...geht in die zweite Runde. Oder vielmehr die redaktionelle Auseinandersetzung mit dem Thema.

Ich habe in der Oktober-Ausgabe begonnen, mich mit der letzten Generation, die noch ein Leben ohne Internet kennt, aber trotzdem mit demselben aufgewachsen ist, auseinanderzusetzen – der Generation Y, unserer Generation. Daraufhin wurde monatlich mit einem Artikel aus der Slyle-Redaktion geantwortet. Dabei sind ganz unterschiedliche Blickwinkel entstanden, die ich nun meinerseits gewillt bin zu kommentieren.

Meine gute Freundin Juliette hat zu ihrem Geburtstag ein neues Macbook bekommen. Am nächsten Tag nimmt sie es mit in die Uni. Sie wurde 24. Im Seminar klappt sie es vor sich auf. Denkt, wie schön es aussieht. Tauft es Fred. Denkt an ihren Kater, der auch Fred heißt. Drückt den Startknopf. Wartet. Denkt an ihre Mutter. Endlich. Checkt ihre Emails. Wartet bis sich die Seite lädt. An wen kann man jetzt noch denken? Auf einmal möchte ihr die Dozentin den Termin für die nächste Sprechstunde mitteilen. Juliette bückt sich, kramt in ihrer Tasche herum. Findet es schließlich. Das braune Notizbuch. Fragt nach einem Stift. Wird fündig. Schreibt sich den Termin auf – das Blatt Papier. Der Akzent.

Als ich vor vier Monaten den ersten Y-Artikel schrieb, hatte ich versucht, unseren Umgang mit dem Internet zu beschreiben. Ich hatte behauptet, wir würden so selbstverständlich surfen, wie atmen.
Fundiert wurde diese Einschätzung mit einer Theorie des amerikanischen Autors Mark Prensky, welcher Vertreter unserer Generation als die ersten „Digital Natives“ bezeichnet und unsere Vorgänger-Generation als die letzten „Digital Immigrants“. Letztgenannten unterstellt er einen dicken Akzent. Akzent insofern, als dass sich die Immigranten beispielsweise Emails ausdruckten, um sie als Hard-Copy zu speichern oder nach einem Blatt Papier kramten, obwohl sich die brennend wichtige Information viel schneller im Laptop notieren ließe. Akzent, weil sie Herkunft und alte Gewohnheiten in einer neuen Umgebung oder Zeit nicht verstecken können, oder wollen. In diesem Fall einer Zeit, einer Umwelt ohne Internet. Die Reaktion auf den ersten Y-Artikel ließ mich jedoch an dieser Theorie und seiner Terminologie zweifeln.

Akzente sind interessant. Juliette zum Beispiel hat einen sehr schönen französischen Akzent. Er ist Ausdruck ihrer Wurzeln und Persönlichkeit. Wenn sie sich aufregt, wird ihr Deutsch beispielsweise plötlisch ganz ‚art, laut und feuscht. Sie ist zwar nicht besonders stolz auf ihren Akzent, aber auf ihre Herkunft dafür umso mehr. Aber ist der Begriff ‚Akzent‘ wirklich auch auf unsere Gewohnheiten aus einer vor-vernetzten Zeit anzuwenden? Die Analogie scheint plausibel, doch ist sie wirklich praktikabel um einen Vertreter der Generation X von einem Vertreter der Generation Y zu unterscheiden? Der Tenor der letzten Y-Artikel lässt mich diese Frage verneinen. Schließlich triefen sie nur so vom dicken Akzent einer prädigitalen Zeit. Obwohl ihre Autoren alle nicht älter als 24 sind.

Die einen befürchten fehlende Wertschätzung der eigenen Leistung, wenn ihnen ihre Noten nicht mehr auf Papier vorgelegt werden, sondern durch Agnes oder andere ungeliebte Uniseiten mitgeteilt werden. Die anderen plädierten sogar für die totale Verweigerung; setzten das Internet mit Stress gleich und befanden die Wissensaneignung und -speicherung als eine andere, wenn sie zu einem Großteil vorm PC stattfindet. Ein anderer wünscht sich sogar die Zeit vor dem „Social Networking“ zurück und hofft, dass mal wieder sein alter Schulfreund an der Tür klopft und ihn mit dem Ball unterm Arm zum Fußball einlädt. „Klar!“, „ ...aber wo sind die anderen?“. Meine Befürchtung ist, dass Autoren wie Prensky einfach zu voreilig waren. Man kann Technik-Affinität nicht mit Modernität gleichsetzen und jedem 20-jährigen Technik-Affinität zu unterstellen, wäre absurd. Wie löst man diese Identitätskrise nun? Wer sind wir eigentlich? Wir, die Generation Y? Wer sind wir, wenn nicht Kinder des Internets?

Folgendermaßen könnte man hastig, mit Fahnenschwänken und Hymnenklang konkludieren: Wir bestehen eben doch nicht nur aus Bits and Bytes; Es gibt doch noch etwas in unseren Twittbook-Seelen, das nicht auf dem Präsentierteller liegt, das sich nicht so leicht auf einem Blog reduzieren lässt, das vielleicht sogar menschlich, schlicht und analog ist. Die Generation Y als Menschen aus Fleisch und Blut? Nicht so schnell: Am 18. Januar 2012 war Wikipedia nur eine von vielen Webseiten, die sich an einem internationalen Protest gegen ein US Amerikanisches Gesetz namens SOPA beteiligten. SOPA sollte der dortigen Exekutive mehr Möglichkeiten zur Bekämpfung von Copyright-Vergehen ermöglichen. Das Gesetz könnte zur Folge haben, dass Seiten wie Youtube oder andere Webhosting-Seiten ihre Tore schließen müssten. Wikipedia machte auf diesen Umstand aufmerksam, indem sie einen Tag lang den Ernstfall, bzw. Ausfall probte. Für 24 Stunden wurde die Seite mit einem schwarzen Schleier verhängt.

Was würden die obigen Internet-Skeptiker machen wenn der Ausfall ein Dauerzustand wäre? Wenn das Internet weiter kommerzialisiert würde und wir nur noch einen extrem eingeschränkten Zugang zu selbigem hätten? Oder komplett ohne Internet? Zumindest kurzfristig würde der Stress zunehmen. Der Bolzplatz wäre leer. Handynummern hat man doch nur noch von seinen guten Freunden. Was aber ist mit langfristig? Wie war es früher? Wir mussten von einer Bibliothek in die nächste rennen um auch nur das kleinste Referat vorzubereiten, in die Videothek um die Abendunterhaltung zu sichern und mit dem Kauf des neuen Albums der Lieblingsband bis zum nächsten Monat warten, weil wir diesen Monat schon alles für überflüssige Gesellschaftsmagazine ausgegeben hatten.

Wer glaubt, unser junges Leben würde ohne Internet besser laufen, hofft vielleicht auf die nächste Generation. Die kennen nämlich wirklich kein Leben mehr, das ohne Internet stattfindet und werden der geschichtlichen Dialektik zufolge eine Gegenbewegung anstoßen. Sie werden dann nur von dem leben, was sich in ihrer nahen Umgebung finden lässt: Telefon, Fernseher und Kühlschrank. In der Uni sind sie dabei komplett ausgegrenzt und es wird ein neues Anti- Diskriminierungsgesetz angestrengt. Auf den Lebensläufen sind dann nicht nur die Angabe von Religionszugehörigkeit und Bild verboten, sondern auch die Angabe von EDV-Kenntnissen. Ok, das klingt jetzt ein wenig zugespitzt, trifft aber vielleicht einen Wunsch, den viele teilen und sich nicht trauen auszusprechen. Vielleicht klingt diese Welt für viele ja ansprechend und der mainstreamige, allgegenwärtige Internet-Hype geht an einigen 20- oder 30-jährigen vorbei. Es gibt keinen der sie mitnimmt, niemanden der sie versteht. Und tatsächlich ist das Internet in vielen Bereichen zu einem Zwang geworden. Wer an einer deutschen Uni studiert, weiß das. Hier geht nichts mehr ohne das Internet. Bei Beschwerde bekommt man gesagt, es gehöre nun eben auch zur Ausbildung eines Studenten, sich Computer- und Internet-Kenntnisse anzueignen. Es gibt Kampagnen für bewussteren Umgang im Internet, Computer-Kurse und vieles mehr. Kurse für Internet Verweigerer gibt es nicht. Immerhin Slyle nimmt sich derer an, die sich ein Leben unter ständigem Internet Stress nicht leisten möchten und hat sein Magazin nun im Café Pimpinelle ausliegen. Ganz umsonst. Danke Slyle.