Glücklicherweise ist diese Rubrik nie mit dem Ziel in den Ring gestiegen, aktuelle Berufstipps zu geben, sondern hört sich stattdessen Geschichten von früher und heute an, stöbert in staubigen Nischen und wischt den Staub im Anschluss sorgfältig weg – dann kommt bisweilen nämlich recht Interessantes zum Vorschein, Traditionen, die allmählich in Vergessenheit geraten, oder Erscheinungen, um die man sich noch nie geschert hat.

Mit dem Zimmermann verhält es sich heutzutage wohl so oder so ähnlich. Kaum jemand weiß über die Zunft des Zimmerers viel zu berichten, allenfalls hat man mal von einem Bekannten davon gehört oder eine Reportage dazu gesehen. Dabei hat das Zimmereihandwerk eine lange und populäre Geschichte und ist auch heute noch ein Ausbildungsberuf. Innerhalb des mittelalterlichen Zunftwesens war es völlig unentbehrlich – für den Bau von Zunfthäusern oder Fachwerkhäusern bedurfte es ganz selbstverständlich einer ausgebildeten Fachkraft. Erst mit dem Zeitalter der Industrialisierung begann eine Art Niedergang und zwar nicht nur der Zimmerei-Zunft, sondern der Zünfte im Allgemeinen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Produktion und Handel fielen nicht mehr in eins, sondern wurden getrennt, Manufakturen und Massenproduktionsunternehmen lösten kleine Betriebe ab und machten die selbstständige Tätigkeiten nahezu unmöglich.
Sogenannte Handwerkerinnungen fangen die kurz umrissenen Traditionsverluste heute so gut es geht ab. Sie sind eine Organisationsform, in der sich Handwerker auf lokaler und regionaler Ebene zusammenschließen,  um ihre gemeinsame Schnittmenge – das Handwerk selbst also – fördern zu können. Ihnen ist es in gewisser Weise zu verdanken, dass uns auch heute noch hin und wieder ein Geselle in Tracht begegnet. Gesellen – das sind dem mittelalterlichen Schema nach all Diejenigen, die die erste Lehrzeit bereits hinter sich haben, den heutigen Facharbeitern vergleichbar sind und sich auf den Weg in die Wanderschaft begeben. Was sich für unsere Ohren vielleicht ein wenig lustig anhört, ist in Handwerksberufen ein ganz wesentlicher Abschnitt auf der Karriereleiter. Während der Wanderjahre nämlich konnten überregionale Kenntnisse und Arbeitstechniken erlangt werden und das ist dem momentan so angesagten Städte- und Praktikums-Hopping gar nicht mal so unähnlich. Die Wanderschaft jedenfalls wurde so zu einer wichtigen Vorstufe jedes angehenden Meisters und wird auch heute noch – ganz besonders unter Zimmerern – betrieben; es gibt allerdings nur noch einige hundert Wanderer pro Jahr. Die Kleidung, die oft gar nicht richtig beobachtet, sondern im schlimmsten Falle als Zunftkutte abgetan wird, erzählt indes recht spannende Geschichten. Wer zum Beispiel weiß heute noch, dass der Zylinderhut ein Symbol des ‚Freispruchs‘ zu Beginn der Wanderschaft ist, dass die Weste immer genau acht Perlmuttknöpfe hat, die für die acht Stunden täglich geleisteter Arbeit stehen, oder dass das Jackett wiederum mit sechs Perlmuttknöpfen besetzt ist, die für die wöchentlichen Arbeitstage stehen? Wer nun glaubt, dass das Zimmerer-Handwerk ein aussterbendes ist, der irrt: in Bayern beispielsweise steigen die Zahlen der Auszubildenden seit ein paar Jahren – wenn auch nur in kleinen Schritten. Homepages wie www.zimmerer-ausbildung.de bemühen sich derweil, den Staub vergangener Jahrhunderte abzuschütteln und sich stattdessen in ein frisches Gewand zu werfen. Sie zeigen Berufslaufbahnkonzepte und warten mit multimedialen Trailern auf. Statt von Wanderschaften oder Zunftkleidern ist in den Informationsblättern zwar nun von Wahl- und Pflichtmodulen, von Bachelor und sogar Master die Rede, aber sie helfen zumindest dabei, dem Zimmerei-Handwerk ein wenig von dem Stellenwert zurückzugeben, den es einst hatte.