Als Walter Benjamin in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts seinen berühmten Kunstwerk-Aufsatz schrieb, ließ er seine Befunde vor allem um ein wichtiges Problem kreisen: Wenn Möglichkeiten technischer Reproduzierbarkeit auf den Plan treten, dann verändert sich die Art und Weise, wie Kunstwerke rezipiert werden. Sie sind nicht länger an Rituale oder kultische Momente gebunden und damit einem bestimmten Kreis vorbehalten, sondern – Benjamin macht das  vor allem an den Techniken der Fotografie fest – einer größeren Öffentlichkeit zugänglich und verlieren so an Kultwert. An seine Stelle tritt das, was Benjamin den Ausstellungswert nennt. Wenn er die Fotografie als populäres Beispiel bemüht, dann deswegen, weil sie noch mehr als die Malerei die Spuren ihrer Entstehung verwischt – auf technischer Ebene. Die Linse eines Fotoapparates rückt Dinge anders in den Fokus, als das menschliche Auge, Nachbearbeitungen können sogar Dinge sichtbar machen, die dem menschlichen Auge niemals zugänglich wären. Und das Ergebnis schließlich, die Fotografien selbst, ist um seine Aura, um den Kontext seiner einmaligen Erscheinung, gebracht.

Gerhard Richter, der große deutsche Maler, um den es hier eigentlich gehen soll und der am neunten Februar seinen 80. Geburtstag feierte, ist für zwei sehr verschiedene Beobachtungen wichtig, die sich beide an das eingangs Gesagte knüpfen lassen. Einmal ist eine seiner wirkungsvollsten Techniken das Abmalen von Fotografien – eine interessante mediale Rückübersetzung – und darüber hinaus gibt es aktuell kaum einen anderen Maler, dessen Figur der eines großen Stars so nahe käme, um den sich eine so geheimnisvolle Aura rankt. Unglaublich viele Menschen sind am 12. Februar vor die von Mies van der Rohe 1967 verwirklichte Neue Nationalgalerie gekommen, um die Eröffnung der Gerhard Richter zum Geburtstag gewidmeten Panorama-Ausstellung mitzuerleben. 130 Bilder und fünf Skulpturen kann man bis Mitte Mai sehen, einen Querschnitt durch Richters gesamtes Œuvre sozusagen. Die Stücke – mal sind es bekannte wie „Betty“ aus den 80er Jahren, mal weniger bekannte – sind chronologisch sortiert und verweisen auf die ganz unterschiedlichen Techniken und das entstandene Material, die Richter seit den frühen 60er Jahren verwendet und zur Anschauung gebracht hat.

Geboren wurde Richter 1932 in Dresden, aufgewachsen ist er in der Oberlausitz. Er begann 1951 sein Studium an der Kunstakademie Dresden, unter anderem unter Karl von Appen, jenem Bühnenbildner, der vornehmlich für seine Arbeiten zu Brecht‘schen Stücken am Berliner Ensemble bekannt wurde. Richter floh 1961 nach Westdeutschland und trieb sein Studium schließlich an der Kunstakademie Düsseldorf voran; zehn Jahre später erhielt er dort eine Professur für Malerei.

Seit den frühen 60er Jahren hat sich das angehäuft und zusammengetragen, was die Panorama-Schau nun zeigt. Begonnen hat Gerhard Richter mit den schon erwähnten Abmalungen, für die er Zeitungsmaterial sichtete, das er dann vergrößert auf Leinwand überträgt. Es entsteht auf diese Weise eine Ästhetik, die unscharf und surreal wirkt, die auf das, wie sie einmal klar gezeigt hat, zwar noch verweist, es aber gleichzeitig verunklart und verbirgt. Parallel zu diesen Abmalungen hat Richter immer schon andere Techniken angewendet – die Farbtafeln von 1966 sind ein prominentes Beispiel dafür; er hat dort nach dem Vorbild von Farbmusterkarten wie man sie im Baumarkt findet farbige Flächen nebeneinander gesetzt. Mitte der 70er folgen die Grauen Bilder, dazwischen hat er sich immer wiederholende Motive im Blick – die Kerzen-Bilder, von denen eines nun auch in der Neuen Nationalgalerie zu sehen ist, die Seestücke oder die Wolken-Bilder. Das Gesamtwerk Gerhard Richters auf einen Nenner bringen zu wollen, ist nicht nur unmöglich, sondern auch unsinnig. Zu oft hat er in Interviews selbst davon gesprochen, stillos sein zu wollen und gerade in der großen Bandbreite seines Schaffens selbst artikuliert sich eine Art Hinweis auf Probleme, die tiefer gehen als die Frage nach Stilempfinden und Genrezugehörigkeiten. Die Zeit hat dazu einmal etwas sehr Schönes geschrieben: „Richter ist ein Künstler des postideologischen Zeitalters. Er verschafft der Kunst eine neue Freiheit, er entlastet sie von Symbolen und Behauptungen.“ Genau in dieser Abtragung von alten Lasten liegt dann die Möglichkeit, sie als Versatzstücke zu markieren und neu zu arrangieren. Walter Benjamins Diagnose aus der Zeit, in der die Fotografie ein großes Medium wurde, hing eng mit einem Auraverlust zusammen. Gerhard Richters Bilder werden trotzdem in einer Sprache von Aura und Erhabenheit gelesen. Sie sind nicht kultisch oder von einem Ritual abhängig, aber sie entziehen sich Eindeutigkeiten und werden so zu Momenten einer Aura, die nicht auf technische Reproduktion hinaus möchte, sondern um Wahrnehmungspraktiken, Möglichkeiten der darstellenden Kunst und nicht zuletzt auch die Figur des Malers selbst kreist.