Berlin im Sommer, eine Stadt in der höchsten Form ihrer Gefühle. Die Bäume und Parks – wovon es in der Hauptstadt sehr viele gibt – blühen und allgemein frohlockt die „Berliner Schnauze“ in dieser Jahreszeit einmal nicht mit bissigen Kommentaren. Ja, gar die Menschen in der S-Bahn scheinen in dieser Jahreszeit zufrieden zu sein – kein Wunder, es liegt ja auch kein Schnee. Und während am Wochenende die älteren Generationen mal mit und mal ohne Gehhilfe die Natur bewundern, ruft jedes OpenAir und jeder Club nach Berlins jüngerer Generation, damit sie die heiligen Tore überschreiten und der „Bumsmusik“ frönen. Und das am Tag und in der Nacht, manchmal sogar ein ganzes Wochenende, wird mit anderen Feierwütigen nach dem Motto „Drei Tage wach!“ gefeiert.

Mit dem lila Koffer an die Schlange vom Berghain

Mitten in dieser Stimmung von elektronischen Orgasmen und den Nächten voller Höhepunkte kam auch Regina nach Berlin – doch nicht um hier zu bleiben, sondern um Freitag anzukommen, sich an die Riesenschlange am Berghain zu stellen und nach drei Tagen wieder mit dem Zug Richtung Heimat aufzubrechen: Regensburg, so nennt sich die Stadt. „Ich war damals sehr oft in Berlin“, sagt sie, während ihre Mütze in das Gesicht rutscht: „Immer zum Feiern.“ Zu Hause, wo Freunde und Familie leben, machte sie ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in einem Zoohandel und arbeitete auch nach dieser weiterhin dort. Als sie vor zwei Jahren wieder ihre obligatorische Reise nach Berlin antrat und sich wieder mit ihrem lila Koffer an die Schlange vor dem Berghain anstellen sollte, hätte sie wohl nicht gedacht, dass diese Reise an jenem Freitag im Berghain eine andere Geschichte als sonst bekommen würde: „Ich habe den Koffer von der Garderobe geholt und dann bin ich ins Hostel.“

Noch im ehemals besten Club der Welt entschied sich die damals 21-jährige Frau mit den kurzen Haaren, dass sie keine Rückreise ins bayerisch-provinzielle Regensburg antritt. „Meinen Eltern habe ich eine SMS geschrieben“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln, nachdem sie ihre Mütze wieder richtig aufgesetzt hat. „Ich bleib erstmal für ‘ne Weile“, stand dann auf dem Handy-Display ihrer Eltern. Nachdem sie viele Anrufe ihrer Eltern ignoriert hatte, stand sie nun da, allein in der im Vergleich zu Regensburg mit seinen rund 140.000 Einwohnern riesigen Stadt – nur mit ihrem lila Koffer. „Ich kannte bis auf die Party-Bekanntschaften niemanden“, erzählt sie, während die selbst-gedrehte Zigarette in ihrem Mund beim Anzünden kurz aufflammt. „Ich war immer unzufrieden, weil ich den ganzen Tag irgendwelche Regale mit Katzenfutter einräumen musste. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, das auch noch in zwanzig Jahren zu machen.“ Nach den drei durchzechten Tagen im Berghain ging sie für eine Woche ins Hostel, suchte nach WGs. Während sie ihre Geschichte erzählt, lächelt „Ninsha“, wie sie Freunde nennen, immer wieder – sie scheint glücklich und stolz auf sich zu sein, denn ihr Blick zeigt auf die Sachen und Möbel, die sie in ihrem jetzigen 21-Quadratmeter-Zimmer in einer WG in Prenzlauer Berg zu stehen hat – in jenem Sommer war das noch ganz anders.

Eine 90-Zentimeter-Matratze war ihr Zuhause

Nach einer Weile im Hostel hatte Regina Glück. Sie fand ein Zimmer in einer WG: „Ich hatte ein Zimmer in einem Loft, hab mit fünf Typen zusammengewohnt – einer davon war schwul, mit dem bin ich dann auch immer wieder ins Berghain.“ Das Berghain war ihr Motiv, jahrelang die ewige Reise nach Berlin anzutreten. Regina fand eine Schule, holte auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nach: „Ich hatte nichts, meine Eltern haben nach einem Monat meine Wohnung aufgelöst, Möbel und Sachen an Freunde und Verwandte verschenkt.“ Nun hatte Regina das, was sie wollte: „Mal komplett frei sein und nichts an der Backe haben“, sagt sie, während sie ihre Stirn in Falten legt und ihre Augenbrauen nach oben zieht. Die ersten zwei Monate lebte sie vom Ersparten: „Ich wurde bayerisch erzogen, da spart man halt.“

Eine 90-Zentimetermatratze war ihr einziges Hab und Gut. Sie brauchte nicht mehr, um glücklich zu sein.

Regina schaut aus dem Fenster, hält kurz inne, wirft ihren Blick auf selbstgemalte Bilder an ihrer Wand, ehe sie den langsam fallenden Schneeflocken zuschaut: „Das erste halbe Jahr war heftig, die Berliner lassen einen nicht so richtig an sich ran, sind oberflächlich.“

„Aber dann hat es Klick gemacht!“

Ihr Eindruck von damals hält sich scheinbar bis heute, denn eigentlich hat sie nur bayerische Freunde in der Hauptstadt. Sie zog mit ihrer schmalen Matratze durch Berlin, fand eine neue Bleibe in einer WG – ihr altes Sechs-Quadratmeter-Zimmer war einfach zu klein: „Das im Loft war keine Dauerlösung – aber gut, damit ich weitersuchen konnte.“ Aber auch hier hielt es die schmächtige Frau nicht lange, es war einfach zu teurer im Friedrichshainer Kiez. Und das trotz bayerischer Erziehung.

In dieser Zeit vernachlässigte sie die Schule, war regelmäßig im Club anstatt die Schulbank zu drücken: „Ich habe zuerst die Ernsthaftigkeit des Abiturs nicht richtig wahrgenommen!“, sagt sie, als ihre Mütze ein weiteres Mal ins Gesicht rutscht. Regina setzt sie wieder richtig auf. „Aber dann hat es Klick gemacht!“

Regina ist eine gut gelaunte junge Frau, sie lacht immer wieder, lebendig schlägt sie ab und an ihre Hände übereinander, während der Stummel ihrer Zigarette sich dem Ende entgegen neigt.

Seit knapp einem Jahr wohnt sie in Prenzlauer Berg: „Direkt an der Grenze zu Wedding – das finde ich fett!“

Sie zündet sich eine neue Zigarette an. Ihr Blick wandert wieder einmal durch das Zimmer. Sie spricht schnell, der bayerische Akzent dringt immer wieder durch: „Ich habe ja noch viele Freunde in Regensburg!“

Regina verliert das Lachen nicht. Diesen Anscheint erweckt sie, weil ein kleines Lächeln ihr endlos über die Lippen läuft. Vor allem dann, wenn sie über ihre Zukunft spricht. „Ich will mit gescheiterten Existenzen zusammenarbeiten – entweder mit Prostituierten oder aber als Bewährungshelfer.“ In dem Moment, als sie damals auf der Tanzfläche im Berghain für sich entschied, dass Berlin, „die funkelnde Stadt“, ihre neue Heimat werden soll, hätte es in den späteren Monaten auch schief laufen können. Diese Erfahrung will sie anderen Menschen näher bringen. „Außerdem“, sagt Regina mit einer kurzen Pause, „haben Lebensgeschichten etwas Lebendiges – es ist nicht wie Katzenfutter einräumen.“

Sie selbst hätte wie viele andere, die nach Berlin kommen wollen, scheitern und obdachlos werden können. Aber sie hat es geschafft, hilft anderen mehr als sich selber: „Ich habe ein Helfersyndrom. Ich rufe immer den Kältebus an, wenn ich einen Obdachlosen auf der Straße liegen sehe und gebe Geld, auch wenn ich nicht viel habe.“

Ein paar kleine Schneeflocken finden draußen den Weg zur Erde. Für einen Moment wirkt Regina nachdenklich, lacht nicht und sagt nach einem Moment der Stille: „In zehn Jahren bin ich nicht verheiratet und habe keine Kinder! Einen Job, der mich erfüllt, doch viel Geld brauche ich nicht.“

Das Lebendige in Regina half ihr nach jener durchzechten Nacht im Berghain, in Berlin Fuß zu fassen. Das Lebendige wird sie – so wirkt sie zumindest – auch in zehn Jahren das erreichen lassen, was sie will. Auch wenn es nicht viel ist.