Sechs Jahre ist es nun her. Mein Bein schmerzt immer noch, wenn ich daran zurückdenke, wie es sich an Unmengen scharfer und kantiger Steine zerkratze, als ich meinen aufblasbaren Gummiwal vor dem Untergang in diesem riesigen See bewahren wollte. Er war teuer. Hab ihn von meinem eigenen Geld gekauft.
Doch das riskante Manöver ist mir gelungen. Meinen Wal habe ich gerettet. Nach dem Sprint über die harten und riesigen Steine waren meine Füße und Beine zerkratzt, die Schmerzen vom Sonnenbrand rückten in weite Ferne.
Der Urlaub in Ungarn vor vielen Jahren war eine Odyssee. Ich fuhr mit meinen Eltern an den Plattensee oder besser gesagt den Balaton. Als kleines Kind verwechselte ich den riesigen ungarischen See immer mit dem Ballermann auf Mallorca, dachte schon damals an feierwütige Partymenschen – und an Palmen.

Es liegt mittlerweile auch nicht nur 10 Jahre in der Vergangenheit, sondern war auch zeitgleich der sechste und letzte Urlaub im ungarischen Tourismus-Hochgebiet. Um Mitternacht – es muss ein Freitag gewesen sein – fuhren wir mit dem Auto los. Doch nie schafften wir es zu einer vereinbarten Zeit aufzubrechen, ganz egal wohin, weil mein Vater immer seinen obligatorischen Gang auf das Klo antreten musste. Er schien sich dabei geistig auf die lange Fahrt einstellen zu können und in sich zu gehen – auch wenn die Fahrt nur fünf Minuten dauerte. Aber solche Puffer hatte meine Mutter eingeplant. Sie machte sich keinen Stress, trotzdem sie eigentlich alles organisierte. Die Fahrt, die Verpflegung für uns Kinder sowie die Decken, in die wir uns während des Fahrens einkuscheln und schlafen sollten. Auch jede Reisetasche wurde von ihr gründlich durchgegangen und geplant. Dennoch sollte ich mir im Vorlauf des Urlaubes selbst darüber Gedanken machen, wie viel ich von meiner Kleidung mit nach Ungarn nehmen wollte. Ich weiß noch, wie ich nur zwei Schlüpfer und zehn T-Shirts mitnahm. Achso, und eine Hose. In dem Moment, in dem sie sie den Hügel Wäsche sah, den sie bügeln sollte, reichte es ihr: sie machte einen Wisch durch meinen Schrank und auf einmal lag alles auf den Boden. Der Wutanruf auf mein Handy folgte wenig später, dass ich „sofort!“ nach Hause kommen sollte.

Meine große Schwester war immer vorbildlich. Sie half meiner Mutter, bügelte ihr Zeug selber. Sie war fünf Jahre älter als ich. Und diese fünf Jahre machten sie für mich zu einem monströsen Ekelpaket. Sie durfte länger wach bleiben als ich, durfte Alkohol trinken, durfte mit den Erwachsenen an einem Tisch sitzen. Sie durfte alles.

Unsere zwei Katzen blieben natürlich im trauten Zuhause in Deutschland. Oma sollte sich darum kümmern. Das machte sie gern, denn sie war schließlich auch ein festes Mitglied in unserer Familie.

Nachdem mein Vater eine Rolle Klopapier aufgebraucht haben muss – so lange war auf der Toilette – wirkte sein Blick fahl und blass. Es ging ihm nicht gut und so musste die erste Zeit der zwölf Stunden langen Fahrt meine Mutter am Steuer sitzen. Sie war ein Universaltalent und mein Vater ein Tollpatsch. Mein Vater wusste das. Jede Woche äußerte er seinen Unmut darüber, dass meine Mutter kochen konnte, einkaufen konnte, Sachen am Computer erledigen konnte, bügeln konnte – er beschwerte sich eigentlich über all das, was er nicht konnte. Minderwertigkeitskomplexe im großen Stil. Ob er die Fahrt nach Ungarn zuerst deswegen nicht antreten konnte um meine Mutter zu ärgern, hat sich bis heute nicht geklärt. Sie sind geschieden.

Unsere Fahrt führte über die Tschechei, die Slowakei und zu guter Letzt in unser Domizil Ungarn.  Kurz hinter der Grenze der Tschechei kamen die ersten leicht-bekleideten Frauen auf uns zu, sobald mein Vater, der seit dem Grenzübergang wieder am Steuer saß, langsam fuhr. Sie hoben ihren Arm, wollten, dass wir anhalten. Meine Mutter sagte nur leise: „Es ist mein Mann, also zieh die Hände ein, sonst hack‘ ich sie dir ab!“ Meine Schwester schlief, nein, sie pennte. Ich hasste sie, denn sie war bockig, wusste immer alles. Das Wort „Schlafen“ wird meinen Gefühlen zu dieser Zeit nicht gerecht. Es war also klar, was da für Frauen rumstanden. Auch wenn ich noch sehr jung war, begriff ich das Elend, in dem diese wohl gesteckt haben müssen.

Der boshafte Spruch von meiner Mutter war nicht makaber, sie meinte es eher witzig, kostete den schwarzen Humor mal wieder bis auf das Äußerste aus. Sie erklärte uns das Schicksal der jungen Damen und verdeutlichte uns, wie gut wir es eigentlich haben.

Es wurde hell. Die Sonne vertrieb die dunklen Wolken am Himmel. Es war diesig, leichter Nebel legte sich auf die Berg- und Hügellandschaften in der Tschechei. Es dauerte nicht mehr lange, bis wir die Slowakei erreichen würden. Auf einmal ging nichts mehr weiter. Wir hatten fast die Grenze der Slowakei erreicht und vor uns baute sich ein ellenlanger Stau auf – wie ein Orkan, der sich in seiner vollsten Pracht vor unser Auto stellte.

Drei Stunden standen wir, ich war immer noch wach. Es war mittlerweile schon hell und die Morgensonne knallte auf unser Auto. Meine immer noch pennende Schwester wurde auch endlich wach und befreite sich aus ihrer Decke. Wohl zu warm geworden. Es war die slowakische Grenze, die wir passieren sollten. Die Grenzkontrollen waren allerdings so langsam, dass der Stau erst nach gut drei Stunden aufgelöst war und wir durch die Slowakei fuhren, bis wir endlich Ungarn erreichen sollten.
Von der ungarischen Grenze sind es noch gut zwei Stunden, die wir fahren mussten um unser Domizil, den Plattensee, zu erreichen. Ich stellte mir vor, wie die Palmen am Strand stehen, der Sand vom Strand zwischen meinen Zehen durch das immer wiederkehrende Wasser weggespült wird. Meine Erwartung türmte sich noch mehr auf, als am Horizont, den ich durch die Frontscheibe anschaute, ein zweiter Himmel entstand. Er war etwas dunkler als der richtige Himmel. Nur ganz leicht konnten wir erkennen, dass ein kleiner, schmaler Strich den Unterschied zwischen Himmel und Himmel ausmachen sollte. Es war kein Himmel, es war der Balaton, den wir aus der weiten Ferne sahen. Meine Schwester, die mittlerweile nicht mehr weg nickte und auch die schöne Landschaft genoss, hielt in diesem Moment einfach den Mund. Wie wir alle. Unsere Vorfreude auf den gemeinsamen Urlaub schien in diesem Moment ihren Höhepunkt erreicht zu haben.

Keine zwei Stunden später erreichten wir unser Ferienhaus, nicht weit vom Wasser, direkt im Tourismus-Gebiet. Es war mittlerweile schon tiefster Nachmittag, die Sonne prallte. Die Häuser am Balaton sind nicht anders als in Deutschland. Kleine bis mittelgroße Grundstücke, normale Häuser, manchmal bis zu drei Etagen hoch. An unserem Haus rankte sich der Efeu bis zum Dach. Die ganze Fassade war grün. Überall hörten wir ein leises Summen. Wir kamen näher. Das Summen wurde zu einem Vibrieren. In dem Efeu war ein riesiges Wespennest. Hier konnten wir nicht wohnen.

Ein paar Telefonate mit der Agentur, die uns das Haus vermittelte, später, sahen wir uns in einem anderen Vorgarten wieder. Das Haus schien schön. Ebenso wie die Brüste der älteren Dame, die in der Nachmittagssonne ihren Körper nackt wärmen wollte. Ein toller Anblick zur Begrüßung, der der Spontaneität geschuldet war. Sie wusste nichts von ihrem Glück, dass sie für die kommenden 14 Tage in ihre Garage, die sie sich liebevoll eingerichtet hatte, einzieht. In Ungarn machen es viele Hausbesitzer so. Sie stellen während der Urlaubszeit ihr Haus zur Verfügung für die vielen Touristen. Überall am Straßenrand sieht man Menschen, die ein Schild in der Hand halten. Gebrochenes Deutsch: „Ferinwonung zum vermieden!“ In dieser Zeit ziehen sie in einen Anbau – oder eben in die Garage. An den Namen der alten Frau kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur, dass wir mit ihr Apfelmus machten und dass sie uns immer viele ungarische Süßigkeiten gab.

Es folgten die Tage, die wir am Strand verbrachten. Meine Illusion des feinen Sandes und der Palmen wurde prompt zerstört. Denn der Balaton hat keinen Sandstrand, sondern riesige Steine, die ihn begrenzen. Über viele Leitern kann man in den See steigen und weit herauslaufen, denn der See ist bis zu einem bestimmten Punkt sehr flach. Doch das tat der guten Laune keinen Abbruch, auch wenn mein Sonnenbrand sich wie ein Waldbrand anfühlte. Alles tat weh. Aber nicht nur mich sollte es treffen, sondern auch meine verehrte Frau Mama, meinen Vater und meine Schwester. Wir standen vor dem Spiegel und zogen uns eine Art Stirnband verbrannter Haut ab. Lecker.

Das kommt davon, wenn mein Vater eine verantwortungsvolle Aufgabe übernimmt und die Sonnencreme, die man  vor dem Sonnenbad nimmt, erst  danach aufträgt, damit die Haut nicht austrocknet. Wir lagen also bei 40 Grad im Schatten am grünen Wiesenstrand und das wie gekochte Eier.

Auch wenn keine Palmen am Strand standen und auch bis heute wahrscheinlich keinen Platz am Plattensee fanden, war die Versöhnung meiner Erwartungshaltung groß, als die Damen und Herren mit ihren umgebauten Rädern am See anfuhren und gekochten Maiskolben verkauften. Ungarn ist günstig.

Fünf Jahre hintereinander fuhren wir dorthin. Das sechste und vorerst letzte Mal sind wir in die Hauptstadt Budapest gefahren. Eine schöne Stadt mit vielen Brücken, Kirchen und vielen verwinkelten Gassen. Wir verliefen uns. Rannten und suchten unser Auto. Acht Stunden lang. Meine Füße waren schwarz und stanken. Ich hielt sie, nachdem wir endlich im Auto saßen, aus dem Fenster. Wir fuhren auf der Autobahn zurück zu unserem Ferienhaus, im Hintergrund lief „Bye, bye American Pie“ von Madonna. Es ist viel mehr passiert, als hier in der Geschichte dargestellt wird. Die Puszta war auch ganz schön, das Baden, das Einkaufen. So viele kleine Geschichten und Anekdoten die sich um den Urlaub versammelten und reihten. Genau wie diese, dass sich meine Mutter von meinem Vater ein gutes halbes Jahr später trennte – sie blieben gute Freunde. Mein Schwester war sowieso in dem Alter, dass sie beim nächsten Mal nicht mehr mitkam. Der Gummiwal lebt auch heute noch. Gut verstaut ist er im Keller.

Nur Mutti, ihr neuer Freund und ich fuhren das kommende Jahr in den Urlaub: nach Tschechien. Und damit hatten wir wahrlich gute Erfahrungen gemacht.