 nicht nur zum größten Physiker aller Zeiten gewählt, sondern war auch Legastheniker. Albert Einstein war das, was heute gern als Genie bezeichnet wird – trotz seiner Legasthenie.

Céline Schink sitzt unbeeindruckt dieser neuen atemberaubenden wissenschaftlichen Erkenntnis beunruhigt in ihrer Klasse. Es ist eigentlich ein ganz normaler Schultag. Normal vielleicht für die anderen, doch nicht für Céline. Für sie ist jeder Tag eine Herausforderung – zumindest dann, wenn sie Englisch- oder gar Deutschunterricht hat. Vorher weiß sie selber nicht, ob sie dann wieder laut vorlesen muss, wenn in Englisch  oder Deutsch jeder mal dran ist: „Ich bin in diesen Momenten immer sehr aufgeregt, habe Angst, dass meine Mitschüler lachen, wenn ich nicht gleich das Wort erkenne und fühle mich unwohl.“ Céline besitzt ebenso wie Albert Einstein die Kraft der Legasthenie. Gut möglich, dass nun einige nicht verstehen, wieso hier von einem positiven Wort wie Kraft die Rede ist, wo doch im Allgemeinen bekannt ist, dass es sich um eine Lernbehinderung handelt. Aber: „Die Lernbehinderung ist ein Aspekt der Legasthenie“, schreibt Ronald D. Lewis in dem Buch „Legasthenie als Talentsignal“. Sie umfasst jedoch nicht nur eine Schwäche für das Lesen und Schreiben, vielmehr ist diese Schwäche nur ein Produkt der Legasthenie. Die Legasthenie nur als Lernbehinderung zu bezeichnen, wäre der falsche Ansatz. „Viele Lehrer kommen mit der Legasthenie nicht klar, sie zwingen einen dazu, zu lesen“, sagt Céline aufgeregt, während sie mit ihren Händen sehr stark gestikuliert. Céline besucht die 12. Klasse der Albert-Einstein-Fachoberschule an der Akademie für Internationale Bildung in Berlin. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, wurde zuerst im Französischen alphabetisiert, ehe sie die deutschen Worte kennengelernt hat. „Die Legasthenie hätte sie aber trotzdem“, erläutert Célines Mutter Astrid. „Meine Mutter ist Französin, ich habe beide Sprachen gelernt, wie auch Céline“, sagt sie dann mit einem leicht französischen Akzent. „Das Problem der Legastheniker ist, dass sie deutlich mehr Bilder sehen. Dadurch hat das Bildersehen eine größere Priorität als Schrift“, erklärt sie einen Teil der Legasthenie.
Die Legasthenie setzt sich aus verschiedenen Teilen zusammen. Auf der einen Seite können Menschen, die Legasthenie haben, zwar nicht richtig lesen und schreiben, dafür aber können sie Sinneswahrnehmungen verändern und erzeugen, nehmen ihre Umgebung sehr bewusst wahr und verfügen über eine sehr lebhafte Phantasie, wodurch sie sehr kreativ sind. „Wenn Céline in der Schule lesen muss, steht sie unter Zeitdruck und wird von den anderen ausgelacht“, versucht die Diplom-Psychologin und Mutter der 19-jährigen Céline sachlich zu schildern, wie sehr das zum einen an der Motivation und zum anderen am Selbstvertrauen kratzt. Wenn dann noch eine Lehrerin unterrichtet, die Céline unter Druck setzt und das Dilemma der Legastheniker nicht versteht, ist das Ausmaß der Konsequenzen kaum zu überschauen. Roland D. Davis definiert die Legasthenie wie bereits beschrieben nicht als Krankheit, Lese-Rechtschreibschwäche oder als Lernbehinderung, sondern bezeichnet sie als Fähigkeit, aus der besondere Talente hervorgehen können. „Wenn ich lese, spielt sich in meinem Kopf ein Film ab“, sagt Céline und erklärt gleich im Anschluss, dass diese enorme Vorstellungskraft auch ein Problem für sie ist: „Der Film läuft dann zu schnell, so dass ich einen Satz nur selten oder überhaupt nicht in das Gesamtbild einordnen kann.“ Probleme bereiten ihr beim Lesen genau die Wörter, zu denen sie keine bildliche Assoziation hervorrufen kann. Wie Legastheniker lesen, lässt sich sehr gut an dem folgenden Beispiel erläutern. Der einfache Satz „Der Mann ist im Haus“ würde Céline beim Sprechen keine Probleme bereiten, wenn sie ihn liest und im Nachhinein erzählen soll, worum es in dem Satz geht, würde sie sagen, dass es um einen Mann geht, der sich in einem Haus befindet. Soweit hat Céline den Inhalt richtig erkannt, läuft der Satz allerdings weiter, könnte er ihr ernsthafte Probleme bereiten, weil er zu viele Wörter enthält, die eben keine Bilder beschreiben. „Der Mann ist im Haus und hat schöne Küchenmöbel, allerdings keinen Kühlschrank“, geht der Satz weiter. Céline würde sich nun sehr konzentrieren müssen. Vermutlich würde sie nach dem ersten Lesen wiedergeben, dass der Mann schöne Küchenmöbel besitzt. Sie würde den Rest des Satzes nicht richtig oder überhaupt nicht wahrnehmen. „Das sind für mich Verwirrungen.“ Sie meint die Wörter „der“, „ist“, „und“, „im“ und „allerdings“, die auch als Auslösewörter bezeichnet werden. „Abstraktionen geben keine Bilder“, sagt Astrid. Ist der Satz der erste in einem Text, würde ein Legastheniker ihn noch sehr gut verstehen können, weil er sich vorher noch nicht konzentrieren musste. Steht er allerdings mitten im Text, würde er ihn vermutlich nicht verstehen, weil er sich bei den vorherigen Sätzen schon sehr stark konzentrieren musste, so dass die Konzentration zur Anstrengung wurde. Die vorher beschriebenen Wörter fördern die Anstrengung bis zu dem Punkt, an dem die so genannte Toleranzschwäche für eben genau diese Auslösewörter überstiegen wird. Céline wird desorientiert: „Es kann sein, dass, wenn ich einen Text lese und unten angekommen bin, nicht mehr weiß, was ich eigentlich gelesen habe.“ Die Auslösewörter umfassen ungefähr 200 Wörter. Das sind genau die Wörter, die jedoch so ziemlich in jedem Text vorkommen. Treten solche Wörter zu häufig auf, werden Legastheniker nicht nur von der Verwirrung geplagt, sondern versuchen diese durch die Desorientierung zu lösen. So ersetzen sie die Auslösewörter durch kürzere Wörter oder aber lesen rückwärts oder auf dem Kopf: Das Wort „rot“ bekommt so allein 40 Varianten. Doch wieso versuchen Legastheniker Verwirrungen durch die Desorientierung auszugleichen?

Im Kindesalter haben sie die Möglichkeit, durch ihre gesteigerte Wahrnehmung und ihr Talent diese zu verändern, Perspektiven von Gegenständen erzeugen, die sonst unerkennbar wären. Das äußerte sich im frühkindlichen Alter darin, dass Kinder, die Legasthenie haben, beispielsweise eine Flasche, die auf einem Schrank steht, erkennen können, obwohl sie nur den Flaschenhals von unten aus gesehen haben. Dies versuchen sie nun also auch beim Lesen im späteren Alter anzuwenden, allerdings merken sie nicht, dass sie so nur noch desorientierter werden.

In den Bereichen, in denen sie nicht mit der schriftlichen Sprache konfrontiert sind, ist die Legasthenie also durchaus ein Talent. „Als es noch keine Navigationsgeräte gab und Céline sehr klein war, hielt sie immer die Karte beim Autofahren in der Hand und sagte auf einmal ‘Mama, du bist ganz falsch‘. Zuerst vertraute ich darauf nicht, allerdings hatte sie recht und lotste mich bis zum Ziel – sie hat immer alles richtig gewusst“, beschreibt Astrid das Phänomen, dass Céline damals schon Karten lesen konnte. „Alles was praktisch Struktur hat, was logisch ist, kann Céline auch sehen und verstehen“, sagt sie, ehe Céline erklärt, dass sie besonders gut in den naturwissenschaftlichen Fächern, wie beispielsweise Mathe, ist. Also in den Fächern, wo sie logische Zusammenhänge erschließen muss. „Im Lernwerk haben sie mir beigebracht, System in die Sprache zu bekommen – sie färbten alle Vokale im Satz rot und die Konsonanten blau.“ Dadurch hat sich Célines Legasthenie-Auswirkung in der Sprache vermindert. Menschen, die Legasthenie haben, werden von den Lehrern oft als unruhig, nervös, teilweise sogar als hyperaktiv bezeichnet. Dabei sind sie nur sehr schnell ablenkbar. Das hat die Ursache, dass sie teilweise zu viele Bilder in den Gedanken besitzen: „Ich habe dann zu viele Filme im Kopf und kann mich dann solange nicht konzentrieren, bis ich eine Idee auf ein Blatt Papier niederschreibe, ansonsten nerven mich die Bilder dieser Idee so lange, dass ich mich kaum noch auf das Wesentliche konzentrieren kann und bin dann total abgelenkt“, beschreibt Céline die Legasthenie und wie die vielen Bilder wirken. „In Japan beispielsweise gibt es gar keine Legasthenie, weil dort mit Schriftzeichen und Symbolen gearbeitet wird“, sagt Astrid. Céline schreibt Drehbücher. In einem ihrer aktuellen geht es um die Schülerin einer Waldorfschule, die Legasthenie hat. Sie hat schlechte Noten, eine Lehrerin macht sie fertig und sie rutscht in Drogenkreise ab, weil sie einen Hass gegen die ganze Welt hegt. Céline besuchte auch eine Waldorfschule. „Eine Lehrerin vor einen Menschen zu setzen, der Legasthenie hat, wirft keine positiven Effekte hervor – wenn, dann nur negative, weil die Menschen dann sozusagen konditioniert sind“, sagt die 56-jährige Diplom-Psychologin Astrid. Ähnlich wie ein Kind, welches einen weißen Kittel sieht, weil es diesen sofort mit einem Arztbesuch verbindet. Céline jedenfalls wünscht sich, dass sie nach der Schule Regisseurin wird. In Célines Familie ist Legasthenie weit verbreitet, denn auch ihr Vater, Halbbruder und Großvater, sowie ihre Großmutter hatten sie.

Auch Albert Einstein hatte wie bereits erwähnt Legasthenie. Er wurde als auffällig bezeichnet, manchmal sogar eben als hyperaktiv. Gute Leistungen zeigte er auch nur in den naturwissenschaftlichen Fächern. Und neben ihn reihen sich eine Reihe berühmter Persönlichkeiten, wie beispielsweise der ehemalige Premierminister von Großbritannien, Winston Churchill, oder aber auch die Schauspielerin Whoopi Goldberg und viele weitere.

Sie alle sind oder waren Genies nicht trotz, sondern wegen ihrer Legasthenie.