ein Artikel über das selbstzerstörerische Martyrium der Modewoche in Berlin

Es fängt mit dem allmorgendlichen Problem an: Welche Schuhe bringen mich heute durch den Tag? Einige besitzen vier, andere 40.000 Paar. So viel wie Anna dello Russo, ihres Zeichens Chefin der japanischen Vogue und meist-gebloggtes Fashion-Victim im Modeuniversum, habe ich sicher nicht im Schrank. Dennoch treibt es mir jeden Morgen aufs Neue die Schweißperlen auf die Stirn, wenn ich im Angesicht meines Schuhschrankes stehe, in dem meine 40 Paar wie ein 80-köpfiges Monster wirken, welches lediglich darauf wartet, getragen zu werden. Dieser personifizierte Schuhalbtraum holte mich auch an diesem Tag wieder ein.

In dieser Woche halten jedoch eine Reihe ganz anderer Ereignisse die Hauptstadt zusätzlich in Schach. Ein jeder Modehungrige hechtete von den Couture-Schauen der Fashion Week, über die Premium- und Bright-, bis hin zu der wohl bekanntesten und imposantesten Streetwear-Messe: der Bread & Butter.
Vom 5.-7. Juli fand die „Supershow“ auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof statt, wo man sich damals über die „Rosinenbomber“ freute, die den goldenen Westen Berlins mit Lebensmitteln versorgten, werden den Menschen exorbitante Klamotten gezeigt, die eigentlich keiner braucht.
Angekommen auf der riesigen Landebahn wurde ich die letzten Meter via Busshuttle vor die heiligen Hallen gefahren. MacBooks, iPhones, Interviews und schöne Menschen in Massen wirkten beinahe genauso, wie die drückende Hitze auf dem Rollfeld und ließen den Teer schmelzen.

Drinnen angekommen war die Freude über ein klimatisiertes Modemekka und Gratisgetränke schier grenzenlos. Die circa 600 anwesenden Aussteller aus Bereichen wie Denim, Street Fashion, Casual und Sportswear machten es mir nicht leicht, diesen glorreichen Tag mit zwei Männern im Schlepptau zu überstehen. Die 14 Zentimeter Absätze an meinen Schuhen taten ihr Übriges.
Nichtsdestotrotz wurden wunderschöne Stücke des italienischen Labels Liu Jo gezeigt, das sich vor allem durch deren butterweiche Lederjacken und schnappatmung-auslösenden rote Seidenkleidern in mein Gehirn einbrannte.
Bei Guess, einer hauptsächlich auf Jeanshosen spezialisierten Marke, lernte ich nicht nur, dass Models ganz nett anzuschauen sind, sondern auch, dass sie nebenbei ganz praktisch als Babysitter fungieren und zu Waffel-Wurst-Variationen wunderbar harmonieren. Hilfiger beeindruckte gleichermaßen durch eine Swimmingpool-Installation, die uns Otto-Normal-Besucher bei gleißender Hitze vor Neid erblassen ließ.
Hübsch anzuschauen war die Planscherei in den neuesten Jeansmodellen aber allemal.
Ich gönnte mir eine Pause und entdeckte dabei Bühnen und andere Gebilde, die das Flughafengelände kaum noch als solches wiedererkennen ließen. Vorbei an den etlichen Bars und Chill-Out Areas verdarb mir ein Blick auf die Speisekarte endgültig den Appetit: 14,50 Euro für einen Hamburger schlagen wahrlich auf den Magen.
Zurück in der achten und letzten Ausstellungshalle war ich schlagartig wieder voll und ganz in meinem Element. Ich hatte den Schuhhersteller Buffalo erreicht und erblickte sogleich ein Exemplar, welches dem heiß diskutierten Prada Creeper verdächtig ähnlich sah. Diese elegant-anmutenden Lady-Lackschühchen erinnerten an eine Mischung aus Flip-Flops und Fußballschuhe, die wahrscheinlich gerne die Deutschen Frauen bei ihrer Heim-WM getragen hätten.
Ausgestattet mit taschenweise Lesestoff für die kommenden Wochen, jedoch ohne neue Schuhe trat ich den Heimweg an und sehe schon jetzt dem Januar mit Freude entgegen, dort lebt man auf dem Tempelhofer Flugfeld wieder in Saus und Braus. Und wer weiß, vielleicht habe ich bis dahin ja den Schuh meines Lebens aufgetan.