Wenn am Wochenende die zweite Männermannschaft des TSV Tröglitz in der Kreisklasse gegen Gegner wie SV Kickers Rasberg oder SV Heuckewalde spielt, fehlt einer nie: Axel Berger. Allein diese Tatsache könnte schon verwirrend wirken, schließlich liegt Tröglitz im Burglandkreis in Sachsen-Anhalt und Axel wohnt und studiert dagegen in Berlin. „Für mich ist das Studium wie Montage“, sagt der Junge mit den aschblonden Haaren. Axel studiert Public Management an der HTW und HWR Berlin. „Unter der Woche gehe ich mit einem Kumpel in Berlin trainieren, ehe wir am Wochenende dann zusammen nach Hause fahren.“

Ursprünglich kommt Axel nämlich aus dem knapp 3000 Einwohner starken Örtchen nähe Zeitz. Was für viele nach tiefster Provinz klingt, ist für Axel nicht nur seine Heimat, in der er viele Freunde hat, sondern auch Treffpunkt für ihn und seine Freundin Caroline: „Sie wollte schon immer nach Dresden, studiert dort auf Lehramt. Ich hab mich überall beworben, allerdings interessierte mich der Studiengang Public Management schon immer sehr, weswegen ich mich am Ende für Berlin entschieden habe.“ Nach vier Jahren Beziehung sehen sich beide im besten Fall am Wochenende Zuhause in Trögitz. „Klar, ich vermisse sie“, gibt der 23-Jährige wehmütig zu.
Aber die Situation dürfte ihnen bekannt vorkommen, schließlich war Axel vor dem Studienanfang im letzten Jahr fast zehn Monate in Irland: „Nachdem ich meine Ausbildung als Speditionskaufmann beendet habe und ich durch die Wirtschaftskrise nicht übernommen wurde, wollte ich etwas Soziales machen.“ Im Internet suchte er nach Möglichkeiten. „Ich hatte damals noch Zeit, weil das Studium sowieso erst im Oktober losgegangen wäre.“ Doch Axel wählte nicht den Weg über eine der vielen teuren Agenturen, sondern suchte selber im Internet nach Chancen im Ausland: „Das habe ich auf eigene Faust gemacht und habe dann durch Zufall eine Stelle gefunden, bei der ein Au pair gesucht wurde.“ Ein Bed & Breakfast sollte es sein. „Letztlich war ich da Mädchen für alles“, sagt Axel und erklärt, dass er nicht etwa nur für die Kinder zuständig war, sondern auch die Betten machte und  am Abend im Hotel in der Küche stand – teilweise bis 23 Uhr, sieben Tage die Woche. „Das war schon eine schwierige Zeit, weil ich bei meinen Eltern unter zwei älteren Schwestern nun einmal das Nesthäkchen war“, erklärt er: „Da wurde man schon verwöhnt.“
Nach einem Monat wollte er wieder zurück, Zuhause hatte er schließlich auch alles: „Ich musste Aufgaben machen, die ich zuvor noch nie in meinem Leben gemacht habe, ich konnte ja nicht einmal Kartoffeln schälen“, sagt er, ehe seine Mundwinkel zum Schmunzeln ansetzen.
Doch damit nicht genug, denn zu dem dauerhaft kalten Wetter kam die Sehnsucht nach dem trauten Heim in Deutschland und das Vermissen seiner Freundin. Als wenn es ihm durch die kalte Dusche nicht schon genug  eiskaltes Wasser den Rücken entlang lief, musste er auch noch Hasen schlachten und Tauben zupfen: „Das war mehr als eine andere Welt in Irland – aber ich musste mich durchbeißen.“ Wenn er denn einmal Zeit hatte, ist er in dem kleinen Dorf Ballyduff in ein Pub gegangen, aber das kam eher selten vor, schließlich musst er die meiste Zeit arbeiten: „Ich habe gemerkt, dass man eine gewisse Zeit auch einmal durcharbeiten kann.“

Richtig viel Englisch gelernt hat Axel nicht in der Zeit, wie er selbst sagt: „Ich musste die meiste Zeit ja arbeiten, da hatte man nicht so viel mit Einheimischen Kontakt, eher mit ausländischen Hotelgästen.“ Neben der Einsicht, dass der Körper weit mehr kann, als dem heimischen Essen bei Mutti zu frönen, lernte Axel das Angeln: „Die Fischsaison geht da bis Oktober und da hinter dem Hotel auch ein Fluss war, war das natürlich Pflichtprogramm, was mir durchaus Freude bereitet hat.“

Zurück in Deutschland dauert es nicht lange, bis das Studium rief: „Der Zeitabstand von Irland bis zum Studium war schon sehr knapp, aber ich habe es gerade noch so geschafft, weil ich in Irland eigentlich bis zum Ende der Fischsaison bleiben sollte.“ In Berlin war er schnell eingebunden, schließlich war die Zeit in Irland noch im Kopf: „Gegen die Zeit in Irland ist das relativ wenig Aufwand.“ Er glaubt auch, dass ihn die Zeit in Irland reifer gemacht hat, wodurch er die Früchte der harten Arbeit dort nun einfährt. Axel ist ein engagierter Student: Neben dem Studium ist er studentische Hilfskraft bei einer Professorin seiner Hochschule, schreibt die Spielberichte seines Vereins in Tröglitz und spielt zudem auch noch selber Fußball: „Ich  finanziere mir das Studium durch Bafög, Kindergeld und meine Einnahmen vom Kopieren als Studentische Hilfskraft“, sagt er und lächelt dabei. „Ach ja, und dann habe ich noch ein Stipendium bekommen.“ Axel ist einer der wenigen an seiner Hochschule, die ein Deutschlandstipendium bekommen haben. Eine Hälfte zahlt der Staat, die andere ein Unternehmen: „Darauf bin ich schon stolz“, macht er deutlich. Zurecht, schließlich haben von vielen Bewerbern nur 30 Studenten eines der wenigen Stipendien bekommen. „Die Noten müssen stimmen und man muss ich sozial engagieren“, sagt der in Neukölln lebende Hobbyfußballer.

In Berlin sieht sich Axel nach dem Studium jedenfalls nicht mehr: „In Berlin kann man die Sterne nicht beobachten, es ist viel zu laut und dreckig.“ Er orientiert sich an seinen beiden älteren Geschwistern, die beide ein gutbürgerliches Leben führen: „Kinder, ein Haus und am liebsten immer noch mit meiner Freundin“, so stellt sich Axel seine Zukunft vor – dann vielleicht ohne das wöchentliche Pendeln zwischen Berlin und seiner Heimat Tröglitz.