warum gerade den Deutschen das Fürchten gelehrt wird

Otto Rehhagel ist 2004 zur griechischen Ikone und zum Nationalhelden erklärt worden. Nachdem seine Mannschaft bei der EM im selben Jahr überraschend Europameister wurde, tauften die Griechen den Deutschen Trainer „Rehakles“ und symbolisierten somit  auch die Verbundenheit zum großen Freund Deutschland.  Die Griechen hängten die Deutsche Flagge zusammen mit ihrer eigenen hoch und waren die Meister Europas. Zeiten ändern sich.

Auf dem Bundesadler am Deutschen Generalkonsulat in Thessaloniki prangt seit Neustem ein Hakenkreuz.  Denn die Wut der griechischen Bevölkerung richtet sich vor allem gegen Deutschland und seine Banken, Unternehmen und Politiker. Griechenland ist nicht nur im Fußball weit abgestürzt: In der EU gelten sie als Pleite-Geier und haben mehr Schulden, als ihre wirtschaftliche Leistung es hergibt. Einen Schuldigen sehen die Griechen in den bösen Deutschen, weil die schließlich Griechenland Geld gegeben hätten, obwohl sie wussten, dass das Olivenbaumland schon längst pleite gewesen ist. Dabei scheuen sie auch keine Vergleiche mit Hitler, denn der ist, laut einer aktuellen Umfrage, sogar beliebter als Angela Merkel. Allein dies zeigt, wie weit die griechische Bevölkerung sich nach ihrem  einstigen Dasein sehnt und Schuldige sucht. Ein ganzes Land fordert Opfer, die es bis heute nicht gefunden hat und auch nicht finden wird. Der Hass der Demonstranten gilt vor allem den eigenen Politikern und Ausländern. Nicht nur die Deutschen seien schuldig, auch das „Weltjudentum“ wird wieder einmal für eine Krise verantwortlich gemacht. Es wäre auch zu schwer, sich an seine eigene Nase zu fassen und zu versuchen, Probleme zu lösen. Das wollen die Griechen aber nicht. Sie schreien nach Vergeltung, sehen sich als schier mächtiges Land in der Europäischen Union und fordern den Austritt Deutschlands. Dass Griechenland eigentlich schon seit Jahren pleite ist, hat niemand in jenem Land mitbekommen. „Da sind die Politiker schuld, die haben doch die Bilanzen gefälscht und wir müssen es ausbaden“, sagen die Menschen auf der Straße, die jeden Tag gegen neue Sparmaßnahmen protestieren. Sie wollen nicht einsehen, dass das Land vor dem Abgrund steht, sollte man nicht Sachen ändern, sollte ein ganzes Land nicht an einem Strang ziehen. Sicher sehen das in dem Land der Götter nicht alle Menschen so. Viele demonstrieren friedlich, werfen keine Steine und sehen das Volk an der Macht am Ende der Entwicklung.

In Athen ersetzen Laserstrahlen Steine

Mit Laserpointern werden reiche Ausländer im Land, die von ihrer Sensationsgeilheit gescheucht ihre iPhones zücken um die Revolte dokumentarisch festzuhalten und es sich zu Hause ins Familienurlaub mit der Überschrift „Sommerrevolte Griechenland 2011 - Ich war dabei“ zu kleben, angeleuchtet. Sie wollen dem Menschen auf eine niveauvollere Art zeigen, dass sie es nicht für richtig halten, dass immer mehr Geld in ein Land gepumpt wird, damit andere Länder - darunter auch Deutschland - von den Zinsen profitieren, die dann Griechenland auffressen. Auf vielen Plakaten der Demonstranten sieht man - neben denen der Europäischen Flagge, die mit dem Hakenkreuz verunstaltet wurde - ein Parlament, darüber kreist ein Hubschrauber seine Runden und wirft ein Seil zu den nach Hilfe rufenden Politikern aus. Die Menschen in Griechenland sehen, dass sie alles ausbaden müssen, dass sie die Schuldigen sind, obwohl sie jahrelang für ihr Geld gearbeitet haben. Und an diesem Punkt setzt das griechische Nationalgefühl aus. Denn wieso sollen alle an einem Strang ziehen, wenn die, die das Land in den Abgrund getrieben haben, sowieso flüchten und die Arche Noah der Politiker wählen, bevor die große Sintflut kommt, unter der am Ende die griechische Bevölkerung zusammenbricht. Deswegen suchen sie in Deutschland einen Schuldigen. Weil der große Bundesadler zum Beispiel vom Rüstungswahn der griechischen Politik profitiert hat. Griechenland hat - in Relation zu den anderen EU-Staaten - das meiste Geld für das Militär ausgegeben. Die Deutsche Rüstungsindustrie hat davon Profit geschlagen, auch wenn sie wussten, dass Griechenland nie an einem großen internationalen Militär-Auftrag beteiligt sein wird. Griechenland, dessen größte Wirtschaftsleistung der Tourismus und die Oliven sind, hat nicht in vorderster Front gegen den Terrorismus gekämpft. In der Welt sagt Aris, ein erfolgreicher griechischer Bauunternehmer: „Deutschland braucht Südeuropa als Absatzmarkt, deswegen bekamen wir und all die anderen Länder ja die ganzen deutschen Kredite. U-Boote und Panzer, Autobahnen und dergleichen mehr. Wir sind Deutschlands „Hinterhof“, so, wie Lateinamerika der Hinterhof der USA ist.“ In der Schusslinie der griechischen Bevölkerung steht aber nicht nur die Deutsche Politik. Besonders das Deutsche Traditionsunternehmen Siemens gerät ins Schusslicht: Eine Kommission des griechischen Parlaments hat untersucht, dass bei Aufträgen zur Modernisierung des Telefonnetzes, um Kommunikationssysteme für die Armee und um das elektronische Überwachungssystem für die Olympischen Spiele 2004, die halbe griechische Regierung bestochen worden war. Die Deutschen Geschäftsleute passen sich, wie sie selber sagen, ja nur den Gegebenheiten vor Ort an und da wird Griechenland nunmal als korrupt angesehen. Und das gibt den Herrn Business-Menschen, weil sie eben Ahnung vom Business haben, die Legitimation, zu bestechen. Die Griechen sehen gerade deswegen nicht sich selber in der Schuld, sondern andere und sehen in der aktuellen Entwicklung - wie so oft - den Kapitalismus am Ende, der durch eine neue Macht abgelöst wird. Die, des Volkes.

Mittlerweile sind sieben Jahre vergangen und der alte Rehhagel, der fast in den Olymp des Zeus aufgestiegen wäre, ist seit einem Jahr nicht mehr Trainer der griechischen Nationalmannschaft. Und auch mit der Verbundenheit zu Deutschland steht es nicht mehr so, wie es noch nach dem Gewinn des Europameistertitels zelebriert wurde.