Au-Pair in Irland

Axel Berger ⁄⁄ Slyle / Copyright © 2011, Alle Rechte vorbehalten

„Please sit next to me“ sagte sie und zeigte auf den Beifahrersitz, der sich – anders als in Deutschland – auf der linken Seite des Autos befand. Im Fußraum lagen zwei Bananenschalen. „Are you okay? How do you feel in your new home town?” fragte sie, und lenkte den Geländejeep aus dem Parkhaus des Flughafens.

Ich stotterte mit meinem Schulenglisch, dass ich ziemlich aufgeregt sei „meine“ neuen Kinder zu sehen; jedoch zugleich glücklich, nach dem langen Flug im Billigflieger endlich Boden unter den Füßen zu spüren. Zugleich wunderte ich mich über den unsauberen Zustand des Autos; über die Bananenschalen. Meine Gastmutter – eine Hand lässig am Lenkrad, die andere versuchte, eine CD in den dafür vorgesehenen Slot zu schieben – erzählte mir, dass die beiden Kinder sich unheimlich auf den ersten männlichen Au-Pair freuen. Ich warf einen Blick in den Rückspiegel; neben einer Jacke, geleerten Trinkpäckchen und der „Irish Times“ erblickte ich einen braunen Cocker Spaniel, der sich kratzend auf der Rückbank befand. Unsereins platziert sein liebstes Haustier unfallsicher im Kofferraum; jedoch nicht bevor er fachmännisch ein TÜV-geprüftes Hundegitter zwischen „boot“ und „backseat“ installiert hat.

„Her name is Sady, she‘s a lovely dog.” sagte sogleich meine Gastmutter. Naja, so „lovely” fand ich das Sabbern auf den Sitz, die Hundehaare überall im Auto und den Geruch des Tieres nicht. Sollte das Abenteuer „Au-Pair in Irland“ so weitergehen? Sollte so meine neue Heimat aussehen?

Der zehnmonatige Aufenthalt im fernen Irland sollte im Februar beginnen; etwas Anderes sollte meine nächste Zeit bestimmen; weg aus dem grauen Deutschland, endlich Verantwortung für mich und Andere übernehmen und zugleich das schlechte Schulenglisch aufbessern. Hetzen, rennen und pünktlich sein im heimischen Betrieb wollte ich gegen Fußballspielen mit dem Au-Pair-Kind, gemeinsames Kochen und Gute-Nacht-Geschichten eintauschen. Doch wie sollte ich als Junge an einen solchen Job kommen?

Zunächst hieß es, sich erst einmal gegen die Vorurteile der Freunde zu behaupten: „Das ist doch schwul!“, „Fremde Wäsche waschen?“ „Du kannst doch nicht mal bügeln!“

Bügeln konnte ich wirklich nicht. Doch sollte das die einfachste Aufgabe während der 300 Tage im Land der Pubs, Trolle und grünen Wiesen so weit das Auge reicht sein.

So suchte ich im Internet nach Agenturen, die mich gegen Entgelt an potentielle Familien mit roten Deckhaaren, Sommersprossen und komischem Englischakzent vermitteln sollten.

„Männlich? Schwer zu vermitteln!“ hieß es von jeder zweiten Agentur. Alle anderen wirkten weder vertraulich noch seriös. Also suchte ich in einschlägigen Foren nach Erfahrungsberichten und musste von 4m²-Gastzimmern, beißenden Au-Pair-Kindern und nicht bezahlten Au-Pairs lesen. Doch irgendwann, irgendwo in den Tiefen des Internet, irgendwie stieß ich auf die Familie; 1 Kind im schulpflichtigen Alter, Hotelbesitzer, wöchentliche Entlohnung, Erfahrung mit deutschen Au-Pairs. Ich tippte sofort die sechsundzwanzigziffrige Telefonnummer und meldete mich aufgeregt mit einem „Hello, I want to work for you!“. Nach zwei Stunden war ich dank des Telefonates nicht nur um 48,30€ ärmer, nein, ich konnte die Familie zudem für mich begeistern. Sie gaben dem einzig männlichen Bewerber eine Chance. Dann waren es also nur noch ein paar wenige Tage bis zum Abenteuer. Die Freunde überraschten mit einer letzten Abschiedsfeier; die Suche nach einem typisch deutschen Gastgeschenk begann. Dann der Tag der Abreise – Familie und Freundin am Flughafen. Alle weinen – aber ein Junge weint doch nicht.

Im Blaumann, den ich vom Gastvater lieh, mähte ich den Rasen; wie jeden dritten Tag während der zehn Monate. Das hiesige Areal musste gepflegt werden! Das sollte, im Gegensatz zum Jeep der Familie, sauber sein. Für die Hotelgäste, versteht sich. Das Holz für den Kamin musste ebenfalls gehackt werden; Reparaturen durchführt werden. Täglich Hotelbetten abziehen, säubern, neu beziehen. Den Hotelflur wischen, den Frühstücksraum saugen. Physische Arbeit – harte Arbeit. Neben der Betreuung des Kleinen der Familie gehörte dies eben auch zum Job. Der Gastmutter eben als zweiter Mann im Haus behilflich sein.

Au-Pair reine Mädchensache? Nein! Zugegebener Maßen muss man(n) sich in Wäsche waschen, Schuluniform bügeln und Schmeißen des Haushaltes einfuchsen.

Einmal gelernt, klappt das im Handumdrehen. „Das bisschen Haushalt macht sich von allein!“

Die Vorzüge des Mannseins erkennen eben auch die Kinder an. Welches Mädchen kennt sich mit dem Bau von hyperschallschnellen, aus vier Turboblastern bestehenden Lego-Star-Wars-Raumschiffen aus? Welches Mädchen kann dem Sohn der Familie schon Fußball beibringen; mit welchem Mädchen kann man schon wrestlen? Welches Mädchen kennt schon die besten Gruselfilme, die man mit selbstgemachtem Popcorn und Cola in eine Decke eingekuschelt gemeinsam schaut? Nicht nur Familienministerin Schröder erkennt, dass Jungs die besseren Erzieher sind; „Es wäre doch schön, wenn endlich auch mal Männer in Frauenberufe gehen würden. So sei es nicht gerade von Vorteil, dass in Kitas und Grundschulen fast nur Frauen unterrichten.“1 auch ich erkannte, dass sich das Jungendasein positiver auswirkte als gedacht.

Nach 10 Monaten im heimisch gewordenen Irland hieß es Abschied nehmen. Der kleine Junge mit Sommersprossen und Zahnlücke will dich nicht gehen lassen. Du sagst ihm schweren Herzens Good Bye. Man hat sich hier angepasst; hat im Haushalt geschuftet, hat versucht, die Rolle des Au-Pair so gut wie möglich auszufüllen. Das Kind versorgt, das Hotel in Schuss gehalten und dich um die Lieben zu Hause, wenn auch nur per E-Mail, gekümmert. Da sage noch einer, das männliche Geschlecht sei nicht multitaskingfähig. Auf dem Weg zum Flughafen, diesmal habe ich Sady auf dem Schoß, fragt die Gastmutter ein letztes Mal nach meinem Befinden. Ich suchte nach einer englischen Floskel, um mich ein letztes Mal für die großartige Zeit zu bedanken. Sie bedankt sich ihrerseits für den Einsatz und erwähnt, dass sie nächstes Jahr erneut einen Jungen einstellen werden. //

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Ein Artikel von Axel Berger

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