Einer der schönsten Plätze Berlins – das ist natürlich ein ganz subjektiver Befund – liegt in der Nähe der Oberbaumbrücke. Auf Kreuzberger Seite, dort wo die Cuvrystraße beginnt und auch schnell wieder endet, gibt es eine kleine Brachfläche mit netter Street Art, bösen Gestrüppen und einem kleinen bisschen Sand, die längst die halbe Stadt für sich entdeckt zu haben scheint. Ganz gleich, ob man dort im Sommer sein Bier trinkt oder sich im Winter einfach eine kleine Nase Frischluft holt – der Blick auf die Brücke und ein bisschen Stadt ist fantastisch. Allein die großen Häuser am anderen Ufer stören etwas. Gemeint sind Universal, MTV oder das nhow Hotel. Ihre Architektur ist famos und interessant, aber sie erinnern einen daran, wie in den letzten Jahren mit ganz viel Kreativität ganz viel Geld gemacht wird. So wirbt das nhow ganz unverhohlen mit dem seltsamen Spruch „Elevate your Stay – The Music and Lifestyle Hotel Berlin.“ Ab 125 Euro pro Nacht und Nase kann man hier dann eben einfach – kreativ sein. Und wenn sich im Angesicht der Spree und beim Blick auf  die  eingangs geschilderte Brachfläche gegenüber dann der ultimative Song einschleicht und sogleich eingespielt werden möchte, na, dann wird per Zimmerservice das passende Instrumentarium geliefert. Die Kreativköpfe von heute haben keine Zeit zu verlieren. Heute Berlin, morgen London und Mailand, übermorgen New York – wer weiß, was die Woche bringen wird. Bei aller Liebe zur Musik und ihrer Förderung – ist das nicht ein bisschen albern? „Ja, isses!“, sagen einige der alteingesessenen Friedrichshainer; „Nö, is cool so, genau das braucht Berlin!“, ruft‘s aus der anderen Ecke und so richtig entscheiden kann man sich dann auch nicht mehr. In jedem Fall ist die Stralauer Allee seit ihrer Neubepflanzung eine Art blinkende Linie in den Köpfen all der Kreativwirtschaftler dieser Erde geworden. Wichtig nämlich und zugleich das, wo Friedrichshain beginnt. Zumindest dann, wenn man von Südwesten kommt. Um des lieben Friedens Willen pirschen wir nun also vorbei an der schmalen Szene-Zone, vorbei an dunkelblauen Dufflecoats, viereckigen Brillen, braunen Lederboots und Baumwollbeuteln (die offenbar also auch im Winter taugen?!) und stromern dann weiter zur Warschauer Brücke. Hier ist der Tumult stets riesengroß: schaut man mal eine Minute nicht nach vorn oder ist ein bisschen langsamer als der Rest, hat man prompt Nasen oder Ellenbögen in Mund oder Kreuz hängen. Modisch erhascht man also auch nur das, was einem direkt vors Gesicht läuft. Zumeist sieht das blondiert und mit feschem Strickstirnband und ledernem Oma-Rucksack behangen aus. Dieser Eindruck hält sich auch dort, wo vornehmlich Touristen oder Menschen ohne Platzangst aber dafür mit viel Zeit speisen, trinken und diskutieren: auf der Simon-Dach-Straße. In der Tat ist es hier sehr schön, Cafés und Restaurants reihen sich nahtlos aneinander, hin und wieder gibt es auch mal einen kleinen Laden mit Selbstgemachtem oder Schallplatten. Von dort ist es dann auch nur einen Katzensprung bis zum Boxhagener Platz, wo man im Sommer schön sitzen und im Winter mindestens genauso schön auf dem Markt seine Wochenendeinkäufe erledigen kann. Der Grad an fein durchgestylten Menschen mit coolen Accessoires und Kindern ist im Vergleich zum Prenzlberger Kollwitzplatz noch ziemlich gering.

In Richtung der Frankfurter Allee kommt man schließlich dorthin, wo zur Wendezeit Hausbesetzungen an der Tagesordnung waren. Wieviele derer, die nun hier wohnen, darüber Bescheid wissen, können wir nicht sagen – die Straßen aber erzählen Geschichten, die spannend sind, wenn man einmal nach ihnen sucht. Die Mainzer Straße, die eigentlich gar keine richtige Straße ist, weil sie dafür viel zu kurz daherkommt, hat eine solche Geschichte. In den 80ern wurden hier etliche leerstehende Altbauten besetzt; im November 1990 eskalierte die Situation und endete in einer Straßenschlacht. Davon sieht man heute nichts mehr – die Fassaden sind saniert, die Mieten gestiegen, die Gentrifizierung zeigt sich auch in Friedrichshain von ihrer schönsten und zugleich fiesesten Seite: oft kann man sich nur noch nur mit straffem Zeitmanagement, reicher Familie oder einem guten Stipendium eine Wohnung in einem der hergerichteten Altbauten leisten. Leben lässt es sich indes ziemlich günstig – in all den kleinen Straßen rund um die Frankfurter Allee kann man für wenig Geld gut essen und trinken. Überhaupt scheint Friedrichshain von einer angenehmen Ausgewogenheit: Punks laufen samt Hund und Bier neben älteren Damen und Kindern mit Öko-Laufrad, zugezogene Spanier unterhalten sich derweil mit dem türkischen Spätshopbesitzer um die Ecke. Aber wie so vieles hier verdankt sich natürlich auch dieser Eindruck nur einem kurzen Vogelflug – und damit verabschieden wir uns ins neue Jahr.