Erster Teil: Berlin-Mitte

Vor etwas mehr als zwei Jahren haben The Durags ein nettes Video zur aktuellen Lage in Berlin-Mitte gemacht. Dank Youtube und Konsorten verbreitete es sich in Windeseile und wurde zu einer vielgeschätzten Momentaufnahme dessen, was in puncto Lifestyle zwischen Alex und Kastanienallee so abging. Von Trainingsjacken und Pornobrillen, Neon-Leggings und Schweißbändern war da die Rede. Der typische American Apparel-Style sozusagen, den man natürlich auch deswegen gut fand, weil er für faire Produktion einstand. Leider geht es dem Laden jetzt gar nicht mehr gut, denn was will man mit einem T-Shirt, an dem keine Kinderhände geknibbelt haben, wenn Dov Charney Absonderlichkeiten mit seinen Mitarbeiterinnen treibt und sich dabei – in kurzer Synthetikhose freilich – lachend am Hoden kratzt? Also schnell weg mit den schweißtreibenden Stoffen und zurück zur guten, alten Baumwolle, die uns seit Neustem in Form von altmodischer Strickware aus dem Schaufenster grüßt. Die Farben sind entsprechend gedeckt: Dunkelgrün, Blau und Beigetöne treten ihren Siegeszug an. Und das übrigens nicht nur bei American Apparel.

Aber zurück auf Anfang: Weil zwei Jahre in der Welt der Mode rasch vorbeiziehen und die Gentrifizierung, die dieser Tage in der Tat zum Problem geworden ist, ihr Übriges tut, sieht man inzwischen ganz anderes rund um Hackeschen Markt und Neue Schönhauser Straße. Menschen mit Brillen von Ray Ban wohin das Auge blickt. Dazu feine Mode aus teuren Boutiquen, ein Starbucks Kaffee in der Hand – laktosefrei und fettarm – und ein fair gehandelter Smoothie von glücklichen Waldbeeren dazu. In jedem Fall: Keine Ranzigkeit, die irgendwie doch ins Schicke gebogen werden soll, sondern echter Luxus von Burberry, Boss oder Chanel. Die Frisuren sind so, wie man es in der Fashion-Week-Ausgabe der Zeit sehen durfte: haubenhaft zurecht gestutzt, kantig, irgendwie erinnern sie auf eigentümliche Weise an das, was den Lego-Figuren auf dem Haupte steckt.
Zu diesen stilistischen Gesamtkonzepten passend, steht man sich gern stundenlang die Beine in den Bauch, um schließlich bei Monsieur Vuong in den Stuhl zu fallen und sich über einer gesunden Sommerrolle über das Leben zu unterhalten. Spätestens beim Lassi muss dann aber doch einmal das iPad gezückt werden, irgendwelche Dringlichkeiten gibt es schließlich immer – der Mitte-Mensch ist immer on tour, zeigt dabei aber kaum Abnutzungserscheinungen. Das Leben und der Stress setzen ihm nicht zu und quälen ihn nicht, erste Fältchen werden vermutlich alsbald mit speziellen Gesichtsdurchknetungen wieder gerade gewalzt. In jedem Fall gibt es immer viel zu tun, auf Arbeit wie auch außerhalb. Es ist nicht von der Hand zu weisen – in Mitte haben die Yuppies die Yuffies verdrängt. Und wo sind die? Abgewandert. Und das wahrscheinlich direkt in die alleräußersten Bezirke, denn selbst der letzte, eigenbrötlerische Künstler kann sich dank Eltern oder Erbe heute ein schickes Zimmer in Friedrichshain oder Kreuzberg leisten. Im nächsten Monat machen wir uns also mit Sack und Pack und dem Auge des Forschers in eine der Ecken auf, die man sonst gern meidet.