Björks vollständiger Name ist in etwa so kompliziert, wie man sich das bei einer Isländerin vorstellt: Björk Guðmundsdóttir wird er geschrieben, die richtige Aussprache bleibt uns ein Rätsel – dem Mann im Internet, der in einem kurzen Audiofile irgendetwas nuschelt, möchten wir nicht trauen.

Zur Welt gekommen ist Björk 1965 in der isländischen Hauptstadt Reykjavík, aufgewachsen in einer Kommune, in der Musik den ganzen Tag über in kleineren oder größeren Wolken durch die Zimmer zog. Weil kleine Mädchen Wolkenhascherei gern mögen, dauerte es nicht lange, bis Björk sich selbst in einer Musikschule wiederfand – im Alter von fünf Jahren und mit Gesang-, Klavier- und Flötenkursen gleich auf den richtigen Kurs gebracht. Sechs Jahre später begann das, was man leicht beim Namen nennen könnte, wenn es nicht in Verbindung mit einem elfjährigen Knirps stünde: Björks große Karriere. Ein Grundschullehrer hatte sein Ohr zur richtigen Zeit am richtigen Ort und passende Aufnahmegeräte sowie Paket und Briefmarke auch gleich zur Hand – im Nu reiste das Tape mit Björks Version von „I Love To Love“ zu Radio One, einem großen isländischen Radiosender. Kurz darauf erschien das Debütalbum, das ganz unverschnörkelt den Namen „Björk“ trug. Das Album markiert den ersten Punkt einer langen Chronologie, die davon erzählt, wie ihre Musik an Björk gewachsen ist, sich mit ihr verändert hat – oder eben umgekehrt.

In den frühen 80ern gründete sie mit einer handvoll anderer Musiker die Gruppe Kukl. Kukl, das bedeutet übersetzt soviel wie Hexerei oder Zauberei und entstand aus der Idee heraus, einige Momente damaliger Avantgarde-Musik in der Gussform einer Band stillzustellen. Drei Jahre lang funktionierte das, es entstanden drei Rockalben, die sich recht gut verkauften, an deren Ende aber trotzdem die Auflösung der Gruppe stand. Was für Kukl das Aus bedeutete, bedeutete für Björk und drei weitere ehemalige Mitglieder zugleich den Anfang eines neuen Projektes: den Sugarcubes. Ihnen gelang, was bis dahin ausgeblieben war – sie wurden über die isländischen Landesgrenzen hinaus bekannt, hatten mit ihren drei Alben besonders in Großbritannien und Amerika Erfolg. Was schon für die Sugarcubes markant war und nach deren Auflösung 1992 auch mit Blick auf Björks Solokarriere ganz entscheidend wurde, ist – zunächst einmal ganz platt gesagt – Björks Stimme. Sie ist eigenwillig und anders, natürlich, aber vor allem ordnet sie sich anderen Instrumentierungen nicht unter, sondern funktioniert gleichsam selbst wie ein Instrument, nimmt Trompete oder Klavier an die Hand oder stellt sich ihnen quer. Das ist bis heute so geblieben und vielleicht einer der Gründe dafür, warum die Figur Björk eine ist, an der sich die Geister scheiden.

Sieben Alben hat Björk seit 1993 veröffentlicht. Sie waren durchweg sehr erfolgreich, allen voran aber „Post“ von 1995 und, wenn man den allgemeinen Rückgang der Verkäufe berücksichtigt, der die Nuller Jahre unsicher gemacht hat, auch das 2007er „Volta“-Album. Und dann sind da natürlich etliche Einzelstücke, die zum Konsens gehören, wenn man sich über die Musikgeschichte der letzten 20 Jahre verständigen möchte: „All Is Full Of Love“ von 1997 zum Beispiel, mitsamt dem dazugehörigen Musikvideo von Chris Cunningham, der neben diesem grandiosen Stück vor allem auch sehr schöne Produktionen für Aphex Twin, Autechre oder Squarepusher geliefert hat. Oder auch „Army Of Me“ oder „Cocoon“ – verspielt, verknistert, mit vielen Tönen, an die sich das Ohr erst gewöhnen muss, denen es aber trotzdem gelingt, innerhalb ihrer Dramaturgie ein angenehmes Ebenmaß zu entfalten.

Björks aktuelles Album heißt „Biophilia“ und ist erst vor Kurzem erschienen. Es soll ein Gesamtkunstwerk sein. Selbstverständlich kann man die Frage zulassen, wann Björk denn einmal nicht Gesamtkunstwerke hat machen oder selbst eines hat sein wollen: Stets tritt sie in Kostümen großer Designer auf, die nicht nur optisch unheimlich viel hermachen, sondern im besten Falle auch noch musikalisch eingebunden werden. So gehen Halsmanschetten plötzlich in Perlenketten über, die ein wenig später als Rasseln zum Teil eines Tracks werden. Bei „Biophilia“ geht es aber eben nicht nur um Mode, nicht nur um Farben und Formen, Muster und modische Zitate, sondern um viel mehr – es setzt künstlerisch wie auch wirtschaftlich neue Maßstäbe. Zuerst einmal erscheint es parallel als CD, auf Vinyl und als Download. Und zugleich verbindet es Workshops, Tourneen, Videos, Apps und einen eigenen Dokumentarfilm auf kongeniale Weise. Es entwirft einen riesigen Kosmos, in dem es um Spiel und Vernetzung, um Naturwissenschaft und Ästhetik geht. Innerhalb dieses Kosmos gibt es nun verschiedene Songs, die man einmal als ganz normales Album erwerben kann, dann aber auch – und das macht natürlich viel mehr Spaß – als eine erweiterte Version, über die man zugleich Zugriff auf die anderen Elemente des großen Zauberstreichs hat. Jeder einzelne Titel ist nämlich zugleich eine App, die sich einem je spezifischen naturwissenschaftlichen Thema widmet. Es geht dann um biologische Rhythmen, um Parasiten und Viren, ganz allgemein also um Regelmäßigkeiten und Unregelmäßigkeiten. Und die existieren und funktionieren – hier erschließt sich das ästhetische Potenzial der ganzen Geschichte – eben nicht nur in den positiven Wissenschaften, sondern auch in der Kunst. Diese Ebenen miteinander zu verschränken, ohne sich in Fachwissenschaftlichkeit oder Langeweile zu verlieren, ist wohl das große Verdienst von Björks aktuellem Werk. Und vermutlich ist es auch eine Vorausschau auf das, was uns in Zukunft ganz häufig erwarten wird. Insofern es das Spektrum ästhetischer Erfahrbarkeit von Musik und Wissenschaft auf eine Weise erweitert, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat, ist es vor dem Hintergrund ganz vieler zukünftiger Fragen, die um die Umsetzung und Vermarktung von Musik kreisen, ein wichtiges Moment. Und Björk gleichsam eine Art moderne Marionettenspielerin.