Schöneberg in den Griff zu bekommen ist gar kein so leichtes Unterfangen. Wenn man nicht selbst dort wohnt oder Freunde kennt, die man dann ab und an mal besucht, treibt es einen vermutlich nicht besonders oft in den recht schmalen Streifen, der sich zwischen Friedenau und Tempelhof auftut. Zu sehen gibt es dort aber eigentlich eine ganze Menge: den Rudolph-Wilde- und Heinrich-von Kleist-Park, die gegen Volkspark, Mauerpark und die anderen üblichen Verdächtigen wie wunderbare, grüne Oasen der Glückseligkeit wirken – sauber, ruhig, sogar das ein oder andere Häschen hoppelt einem hier über den Weg, dicht gefolgt von ambitionierten Schnellrennern natürlich, die in der gängigen, bisweilen etwas übertriebenen  Sportelkluft durchs Geäst jagen.

Dann ist da auch noch das legendäre Rathaus Schöneberg, das einem auch fernab des Geschichtsunterrichts schon einmal zwischen die Finger geraten sein sollte. John F. Kennedy hat sich dort im Juli 1963 mit einem Zitat, das man nicht extra zu wiederholen braucht, erst in die Köpfe der Menschen eingeschlichen und sich dann einen festen Platz erobert. Weg aber von den historischen Sachen und auf in die Safari.

Schöneberg ist auf den ersten Blick geprägt von vielen Altbauhäusern, die größtenteils von Familien oder Studenten bewohnt werden. Besonders etwas südlicher, um das Bayerische Viertel und die Rote Insel herum, drängelt sich eine schöne Fassade neben die andere, sieht man kleine Geschäftchen und Cafés, aber auch urige Berliner Kneipen. Hier eine spezifische Mode zu benennen, fällt nicht nur schwer, es ist fast unmöglich. Stilsicher kommt das meiste, was man in der Nähe des U-Bahnhofes Julius-Leber-Brücke sieht auf jeden Fall daher und angenehmer als in den aktuellen Szenevierteln gleich mit dazu – obwohl das natürlich immer ein sehr subjektives Geschmacksurteil ist und bleibt. Trotzdem: Riesen-Stiefel mit ein bisschen reingestopftem Hosenende, speckiger Jacke von anno dazumal und schlauchigem Schal sieht man erstmal eher selten, stattdessen ziemlich fein abgeschmeckte Klamottenmenüs, die einfach gut aussehen, aber eben auch nicht groß auffallen.

Ein bisschen durchwachsender ist es zwischen Bundesplatz und Inssbrucker Platz. Es gibt dort einmal den Volkspark Wilmersdorf, wo es wirklich schön ist, rundherum aber auch ein paar Ecken, die eher ärmer wirken. Die Menschen gehe hier schon mal im Trainingsanzug zum Einkauf, oftmals – das erinnert ein bisschen an die Reise durch Marzahn – haben sie kleine Hunde bei sich, die bisweilen unliebsam hinterher gezerrt werden. Noch einmal in den Süden gefahren, machen wir einen letzten Halt am Nollendorfplatz. Er ist ein bisschen wie ein Knoten, an dem verschiedene Welten sich berühren, miteinander auskommen oder sich auch mal aneinander reiben. Zuallererst sind da die Eisenacher Straße und ihre Berührungspunkte, die als Schwulen-Kiez gelten. Es gibt hier unheimlich viele Bars, Cafés und Kneipen, einmal im Jahr, dann, wenn es wieder wärmer ist, findet das Motzstraßenfest statt. Nun gibt es aber immer wieder auch Berichte über tätliche Übergriffe auf Schwule, die einfach nicht abnehmen wollen. Das Problem, dass Schwule in ihrem eigenen, Mitten in der Szene also, angegriffen werden, führt zu dem gerade erwähnten Aufeinandertreffen verschiedener Milieus. Oliver Schneider, Besitzer eines Cafés, das zynischerweise den Namen „Heile Welt“ trägt, hatte vor drei Jahren im Tagesspiegel bereits darauf hingewiesen: „Es sind ja nur bestimmte Straßenzüge hier gutbürgerlich“, sagt er und verweist anschließend darauf, dass die „Krawall-Macher“ oft nur ein paar Straßen weiter wohnten, in vielen Fällen Migrationshintergrund hätten und sich daraus dann – das liegt auf der Hand – die klassischen Probleme beim Zusammenprall verschiedener Weltbilder ergäben. Das ist zwar, zumindest für diese Ausgabe, nicht unser Thema, kann einem aber zu denken geben. Das tun wir denn auch während wir im Sonnenuntergang den Rückweg antreten.