Namen werden zu Marken, wenn den Personen dahinter Dinge gelingen, die richtig sind, die Sinn machen oder die eben einfach grandios und neu sind. Wenn man Chanel sagt, dann meint man nicht zwangsläufig die Frau, die dem Imperium Chanel den Namen gegeben, es geformt hat. Man meint dann den Wert einer Sonnenbrille oder eines Lippenstifts. Oder man bricht das Ganze ironisch auf und schmiert sich mit einem Edding oder einem Stück Kohle das berühmte Logo auf einen Baumwollbeutel um unmissverständlich zu signalisieren: der ranzige Fake ist viel cooler als es das Original je sein kann. Überhaupt scheint es, dass das Interesse der Person Chanel erst in den letzten paar Jahren wieder eine Art Konjunktur erlebt hat. Einmal mag das daran liegen, dass gleich zwei Filme in den Kinos waren, die versucht haben, sich dem Leben der Französin zu nähern – „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ und „Coco Chanel & Igor Strawinski“ –, dann aber auch an einer erst kürzlich erschienenen Biographie der britischen Journalistin und Autorin Justine Picardie. Sie fand in Deutschland über den Steidl-Verlag ihren Weg in die Buchläden und ist mit einigen schönen Illustrationen von Karl Lagerfeld versehen.
 
Ungefähr zeitgleich kam noch eine andere Biographie heraus. Sie stammt von dem amerikanischen Autor Hal Vaughan und ist fast schon eine Enthüllungsgeschichte. Vaughan zeichnet darin die Geschichte einer Coco Chanel, die man ohne Weiteres zu einem spannenden Krimi verfilmen könnte. Es geht dabei um ihre antisemitische Haltung, um bestimmte Kreise, in denen sie verkehrte, um ein Doppelleben also. Hierzulande wurde kein gutes Haar an Vaughans Buch gelassen, „operettenhaft“ und „pittoresk“ sind Worte, die sich in die Rezensionen der einschlägigen deutschen Tageszeitungen gegraben haben. Ein moralisches Statement soll das hier nicht werden und deswegen bleiben wir auch näher bei dem, was uns die Modegeschichte erzählt.

Geboren wurde Coco Chanel 1883 als Gabrielle Bonheur Chasnel im französischen Saumur. Nach dem frühen Tod der Eltern verbrachte sie sechs Jahre im Waisenhaus eines katholischen Klosters, wo sie Näherin wurde. Sie nahm anschließend immer wieder Schneideraufträge an, trieb das Handwerk stetig voran und eröffnete 1910 ihr erstes Hutatelier in Paris. Das Geld dazu bekam Chanel von ihrem damaligen Geliebten, einem Sohn Pariser Großindustrieller. Nur fünf Jahre später konnte sie dank eines Kredits ihres nächsten Geliebten bereits verschiedene Modesalons eröffnen, in denen sich bereits das fand, wofür Chanel später so berühmt werden sollte: funktionale, lockere Kleidung mit klaren Linien, die auf pompöse Verzierungen oder enge Schnitte verzichteten. Ihre Mode wurde zum „Inbegriff der Eleganz“, wie die Vogue 1916 schrieb. Kurze Röcke, körperbetonende Materialien und Stoffe, mit denen zuvor kaum gearbeitet wurde – das war neu und faszinierend und zugleich skandalös.

In der Zeit vor dem Vichy-Regime gelang es Chanel, beinahe ein kleines Imperium aufzubauen. Sie hatte mehrere Tausend Angestellte und vermutlich ebenso viele Freunde und Bekannte, darunter Romy Schneider, Igor Strawinsky oder Pablo Picasso. Was dann geschah ist das, worum Vaughan sein Buch kreisen lässt: Chanel soll ab 1940, genau zum Beginn des Vichy-Regimes also, vom deutschen Geheimdienst rekrutiert worden sein. Danach, so Vaughan in seiner Biographie, soll sie eine Affäre mit Hans Günther von Dincklage gehabt haben, der direkt unter dem Propagandaminister Goebbels arbeitete. „Durch ihn“, so eine Rezension der Süddeutschen Zeitung,  „lernte die Französin hochrangige Nationalsozialisten kennen, mit deren Hilfe sie versuchte, die alleinige Kontrolle über das Parfum Chanel zu bekommen.“ Ob das für die Marke Chanel Auswirkungen haben muss und wenn ja, wie diese aussehen, das entscheidet bitte jeder für sich.

Chanels Versuch, nach dem Krieg so etwas wie ein großes Comeback zu stemmen, scheiterte. Zu fatal waren die Auswirkungen, die die Spekulationen über die möglichen Kollaborationen mit den Nazis mit sich gebracht hatten. Auch die Interventionen durch Churchill, den Chanel seit den 20er Jahren kannte und der ihr im August 1944, als sie sich für die vermeintlichen Kollaborationen verantworten musste, zur Seite stand, konnten daran nichts ändern. Erst in den 60ern gelang es ihr, wieder Fuß zu fassen in der Modewelt. Dass Jacqueline Kennedy eine ihrer besten Kundinnen war und kaum eine Gelegenheit verpasste, im schönen Chanel-Kostüm vor die Öffentlichkeit zu treten, wird dabei nicht ganz unerheblich gewesen sein. Wie ist nun aber jene Marke entstanden, die wir heute so ganz ohne Wissen um die Person dahinter in den Mund nehmen?

Der Name, der an dieser Stelle fallen muss, ist natürlich Karl Lagerfeld. Er begann seine Arbeit für Chanel 1983 und wurde ein Jahr später Chefdesigner. Seitdem hat er für das Modehaus acht Kollektionen kreiert, die von Métiers d‘Art bis zu Haute Couture alles abdecken. Von der BBC gibt es übrigens eine sehr schöne und unterhaltsame Dokumentation in fünf Teilen, die den weiten Weg zeigt, den eine kleine Skizze aus Lagerfelds Notizbuch nehmen muss, bis sie auf einer der großen Modenschauen schließlich an die Körper der Models gelangt. Sie heißt