Festanstellung, Großraumbüro und Konzernzentralen waren einmal. Die Arbeitswelt ist im Wandel, Kreuzberg längst auch diesem Trend voraus. Hippe Freiberufler zieht es in das „Betahaus“.

Vom „Betahaus“ in die Welt

Mittagszeit am Moritzplatz. Inspiration liegt in der Luft. Endzwanziger gruppieren sich vor einem eher unspektakulären Gebäude in der Prinzessinnenstraße. Sie atmen durch, tanken Sonne oder drehen Zigaretten. Wortfetzen – sie kommen in den verschiedensten Dialekten daher – übertönen Straßenlärm und Hundegebell. Und sowieso ist alles recht multikulti. Die Sprechenden sind Entwickler, Grafiker, PR-Leute, Blogger, Designer und Freischaffende aller Art, die vorm „Betahaus“ gerade Kraft tanken – um erst Kreuzberg und irgendwann die Welt zu revolutionieren.

Beta ist ein Begriff, den vor allem Softwareentwickler benutzen. Beta-Versionen von Programmen befinden sich noch in der Erprobungsphase, an ihnen wird gearbeitet, gefeilt und verbessert. Beta steht folglich für das Unvollendete, das Ungeschliffene, für die Testvariante. Doch das „Betahaus“ scheint bereits perfektioniert: Hier stimmen Farben, Formen und der Wohlfühlfaktor.
Das Erdgeschoss erinnert mehr an ein Wohn- als Arbeitszimmer: Auf dem hölzernen Podest wird schonmal vor Publikum philosophiert, Sessel in Flohmarkt-Optik, bunte Blumensträuße und Limo-Nachschub an der Bar laden zum Verweilen ein. Gelegentlich muss das „Betahaus“ auch für Bloggerkonferenzen und diverse Workshops herhalten.

Alles kann, nichts muss

Werden und Wachsen – Metamorphose bestimmt das Wesen des Gebäudekomplexes, in dem Selbstständige sich für einen beliebigen Zeitraum zum Arbeiten einmieten können. Seit 2009 beherbergt die ehemalige Textilfabrik nun schon das „Betahaus“ und bietet so jenen hippen Berufstätigen eine angemessene Plattform. Mehr als hundert Arbeitsplätze auf über 1500 hellen Quadratmetern wurden für Menschen geschaffen, die Tisch und Stuhl benötigen und dabei nicht von freien Plätzen in diversen Cafés abhängig sein wollen.

Das Coworking-Prinzip

Netzwerken in der Community, aber dennoch flexibel sein – das Konzept geht auf. So trägt sich das „Betahaus“ seit Ende 2011 selbst. Viele „User“ arbeiten in Eigenregie, haben aber die Nase voll davon, alleine zu Hause zu sitzen und in der Isolation an ihren Projekten zu schwitzen. Neue Gesichter bekommen spätestens in der Kaffeepause ihren Namen, auffällig schnell wechseln Visitenkarten ihre Besitzer. Durch den Austausch der Kreativen entstand schon manch‘ gewinnbringende Kooperation. Auch das bekannte  Carsharingmodell „car2go“ wurde im „Betahaus“ ersponnen. Vernetzung schafft Aufträge, Netzwerken lässt die Kassen klingeln.

Das „Betahaus“ hat etwas von einem U-Bahnhof: Hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, einige Wege führen ans Ziel, andere wiederum nicht. Täglich gehen hier rund 200 Nutzer ein und aus – hinzu kommen Neugierige, Passanten und Gäste. Nichts scheint für die Ewigkeit. Und bezahlen muss man auch, denn das Arbeiten in szeniger Umgebung kostet. Ähnlich wie bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben stehen verschiedene Abonnements zur Auswahl, hier in Tages-, Wochen-, Monats und Halbjahres-Ausführung und wahlweise gekoppelt an Telefon- oder Koffein-Flatrate.

Design und viel „Do it yourself“

Dritter und vierter Stock des „Betahauses“ wurden zu Arbeitssälen umgebaut. Dort trifft Design trifft auf Flohmarkt- und Ikeamöbel und viel „Do it yourself“. Mehrfachsteckdosen baumeln von der Decke herab, braun beschichtete Spanplatten wurden zu  Schreibtischen aufgebockt. Doch wer viel Tamtam erwartet, wird enttäuscht.  Insgesamt ist die Einrichtung eher minimalistisch gehalten. Computer, WLAN, der eigene Mund und fremde Ohren reichen den jungen Kreativen meist vollkommen aus, damit jene Ideen keimen, die dann  verwirklicht werden.

Entweder zahlen Nutzer einen Preis für einen variablen Tisch – der muss dann aber abends leergefegt sein, schließlich wartet schon am kommenden Tag der nächste zahlende Coworker. Oder aber man ergattert – natürlich gegen Aufpreis – einen festen Arbeitsplatz, dem dann auch dauerhaft die eigene Note verliehen werden darf. Teams können monatsweise komplette Räume anmieten, müssen dafür allerdings bis zu 800 Euro hinblättern.

Stillen Denkern ist es in den Großraumbüros hin und wieder zu wuselig, auf sie wartet der sogenannte „silent room“. Dort herrscht absolutes Telefonverbot. Auch andere Rückzugsräume sind vorhanden, damit niemand flüstern muss, etwa wenn sich Telefongespräche um Finanzen drehen.

Berlin setzt Trends

Mittlerweile sind auch in Hamburg und Köln „Betahäuser“ entstanden. Das Konzept hat es sogar über die Landesgrenze geschafft: Die Planung für weitere „Coworkingspaces“ in Sofia und Barcelona steht, die Nachfrage ist groß. Wer im „Betahaus“ arbeitet, ist Träumer und Realist zugleich – und damit wohl optimal ausgestattet, um auf dem Arbeitsmarkt 2.0 zu bestehen.