Groß gewachsen, dazu ein charismatisches Gesicht und die braunen Haare, die sich lockig zwirbeln. Nicolai Lübbers kommt eigentlich aus dem idyllischen Allgäu. Mit seiner Familie zog er im vergangenen Jahr in das Großstadtgeflüster nach Berlin. Er ging zur Schule, wurde Model und verbrachte die letzten Monate in New York. Nicolai ist gerade erst 18 Jahre alt – und vielleicht auf dem Sprung nach ganz oben.

Wie kam es dazu, dass du nach New York geflogen bist?
Also ich war davor bei Isaio, bei einer Agentur hier in Berlin, und die hatten das alles schon arrangiert. Aber ich bin dann zu der Hamburger Modelagentur Kult gewechselt. Und die amerikanische Agentur wollte trotz des Wechsels mit mir zusammenarbeiten. Allerdings hatte Kult vorher noch nicht mit denen zusammengearbeitet, weshalb sie zuerst skeptisch waren, es allerdings dann doch noch zugelassen haben. Der Rest ging dann sehr schnell und innerhalb von zwei Wochen wurde der Flug gebucht und dann bin ich einfach nach New York geflogen.

War das eine krasse Erfahrung für dich?
Ich stufe es eigentlich nur als Erfahrung ein, weil es mich nicht wirklich weitergebracht hat. Natürlich habe ich etwas von New York gesehen und die Modewelt dort kennengelernt.

Wieso nicht mehr?
Die Agentur, die mich drüben betreut hatte, war nicht das, was ich mir erhofft hatte. Ich habe im Monat nur 30 Dollar bekommen, wenn ich sie denn einmal bekommen habe. Allein 30 Dollar brauchte ich für das U-Bahn-Ticket pro Woche.

Wie hast du dich dann finanziert?
Mein Vater hat mir dann geholfen. Also ich habe mich teilweise von einem Dollar pro Tag ernährt.
Du bist sicherlich mit einer ganz anderen Erwartung nach Amerika geflogen. Doch was ist, wenn man realisiert hat, dass es doch nicht so glamourös ist, wie man es sich vorher gedacht hat?
Es war für mich in Ordnung, weil ich auch weiß, dass es besser geht. Die Kunden hatten mich auch angesprochen und mich gefragt, wieso ich bei dieser Agentur bin. Wäre ich bei einer anderen Agentur gewesen, wäre ich wahrscheinlich jetzt noch drüben. Da hätte ich dann wahrscheinlich auch mehr gearbeitet.

Back to the roots: Wie war der Einstieg in die Modewelt hier in Berlin?
Der komplett erste Schritt wurde von meiner Schwester eingeleitet, die mich bei einer Agentur empfohlen hatte. Dort habe ich es wirklich nicht lange ausgehalten, weil ich nur ein Shooting pro Monat hatte und das wir mir einfach zu wenig. Auf einem dieser Shootings habe ich eine Visagistin kennengelernt, die mich dann zu einer Veranstaltung eingeladen hatte. Da habe ich den Fotografen Stefan Schramm aus Frankfurt kennengelernt, mit dem ich auch meine ersten Bilder gemacht habe. Er hat mich bei Isaio vorgeschlagen und dort lief es dann auch gut. Ich hatte Shootings, wie sie am Anfang eigentlich jeder  hat, die nicht bezahlt werden. Ostern war ich dann in Frankfurt und habe dort noch einmal einen Fotografen kennengelernt und der hat mir den Kontakt zu Kult hergestellt. Es fiel mir etwas schwer, von Isaio zu Kult zu wechseln. Der entscheidende Punkt war, dass Kult die Kampagnen bekommt. Allerdings durfte ich nicht vor der Fashion Week wechseln, weil ich bei Isaio im Package drin war. Und da habe ich dann gemerkt, dass es das ist, wo ich hin will. Ich bin für Levi‘s gelaufen und das war nicht mehr so wie jeder Catwalk, weil wir langsam laufen und Emotionen zeigen sollten. Da sind die Menschen aufgestanden und haben applaudiert. Da hatte ich Gänsehaut und ich habe mir gedacht, dass ich das will.

Du hattest doch noch Schule während dieser Zeit: Wie kann man das miteinander vereinbaren?
Ich hatte mit der Schule sozusagen einen „Pakt“. Und ich durfte einige Sachen machen, die andere Schüler nicht machen konnten und durfte so beispielsweise auch im Unterricht telefonieren, aber musste natürlich dafür, dass ich diese Sachen machen kann, gute Noten schreiben. Und das habe ich eben.

Und dann?
Dann kam der Sommer und der Punkt, wo ich mich gefragt habe, was ich wirklich machen will. Und zur Schule hatte ich dann keine Lust mehr und geklärt, dass ich ein Jahr Pause machen will. Also mache ich derzeit nur eine Pause von der Schule und kann mich danach entscheiden, ob ich weiter auf die Schule gehen werde oder aber nicht.

Willst du das machen?
Ich will auf jeden Fall meinen Abschluss – egal wie. Es war schließlich gut, dass ich derzeit nicht zur Schule gehe, weil ich im nächsten Jahr nach Mailand und Paris fliege und dafür muss ich sehr viel Zeit investieren, weil ich schon in Mailand fünf Castings am Tag habe und wenn die vorbei sind, muss ich dann zu den Castings nach Paris fliegen. Und wenn das vorbei ist, kann es sein, dass ich sofort im Anschluss wieder nach Mailand fliegen muss, wenn ich gebucht werde. Und das gleiche steht dann auch für Paris – vorausgesetzt, ich werde gebucht.

Du bist doch aber noch sehr jung. Was ist mit deinen Interessen und deinen Freunden?
In New York habe ich gemerkt, wer wirklich an meiner Seite steht. Es war sehr schwer, weil ich wirklich nie so lange von meinen Freunden und meiner Familie weg war. Man muss aber damit klar kommen, wenn man erfolgreich sein will. Als ich dann zurück gekommen bin, habe ich gemerkt, dass sich sehr viel verändert hat hier.

In welcher Hinsicht?
In New York war es halt ein ganz anderes Leben, du musst immer wieder etwas machen dort, weil es eben die Modemetropole ist. Und hier in Berlin läuft vieles noch viel langsamer. Und in dieser Zeit habe ich gemerkt, dass sich die Beziehungen zu den Menschen, die ich hier habe, eher ins Negative verändert haben.

Spielt da auch Neid eine Rolle?
Ja, ich habe manchmal wirklich das Gefühl, dass Neid eine Rolle spielt. Und was auch ein wichtiger Punkt ist, ist, dass ich ebenfalls das Gefühl habe, dass dir jeder mit Vorurteilen gegenüber steht. Es ist halt immer das Gleiche: „Er ist Model, du interessierst ihn nicht – er macht nichts mit dir.“ Und so begegnet man mir dann auch.

Wie gehst du damit um?
Ich weiß eben, dass ich nicht so bin und begegne denen ganz normal. Ich bin wirklich gut am Boden geblieben, weil ich im Moment noch nicht viel vorzeigen kann. Ich hatte heute wieder eine solche Situation, dass jemand dachte, ich wäre total hochnäsig. Die Person hat dann aber gemerkt, dass ich gar nicht so bin, wie er anfangs gedacht hat und er sagte  mir dann zum Schluss auch, dass ich überhaupt nicht arrogant oder hochnäsig sei.

Vermisst du die Schule?
Ja, weil man in der Schule die sozialen Kontakte hat. Und wenn man wie ich aus dem Ganzen herausgezogen wird, dann ist es schon schwierig, weil mir das dann fehlt.

Bereust du es in manchen Situationen?
Ja, aber dann habe ich auch einen kompletten Hänger. Dann zweifle ich auch an mir selbst. Aber ich habe das Gefühl, dass ich den richtigen Schritt gemacht habe und diese Erfahrung kann mir niemand nehmen.

Sicherlich wirst du schon vor dem Start in der Modewelt Schnittpunkte mit Mode gehabt haben. Aber wie war es dann, sich komplett dafür zu öffnen?
Es war am Anfang etwas schwierig. Ich achte zum Beispiel, wenn ich Filme schaue, auf die Klamotten, die Schauspieler anhaben. Schaue auf kleine Dinge, was ich früher wahrscheinlich überhaupt nicht beachtet hätte. Ich denke mehr über Mode nach.

Und was hast du vorher für Interessen gehabt?
Sport und natürlich wollte ich immer einigermaßen gut aussehen. Ich habe immer gerne Fußball gespielt.

Ist die Modewelt sehr oberflächlich?
Ja, das ist so. Die einzige Situation, in der es mal nicht oberflächlich ist, ist wenn ein Casting vorbei ist und man die Menschen anders kennenlernt. Aber wenn ich beispielsweise in eine Agentur gehe, dann gucken sie nur nach dem Äußeren. Es ist eben das, was da sein muss.

Hast du da konkrete Erfahrungen im Kopf oder hast du solche Situationen schon einmal erlebt?
Manchmal kommt es mir so vor, dass ich wie ein Gegenstand bin. Ich hatte bei der Fashion Week in New York ein blaues Kleid an und sie mussten mit meinen Haaren natürlich auch etwas machen. Sie achten gar nicht darauf, ob es vielleicht weh tut, wenn sie an dir rumziehen. Man wird wie eine Puppe behandelt.

Wie geht man damit um?
Man ist sauer, ich kann auch verstehen, dass die das jeden Tag machen müssen. Daher kann ich es im Endeffekt auch nachvollziehen. Sie versuchen ja auch, den Menschen kennenzulernen, aber bei der Masse der Models, die sie haben, schaffen sie es eben auch nicht immer. Und wenn man ehrlich ist, ist das ja auch mein Job, nur die Mode zu repräsentieren.

Du hast gesagt, du musstest ein blaues Kleid auf der Fashion Week in New York tragen: Ist das nicht ein bisschen komisch, so etwas als Junge anziehen zu müssen?
Es war sehr bequem und luftig. Aber ich würde es natürlich nicht jeden Tag tragen. Aber man muss sich schon sehr verbiegen, obwohl man auf der anderen Seite ausstrahlen muss, dass die Mode gut ist, die man gerade anhat. Aber mit dem blauen Kleid war es schon eine komische Situation. Was mich beruhigt hatte, war dann die Tatsache, dass Brad Pitt im Film „Troja“ auch so ein blaues Kleid anhatte. Trotzdem war es gewöhnungsbedürftig.

Fühlst du dich nicht manchmal allein?
Ich kann keine Liebesbeziehung aufbauen. Ich müsste ein Mädchen finden, das wirklich alles durchmacht. Ich meine, ich bin drei Monate dort, dann vielleicht wieder in China. Deswegen kann ich keine Freundin haben, weil es nur sehr schwer zu machen wäre. Das ist schon sehr traurig. Und auch die Tatsache, dass man ab und an Zuhause sitzt und  weiß, dass man auch 100 Freunde haben könnte und mit denen etwas machen, anstatt allein rumzusitzen. Aber dann denke ich auch wieder, dass ich das alles will. Ich will erfolgreich werden.

Bist du in der Modewelt schon einmal an Leute geraten, die nicht unbedingt positiv für dich waren?
Zuallererst an den Agenturchef in New York. Und ich habe einen Fotografen kennengelernt, der ein richtiges Arschloch ist. Der hat auch gemeint, überall hin fassen zu dürfen und es ist wirklich so, dass manche meinen, sie könnten sich wirklich alles herausnehmen. Man muss dann sofort ‚Stopp‘ sagen, sonst glauben sie, dass sie auch weitergehen dürfen.

Wie ist es für deine Familie?
Ich habe durch die technischen Geräte immer in Kontakt mit ihnen stehen können. Und als in New York der erste Schnee gefallen ist, musste ich sofort an Weihnachten denken. Ich bin eben ein Familienmensch und habe in diesem Moment an die alten Zeiten gedacht. Ich habe mich oft einsam gefühlt. Und ich glaube, dass meine Familie dasselbe gefühlt hat.

Eine abschließende Frage: Wie stellst du dir dein Leben in zehn Jahren vor?
Ich würde mir natürlich wünschen, dass ich ganz weit oben bin. Und ich denke, dass man dazu zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss.