„Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“ – Das sind die Worte, die Max Goldt in den Sinn kamen, als er einmal in Ruhe über die Bild-Zeitung nachgedacht hat. Max Goldt ist Musiker und Schriftsteller, schreibt seit Langem mal regelmäßiger, mal unregelmäßiger für die Titanic, veröffentlicht zusammen mit Stephan Katz als Katz&Goldt Comic-Strips in der Intro und anderen Zeitschriften und hat 2008, auf die Empfehlung von Daniel Kehlmann, den Kleist-Preis erhalten. Dass seine Worte so drastisch sind, liegt sicherlich daran, dass eine nüchterne Diskussion der Bild und ganz eigentlich auch sehr vieler anderer Formate bisweilen unmöglich ist. Es ist schwer, in der Diskussion über die Polemik eines Medium eben jene in eine Klammer zu zwängen. Das hier soll kein Pamphlet gegen die Bild-Zeitung werden und wenn sie trotzdem oft zur Erwähnung kommt dann deswegen, weil sich an ihr sehr schön einige prägnante Momente zeigen lassen, die sich immer dann einstellen, wenn man in Bezug auf Medien, die die Moralkeule schwingen, schließlich selbst zur Keule greift. Vielleicht kann man aber ein bisschen besser Herr der Sache werden, wenn man sich an einigen Begriffen entlang arbeitet, die immer wieder aufblitzen, wenn man sich mit der Wirkungsmacht bestimmter Medien auseinandersetzt.

Zunächst ein kurzer Blick in die Geschichte. Das Phänomen ‚Medienkritik‘ ist nämlich keines, das erst in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist, sondern ist seit jeher aufs Engste mit der Entstehung und Etablierung von Medien selbst verwoben. Schon im fünften Jahrhundert vor Christus kann man in Platons berühmtem „Phaidros“-Dialog eine ziemlich große Verdrossenheit erkennen. Es geht dort um das Verhältnis von Schrift und Wissen und es lassen sich einige wichtige Thesen herausstellen, von denen hier nur ganz wenige genannt sein sollen. Das Schlüsselmoment ist, grob gesagt, dass mit der Schrift das Vergessen kommen wird. Dazu muss man sich natürlich vor Augen führen, dass die Schrift zu Zeiten Platons etwas gewesen ist, was ein vorab bestehendes System – eine orale Kultur nämlich, in der Dinge nur mündlich weiter gegeben wurden – abgelöst hat. Eine solche Medienrevolution war dann mit ähnlich großen Sorgen verbunden, wie sie auch unsere Großeltern haben, wenn sie uns fragen, ob wir denn überhaupt noch lesen. Die Schrift also macht, so die Überlegung im Phaidros-Dialog, dass Wissen zwar erweitert, aber nicht sorgfältig erarbeitet wird. Es steht zur Verfügung, ist so aber gar kein richtiges Wissen mehr, sondern eher ein Meinen, ein Auf-einen-fahrenden-Zug-Aufspringen sozusagen. Und das ist zu allem Überfluss auch noch in eine ziemlich starre Form gegeben, insofern ein Schriftstück immer nur etwas in sich Abgeschlossenes repräsentiert, aber niemals mündlich-dialogisch vorgeht.

Dieser kurze Einschub hat vor allem zeigen sollen, wie weit die Verbindung zwischen Neuen Medien und einer dazugehörigen Kritik zurückreicht. Als in der Frühen Neuzeit, um 1445, der Buchdruck dank der von Gutenberg erfundenen beweglichen Lettern möglich wurde, sah es ganz ähnlich aus; wie ein Lauffeuer konnten sich Wissen und Informationen, aber natürlich auch sehr viel Unfug verbreiten. Kommunikationsstrukturen haben sich grundlegend geändert, die Wirkungsmacht des Mediums Schrift war groß wie nie zuvor, ebenso wie die Sorgen um ein Versagen des Mediums: aus einer kleinen Fehlinformation in einem Schriftstück konnte durch die schnelle und weitreichende Verbreitung plötzlich eine überregionale Meinung werden. Der bekannte kanadische Philosoph und Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan hat die hier nur kurz erwähnten Übergangsphasen von verschiedenen Medien in andere genau untersucht und dem vor-elektronischen Zeitalter den einschlägigen Namen „Gutenberg-Galaxis“ verliehen.

So schnell, wie die Zeitung, wie wir sie heute verstehen, im 15./16. Jahrhundert ein populäres Medium geworden war, so schnell entstand auch Kritik an ihr. Die erste Buchveröffentlichung, die die Probleme um das neue Medium in den Blick nimmt, datiert auf das Jahr 1676 und stammt von dem Dichter und Rechtsgelehrten Ahasver Fritsch. Es geht ihm vor allem darum, zu zeigen, welche Gefahren sich mit dem Zeitungslesen verbinden können, „eitel, unnötig und arbeitsstörend“ sei nämlich die Sucht des Lesens. Ganz ähnlich lesen sich derzeitige Kritiken an Internetkonsum und digitalen Medien. Mit der Bild-Zeitung oder anderen großen Formaten hat das auf den ersten Blick wenig zu tun, es stellt aber vielleicht eine gewisse Relation her und hilft dabei, nicht allzu schnell in kulturpessimistische Äußerungen und Weltuntergangsszenarien zu verfallen.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, jene Begriffe einmal aufzurufen, von denen eingangs schon kurz die Rede war – sie hängen mit dem Zeitungswesen noch viel stärker zusammen als irgendeine der geschilderten Medienrevolutionen. Axel Springer hat 1981 von sich gegeben, „der einfache Mann krieg[e] nur Recht durch BILD.“ Er hat damit selbst das moralische Diskussionsfeld geöffnet, indem er die Existenz der Zeitung in eine Notwendigkeit dreht. Umgekehrt hieße das nämlich, der kleine Mann hätte ohne die Bild-Zeitung niemals Recht, nichts zu sagen, wäre schier uninteressant. Er entmündigt ihn damit zugleich und macht ihn glauben, es bestünde eine gewisse Dringlichkeit darin, ein Sprachrohr wie die Bild zu haben. Man kann und muss dann konsequenterweise sagen: Wenn der kleine Mann mit den Worten Springers offenbar eine Figur ist, die an die Hand genommen werden muss und in Sachen Meinungsbildung und Urteilsfindung etwas Hilfestellung braucht, dann ist es umso fataler, ihn so wenig ernst zu nehmen und diese Urteilsfindung so provokativ, moralisch wertend und polemisch zu gestalten, wie es überhaupt nur geht. Die Macht, die Zeitungen dann gegenüber ihrer Leserschaft entwickeln, ist deswegen problematisch, weil eben nicht alle Leser, sondern nur die wenigsten Positionen abwägen, ehe sie zu Urteilen gelangen. Meinungen, die auf dem Fundament kritischer Überlegungen aufgebaut sind, hängen ganz maßgeblich mit dem Grad der Bildung zusammen – nur vier Prozent der Bild-Leser aber haben die Hochschulreife, die Mehrheit hingegen einen Haupt- oder Realschulsabschluss. Der Kniff, den Bild und andere nun anwenden, um den Umweg der langwierigen, sorgfältigen Meinungsfindung zu umgehen, ist der Kommentar. Die Otto-Brenner-Stiftung, die Wissenschaftsstiftung der IG Metall, hat das zu Beginn des Jahres sehr anschaulich in einer Studie zusammengetragen. Dort heißt es: „Fast alle Texte in ‚Bild‘ – egal ob gestalterisch als Bericht oder Meldung ausgewiesen – sind wertende, behauptende und kommentierende Beiträge. Texte, die in der Hauptsache informieren oder gar orientieren, sind sehr selten […].“ Der große Vorteil einer solchen Verteilung ist, dass sich so nahezu alles in eine Gleichung packen lässt, in der ein Urteil von außen schwer wird. Die Leserschaft wird sagen: „Der eine Redakteur der Bild-Zeitung sieht das so!“ und der Redakteur selbst kann sich darauf verlassen, ja auch nur seine Meinung kund getan zu haben und dagegen kann man, wenn das in Form eines Kommentars geschieht, nun einmal nichts sagen. Es führt aber zu einem anderen Aspekt, der nun tatsächlich mit Moral und Verantwortung zu tun hat: Die Redakteure von Bild und anderen Blättern sind natürlich keine Idioten, die es nicht besser wüssten. Das heißt, sie schreiben in bestimmte Richtungen, weil sie wissen, dass diese Richtungen in der Leserschaft vielleicht als Überlegungen schon präsent sind, und machen sie so zu mehrheitsfähigen Meinungen. Auch dafür hat die Otto-Brenner-Stiftung sehr schöne Worte gefunden: „Inhalte werden systematisch ignoriert und notfalls sogar zerschnitten. ‚Bild‘ zeigt immer nur einen einzigen Weg, nie eine Landkarte.“ Und dieser Weg ist allzu oft gepflastert mit dicken, fetten Moralbrocken, die aber immer so subjektiv und vage daherkommen, dass sich stets sagen lässt: „Da ist halt einer, der mal eben seine persönliche Meinung preisgegeben hat.“ Von Manipulation kann man trotz dieser Arbeitsweisen nicht sprechen; sie liegt erst dann vor, wenn Informationen verfälscht oder erfunden werden. Solange das nicht geschieht, fallen bestimmte Gewichtungen, Selektionen und Ausdrucksweisen unter die Schwierigkeiten, die sich für jeden Journalisten ergeben und sich nie ganz vermeiden lassen. Zurück also zu den Redakteuren selbst und damit auch zum Eingangszitat von Max Goldt. Eines der Kernprobleme von Bild und anderen scheint doch in der Schere zwischen Schreibern und Lesern zu liegen und sie ist es auch, die es unmöglich macht, bestimmte Dinge in Schutz zu nehmen oder herunterzuspielen. Günter Wallraff, Schriftsteller und Enthüllungsjournalist, ist eine der wichtigsten Figuren, wenn es darum geht, das moralische Problem bei der Wurzel zu packen. Vor mehr als 30 Jahren hat er seine „Anti-Bild-Trilogie“ begonnen, eine Art Abrechnung mit den Recherche- und Berichtmethoden der Zeitung, die das Ergebnis seiner dreimonatigen Arbeit in der Hannoveraner Bild-Redaktion war. In einem Interview von 2002 kommt er zu jener Äußerung, die sicherlich als Knackpunkt in der Kontroverse um die Moral und Verantwortung von Medien gelten muss. Er sagt: „Das sind Zyniker. Intern verachten die ja die eigenen Leser. Peter Boenisch, der Schlagzeilen wie Schlagstöcke zu handhaben wusste, hat die eigenen Leser in seinen Kreisen ‚Primitivos‘ genannt.“ Dass es nicht am ‚einfachen Mann‘, von dem Springer einst gesprochen hat, sein kann, das unheimliche Dickicht polemischer Berichterstattung zu durchforsten, ist völlig selbstverständlich. Umso wichtiger ist es aber, dass das Wissen darum in den zukünftigen Schreibergenerationen nicht ganz verloren geht und zumindest diskutiert wird. Dass sich das Verantwortungsbewusstsein dann zugleich vom Medium selbst weg- und in andere, kritische Leserkreise hineinbewegt ist eine Wende, die nicht gut ist, aber noch immer besser als eine völlige Reflexionsarmut.