Thank you for travelling with Mitfahrgelegenheit

In der Nase hängt der Geruch von Benzin. Das blaue Licht der Aral-Tankstelle am Messegelände lässt mein Gesicht etwas blass und krank aussehen. Die Kälte nagt am Körper, die Beine zittern und mir ist kalt – sibirische Kälte bei Temperaturen von -16°C auf dem Quecksilber der digitalen Tankstellenanzeige. Die Scheinwerfer der Autos und Laster kreuzen sich; kreuzen meinen Blick.

Mir gegenüber hält ein Wagen  an und ich frage die Fahrerin, ob sie nach  Leipzig fährt. Die kleine Blondhaarige im für sie zu mächtig wirkenden Gespann erwidert, dass sie nach Hamburg düse. Einundzwanzig Uhr, immer noch keine Helen mit silbernem Mercedes und der Zielangabe Leipzig in Sicht. Wie telefonisch besprochen stehe ich an der Tankstelle am Messegelände – einem von dutzenden Treffpunkten hier in Berlin, wenn es um Sammelstellen für Mitfahrer geht, die am Wochenende Richtung Heimat aufbrechen, mal wieder die Schwester besuchen oder einfach nur zum Flughafen gebracht werden wollen, um in den Urlaub zu starten.

Der Schultergurt meiner  Reisetasche schneidet sich so langsam in meine Haut ein, Schneeregen setzt ein und ich sehne mir meine Mitfahrgelegenheit herbei. Das Geräusch der sich automatisch öffnenden und schließenden Tür des Tankstellenshops geht mir auf die Nerven. Mittlerweile ist es viertel Zehn; noch keine Helen in Sicht und ich sehe mich schon im Berliner Nachtleben anstatt am Krankenbett meiner Mutter zu Hause. Ganz untypisch rief mich mein Mütterchen Dienstagabend an und erzählte von Schwindelanfällen, Atemnot und dem Wunsch, mich doch zu sehen.

Letztendlich kommt Helen also doch. Der Schweinwerferlichtkegel einer Limousine zielt auf mich, verkleinert sich, bis er nur noch einen kleinen Kreis auf meinen Knien darstellt und schlussendlich kurz vor mir erlischt: „Du willst nach Leipzig?“ fragt Helen, und macht eine Bewegung mit der Hand Richtung Kofferraum. Beim Einladen meines Gepäcks meldete sie noch zwei Mitfahrer an, die offensichtlich – genau wie sie – zu spät sind. Auf meinem mitfahrgelegenheiten.de-Account hingegen strahlen sechs goldene Sterne und beweisen meine (Über-)Pünktlichkeit. Zu gerne hätte ich mir jetzt die Accounts der Mitfahrer anschauen wollen.

So ergeht es eben nicht nur mir, nein; täglich, stündlich, ja minütlich empfinden etwa 3.542.739 Chauffeure, Beifahrer und Rückbankschläfer auf bereits erwähnter Plattform, Europas Nr. 1, dasselbe. Dieses Konzept ist nicht nur TÜV-zertifiziert sondern auch umweltfreundlich. Und ich leiste meinen Beitrag. Schau dich nur einmal auf der Autobahn um. Wie viele Autos mit nur einer einzigen fahrenden Person zählst du? Richtig. Zu viele. Dem wirkt doch ein dein-Auto-und-Geldbeutel-füllendendes Konzept wie Mitfahrgelegenheiten ganz klar entgegen. Und das ist gut so.

Mittlerweile ist es halb Zehn. Yve stellt sich Helen und mir vor. Er ist mir trotz seines lässigen Grußes „Ahoi!“ sofort unsympathisch; weil zu spät. Viel zu spät, möchte ich Helen anschreien. Das würde aber sicher zum Ausschluss aus der Fahrgemeinschaft führen. So jedenfalls schaffe ich es nicht mehr rechtzeitig nach Hause; meine Mutter braucht Hilfe, und jetzt lasse ich sie warten.

Mit nochmaligem Blick auf meine Uhr steige ich in den tatsächlich geräumigen Mercedes. Ich setzte mich auf gepflegtes weißes Leder; mein Unmut schwächt leicht ab. Dann fahren wir auch los. Ohne den dritten Fahrgast. Endlich. Yve erzählt indes von seinen Zukunftsplänen. Er antwortet auf Helens Frage nach seinem Broterwerb mit einem schleifenden BWL - Studium, das er abbrechen will, um sich als Bananenpflücker in Australien durchzuschlagen; er will work & travel‘n.

Das passiert ständig. Als bodenständiger Sparfuchs, der sich nicht einmal ein Bahnfahrticket zu Mutti leisten kann, triffst du bei dieser Art zu Reisen stets auf Abenteurer, Frauen die auf Mallorca Eisdielen eröffnen wollen, Tokio-Hotel-hinterher-reisende-Fans oder gut gebaute Fußballer, die zum Testtraining nach Berlin eingeladen wurden.

Meistens jedoch auf seltsame Gestalten. Einst reiste ich mit zwei bulgarischen Mädchen, die sich, gemäß ihrer heimatlichen Tradition, auf der Rückbank nicht anschnallten; einer 27-Jährigen, die ihr gesamtes Hab und Gut in einem Koffer mit sich herum transportierte und gerade auf dem Weg nach Spanien war; einem Jugendlichen, der leidenschaftlich von seiner Lehre zum Synchronsprecher erzählte; einem Bühnenbauer, der wiederum Insiderwissen über Dieter Nuhr und Thomas Gottschalk sein Eigen nennen konnte. So gestaltet sich das Angebot an Mitfahrern doch recht amüsant und zeitvertreibend.
Helen rast mit 210 Kilometern pro Stunde über die Autobahn, über Glatteis, so empfindet das mein Körper jedenfalls. Die Hände klammern sich an dem Griff die sich über dem Seitenfenster befindet, der in einem solchen Wagen jedoch nur zum Aufhängen eines Anzugs geeignet ist; mein Po rutscht indes aufgeregt hin und her und meine Augen visieren jeden Brückenpfeiler ängstlich an. Die Bäume rasen an uns vorbei – ich komme Leipzig immer näher und wir scheinen tatsächlich etwas Zeit heraus zu holen.

Yve erzählt indes, wie „tight“ Berlin im Gegensatz zu Leipzig doch sei, während er dabei einen Schluck Mate trinkt. Meine Wenigkeit denkt an den Horrorfilm vom Wochenende zurück; der skrupellose Killer stieg in das Taxi ein, brachte am Ankunftsort nicht nur den Fahrer, sondern auch den zweiten Fahrgast um. Und da waren wir dann auch plötzlich schon. Ausfahrt Leipzig Mitte. Am heimischen Bahnhof  angekommen drücke ich Helen zehn Euro in die Hand, einen Kuss auf die Wange und Yve ein klein wenig zu kräftig die Hand.

Mein Zuhause erreichte ich zu spät, meine Mutter schlief bereits; wahrscheinlich voller Sorge um mich ein. Diese wirklich preiswerte, ökologisch sinnvolle und meistens auch unterhaltsame Art des Reisens hat eben doch einen (kleinen) Nachteil; suchende Fahrgäste sind abhängig von der Zuverlässigkeit der Fahrer und andersrum. Bei der nächsten Reise nach Hause zur kranken Mutter werde ich wahrscheinlich auf den niedrigen Preis pfeifen und mich auf die vorhergesagte Ankunftszeit der Bahn verlassen.
Obwohl, so pünktlich ist die ja nun auch wieder nicht.

Hommage an den Tatort

Das Wohnzimmer vibriert im orangefarbenen Ton. Die alten Möbel werfen warme Schatten auf die kahle Wand. Die Wanduhr tickt leise, fast unmerklich im Hintergrund. Es ist kurz vor Zwanzig Uhr; man liegt schon in voller Erwartung auf dem Sofa.

Man erwartet sie.

Sie? Um dir, lieber Leser auf die Sprünge zu helfen, hier ihre Maße: Durchschnittliche Zuschauerzahl im Jahr: knapp acht Millionen pro Sendung, die älteste Krimireihe im deutschen Fernsehen, achthundertundachtundzwanzig in Deutschland ausgestrahlte Episoden. Traummaße für eine Sendung.
Die Serie der Serien – Tatort ihr Name.

Das Vorspiel beginnt. Judith Rakers oder Marc Bator heizen uns mit Nachrichten aus der Welt der Politik, des Sports und der Wirtschaft ein. Sehnsüchtig wird der Wetterbericht, das Ende erwartet; die Liaison soll schließlich starten. Die Beine liegen auf dem Couchtisch, das Bier in der rechten Hand. Nur bei dir kann man wirklich so sein, wie man ist. Bei dir kann man leise, ja bequem liegen bleiben, du agierst und verwöhnst.

Das erste Mal besuchte sie uns im „Taxi nach Leipzig“; ganze zweiundvierzig Jahre ist dies nun her. Je älter der Wein, desto besser schmeckt er. Dabei bleibt sie gerade einmal neunzig Minuten, und geht wieder; eigentlich unglaublich, und das Woche für Woche. Damals schaute sie gerade einmal im Monat vorbei; nun verwöhnt sie viermal im Monat.

Man genießt sie allein, mit seinem Partner gemeinsam oder – und das ist der neuste Trend – in Gesellschaft, Public Viewing; eigentlich eine sehr nette Idee: Freunde treffen, Bierchen trinken um sich aufzulockern und ihr folglich zu frönen. Wer will heutzutage schon allein seinen Spaß haben?  Eben – und deswegen schaut man ihrem Treiben auf Großleinwänden zu.

Eigentlich läuft es mit ihr immer gleich ab; seit Jahren dasselbe; sie ist ein Dino ihrer Branche, den deine Großeltern, deine Eltern und du kennen; und trotzdem wird es nie langweilig. Im Vorspann blitzen mich dreimal zwei Augen an; dann zeigt Schauspieler Horst Lettenmayer wie schnell er (weg-)laufen kann, nasses Kopfsteinpflaster bei Nacht.

In der nächsten (Ein-)Stellung bietet sie mir einen Toten an, oder zwei.

Sogleich tauchen ihre Geliebten auf – das Salz in der Suppe der bewunderten Serie – die Kommissare. Die Ermittler wechseln dabei wöchentlich, der Tatort bedient sich ihrer einfach; sie hat die freie Auswahl zwischen unzähligen Detektiven, denen sie wöchentlich Höchstleistung abverlangt. Wahnsinn was sie leisten kann; von woher diese kommen; Berlin, München, Leipzig, Münster, Bremen, Hamburg, Kiel.

So sehen durchschnittlich rund zweiundzwanzig Prozent aller Fernsehzuschauer am letzten Tag des Wochenendes sich noch immer liebende, sich dauernd streitende oder wenigstens am Tatort essende Spürnasen an, deren Aufgabe es nun ist, Mörder oder Mörderin des Opfers ausfindig zu machen. Dabei sind diese Ermittler so normal dargestellt wie du und ich. Der Eine zu dick, die Andere alleinerziehend. So gelingt es doch, uns Zuschauer noch fester an die einzig wahre Serie, die einzig sehenswerte Fernsehshow zu binden, sie zu lieben!

Natürlich kommen auch Handschellen zum Einsatz; die Brust geht auf und ab sobald diese das erste Mal zum Einsatz kommen. Täter Nummer 1 ist dabei immer ein arroganter Schnösel, ein Chef oder ein Politiker. Unser Profil eines Bösewichtes, unsere Erwartungen an einen Täter müssen schließlich erfüllt werden.

Die Verhörung des eben Festgenommenen stellt einen Höhepunkt dar, der auch uns auf den Gipfel der Spannungen bringen soll. Gesteht der Schurke? Hat er ein Alibi? Wieso isst der ermittelnde Polizist auch während des Verhörs? Es ist wie eh und je spannend mit ihr; die Serie packt uns an der Gurgel, lässt den Atem stocken.

Der Gesetzesbrecher verstrickt sich in Lügen; der Kommissar kommt ihm auf die Spur.

Doch dann flieht der Ganove, die Verfolgungsjagd beginnt. Die Kommissare rasen in deutscher Wertarbeit á la BWM dem Schlawiner hinterher. Schleichwerbung beachtet das Auge im Moment nicht; fokussiert starrt man auf die Röhre. Die beiden Polizisten erwischen den Pfiffikuss unter Einsatz ihrer Pistole. Höchst erregt verfolgt man das Treiben. Die Luft kann man schneiden. Dann das Geständnis. Wie in jeder Folge handelte der Strolch aus sozialkritischen Motiven. Der Zuschauer soll ja schließlich auch was lernen.

Wow! Was für eine Spannung; vor lauter Aufregung verschüttet man Bier auf dem Teppich. Die Serie hat nichts an Spannung verloren; fesselt den Zuschauer im heimischen Wohnzimmer und hat demnächst tatsächlich Sexappeal zu bieten: Til Schweiger wird in seiner Rolle als softes Herzchen und Zweiohrküken demnächst in Hamburg auf Verbrecherjagd gehen oder im Manta den Banditen schweißtriefend hinterher hasten.

So langsam kommt man runter; flugs der Abspann, und dann verlässt der Tatort den Raum, die sonntägliche Nacht. Was für eine Episode! Was für ein Abend! Erneut hingen wir an ihr, an der Serie der Serien; jetzt heißt es wieder eine Woche warten. Wenn man montags nicht früh raus müsste, könnte man sich noch den Talk mit Günther Jauch, sozusagen die „Zigarette danach“ gönnen...

Generation Ypsilon – Flexible und anpassungswürdige Wesen

„Abgemacht Mutti; ich bin gegen 20 Uhr zu Haus.“

Und das war‘s. Kein nerviges Anrufen und Fragen, wo man bleibt. Ja, keine Ortung via GPS, die es doch tatsächlich möglich macht, herauszufinden wo das eigene Kind gerade ist, bei wem es womöglich ist, was es dort womöglich tut. Wir genossen das Vertrauen unserer Eltern. Um diese natürlich nicht zu enttäuschen, hielt man sich an die Absprache. So einfach war das. Eine gewisse Freiheit, ohne Handy aufzuwachsen. Doch heute kennen wir die Vorteile dieses Gerätes, welches eigentlich so gar nicht „smart“ in der Hosentasche liegt, nur zu gut; erquickend in der SLYLE-Ausgabe vom Dezember von Benjamin Köhler beschrieben. Ein einfacher Blick auf den mobilen Alleskönner und man weiß nicht nur wie das Wetter übermorgen wird, sondern auch gleich die Ergebnisse des letzten Bundesligaspieltages.

Schon auf dem Weg zum Sportplatz kickten wir damals den Ball zwischen den Autos hin und her. Heute sieht man auf dem Sportplatz nur noch Kinder mit ihren eben beschriebenen portablen Telefonzellen; sich Musik vorspielend und Videos anglotzend. Damit sind wir natürlich auch groß geworden; doch wenn es an der Haustür klingelte, dein Freund vor der Tür stand und fragte, ob du nicht Lust hättest zu spielen, so fiel die Entscheidung nicht schwer sich von Windows 98 zu lösen und dem gemeinsamen Hobby zu frönen. So musste Leisure Suit Larry oder dein gerade erstellter Sim pausieren.

Die Generation Y. Ein Jahrgang, der sich ständig mit dem Wechsel, dem Wandel konfrontiert sieht. So erlebten wir nicht nur den Übergang von der Deutschen Mark zum Euro, Leben ohne Hast hin zum allseits erreichbaren Smartphonetrend und den Jahrtausendwechsel, wir wuchsen eben auch mit den Anschlägen am 11. September auf, einem Ereignis, das die Zeit in der wir lebten doch grundlegend veränderte, einen Wandel der bestehenden Verhältnisse der Welt darstellte. Was bedeutet das eigentlich? Sind wir die flexibelste Generation? Sind wir es, die sich an neue Situationen am Besten anpassen kann, auf Grund erlebter Wandel?

Fest steht, dass dieser Wandel einen Raum erwachsen lässt. Einen Raum, in dem man sich zu orientieren versucht. Entweder entschließt du dich, dich dem Hightechtrend anzuschließen, oder bleibst beim Festnetzanschluss; du hast die Wahl zwischen DSL 16000 oder keinem Internet. Du kannst jederzeit flexibel an jedem Ort der Welt für dein Unternehmen arbeiten oder in der Nähe deines zu Hauses. Kommuniziere online, per ICQ, Twitter, Facebook, Skype oder triff dich real mit deinen Freunden. Uns liegt also eine große Spannbreite an zu treffenden Entscheidungen in jeglicher Situation zu Füßen.

Daraus erwachsen natürlich Anforderungen. Und das an jede vorstellbare Branche der Wirtschaft. Ein Versandhaus muss heutzutage einfach einen Onlinestoreverkauf anbieten. Wer bestellt sich noch dicke Kataloge ins Haus? Reisen online buchen? Kein Problem im World Wide Web. Generation Y also erneut im Konflikt. Um den erwachsenen Anforderungen dieser Generation gerecht zu werden, suggerieren Unternehmen eine immer bereit stehende Palette von Angeboten.

Selbst die Computerspielhelden der Zeit befinden sich im Wandel. Unsereins musste sich an ständig wechselnde Darstellungen gewöhnen. Spielten wir Tetris, rauschten die Quadrate und verwinkelte geometrische Gebilde vor grauem Hintergrund und nervender Musik zu Boden. Im nächsten Spiel steuerten wir zwei italienische Klempner durch eine Welt voller Pilze, die dich wachsen ließen. Der Gameboy wurde bunt und so fingen wir bald kleine, farbenprächtige japanische Monster mit unseren Pokébällen ein. Diese entwickelten sich irgendwann zu Digimons und auf einmal sehen wir die in 3D vor uns; bzw. auf den Bildschirmen der Nintendo 3DS von unserem Neffen oder unserer Nichte.

Der stetige Wandel hält also an. Wir passen uns weiterhin an. Wir kaufen eReader, umweltfreundliche Autos und eben 3D-Fernseher. Wandel kann uns also nichts anhaben.

Resistent gegen jegliche Art Veränderung, gehen wir weiterhin angepasst unseren Weg. So können uns Wissenslücken nicht anhaben – denn Wissen ist online verfügbar; das Bedürfnis nach einem bestimmten Musikstück wird durch Musikstreams allzeit bereit befriedigt; egal ob der nächste Kunde 400km weit entfernt arbeitet, travelled man mit Hilfe unzähliger Reisemöglichkeiten hin. Jeglicher Herausforderung ist ein Lösungsszenario gegenüber gestellt. Der Vertreter der Y-Generation erlernt sie zu nutzen. Wir haben, wie schon betont, ganz andere Wechsel erlebt.

Wenn dem so ist, sollte der Millenniumsgeneration eine rosige Zukunft bevorstehen.
So sollte es doch eigentlich auch möglich sein, aktuelle politische und wirtschaftliche Hürden zu überwinden; seinen Lebensstil den ökologische Herausforderungen der Zeit anzupassen.

Dem Trend des Social Networking entgegen zu treten und einfach seinem Freund, der an der Haustür klingelt und dich zum Spielen abholen will, keine Absage zu erteilen, sollte mit Blick zurück ebenfalls realisierbar und wünschenswert sein.

Au-Pair in Irland

„Please sit next to me“ sagte sie und zeigte auf den Beifahrersitz, der sich – anders als in Deutschland – auf der linken Seite des Autos befand. Im Fußraum lagen zwei Bananenschalen. „Are you okay? How do you feel in your new home town?” fragte sie, und lenkte den Geländejeep aus dem Parkhaus des Flughafens.

Ich stotterte mit meinem Schulenglisch, dass ich ziemlich aufgeregt sei „meine“ neuen Kinder zu sehen; jedoch zugleich glücklich, nach dem langen Flug im Billigflieger endlich Boden unter den Füßen zu spüren. Zugleich wunderte ich mich über den unsauberen Zustand des Autos; über die Bananenschalen. Meine Gastmutter – eine Hand lässig am Lenkrad, die andere versuchte, eine CD in den dafür vorgesehenen Slot zu schieben – erzählte mir, dass die beiden Kinder sich unheimlich auf den ersten männlichen Au-Pair freuen. Ich warf einen Blick in den Rückspiegel; neben einer Jacke, geleerten Trinkpäckchen und der „Irish Times“ erblickte ich einen braunen Cocker Spaniel, der sich kratzend auf der Rückbank befand. Unsereins platziert sein liebstes Haustier unfallsicher im Kofferraum; jedoch nicht bevor er fachmännisch ein TÜV-geprüftes Hundegitter zwischen „boot“ und „backseat“ installiert hat.

„Her name is Sady, she‘s a lovely dog.” sagte sogleich meine Gastmutter. Naja, so „lovely” fand ich das Sabbern auf den Sitz, die Hundehaare überall im Auto und den Geruch des Tieres nicht. Sollte das Abenteuer „Au-Pair in Irland“ so weitergehen? Sollte so meine neue Heimat aussehen?

Der zehnmonatige Aufenthalt im fernen Irland sollte im Februar beginnen; etwas Anderes sollte meine nächste Zeit bestimmen; weg aus dem grauen Deutschland, endlich Verantwortung für mich und Andere übernehmen und zugleich das schlechte Schulenglisch aufbessern. Hetzen, rennen und pünktlich sein im heimischen Betrieb wollte ich gegen Fußballspielen mit dem Au-Pair-Kind, gemeinsames Kochen und Gute-Nacht-Geschichten eintauschen. Doch wie sollte ich als Junge an einen solchen Job kommen?

Zunächst hieß es, sich erst einmal gegen die Vorurteile der Freunde zu behaupten: „Das ist doch schwul!“, „Fremde Wäsche waschen?“ „Du kannst doch nicht mal bügeln!“

Bügeln konnte ich wirklich nicht. Doch sollte das die einfachste Aufgabe während der 300 Tage im Land der Pubs, Trolle und grünen Wiesen so weit das Auge reicht sein.

So suchte ich im Internet nach Agenturen, die mich gegen Entgelt an potentielle Familien mit roten Deckhaaren, Sommersprossen und komischem Englischakzent vermitteln sollten.

„Männlich? Schwer zu vermitteln!“ hieß es von jeder zweiten Agentur. Alle anderen wirkten weder vertraulich noch seriös. Also suchte ich in einschlägigen Foren nach Erfahrungsberichten und musste von 4m²-Gastzimmern, beißenden Au-Pair-Kindern und nicht bezahlten Au-Pairs lesen. Doch irgendwann, irgendwo in den Tiefen des Internet, irgendwie stieß ich auf die Familie; 1 Kind im schulpflichtigen Alter, Hotelbesitzer, wöchentliche Entlohnung, Erfahrung mit deutschen Au-Pairs. Ich tippte sofort die sechsundzwanzigziffrige Telefonnummer und meldete mich aufgeregt mit einem „Hello, I want to work for you!“. Nach zwei Stunden war ich dank des Telefonates nicht nur um 48,30€ ärmer, nein, ich konnte die Familie zudem für mich begeistern. Sie gaben dem einzig männlichen Bewerber eine Chance. Dann waren es also nur noch ein paar wenige Tage bis zum Abenteuer. Die Freunde überraschten mit einer letzten Abschiedsfeier; die Suche nach einem typisch deutschen Gastgeschenk begann. Dann der Tag der Abreise – Familie und Freundin am Flughafen. Alle weinen – aber ein Junge weint doch nicht.

Im Blaumann, den ich vom Gastvater lieh, mähte ich den Rasen; wie jeden dritten Tag während der zehn Monate. Das hiesige Areal musste gepflegt werden! Das sollte, im Gegensatz zum Jeep der Familie, sauber sein. Für die Hotelgäste, versteht sich. Das Holz für den Kamin musste ebenfalls gehackt werden; Reparaturen durchführt werden. Täglich Hotelbetten abziehen, säubern, neu beziehen. Den Hotelflur wischen, den Frühstücksraum saugen. Physische Arbeit – harte Arbeit. Neben der Betreuung des Kleinen der Familie gehörte dies eben auch zum Job. Der Gastmutter eben als zweiter Mann im Haus behilflich sein.

Au-Pair reine Mädchensache? Nein! Zugegebener Maßen muss man(n) sich in Wäsche waschen, Schuluniform bügeln und Schmeißen des Haushaltes einfuchsen.

Einmal gelernt, klappt das im Handumdrehen. „Das bisschen Haushalt macht sich von allein!“

Die Vorzüge des Mannseins erkennen eben auch die Kinder an. Welches Mädchen kennt sich mit dem Bau von hyperschallschnellen, aus vier Turboblastern bestehenden Lego-Star-Wars-Raumschiffen aus? Welches Mädchen kann dem Sohn der Familie schon Fußball beibringen; mit welchem Mädchen kann man schon wrestlen? Welches Mädchen kennt schon die besten Gruselfilme, die man mit selbstgemachtem Popcorn und Cola in eine Decke eingekuschelt gemeinsam schaut? Nicht nur Familienministerin Schröder erkennt, dass Jungs die besseren Erzieher sind; „Es wäre doch schön, wenn endlich auch mal Männer in Frauenberufe gehen würden. So sei es nicht gerade von Vorteil, dass in Kitas und Grundschulen fast nur Frauen unterrichten.“1 auch ich erkannte, dass sich das Jungendasein positiver auswirkte als gedacht.

Nach 10 Monaten im heimisch gewordenen Irland hieß es Abschied nehmen. Der kleine Junge mit Sommersprossen und Zahnlücke will dich nicht gehen lassen. Du sagst ihm schweren Herzens Good Bye. Man hat sich hier angepasst; hat im Haushalt geschuftet, hat versucht, die Rolle des Au-Pair so gut wie möglich auszufüllen. Das Kind versorgt, das Hotel in Schuss gehalten und dich um die Lieben zu Hause, wenn auch nur per E-Mail, gekümmert. Da sage noch einer, das männliche Geschlecht sei nicht multitaskingfähig. Auf dem Weg zum Flughafen, diesmal habe ich Sady auf dem Schoß, fragt die Gastmutter ein letztes Mal nach meinem Befinden. Ich suchte nach einer englischen Floskel, um mich ein letztes Mal für die großartige Zeit zu bedanken. Sie bedankt sich ihrerseits für den Einsatz und erwähnt, dass sie nächstes Jahr erneut einen Jungen einstellen werden.

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