Man mag kaum glauben, doch es gibt ihn – den Anti-Hipster. Um ihn zu erkennen, braucht der Hipster ein geschultes Auge, denn nur er kann den Anti-Hipster vom normalen Menschen, dem Hipster, unterscheiden. Wer sich in der letzten Zeit, vielleicht auch den letzten Monaten (wir wissen selbst nicht wie lange es diese kuriose Kulturbewegung schon gibt) durch die Berliner Szene kämpfte und so manchen Großstadtpiraten prompt als Hipster abstempelte, wird vielleicht nicht gemerkt haben – ehe er sich im verspiegelten Schaufenster selbst als Hipster outen musste – dass es noch Menschen gibt, die fernab dieser Szene leben. Ein gutes Beispiel ist dabei, die Menschen in der U-Bahn zu beobachten, besonders bei den neuen Fahrgeschäften, wo man den Menschen in Reihen wie auf einer Hühnerstange gegenüber sitzt. Dabei kann so mancher Hipster, neben seiner Hauptberuflichkeit als Hipster, noch ganz nebenbei und ohne Aufwand Richter spielen.

Vielleicht aber bewegt man sich noch an den Rand des eigentlich Unübertreffbaren und begibt sich oberflächlich wie man ist auf gewohntes Terrain: die Bewertung. Die Bewertung ist das tägliche  Brot für den geselligen Hipster, um in seiner Art zu überleben, das sei vorweg gesagt. Denn die Bestätigung über sein eigenes Leben holt man sich – es könnte einfacher nicht sein – über andere. Gut, für viele unverständlich, für sie eine reinste Odyssee. Schließlich kommen Hipster zuweilen aus der Großstadt Berlin und weil dort viele Menschen leben, haben Hipster natürlich auch viel zu tun. Um richten zu können, braucht ein wahrer und echter Hipster nur eines: ein geschärftes Auge.

Die Renaissance alter Dinge

Zuerst darf natürlich nur das für „nicht schuldig“, also durchaus passabel, erklärt werden, was eigentlich nicht in das zeitgemäße Bild der Menschen passt. Auf diese Weise werden Telefone von 1900 und vor dem Weltkrieg wieder für modern befunden, furchtbare Schlaghosen kriegen wieder ihren sonderbaren Ruf und auch ein Kassettenrekorder oder Game Boy wird wieder zur Arbeit berufen.

Regel Eins: Nur ein kurzer Augenblick

Doch das ist nicht die erste Phase der Einschätzung anderer durch den Richter. Zuerst blickt das Auge dahin, wohin es immer blickt – auf das Gesicht. Aber nicht allzu lange, schließlich ist es keine Seltenheit, dass man nach der Bewertung feststellt, dass das Gegenüber – so schnöde und antizeitgenössisch es auf den ersten Blick auch aussieht – auch ein Hipster ist. Regel Eins: Immer nur kurz ins Gesicht schauen und vor allem, Leute, vergesst die Haare nicht. Sie sind das, was am Ende einen der Hauptpunkte ausmacht. Aber dazu später mehr.

Regel Zwei: Immer anders sein

Hat man diese erste Phase überwunden, geht man weiter. Trägt er ein zu weites T-Shirt, sind die Farben leicht verwaschen oder aber sind sie schräg und bunt und haben drei Streifen, dann kommt dieser Angeklagte auch sofort in die nächste Runde. Die zweite Regel allerdings besagt auch, niemanden in Phase Drei zu lassen, der obenrum einigermaßen normal aussieht.
Regel Drei: Immer subjektiv bleiben

Die dritte Phase beschränkt sich erstmal nur auf das Untere des Wesens. Hier hat der Hipster die meiste Arbeit seines täglich Brotes zu verrichten. Denn die Bewertung fällt hier bisweilen besonders schwer, haben nämlich die anderen ersten beiden Regeln zu viel Eindruck hinterlassen, was beim Hipster in seiner Haupteigenschaft oberflächlich zu sein durchaus möglich ist, kommt man hier oft zu einem Punkt, an dem man das Subjektive nicht mehr vom Objektiven trennen kann. Daher die dritte Regel: Immer subjektiv bleiben. Die Bewertung der Hose fällt indes als „schuldig“ aus, wenn sie a) zu weit ist und b) einfach zu normal ist.

Regel Vier: Nicht zu viel Grunge

Nun kommt der Hipster wahrscheinlich zu der wichtigsten Kategorie: den Schuhen. Schuhe, wir wissen es, sind wichtig. Mit ihnen können wir den täglichen Ritt durch den Großstadtdschungel auch ohne Blessuren überstehen – nicht jedoch der Hipster. Dieser nämlich braucht nicht die Schuhe, die die Oberfläche von ihm erwartet: Er braucht Bergschuhe. Oder irgendwas anderes, was mindestens fünf Zentimeter über den Knöchel geht. Oder aber scheinbar zwanzig Jahre alte Chucks, die Löcher haben, bei denen Kleber sich löst und die Sohle beim nächsten Regen wohl endgültig dem Mülleimer anvertraut wird. Doch dies könnte wieder dem Grunge-Look entgegen kommen, womit wir uns auch gleich zur vierten Regel begeben: Zu viel Grunge bedeutet Krieg. Denn zwischen den Grunges und den Hipstern tobte vor vielen, vielen Jahren ein einsamer Krieg am unteren Ende der Modewelt, also zu der Zeit, an der so ziemlich alles zum wirklich ersten Mal erfunden wurde. Zu viel Grunge ist für den Hipster nicht gut, danach muss er sein Gemüt erst einmal in einem Berg schwieriger Lektüre, am besten bei Nietzsche, wiederfinden. Aber auch dies ist eine andere Geschichte.

Regel Fünf: Vollständiger Blick auf das Schuhwerk

Die Bewertung der Schuhe fällt, wie bereits angekündigt, dann positiv aus, wenn man in den Schlappen noch laufen kann und wenn – wieder ein sehr entscheidender Punkt – die Schuhe vollständig zu sehen sind. Regel Fünf: Schuhe müssen vollständig zu sehen sein.

Ist die Bewertung und das Richten des anderen Individuums fast abgeschlossen, kommt die Kür: die Haare. Wie bereits erwähnt, sind diese ein besonderer Ausdruck für den Hipster-Menschen von heute. Für sie gibt es keine Bewertungsmaßstäbe. Sie sind sozusagen die Superzahl der Hipster im Spiel 77. Und hier ist alles erlaubt bis auf eines: In keinem Fall zu hygienisch aussehen. Je abgeranzter, desto doller. Besonders der Strubbel-Look und braunhaarige Menschen punkten hierbei, wenn sie, wie gesagt, nicht zu sauber aussehen.

Das Urteil

Hat man die Bewertung abgeschlossen, wird das Urteil gefällt. Hierbei kommt nur der durch (und wird dann nicht weiter angeguckt), der in allen Regeln  mindestens eine gute Zwei bekommen hat, um es mit dem Schulnotensystem zu erklären. Dieser Mensch ist dann einfach a) zu sauber, b) hat nicht Nietzsches Zarathustra in der Hand und c) ist einfach zu normal für diese Welt. Schade für sie, schließlich befinden sie sich ja in der Überzahl und dürfen nicht den Sitten des Hipstertums frönen. Über eine Grenze sollte sich einmal Gedanken gemacht werden. Also ihr lieben Menschen aus Prenzlauer Berg (ist das noch Hipster?), Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln, erhebt Euch und errichtet die Mauer wieder und lasst nur den durch, der den goldenen Regeln entspricht. Zarathustra wird es Euch danken.