2005 haben der club transmediale und Meike Jansen, die als Redakteurin, Autorin und Veranstaltungsproduzentin arbeitet, gemeinsam einen Band herausgegeben, der sich mit Körperlichkeit, Strategien der Repräsentation und Geschlechterfragen in der elektronischen Musik beschäftigt. Im Klappentext findet sich ein Vorhaben formuliert, das den „Gendertronics“-Band und den club transmediale gleichermaßen um- und antreibt. Es heißt dort: „Über die psychedelischen Trancen der 60er, die Kraftwerk-Robotik der 70er, die Techno-Ekstasen und genderpolitischen Interventionen der 90er bis zur Laptop-Performance oder Versuchen akustischer Kontrollpolitik – immer neu bleibt zu verhandeln, wie die Elektronik und der Körper von wem in welcher Absicht und in welchen Kontexten verkabelt werden.“ An der Schnittstelle zwischen Neuen Medien, elektronischer Tanzmusik und kulturwissenschaftlichen Diskursen zu werkeln, gelingt dem ctm seit über zehn Jahren auf eine Art und Weise, die ihresgleichen, zumindest hierzulande, sucht. Weil Bewegung und Performance in diesem Kontext zwei Begriffe sind, die auf keinen Fall aus dem Blick geraten dürfen, sollte man sich dann und wann auch in den Club wagen. Denn schon Miss Kittin wusste und schrie laut heraus: „You can philosophize forever, you will never find the words. When was the last time you sweat on a dance floor?“

Der club transmediale trat 1999 mit dem Vorhaben an, die transmediale um ein Programm rund um zeitgenössische elektronische Musik zu ergänzen. Die transmediale selbst gibt es um einiges länger: 1988 entstand sie, zuerst als „VideoFilmFest“, aus dem Wunsch heraus, Produktionen elektronischer Medien, die im Rahmen der Berlinale umgesetzt wurden, ein eigenes Agitationsfeld zu geben. Der Hintergrund: bis dahin hatten solche Produktionen gar keine eigene Plattform, waren von den gängigen Filmfestivals sogar ausgeschlossen. Zurück zum Eigentlichen aber. Gegründet von Jan Rohlf, Marc Weiser, Lillevän Pobjoy und Timm Ringewaldt, ist der club transmediale heute die größte Veranstaltung seiner Art in und um Deutschland herum. Workshops, intermediale Installationen, Diskussionen und allerlei Anderes geben ihm das Gesicht, das ihn zu so einer spannenden Sache macht, wenn es um den Nutzen und die Probleme von Digitalisierung, Musik und neuen Kunstformen geht.

Das Motto der diesjährigen, zwölften Ausgabe ist ebenso kurz wie eingängig. „Spectral“, das heißt zuerst einmal „geisterhaft“ oder „gespenstisch“. Mit Musik hat das vielleicht erst auf den zweiten Blick etwas zu tun. Der club transmediale hat dabei vor allem Erscheinungen im Fokus, die in letzter Zeit verstärkt beobachtet werden können und zu denen die Etikettierung indes ziemlich gut passt: Drag, Witch House, analoge Synthiemusik, Neo-Industrial. Was ihnen gemein ist, so der Gedanke des Festivals, ist die Beschäftigung mit negativen Energien, mit Bewusstlosigkeiten und Ohnmacht. Sie sind strukturell dicht und um sie im Kern zu ergründen, müssen gewissermaßen immer erst ein paar Schichten an musikalischen Elementen abgetragen werden – das macht sie interessant und zugleich verstörend, ein bisschen so, als würde man in einem endlos erscheinenden Labyrinth aus Zimmern nach einer kleinen Kiste suchen und dabei viel Staub, Rost und Getier entdecken.

Das Programm, das den ctm 2012 füllt, ist – das ist allerdings zu erwarten gewesen – sehr eng. Man braucht in jedem Fall stets frische Ohren und flotte Beine, um alles mitnehmen zu können oder aber geht streng selektierend vor. Am 27. Januar beginnt der club transmediale mit der CTM.12-Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg Bethanien; drei Tage später folgt dann der musikalische Auftakt im HAU 1 und HAU 2 mit unter anderem Charles Curtis, Carol Robinson und Conrad Schnitzler. Das ganze Programm im Detail runterzurasseln, macht nun natürlich wenig Sinn, deswegen seien einfach einige kleine Punkte erwähnt, die anzusehen und zu hören sicherlich lohnt. Am 1. Februar sind das beispielsweise Mouse on Mars, die seit den frühen 90ern als eines der wichtigsten Projekte im Bereich abstrakter elektronischer Musik gelten. Zuletzt erschien 2006 „Varcharz“, das neue Album „Parastrophix“ folgt nun aber passenderweise Mitte oder Ende Februar. Am 4. Februar wird es im Gretchen ziemlich knusprig, wenn Hudson Mohawke sein Feuerwerk aus Hip Hop und Elektronika zündet – der Junge schaufelt Beats ineinander, dass es eine helle Freude ist und hat es geschafft, den Musikredakteuren des Planeten eine ziemlich schwierige Aufgabe zu geben: wie nur soll man das alles nennen? Hologram Rock, Turbo-Soul oder Kaleidoskop-Funk – das war alles schon im Rennen, aber weil Namen nun eben nur Schall und Rauch sind, belässt man es am besten einfach dabei, sich die bunte Suppe reinzuschaufeln und Spaß daran zu haben. Am letzten Tag, dem 5. Februar, wird es mit Cristian Vogel, Rechenzentrum und anderen noch einmal ziemlich laut und experimentell im .HBC. Bassgewitter, feines Knistern und Rauschen, Flächen, die sich auftürmen oder ineinander verschieben – die perfekte musikalische Übersetzung für das, was den diesjährigen club transmediale umgetrieben hat.

Für nähere Informationen zum Programm und zu Tickets seht bitte auf der Homepage nach: www.ctm-festival.de