In der Nase hängt der Geruch von Benzin. Das blaue Licht der Aral-Tankstelle am Messegelände lässt mein Gesicht etwas blass und krank aussehen. Die Kälte nagt am Körper, die Beine zittern und mir ist kalt – sibirische Kälte bei Temperaturen von -16°C auf dem Quecksilber der digitalen Tankstellenanzeige. Die Scheinwerfer der Autos und Laster kreuzen sich; kreuzen meinen Blick.

Mir gegenüber hält ein Wagen  an und ich frage die Fahrerin, ob sie nach  Leipzig fährt. Die kleine Blondhaarige im für sie zu mächtig wirkenden Gespann erwidert, dass sie nach Hamburg düse. Einundzwanzig Uhr, immer noch keine Helen mit silbernem Mercedes und der Zielangabe Leipzig in Sicht. Wie telefonisch besprochen stehe ich an der Tankstelle am Messegelände – einem von dutzenden Treffpunkten hier in Berlin, wenn es um Sammelstellen für Mitfahrer geht, die am Wochenende Richtung Heimat aufbrechen, mal wieder die Schwester besuchen oder einfach nur zum Flughafen gebracht werden wollen, um in den Urlaub zu starten.

Der Schultergurt meiner  Reisetasche schneidet sich so langsam in meine Haut ein, Schneeregen setzt ein und ich sehne mir meine Mitfahrgelegenheit herbei. Das Geräusch der sich automatisch öffnenden und schließenden Tür des Tankstellenshops geht mir auf die Nerven. Mittlerweile ist es viertel Zehn; noch keine Helen in Sicht und ich sehe mich schon im Berliner Nachtleben anstatt am Krankenbett meiner Mutter zu Hause. Ganz untypisch rief mich mein Mütterchen Dienstagabend an und erzählte von Schwindelanfällen, Atemnot und dem Wunsch, mich doch zu sehen.

Letztendlich kommt Helen also doch. Der Schweinwerferlichtkegel einer Limousine zielt auf mich, verkleinert sich, bis er nur noch einen kleinen Kreis auf meinen Knien darstellt und schlussendlich kurz vor mir erlischt: „Du willst nach Leipzig?“ fragt Helen, und macht eine Bewegung mit der Hand Richtung Kofferraum. Beim Einladen meines Gepäcks meldete sie noch zwei Mitfahrer an, die offensichtlich – genau wie sie – zu spät sind. Auf meinem mitfahrgelegenheiten.de-Account hingegen strahlen sechs goldene Sterne und beweisen meine (Über-)Pünktlichkeit. Zu gerne hätte ich mir jetzt die Accounts der Mitfahrer anschauen wollen.

So ergeht es eben nicht nur mir, nein; täglich, stündlich, ja minütlich empfinden etwa 3.542.739 Chauffeure, Beifahrer und Rückbankschläfer auf bereits erwähnter Plattform, Europas Nr. 1, dasselbe. Dieses Konzept ist nicht nur TÜV-zertifiziert sondern auch umweltfreundlich. Und ich leiste meinen Beitrag. Schau dich nur einmal auf der Autobahn um. Wie viele Autos mit nur einer einzigen fahrenden Person zählst du? Richtig. Zu viele. Dem wirkt doch ein dein-Auto-und-Geldbeutel-füllendendes Konzept wie Mitfahrgelegenheiten ganz klar entgegen. Und das ist gut so.

Mittlerweile ist es halb Zehn. Yve stellt sich Helen und mir vor. Er ist mir trotz seines lässigen Grußes „Ahoi!“ sofort unsympathisch; weil zu spät. Viel zu spät, möchte ich Helen anschreien. Das würde aber sicher zum Ausschluss aus der Fahrgemeinschaft führen. So jedenfalls schaffe ich es nicht mehr rechtzeitig nach Hause; meine Mutter braucht Hilfe, und jetzt lasse ich sie warten.

Mit nochmaligem Blick auf meine Uhr steige ich in den tatsächlich geräumigen Mercedes. Ich setzte mich auf gepflegtes weißes Leder; mein Unmut schwächt leicht ab. Dann fahren wir auch los. Ohne den dritten Fahrgast. Endlich. Yve erzählt indes von seinen Zukunftsplänen. Er antwortet auf Helens Frage nach seinem Broterwerb mit einem schleifenden BWL - Studium, das er abbrechen will, um sich als Bananenpflücker in Australien durchzuschlagen; er will work & travel‘n.

Das passiert ständig. Als bodenständiger Sparfuchs, der sich nicht einmal ein Bahnfahrticket zu Mutti leisten kann, triffst du bei dieser Art zu Reisen stets auf Abenteurer, Frauen die auf Mallorca Eisdielen eröffnen wollen, Tokio-Hotel-hinterher-reisende-Fans oder gut gebaute Fußballer, die zum Testtraining nach Berlin eingeladen wurden.

Meistens jedoch auf seltsame Gestalten. Einst reiste ich mit zwei bulgarischen Mädchen, die sich, gemäß ihrer heimatlichen Tradition, auf der Rückbank nicht anschnallten; einer 27-Jährigen, die ihr gesamtes Hab und Gut in einem Koffer mit sich herum transportierte und gerade auf dem Weg nach Spanien war; einem Jugendlichen, der leidenschaftlich von seiner Lehre zum Synchronsprecher erzählte; einem Bühnenbauer, der wiederum Insiderwissen über Dieter Nuhr und Thomas Gottschalk sein Eigen nennen konnte. So gestaltet sich das Angebot an Mitfahrern doch recht amüsant und zeitvertreibend.
Helen rast mit 210 Kilometern pro Stunde über die Autobahn, über Glatteis, so empfindet das mein Körper jedenfalls. Die Hände klammern sich an dem Griff die sich über dem Seitenfenster befindet, der in einem solchen Wagen jedoch nur zum Aufhängen eines Anzugs geeignet ist; mein Po rutscht indes aufgeregt hin und her und meine Augen visieren jeden Brückenpfeiler ängstlich an. Die Bäume rasen an uns vorbei – ich komme Leipzig immer näher und wir scheinen tatsächlich etwas Zeit heraus zu holen.

Yve erzählt indes, wie „tight“ Berlin im Gegensatz zu Leipzig doch sei, während er dabei einen Schluck Mate trinkt. Meine Wenigkeit denkt an den Horrorfilm vom Wochenende zurück; der skrupellose Killer stieg in das Taxi ein, brachte am Ankunftsort nicht nur den Fahrer, sondern auch den zweiten Fahrgast um. Und da waren wir dann auch plötzlich schon. Ausfahrt Leipzig Mitte. Am heimischen Bahnhof  angekommen drücke ich Helen zehn Euro in die Hand, einen Kuss auf die Wange und Yve ein klein wenig zu kräftig die Hand.

Mein Zuhause erreichte ich zu spät, meine Mutter schlief bereits; wahrscheinlich voller Sorge um mich ein. Diese wirklich preiswerte, ökologisch sinnvolle und meistens auch unterhaltsame Art des Reisens hat eben doch einen (kleinen) Nachteil; suchende Fahrgäste sind abhängig von der Zuverlässigkeit der Fahrer und andersrum. Bei der nächsten Reise nach Hause zur kranken Mutter werde ich wahrscheinlich auf den niedrigen Preis pfeifen und mich auf die vorhergesagte Ankunftszeit der Bahn verlassen.
Obwohl, so pünktlich ist die ja nun auch wieder nicht.