Ich nahm die Fashion Week 2011 zum Anlass, den tiefen Hass über die offensichtlichen Missstände, an denen nicht nur die Gesellschaft, in der ich mich bewege, sondern vor allem meine Persönlichkeit krankt, anzuprangern. Das Verlassen meiner Altbauwohnung fällt mir, nicht nur aufgrund der lebensgefährlichen Kälte, in dieser Woche besonders schwer. Schaffe ich es, nach  einem ausgiebigen Ritual – indem ich mein Äußeres in verschiedene Lagen schwarzen Stoffes hülle – einen Schritt vor die Tür zu setzen, so treiben mich Gefühle des Hasses und des Ekels sofort wieder in meine schützende Höhle, die von oben bis unten mit den großen Titeln der Weltliteratur vollgestapelt ist.

Wer kann mir diese leicht soziophoben Tendenzen angesichts des oberflächlichen Grauens, das in bestimmten, sogenannten Trendbezirken, vorherrscht, verübeln? Auf dem Weg zur Arbeit begegnen mir Horden anorektischer Frauen, deren Unterernährung, gefördert von den Modeschöpfern dieser Welt, zu einem neuen perfiden Schönheitsideal avancierte. Manchmal wünsche ich mir dann, dass der Wind, der in den zugigen U-Bahnschächten der Stadt weht, diese grauenhaften Frauen samt ihrer Entourage aus SLR-Kamera-tragenden Fashionistas direkt auf die Schienen fegen würde, so dass die verlumpten, Bier trinkenden, von Krätze geplagten, aber dennoch liebenswürdigen Obdachlosen die Plattformen wieder ganz für sich alleine hätten.
Was ist nun die Absurdität an dieser verzwickten Situation? Trotz meiner unverhohlenen Abneigung gegen all diese modischen Spektakel, üben sie dennoch ein absurde Anziehung auf mich auf, die sich nur anhand der Ambivalenz meines eigenen Charakters, der doch so sinnbildlich für die Einstellung einer ganzen urbanen Generation steht, erklären lässt.

Dabei fällt es schwer dem Phänomen des Hipsters, zu dem man auch den Autoren dieser Zeilen rein objektiv zählen muss, auf die Spur zu kommen, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Diverse mittelmäßige TV-Formate schießen sich nun auf den Typus des  Hornbrillentragenden, halbwegs-intelligenten Sprösslings reicher Eltern ein, der die Cafés und Clubs der Hauptstadt parasitär befällt und ohne Jutebeutel und Second-Hand-Kleidung das Haus nicht verlässt. Über eine solche Beschreibung, die Youtube-Beiträgen und TV-Shows von zweifelhafter Qualität zu Klicks und Einschaltquoten verhelfen, verliert Mann oder Frau meines Schlages kaum ein müdes Lächeln.

Denn längst ist die Evolution des Hipsters voran geschritten, längst weiß man um die Lächerlichkeit des eigenen Seins und reagiert darauf einzig und allein mit Hass. Der Hass ist es, der uns alle antreibt. Der Hass und der Neid auf andere, ebenso individuelle, ebenso schöne, ebenso junge, ebenso talentierte Artgenossen einer Spezies, die in einem erbitterten Kampf um Anerkennung und vielleicht auch um Ruhm zu immer drastischeren Mitteln greifen.

Die Waffen der Wahl sind Informationen. Informationen über neue Trends aus Musik und Mode. Der abgeklärte Berliner Musikkenner zerreisst jedes noch so gute DJ-Set in der Luft, wenn der jeweilige Musiker bereits ein ansehnliches Stammpublikum auf seiner Seite hat, dass nicht nur aus Forum-Nerds besteht, sondern auch aus Feierwütigen, die vor einem Jahr noch zu Paul Kalkbrenner getanzt haben. Selbst wenn diese Acts die ausgelassene, drogengeschwängerte Stimmung der Panoramabar zum Überkochen bringen, rümpft der kühl-distanzierte Kenner nur angewidert die Nase. Es geht hier einzig und allein um die Exklusivität der Kunst, denn ohne Exklusivität kann das Selbstbild des eingefleischten Indivdualisten nicht aufrecht erhalten werden.

Kritik und schonungsloses Gemecker lassen schnell den Anschein von unverkennbarem, eigenen Stil aufkommen, so dass der Hipster oder in diesem Falle der Hater, schnell an die Spitze der Szenepyramide katapultiert wird. Sympathien für bestimmte Künstler oder bestimmte Designer dienen ausschließlich dem Zweck der Abgrenzung. Nur durch die Aufrechterhaltung eines Maßstabes, der meist aus einem Trend besteht, der in heimischen Gefilden noch nicht angekommen ist, lässt sich angemessen auf Dinge herabschauen.

Diese Erkenntnis ist trivial. Sie ist ebenso oberflächlich und banal, wie jene TV-Formate, die den Berliner Hipster als neue Spezies der lächerlichen Moderne ausgemacht haben.

Die angesprochene Ambivalenz meiner Persönlichkeit, die es mir unerträglich macht mich selbst anzunehmen, trieb mich direkt in die Arme eines etwas schläfrigen, dafür umso bärtigeren Psychoanalytikers im gut-bürgerlichen Schöneberg:

Für meine erste Sitzung putzte ich mich nach allen Regeln der Kunst heraus. Schwarze Kleidung von den Militärboots bis zur englischen Donkeyjacket, sollten mich, so glaubte ich zumindest, gegen die durchdringenden Blicke des Freudianers schützen. Während ich mein obligatorisches Exemplar von Camus‘ „Mythos des Sisyphos“ demonstrativ auf den Tisch legte, warf der gute Herr sofort die erste Frage auf: „Ich sehe, Sie sind schwarz gekleidet. Sind Sie  Angehöriger einer Subkultur?“

Außer stammelnden Worten hatte ich darauf keine Antwort parat. Dieser ältere Herr, der von allen weltlichen Belangen so weit entfernt schien, hatte es ungewollt geschafft, die ganze Lächerlichkeit dieses Phänomens auf den Punkt zu bringen.

Folgende weise Worte hätte ich mir von ihm gewünscht:

„Sehen Sie junger Mann. Ihre innersten Motive, die Sie zu einer äußerlichen Erscheinung wie der Ihren zwingt, sind auf einige wenige Eigenschaften herunterzubrechen. Es sind die Begierde, die Eitelkeit und der Hass, die Sie antreiben. Es ist die Motivation ihrer Generation, die Motivation der  gesamten materialistischen Gesellschaft.

Diese Antriebe sind die Resultate eines radikalen Individualismus, der diesen siechen Planeten fest in seinen Krallen hält. Er lässt uns beständig danach streben, uns von den anderen Angehörigen unserer Spezies zu unterscheiden und ihnen im besten Falle auch überlegen zu sein. Denn in unserem Wettkampf nach Anerkennung, der mit den härtesten Bandagen geführt wird, erwartet uns hinter der Ziellinie nur der blanke, kalte Tod. Er ist der große Gleichmacher und für einen Narzissten, wie Sie einer sind, gibt es wohl keine schlimmere Vorstellung, als dass am Ende wieder alle gleich sind.“

Mit diesen Worten, die durchaus auch vom bekannten französischen Autoren Michel Houellebecq stammen könnten, mache ich mich fertig für eine der großen After-Fashion-Parties. Wallende schwarze Gewänder von Damir Doma und anderen avantgardistischen Herrenschneidern sind hierfür das passende Outfit. Und während ich meine Mitstreiter in diesem aussichtslosen Kampf um Exklusivität beobachte, die in aller Öffentlichkeit ihre vom Kokain verstopften Nasengänge  frei schniefen, beginne ich laut zu lachen. Alles was bleibt ist das Lachen. In unseren Kreisen ist die Selbstironie das einzige, was mich am Leben hält.

Ich sehe mich dann im pechschwarzen Eichensarg liegend der Ewigkeit entgegen schweben. Die einzige Gewissheit die bleibt, ist, dass meine dazu passende schwarze Kleidung von exquisiter Qualität meine Gebeine noch um Jahrhunderte überdauern wird.