Das Wohnzimmer vibriert im orangefarbenen Ton. Die alten Möbel werfen warme Schatten auf die kahle Wand. Die Wanduhr tickt leise, fast unmerklich im Hintergrund. Es ist kurz vor Zwanzig Uhr; man liegt schon in voller Erwartung auf dem Sofa.

Man erwartet sie.

Sie? Um dir, lieber Leser auf die Sprünge zu helfen, hier ihre Maße: Durchschnittliche Zuschauerzahl im Jahr: knapp acht Millionen pro Sendung, die älteste Krimireihe im deutschen Fernsehen, achthundertundachtundzwanzig in Deutschland ausgestrahlte Episoden. Traummaße für eine Sendung.
Die Serie der Serien – Tatort ihr Name.

Das Vorspiel beginnt. Judith Rakers oder Marc Bator heizen uns mit Nachrichten aus der Welt der Politik, des Sports und der Wirtschaft ein. Sehnsüchtig wird der Wetterbericht, das Ende erwartet; die Liaison soll schließlich starten. Die Beine liegen auf dem Couchtisch, das Bier in der rechten Hand. Nur bei dir kann man wirklich so sein, wie man ist. Bei dir kann man leise, ja bequem liegen bleiben, du agierst und verwöhnst.

Das erste Mal besuchte sie uns im „Taxi nach Leipzig“; ganze zweiundvierzig Jahre ist dies nun her. Je älter der Wein, desto besser schmeckt er. Dabei bleibt sie gerade einmal neunzig Minuten, und geht wieder; eigentlich unglaublich, und das Woche für Woche. Damals schaute sie gerade einmal im Monat vorbei; nun verwöhnt sie viermal im Monat.

Man genießt sie allein, mit seinem Partner gemeinsam oder – und das ist der neuste Trend – in Gesellschaft, Public Viewing; eigentlich eine sehr nette Idee: Freunde treffen, Bierchen trinken um sich aufzulockern und ihr folglich zu frönen. Wer will heutzutage schon allein seinen Spaß haben?  Eben – und deswegen schaut man ihrem Treiben auf Großleinwänden zu.

Eigentlich läuft es mit ihr immer gleich ab; seit Jahren dasselbe; sie ist ein Dino ihrer Branche, den deine Großeltern, deine Eltern und du kennen; und trotzdem wird es nie langweilig. Im Vorspann blitzen mich dreimal zwei Augen an; dann zeigt Schauspieler Horst Lettenmayer wie schnell er (weg-)laufen kann, nasses Kopfsteinpflaster bei Nacht.

In der nächsten (Ein-)Stellung bietet sie mir einen Toten an, oder zwei.

Sogleich tauchen ihre Geliebten auf – das Salz in der Suppe der bewunderten Serie – die Kommissare. Die Ermittler wechseln dabei wöchentlich, der Tatort bedient sich ihrer einfach; sie hat die freie Auswahl zwischen unzähligen Detektiven, denen sie wöchentlich Höchstleistung abverlangt. Wahnsinn was sie leisten kann; von woher diese kommen; Berlin, München, Leipzig, Münster, Bremen, Hamburg, Kiel.

So sehen durchschnittlich rund zweiundzwanzig Prozent aller Fernsehzuschauer am letzten Tag des Wochenendes sich noch immer liebende, sich dauernd streitende oder wenigstens am Tatort essende Spürnasen an, deren Aufgabe es nun ist, Mörder oder Mörderin des Opfers ausfindig zu machen. Dabei sind diese Ermittler so normal dargestellt wie du und ich. Der Eine zu dick, die Andere alleinerziehend. So gelingt es doch, uns Zuschauer noch fester an die einzig wahre Serie, die einzig sehenswerte Fernsehshow zu binden, sie zu lieben!

Natürlich kommen auch Handschellen zum Einsatz; die Brust geht auf und ab sobald diese das erste Mal zum Einsatz kommen. Täter Nummer 1 ist dabei immer ein arroganter Schnösel, ein Chef oder ein Politiker. Unser Profil eines Bösewichtes, unsere Erwartungen an einen Täter müssen schließlich erfüllt werden.

Die Verhörung des eben Festgenommenen stellt einen Höhepunkt dar, der auch uns auf den Gipfel der Spannungen bringen soll. Gesteht der Schurke? Hat er ein Alibi? Wieso isst der ermittelnde Polizist auch während des Verhörs? Es ist wie eh und je spannend mit ihr; die Serie packt uns an der Gurgel, lässt den Atem stocken.

Der Gesetzesbrecher verstrickt sich in Lügen; der Kommissar kommt ihm auf die Spur.

Doch dann flieht der Ganove, die Verfolgungsjagd beginnt. Die Kommissare rasen in deutscher Wertarbeit á la BWM dem Schlawiner hinterher. Schleichwerbung beachtet das Auge im Moment nicht; fokussiert starrt man auf die Röhre. Die beiden Polizisten erwischen den Pfiffikuss unter Einsatz ihrer Pistole. Höchst erregt verfolgt man das Treiben. Die Luft kann man schneiden. Dann das Geständnis. Wie in jeder Folge handelte der Strolch aus sozialkritischen Motiven. Der Zuschauer soll ja schließlich auch was lernen.

Wow! Was für eine Spannung; vor lauter Aufregung verschüttet man Bier auf dem Teppich. Die Serie hat nichts an Spannung verloren; fesselt den Zuschauer im heimischen Wohnzimmer und hat demnächst tatsächlich Sexappeal zu bieten: Til Schweiger wird in seiner Rolle als softes Herzchen und Zweiohrküken demnächst in Hamburg auf Verbrecherjagd gehen oder im Manta den Banditen schweißtriefend hinterher hasten.

So langsam kommt man runter; flugs der Abspann, und dann verlässt der Tatort den Raum, die sonntägliche Nacht. Was für eine Episode! Was für ein Abend! Erneut hingen wir an ihr, an der Serie der Serien; jetzt heißt es wieder eine Woche warten. Wenn man montags nicht früh raus müsste, könnte man sich noch den Talk mit Günther Jauch, sozusagen die „Zigarette danach“ gönnen...