Augen Auf!

Ob in Wedding oder Schöneberg: Tiergesuche, Vermisstenanzeigen und Mieterbeschwerden schmücken Pfosten, Stromkästen und Haltestellen. Die Hauptstadt spricht eine eigene Sprache – Blogger Joab Nist hilft beim Übersetzen.

Vier Stück Tesafilm halten den beigefarbenen Zettel an der Glasscheibe fest. Das A4-Blatt ist schon abgegriffen, nasskaltes Wetter hat den Buchstaben ihre Intensität geraubt. „Schöner Georg, 32, Werbefutzi. Meld‘ dich mal bei mir“ ist in Blockschrift aufgedruckt. Dem Spruch folgt eine Mailadresse. Passanten hetzen den Kurfürstendamm entlang – vorbei an den Geschäften, dem Feierabend entgegen. In ihren Köpfen addieren sich unerledigte Aufgaben. Sie sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um den Papierbogen zu bemerken. Joab Nist tickt da ganz anders. In seiner Freizeit durchstreift der ehemalige FU-Student die Hauptstadt – suchend nach immer neuen Notizzetteln.

„Ein Stück Berliner Alltagskulturkommunikation“

Joab Nist ist Flaneur, Fotograf und Blogger zugleich. Notes of Berlin, frei übersetzt so viel wie Berliner Zettel, nennt sich sein deutschlandweit bekanntes Weblog. Das digitale Tagebuch füttert er täglich mit Bildern von jenen Papierbögen, mit denen die Hauptstädter ihre Stadt zupflastern. „Mein Blog dokumentiert ein Stück Berliner Alltagskulturkommunikation. Diese reicht vom Aufhängen verschiedener Zetteln, über kommentierte Plakate bis hin zu Inschriften an Hauswänden. Das alles sind Arten der Verständigung, die hier weit verbreitet sind“, erklärt der 29-Jährige das Konzept.

„Komplett eingenommen von dieser Stadt“

„Ich wollte so viele Zettel wie möglich vor ihrem Tod bewahren. Mit meinem Blog versuche ich das Bild Berlins zu spiegeln“, versichert Nist, der 2003 von München in die Hauptstadt zog. Als Neu-Berliner hat man einen anderen Blick auf die Metropole. Joab Nist erklärt den Grund: „Als Zugezogener ist man erst einmal komplett eingenommen von dieser Stadt, von all den Eindrücken, die man hier so mitnimmt. Ich habe versucht, alles aufzusaugen, was damals so passiert ist.“ Er hätte eben auch hinter die Ecken geschaut, in Hausflure und sogar hinter Stromkästen. Darum seien ihm die vielen Aushänge auch sofort aufgefallen.

Dennoch hat es fünf Jahre gedauert, bis ihm der Einfall mit dem Blog kam. Mithilfe des Internets konnte Nist die Zettel vielen Menschen – auch denen außerhalb der Stadt – präsentieren. Gleichzeitig hoffte er aber auch auf die Unterstützung der Berliner Einwohner. Denn Notes of Berlin ist ein Gemeinschaftsblog. „Das bedeutet: Jeder kann aktiv werden, Zettel abfotografieren und mir diese per Mail zusenden“, beschreibt Nist.

Vergangene Nächte, verlorene Kostbarkeiten

Pro Tag bekommt der Blogger fünf bis zehn Mails mit neuen Fotos – Tendenz steigend. Sein Bauchgefühl entscheidet darüber, ob das eingesandte Foto veröffentlicht wird – oder eben nicht. „Ich poste keine Zettel, bei denen ich das Gefühl habe, dass diese extra für das Blog angefertigt wurden. Zudem will ich nicht, dass Notes of Berlin als ein Sprachrohr für irgendeine politische Richtung missbraucht wird. Und Werbung geht natürlich auch nicht”, so Nist.
Jene Zettel, die es letztendlich auf das Blog schaffen, erzählen von vergangenen Nächten, verlorenen Kostbarkeiten, zwischenmenschlichen Problemen und von der unstillbaren Sehnsucht nach dreibeinigen Katzen. Die meisten Zettel „wohnen“ in den Bezirken Neukölln, Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Friedrichshain und Mitte. „Ich glaube, dass die Leser meines Blogs primär in diesen Vierteln wohnen“, mutmaßt Nist.

Viel Hingabe, wenig Ordnungsamt

In anderen Städten würde sein Blog nicht so gut funktionieren – so viel hat der Student schon herausgefunden: „Diese Zettelwirtschaft ist ein Berliner Phänomen. Die Zettel in München sind beispielsweise sachlicher und sehr viel konservativer. Wohnungsgesuche enthalten da Informationen über das Einkommen. In Berlin dagegen wird der Grundriss der Traumbude einfach mit Buntstiften aufgemalt. So eine Hingabe, die hier in Berlin zu finden ist, findet man nicht so schnell in anderen Großstädten.“ Zudem würden die Zettel vom Ordnungsamt hier eher toleriert. Weitere Erkenntnisse notierte Nist in seiner Masterarbeit über das Phänomen der Zettelwirtschaft.

Druckfrisch und zum Anfassen

Pro Tag generiert die Website etwa 5.000 Einzelklicks. Zu Höchstzeiten, also etwa wenn ein Foto über die sozialen Netzwerke besonders breit gestreut wird, kämen schon einmal 20.000 Klicks am Tag zusammen. Die Zahlen beweisen: Mit seiner Idee konnte Nist schnell eine große Fangemeinde gewinnen. Seine Zettel treffen den Nerv, zeigen die Anonymität der Berliner Großstadt wieder und garantieren manchmal den ein oder anderen Lacher. Klar, dass sich Medienvertreter auf Joab Nist stürzten. Der Student gab Interviews und träumte weiter – diesmal vom eigenen Buch.

Im Jahr 2011 wandte er sich an eine Literaturagentur, die ihm bei der Suche nach einem Verleger half – mit Erfolg. Sein Portfolio überzeugte. „Gemeinsam mit dem Ullstein Taschenbuch Verlag erarbeiteten wir ein Konzept für das Buch. Ich hatte meine Freiheiten und konnte den Inhalt des Buches nach meinen Vorstellungen zusammentragen“, berichtet Nist. Im Juni 2012 erschien dann ein gedrucktes Sammelsurium von Nachrichten, Gesuchen, Drohungen und Liebesschwüren. Natürlich musste als Titel ebenfalls ein Spruch herhalten: „Wellensittich entflogen – Farbe egal“.

„Berlin ist auf der Suche“

Und was lernt der Betrachter nun über die Metropole an der Spree? Direkt, fürchterlich frech, aber auch feinfühlig – so zeigen sich Nists Wahlheimat und deren Bürger tagtäglich. „Berlin ist auf der Suche. Berlin ist oft einsam, hat starke Träume und Ideale. Seine Bewohner sind romantisch, meinungsstark und wahnsinnig kreativ. So suchen sie immer neue Ansätze, wie man bekannte Themen angehen kann. Aber vor allem ist Berlin nicht immer nachvollziehbar”, lacht Nist.

Sein Blog soll – auch nach einem möglichen Abebben der gegenwärtigen Begeisterungswelle – weiterlaufen. So will Joab Nist beobachten, ob die Zettel in einigen Jahren gesellschaftliche Änderungen aufzeigen, ob sich Sprache und Tonalität verändern. Bei einer Sache ist er sich bereits sicher: „Die Berliner Zettelwirtschaft wird so schnell nicht aussterben.” Natürlich hat Joab Nist auch selbst schon per Zettel gefahndet, zuerst nach einer Wohnung. „Ich habe über 100 Kopien aufgehängt. Ein anderes Mal wollte ich mithilfe eines Zettels ein Mädchen wiederfinden, das ich in einem Club kennen gelernt hatte.“ Beide Aktionen hatten Erfolg. Nur mit der Wohnung funktionierte es am Ende besser.