Geschichten von Herrn K.

Es regnet, als Cenk die Bratwurst noch einmal dreht. Ein Mann kommt vorbei und fragt nach Strom, in der Hand trägt er ein Stromkabel und deutet auf seinen Stand neben dem Wurststand. Der Flohmarkt am Berliner Mauerpark ist ein wahres Idyll um seinen Kopf in Tausenden von Kisten zu stecken und mit den Händen in diesen zu wühlen. So mancher findet hier seine halbe Wohnungseinrichtung, ein anderer nur ein altes Service von Oma. Ein klein wenig erinnert das Treiben an einen Besuch im schwedischen Möbelriesen Ikea, mit dem Unterschied, dass die Menschen hier nicht mit dem Auto hin und zurück fahren, sondern „mit‘s Rad“, wie man in den ländlichen Regionen gerne zu sagen pflegt, ihre Sachen nach Hause transportieren – die meisten zumindest scheinen das zu tun.

In den Wintermonaten ist der Flohmarkt und der dazugehörige fast schon legendäre Mauerpark nicht so gefüllt wie im Sommer. Während die Menschen bei warmen Temperaturen hier fast schon um jedes freie grüne Plätzchen kämpfen und die Karaoke im Amphitheater mit Stadionatmosphäre lockt, geht es im Winter ruhiger zu. Egal ob warm oder kalt, hinter dem Grill von Cenk ist es immer warm. Der 33-jährige wendet am Wochenende die Würstchen, allerdings nicht nur im Flohmarkt, sondern immer an unterschiedlichen Standorten. Je nachdem, wo „der Wurstmann“ gerade seine Zelte aufgeschlagen hat. „Ich bin ja eigentlich LKW-Fahrer“, sagt Cenk.

Unter der Woche fährt der Mann mit den kurzen braunen Haaren mit seinem LKW, in dem er Lebensmittel transportiert, meist durch Brandenburg, ehe er an so manchen freien Tagen und auch am Wochenende die Grillzange schwingt. 

„Das Arbeiten am Grill macht mir hier besonders Spaß. Man trifft so viele Leute, die so vieles mitbringen“, sagt er mit einem Lachen, „abwechslungsreicher halt“.

Im Gegensatz zu den vielen weiten Alleen in Brandenburg ist das gut nachzuvollziehen. Doch Cenk entgegnet, dass er auch das Fahren mit dem LKW sehr mag: „Wenn ich durch die Brandenburger Alleen fahre, denke ich über die Natur nach.“

Doch nicht nur im LKW ist er allein unterwegs, auch in seiner Einzimmerwohnung in „Neu Mitte“, wie er selber sagt, lebt er alleine: „Meine Freundin und ich haben uns nach 14 Jahren getrennt, unsere dreijährige Tochter Filiz lebt bei ihr in Falkensee.“ Eine Situation für seine Tochter, die ihm bekannt vorkommt, denn als er selbst noch am Daumen lutschte und sich seine Eltern im zarten Alter von zwei Jahren getrennt haben, wuchs er einst so auf, wie es seine dreijährige Tochter nun erfahren muss: „Hin und wieder macht man sich Vorwürfe, schließlich ist man ja für sein Kind verantwortlich.“

Cenk ist ein sehr fröhlicher Mensch. Diesen Eindruck erfährt man dann, wenn er über solche Situationen in seinem Leben spricht, die für ihn selbst nicht einfach gewesen sein können. Denn anders als seine Tochter Filiz, die mit ihrer Mama im nicht weit entfernten Falkensee wohnt, lebt Cenks Vater in der Türkei, in der Hafenstadt Marmaris. „Ich bin mit beiden Kulturen groß geworden“, erklärt der 33-Jährige mit einem leichten Augenzucken. Die Mutter kommt aus Deutschland, der Vater aus der Türkei. „Ich kann alles essen“, sagt Cenk mit einem breiten Grinsen, „denn ich bin weder Moslem noch einem anderen Kulturkreis zugewandt.“ Er erzählt nicht sehr viel darüber, dass sein Vater so weit entfernt von ihm lebt, es scheint so, als wäre es für ihn kein Problem, denn er geht „auf das Leben zu“, wie er selber sagt. „Man sieht sich halt hin und wieder.“

Ihm hat es nichts ausgemacht, nur mit seiner Mutter aufzuwachsen – ganz im Gegenteil: „Meine Mutti ist so locker drauf, dass ich mich selber erziehen durfte“, sagt er während es aufgehört hat zu regnen und die Sonne zum Vorschein kommt. „Dadurch, dass ich so viel Freiraum hatte, gab es halt auch nicht viele Probleme.“

Manchmal gibt Cenk Aufzählungen wieder, die zu der jeweiligen Situation passen: „Freude, Lachen, Glück.“ Dabei ist es sehr selten, dass er Wörter benutzt, die negative Assoziationen hervorrufen. Sowieso kommen negative Gefühle bei ihm seltener vor. „Man muss halt auch wissen, wenn‘s einem schlecht geht, dass es auch wieder besser wird“, sagt er, „und es gab auch Situationen in meinem Leben, wo es mir nicht gut ging.“

Konkret meint er damit die Zeit, in der eine Leerphase hatte, die Zeiten, in denen er Zuhause alleine war und ein paar Monate keine Arbeit hatte: „Aber die Phasen haben sich nie so lang hingezogen, dass es Narben hinterlassen hätte.“ Mitten im Winter, der nicht wirklich einer ist, wenn die Sonne zeitig untergeht und es sehr schnell dunkel wird, scheint es also doch noch Menschen zu geben, die ihre Mundwinkel oben halten können – Cenk ist so ein Mensch. „Es muss halt auch Phasen geben, in denen man einfach mal nichts macht“, sagt er pragmatisch.

Nur wenn Cenk darüber spricht, dass er kein Türkisch sprechen kann, gibt er sich wehmütig: „Im Nachhinein finde ich es halt schade, dass ich das nicht gelernt habe.“ In seinem Freundeskreis finden sich auch längst nicht nur deutsche, sondern auch türkische Freunde. „Ich besitze das Herz in beide Richtungen“, macht er deutlich, seine Augen wandern indes auf die langsam verschwindende Sonne am Horizont – es wird dunkel.

Er wünscht sich, dass er irgendwann einmal „ohne Pflicht“ sein wird und dann die Zeit hat, mit einer Segelyacht auf dem Atlantik zu segeln. „Den richtigen Wind braucht man im alltäglichen Leben – oder eigentlich immer“, er zieht noch einmal sein Basecap mit dem Schild nach hinten und korrigiert sich: „Wenn er kommt, dann muss man ihn nehmen.“

Die Sonne ist nun ganz verschwunden, viele Händler räumen ihre Waren zusammen, während sich der Wind durch die kleinen Zeltgassen auf dem Berliner Flohmarkt am Mauerpark schlängelt. Ohne ein neues „Billy“-Regal ziehen die Besucher von Dannen und auch auf den klassischen Hot Dog von Ikea verzichten sie. Doch während sich die Menschen ihre Schals und Kapuzen ins Gesicht ziehen, weil der Wind immer stärker und der Regen immer wuchtiger wird, steht ein Mann mit T-Shirt und dem immer noch nach hinten gezogenen Basecap am noch glühenden Grill. „Bratwurst“, schreit er – und lacht.