Modeerscheinung oder letztes Aufbäumen eines verlorenen Geschlechts?

Überall in Berlin sprießen sie aus dem Boden: Bars ausschließlich für Männer. Sie heißen „Sportbar“, „Man‘s Inn“ oder „Rosi‘s Vergeltung 2“. In den Unis machen sich sogenannte „Männer-Parteien“ breit und auch in der Politik treffen Männerthemen langsam auf Gehör. Der Wunsch nach einem männlichem Refugium scheint groß. eMannzipation ist Mode. Ein kleiner Überblick:

Der Widerstand hat ein Gesicht bekommen und übt sich in Diversität und Multikulti: „Der Leitspruch ‚Männer müssen eben zusammenhalten‘ ist in letzter Zeit durch so viele enttäuschte Männer-Münder gewandert, dass wir doch eh schon alle Brüder sind“, sagt Zorro Weisser, der erste Männerbeauftragte Deutschlands, oder wie er auch genannt wird: Der zornige Zahlvater. „Ob schwarz, weiß oder blau: Bei uns ist jeder willkommen. Wir Männer sind doch alle gleich.“

Dass das Amt des Männerbeauftragten bislang nur virtuell existiert, stört Zorro nur bedingt: „Das ist einfach ein Ausdruck unserer fehlenden Lobby. Ich bin ein Sprachrohr, ein Ventil für all jene traurigen, gequälten, jungen und alten Männer in Deutschland, die einfach nicht mehr weiter wissen. Wir haben einfach nichts mehr zu sagen!“

Unter Tränen erzählt er von seiner Misere: Nach ihrer Scheidung wollte seine Frau ihm das gemeinsame Kind wegnehmen. Als sie auf Schwierigkeiten stieß, beschuldigte sie Zorro des sexuellen Missbrauchs seiner Tochter und häuslicher Gewalt. Die Richter haben ihr geglaubt. „Ich weiß nicht was passiert ist. Ich habe mein Kind nie missbraucht und geschlagen wurde ich doch immer!“ Jetzt lebt er alleine in einer Zweizimmerwohnung und darf weder seiner Tochter, noch seiner Frau näher als 50 Meter kommen. Seitdem kämpft Zorro für Gleichberechtigung.

„Wir leben in einem Matriarchat. Das hat nicht nur was mit Urgötting Merkel zu tun, sondern mit unserer ganzen Gesellschaft. Männerbashing ist modern geworden.“

Unterdrückt von zu viel Weiblichkeit fühlte er sich eigentlich immer schon. In der Schule wurde er von den Mädchen diskriminiert, weil er ihren Rollenauffassungen nicht entsprach – er war ein schüchterner und sensibler Junge. Als er ein Mädchen um ein Rendezvous bat, lachte diese ihn nur aus. „Die meisten Jungs wurden so immer wieder untergebuttert. Nur weil sie zu weich waren. Wer nicht in ihre engen Rollenklischees passte, wurde ignoriert.“ Nach der Schule wurde es nicht besser. Sein Traumberuf: Verkäufer. Am liebsten Eisverkäufer. Wegen seines Geschlechts wurde er oft nicht einmal mit einer Absage beehrt. Am Ende wurde die Stelle immer mit einem Mädchen besetzt. Als er dann endlich eine Anstellung bei einem namhaften Discounter gefunden hatte, wurde er von seinen Kolleginnen nicht ernst genommen: „Nur unser Filialleiter hat mich manchmal in den Arm genommen, wenn ich eine Nummer zu oft falsch eingegeben oder mich an einer Kiste Würstchen verhoben habe.“ Und mit den Frauen wurde es auch nicht leichter. Welche Frau entscheidet sich schon für einen Verkäufer? „Ich interessiere mich nicht dafür, was eine Frau für einen Beruf hat. Warum muss ich mehr aus mir machen als ich bin?“ Zorro schaut träumerisch aus dem Fenster seiner grauen Ost-Berliner Plattenbauwohnung.

Mittlerweile gibt es zusätzlich zu dem Männerbeauftragten die erste Männer Partei Deutschlands. Ihr Ziel: Gleiche Rechte für Frauen, Kinder und Männer.

Studenten der Humboldt Universität zu Berlin organisieren momentan eine Protestaktion gegen ihr Unicafé „Die Krähe“. Dieser gemütliche Rückzugsraum, in dem man sich bei entspannender Musik auf die nächste Vorlesung vorbereiten kann, steht nicht jedem offen: Einmal in der Woche veranstaltet das Café einen sogenannten Lesben- und Transen-Tag. Männer wie Zorro haben hier keinen Zutritt. Sie werden laut der Studenteninitiative verständnislos angestarrt und müssen die Räumlichkeiten umgehend verlassen. Durstige Männer dürfen sich nicht einmal aus dem Wasserhahn des Cafés Leitungswasser einschenken – man wird höflich auf die Toilette verwiesen. Die pure Schikane, so die Initiative.

Davon, dass dieses Engagement mehr als nur ein vorübergehendes Phänomen ist, zeugen die tiefen  Emotionen, die die Akteure mit ihm verbinden. „Das ist für uns kein Witz, sondern Überlebenskampf“, erklärt Zorro so erregt, dass seine Wörter langsam wackelig werden. „Die Lage ist für immer mehr Männer einfach nicht auszuhalten.“

Obwohl die Bewegung sukzessive an Aufmerksamkeit gewinnt, stagniert die eMannzipation im Menstream – sie bleibt eine Randerscheinung. Doch längst sind es nicht mehr nur die Al Bundys der Gesellschaft, die sich wehren – auch die Wissenschaft beschäftigt sich mit diesem Thema. Es gibt Gender-Studien zum Thema „Masculinity without Money“, oder: „Objekt Mann“.

Auch die Spieleentwickler lassen sich die ständige Diskriminierung nicht mehr gefallen. In Spielen wie „Resistance: The Fall of Men“, soll man metaphorisch gesprochen seine Männlichkeit zurückerkämpfen – zur Not mit schweren Waffen. Gekämpft wird gegen überdimensionale Monster, mit frauenspezifischen Attributen – lautes Gekreische, endlose holprige Dialoge und düstere Welten kennzeichnen das Spiel. Doch wenigstens auf dem virtuellen Spielplatz kann man Unabhängigkeit erleben, denn am Ende hat sich der Held unter Jubel seine Freiheit erkämpft.

Keine Frage. Die erste Männerbewegung für mehr Gleichberechtigung in der Geschichte Deutschlands ist in der Virtualität und dem Internet verortet. Jung, modern, und agil bewegen sie sich gekonnt auf den neuen Plattformen Facebook, Twitter und den zahlreichen Männer-Foren.  

Inspiration und Unterstützung bekommen die jungen eMannzen jedoch auch von der alten Generation. Auf Kundgebungen und in Rundschriften unterrichtet eine alte Männergarde ihre jungen Schützlinge von der Zeit, als die Männer noch die Oberhand hatten – bessere Zeiten, so die Alten. Rentner Hanzo Willhelm, 85, gibt zu, seine Generation habe es schleifen lassen. „Als kleiner Junge hatte ich ein ganz anderes Lebensgefühl. Meine Zukunft stand mir offen. Da gab es keine Diskriminierung gegen Männer. Es ging irgendwie fairer zu.

Irgendwann hat es dann angefangen. Wir gaben zu viel Raum preis und die heutige Männer-Generation hat darunter zu leiden. Nun gibt es nur noch wenige Parteien, die das Ideal meiner Jugend verkörpern.“ Dafür entschuldigt er sich jetzt. „Aber wenigstens kann ich mit meinen Rundschriften ein bisschen dazu beitragen, den Normalzustand wiederherzustellen.“

Dass das männliche Engagement nicht nur auf Unterstützer trifft, liegt wohl in der Sache selbst. Viele Feministen sehen das Problem der Männer nicht. Aus ihren Kreisen wird die Bewegung oft als unbedeutend abgetan. „Wir werden immer als weinerliche Jungs dargestellt, die einfach nicht gelernt haben, sich gegen das starke Geschlecht durchzusetzen und es nun auf die Gesellschaft schieben.“, so Zorro. Dabei sind die eMannzen nicht gegen den Feminismus, sondern sogar für Schwarzer, Roche und Co. „Wir brauchen beide Bewegungen. Frauen sind in manchen Aspekten gesellschaftlich ebenso benachteiligt wie wir. Das müssen wir ihnen zugestehen.“ Am liebsten wäre es dem verletzlichen Mann mit der zarten Stimme, wenn alle an einem Strang ziehen würden. „Oft habe ich versucht, mit ein paar Feminstinnen in Kontakt zu treten, bislang wurde ich jedoch immer nur ignoriert. Typisch eben. Wie früher in der Schule oder als ich mich beworben habe.

Vielleicht liegt es jedoch auch daran, dass Zorro, wie gesagt, bislang nur virtuell existiert. Der Protest, die Wut und Verzweiflung vieler Männer jedoch ist real. Vielleicht wird es Zeit, dies zu respektieren, aufeinanderzuzugehen und die Bewegung aus den Weiten des Internets in die „Wirklichkeit“ zu hieven.