Die frohe Kunde, dass Neukölln nicht nur Rüpel & Rütli ist, hat nun vermutlich auch ihren Weg in die Köpfe letzter skeptischer Menschen gefunden. Die Gentrifizierung ist auch hier angekommen und das schon seit einigen Jahren. Nur hat man in den vergangenen Monaten stärker als zuvor bemerken können, wie kleine Läden, Cafés und Galerien wie Pilze aus dem Boden sprossen. Für die, die nach Neukölln kommen, weil sie hier während des Studiums eine schöne Zeit zwischen Kleinkunst, Werkstätten und anderem kreativen Potential haben können, ist das wunderbar. Die Mieten sind halbwegs erschwinglich, Tendenz natürlich steigend, und wenn es dann doch 50 Euro mehr werden, na, dann kriegt man das meistens auch irgendwie gestemmt. Ein letzter Indikator dafür, dass der Stein eigentlich erst angefangen hat, ins Rollen zu kommen: eine erste Bio Company auf der Sonnenallee hat letzten Herbst eröffnet, es werden gewiss einige weitere Filialen folgen. Buschkowsky freut sich, ein bisschen Gentrifizierung tue dem Viertel gut, sagt er.

Das eigentliche Problem liegt natürlich ganz woanders. Dort zum Beispiel, wo Adiletten und übergroße Schmuddel-Pullis nicht getragen werden, weil sie vielleicht gemütlich sind und dabei auch noch lässig und cool aussehen, sondern weil das Portemonnaie gar nichts anderes zulässt. Die Verlierer der Gentrifizierung sind, ganz gleich ob Türken, Deutsche oder Sudanesen, diejenigen, die hier schon ganz lange gewohnt haben und plötzlich weg müssen. In die Plattenbausiedlungen im Süden beispielsweise. Wer findet, dass es zwischen Karl-Marx-Straße, Hermannstraße und Sonnenallee schmutzig und trist ist, war bestimmt noch nicht in der High-Deck-Siedlung am Ende der Sonnenallee oder in der Gropiusstadt. Dort ist die Arbeitslosigkeit höher als im Durchschnitt, besonders unter Jugendlichen. Um die Wirksamkeit von Klamotten schert man sich wahrscheinlich wenig oder zumindest ganz anders, als das zwischen Reuterkiez und Rathaus Neukölln der Fall ist. Und dennoch ergibt sich hier wie in so vielen anderen gentrifizierten Teilen der Stadt ein seltsames modisches Spiegelverhältnis zwischen den Alteingesessenen und den Zugezogenen, bei dem sich Fragen nach Coolness, Respekt und Notwendigkeit aufdrängen, die wir an dieser Stelle einmal unangeschnitten lassen wollen.

Stattdessen stromern wir nun dort herum, wo es die Jugend hinzieht. Runter zum Landwehrkanal, dessen Ufer auf der Höhe des Hertzbergplatzes noch das Weigandufer ist, ehe es einige Meter weiter alle paar Tage zur Schleuse von allerhand Gewusel wird: dienstags und freitags gibt es hier am Maybachufer einen türkischen Markt, auf dem man neben Pasten, Oliven und Gewürzen auch Stoffe finden kann – das freut die Bastlerinnen und Bastler, die allenthalben ihre Victorias rattern lassen, natürlich gleichermaßen. Einmal im Monat kann man sich das Genähte auch gleich unter den Nagel reißen, dann sitzen hier alte und junge Menschen zum Nowkoelln Flowmarkt in ihren Büdchen und verkaufen Wiederentdecktes oder Neugemachtes. Wenn es draußen zu kalt ist, kriegt man per Datenstrom geflüstert, in welchem der vielen kreativen Räume man sich stattdessen durch Klamottenberge robben kann oder in welcher offenen Siebdruckwerkstatt es gerade einen DIY-Workshop gibt. Würde man aktuell eine kleine Landkarte erstellen, auf der überall dort, wo Galerien, Cafés, kleine Modelabels oder Clubs eröffnen, ein kleiner leuchtender Punkt blinkt, man wäre vermutlich ähnlich fasziniert und verloren wie beim Anblick des Sternenhimmels.

Entgegen der anfänglichen Befunde über den langen Rattenschwanz, den die Entwicklung zum Szene-Kiez da hinter sich herzieht, zeigt sich bei so etwas wie dem Neukölln Fashion Weekend im Oktober vergangenen Jahres, dass der Umgang mit dem Problem der Gentrifizierung nicht nur ein Nebenschauplatz ist, sondern auch in der Szene selbst offen thematisiert wird. 32 Labels konnten dort ihre Mode-Kollektionen vorstellen und genauso, wie bei der Auswahl von Stoffen auf Nachhaltigkeit geschaut wird, ist das auch im sozialen Bereich der Fall. Organisationen wie das Netzwerk Mode & Nähen, kurz Nemona, versucht deswegen gezielt, die Designer auf solchen Veranstaltungen wie dem Fashion Weekend auch mit Modeproduzenten und Zwischenmeistereien zu vernetzen – das sind meist kleine Schneidereien, die nicht für Endkunden, sondern für Designer kleinerer Kollektionen arbeiten, für die es sich gar nicht lohnen würde, an einem anderen Standort produzieren zu lassen. Genau da werden vor allem kleine Änderungsschneidereien oder Stickereien interessant, die in Neukölln ganz oft von Türken betrieben werden. Sie sollen gleichsam integriert und gefördert werden, auch wenn dabei, wie Sabine Hülsebus von Nemona sagt, natürlich nicht immer ein richtiger Job abspringt. Was aber bleibt, sind wichtige Kontakte und zwar auf beiden Seiten. Denn die Zwischenmeistereien „sind für die Designer ganz wichtige Berater in Material- und technischen Fragen.“ Besser kann ein Nebeneinander von kultureller Szene-Entwicklung und sozialer Unterstützung eigentlich gar nicht aussehen – wir drücken die Daumen und wünschen uns, dass diese Fahrtroute beibehalten wird.