Das ist Frau Wiesenbach – klingt komisch, ist aber so

Berlin im Sommer, eine Stadt in der höchsten Form ihrer Gefühle. Die Bäume und Parks – wovon es in der Hauptstadt sehr viele gibt – blühen und allgemein frohlockt die „Berliner Schnauze“ in dieser Jahreszeit einmal nicht mit bissigen Kommentaren. Ja, gar die Menschen in der S-Bahn scheinen in dieser Jahreszeit zufrieden zu sein – kein Wunder, es liegt ja auch kein Schnee. Und während am Wochenende die älteren Generationen mal mit und mal ohne Gehhilfe die Natur bewundern, ruft jedes OpenAir und jeder Club nach Berlins jüngerer Generation, damit sie die heiligen Tore überschreiten und der „Bumsmusik“ frönen. Und das am Tag und in der Nacht, manchmal sogar ein ganzes Wochenende, wird mit anderen Feierwütigen nach dem Motto „Drei Tage wach!“ gefeiert.

Mit dem lila Koffer an die Schlange vom Berghain

Mitten in dieser Stimmung von elektronischen Orgasmen und den Nächten voller Höhepunkte kam auch Regina nach Berlin – doch nicht um hier zu bleiben, sondern um Freitag anzukommen, sich an die Riesenschlange am Berghain zu stellen und nach drei Tagen wieder mit dem Zug Richtung Heimat aufzubrechen: Regensburg, so nennt sich die Stadt. „Ich war damals sehr oft in Berlin“, sagt sie, während ihre Mütze in das Gesicht rutscht: „Immer zum Feiern.“ Zu Hause, wo Freunde und Familie leben, machte sie ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in einem Zoohandel und arbeitete auch nach dieser weiterhin dort. Als sie vor zwei Jahren wieder ihre obligatorische Reise nach Berlin antrat und sich wieder mit ihrem lila Koffer an die Schlange vor dem Berghain anstellen sollte, hätte sie wohl nicht gedacht, dass diese Reise an jenem Freitag im Berghain eine andere Geschichte als sonst bekommen würde: „Ich habe den Koffer von der Garderobe geholt und dann bin ich ins Hostel.“

Noch im ehemals besten Club der Welt entschied sich die damals 21-jährige Frau mit den kurzen Haaren, dass sie keine Rückreise ins bayerisch-provinzielle Regensburg antritt. „Meinen Eltern habe ich eine SMS geschrieben“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln, nachdem sie ihre Mütze wieder richtig aufgesetzt hat. „Ich bleib erstmal für ‘ne Weile“, stand dann auf dem Handy-Display ihrer Eltern. Nachdem sie viele Anrufe ihrer Eltern ignoriert hatte, stand sie nun da, allein in der im Vergleich zu Regensburg mit seinen rund 140.000 Einwohnern riesigen Stadt – nur mit ihrem lila Koffer. „Ich kannte bis auf die Party-Bekanntschaften niemanden“, erzählt sie, während die selbst-gedrehte Zigarette in ihrem Mund beim Anzünden kurz aufflammt. „Ich war immer unzufrieden, weil ich den ganzen Tag irgendwelche Regale mit Katzenfutter einräumen musste. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, das auch noch in zwanzig Jahren zu machen.“ Nach den drei durchzechten Tagen im Berghain ging sie für eine Woche ins Hostel, suchte nach WGs. Während sie ihre Geschichte erzählt, lächelt „Ninsha“, wie sie Freunde nennen, immer wieder – sie scheint glücklich und stolz auf sich zu sein, denn ihr Blick zeigt auf die Sachen und Möbel, die sie in ihrem jetzigen 21-Quadratmeter-Zimmer in einer WG in Prenzlauer Berg zu stehen hat – in jenem Sommer war das noch ganz anders.

Eine 90-Zentimeter-Matratze war ihr Zuhause

Nach einer Weile im Hostel hatte Regina Glück. Sie fand ein Zimmer in einer WG: „Ich hatte ein Zimmer in einem Loft, hab mit fünf Typen zusammengewohnt – einer davon war schwul, mit dem bin ich dann auch immer wieder ins Berghain.“ Das Berghain war ihr Motiv, jahrelang die ewige Reise nach Berlin anzutreten. Regina fand eine Schule, holte auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nach: „Ich hatte nichts, meine Eltern haben nach einem Monat meine Wohnung aufgelöst, Möbel und Sachen an Freunde und Verwandte verschenkt.“ Nun hatte Regina das, was sie wollte: „Mal komplett frei sein und nichts an der Backe haben“, sagt sie, während sie ihre Stirn in Falten legt und ihre Augenbrauen nach oben zieht. Die ersten zwei Monate lebte sie vom Ersparten: „Ich wurde bayerisch erzogen, da spart man halt.“

Eine 90-Zentimetermatratze war ihr einziges Hab und Gut. Sie brauchte nicht mehr, um glücklich zu sein.

Regina schaut aus dem Fenster, hält kurz inne, wirft ihren Blick auf selbstgemalte Bilder an ihrer Wand, ehe sie den langsam fallenden Schneeflocken zuschaut: „Das erste halbe Jahr war heftig, die Berliner lassen einen nicht so richtig an sich ran, sind oberflächlich.“

„Aber dann hat es Klick gemacht!“

Ihr Eindruck von damals hält sich scheinbar bis heute, denn eigentlich hat sie nur bayerische Freunde in der Hauptstadt. Sie zog mit ihrer schmalen Matratze durch Berlin, fand eine neue Bleibe in einer WG – ihr altes Sechs-Quadratmeter-Zimmer war einfach zu klein: „Das im Loft war keine Dauerlösung – aber gut, damit ich weitersuchen konnte.“ Aber auch hier hielt es die schmächtige Frau nicht lange, es war einfach zu teurer im Friedrichshainer Kiez. Und das trotz bayerischer Erziehung.

In dieser Zeit vernachlässigte sie die Schule, war regelmäßig im Club anstatt die Schulbank zu drücken: „Ich habe zuerst die Ernsthaftigkeit des Abiturs nicht richtig wahrgenommen!“, sagt sie, als ihre Mütze ein weiteres Mal ins Gesicht rutscht. Regina setzt sie wieder richtig auf. „Aber dann hat es Klick gemacht!“

Regina ist eine gut gelaunte junge Frau, sie lacht immer wieder, lebendig schlägt sie ab und an ihre Hände übereinander, während der Stummel ihrer Zigarette sich dem Ende entgegen neigt.

Seit knapp einem Jahr wohnt sie in Prenzlauer Berg: „Direkt an der Grenze zu Wedding – das finde ich fett!“

Sie zündet sich eine neue Zigarette an. Ihr Blick wandert wieder einmal durch das Zimmer. Sie spricht schnell, der bayerische Akzent dringt immer wieder durch: „Ich habe ja noch viele Freunde in Regensburg!“

Regina verliert das Lachen nicht. Diesen Anscheint erweckt sie, weil ein kleines Lächeln ihr endlos über die Lippen läuft. Vor allem dann, wenn sie über ihre Zukunft spricht. „Ich will mit gescheiterten Existenzen zusammenarbeiten – entweder mit Prostituierten oder aber als Bewährungshelfer.“ In dem Moment, als sie damals auf der Tanzfläche im Berghain für sich entschied, dass Berlin, „die funkelnde Stadt“, ihre neue Heimat werden soll, hätte es in den späteren Monaten auch schief laufen können. Diese Erfahrung will sie anderen Menschen näher bringen. „Außerdem“, sagt Regina mit einer kurzen Pause, „haben Lebensgeschichten etwas Lebendiges – es ist nicht wie Katzenfutter einräumen.“

Sie selbst hätte wie viele andere, die nach Berlin kommen wollen, scheitern und obdachlos werden können. Aber sie hat es geschafft, hilft anderen mehr als sich selber: „Ich habe ein Helfersyndrom. Ich rufe immer den Kältebus an, wenn ich einen Obdachlosen auf der Straße liegen sehe und gebe Geld, auch wenn ich nicht viel habe.“

Ein paar kleine Schneeflocken finden draußen den Weg zur Erde. Für einen Moment wirkt Regina nachdenklich, lacht nicht und sagt nach einem Moment der Stille: „In zehn Jahren bin ich nicht verheiratet und habe keine Kinder! Einen Job, der mich erfüllt, doch viel Geld brauche ich nicht.“

Das Lebendige in Regina half ihr nach jener durchzechten Nacht im Berghain, in Berlin Fuß zu fassen. Das Lebendige wird sie – so wirkt sie zumindest – auch in zehn Jahren das erreichen lassen, was sie will. Auch wenn es nicht viel ist.

Probleme, die wir auch gern hätten – Heute: Brigitte Nielsen

Noch vor dem Redaktionsschluss der letzten Ausgabe war nicht klar, wer als „Dschungelkönig“ den australischen Free-TV-Urwald bei RTL als Sieger verlässt. Nun, ein paar Wochen nach dem Ende des alljährlich wiederkommenden Tiefschlags, lohnt es sich, den Sieger dieser brotlosen Kunst hier zu präsentieren und wer sollte es anderes sein als Brigitte Nielsen.

Brigitte Nielsen – das ist die einzig ehrwürdige Amazonin aus dem australischen Freiluftgehege. Nach ihrer Kür als Königin des Dschungels steigt sie nun wie ein Phoenix aus der Asche und darf sogar mit Richard „Mörtel“ Lugner zum renommierten Stargehabe des Wiener Opernballs. Viele, die Deutschland für ein paar Wochen den Rücken kehrten und in RTLs Quotenkracher „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ zu sehen waren, sind Menschen, die einen Absturz vom Show-Business zum „normalen“ Menschen erlebt haben. Wie gerne hört sich der Zuschauer dann die Anekdoten aus deren Leben an, die zum „tiefen Fall“ beigetragen haben. Bei Brigitte Nielsen lohnt es sich, an den Anfang ihrer Karriere zu gehen und die Nielsen von hinten aufzurollen. Ruhm und Ehre verlieh ihr ihre zwei Jahre andauernde Ehre mit „Rocky“- und Hollywoodschauspieler Sylvester Stallone. Gut lächeln konnte die damals noch sehr junge Brigitte neben ihrem Mann, der seine Karriere erst so richtig zum Laufen bekam. Natürlich profitierte sie davon. Und auch in Deutschland schien sie nun mehr in das Rampenlicht zu geraten. Dass sie auch in „Rocky“ mitspielte, interessierte so richtig niemanden.

Ihre Rollen verdienen auch keine so richtige Erwähnung. Sie spielte nicht nur in „Rocky“ mit, sondern in anderen namhaften Produktionen. Dafür wurde sie mehrfach als „schlechteste Schauspielern“ nominiert und auch ausgezeichnet. Viel mehr Erfolge hatte sie mit der Modelei. Ein paar Jahre vor ihrer Ehe mit Stallone stand sie schon auf den Laufstegen und arbeitete mit Versace oder auch Armani zusammen. Nach den gefloppten Versuchen als Schauspielerin, machte sie sich mehr als erfolgreich wieder an die Mode. Eine Aufnahme des berühmten Fotografen Helmut Newton aus der Mode-Zeitschrift „Vanity Fair“ schaffte es in den teuersten und größten Bildband der Welt „Sumo“.

Dass allerdings schon damals die Fernsehzuschauer aus Deutschland keinen wirklichen Geschmack bewiesen, zeigte die Popularität, die Nielsen in Deutschland genoss. Denn in Deutschland wurde sie für ihre Filmrollen drittbeste Schauspielerin und erhielt von der Jugendzeitschrift „BRAVO“ den bronzenen Otto. Auch auf dem Männermagazin „Playboy“ war sie oft zu sehen. Modeln konnte Frau Nielsen immerhin gut.
Der Erfolg in Deutschland erklärt, wieso sie bei der neuerlichen TV-Sendung zeigte, dass sie sehr fließend Deutsch sprechen kann. Denn die gebürtige Dänin hatte wohl nur richtig in Deutschland Erfolg. Und wenn schon wenig Zielgruppe vorhanden ist, dann sollte man sich wenigstens um diese eine kümmern.

Zwischendurch flossen die Jahre der Nielsen dahin. So richtig Erfolg brachten auch die Auftritte als Sängerin nicht ein. Insgesamt wäre es wohl nicht schlimm, wenn man Nielsen als das „fehlgeschlagenste Multitalent“ der Welt bezeichnet. Unvergessen bleibt ihre Show „Aus alt mach neu – Brigitte Nielsen in der Promi-Beauty-Klinik“, natürlich wieder beim Piratensender RTL. So erklärt sich auch das Phänomen, wieso Nielsen auch heute noch aussieht, als wäre sie nicht 48, sondern Ende 20.

Doch dank des Dschungelcamps sahen wir Nielsen auch trotz Schönheits-Operationen so, wie es sich für eine Frau mittleren Alters gehört. Ein Lichtblick also für alle Frauen da draußen, die sich in diesem Alter – mit Verlaub – etwas verschrumpelt fühlen. Eine Hollywood-Größe hat Falten – Wahnsinn. Denn laut Vincent Raven ist Nielsen jene Person im australischen Dschungel gewesen, die als einzige Hollywood-Charakter besitzt. Nun ja – das bleibt lieber ohne Kommentar.
Doch nicht nur einen Vorteil hatte das Camp für sie: Zum Einen verdiente sie sich durch ihren Flug auf den Thron 150.000 Euro und erspielte sich ihre verloren geglaubte Sympathien in Deutschland zurück und zum Anderen fährt nun „Mörtel“ Lugner auf sie ab, der für gewöhnlich eigentlich auf alles abfährt, was jung und bei Drei nicht auf den Bäumen ist. Auch wenn Fernsehbilder des Lugners Blick vielleicht trüben, so kann sich Brigitte Nielsen glücklich schätzen, dass es heutzutage Schönheitsoperationen und Make-up gibt. Und davon bitte ganz viel.

Interview: Yves Macak

Ein echter „Ur-Berliner“ ist Yves Macak. Der 37-Jährige machte bei dem Comedy-Wettbewerb „Comedy Star(ter)s“ auf dem Pay-TV-Sender „Sky“ mit und setzte sich in der von Desirée Nick moderierten Show durch. Ab März kann man ihn nun im Programm des Spartensenders „Sky Comedy“ sehen. Im Interview mit SLYLE erzählt er, dass er eigentlich Rockstar werden wollte und dann Kindererzieher wurde.

Du bist nicht nur Comedian. Was machst du in der Zeit, in der du nicht auf der Bühne stehst und die Leute zum Lachen bringst?

Eigentlich bin ich staatlich geprüfter Erzieher und habe mich vor zwei Jahren selbstständig als Musik- und Theaterpädagoge gemacht. Vormittags arbeite ich in der Kita und nachmittags in Schulen.

Und wie sieht das Programm aus, wenn Du mit Kindern zusammenarbeitest?

Dann mache ich musikalische Früherziehung, bringe ihnen ein paar Lieder bei und wie man einen Rhythmus schlägt.

Du warst auf vielen offen Berliner Stand-Up-Bühnen. Sogar in der „Talentschmiede“ des renommierten Quatsch Comedy Clubs. Hast Du da Deine ersten Erfahrungen gesammelt?

Eigentlich ja. Also so richtig bühnentechnisch bin ich gleich in die Vollen gegangen. Das war so, dass ich 2003 bei einem Berliner TV-Sender ein Moderatoren-Casting gewonnen hatte. Einer der Redakteure sprach mich dort an, dass ich ,echt ein lustiger Typ‘ wäre. ,Wir haben im Quatsch Comedy Club so eine Open Stage – die heißt Talentschmiede.‘ Dann bin ich dahin gegangen und wir haben ein paar Sachen ausprobiert, bei denen man unter die ersten Drei kommen muss, dann wird man noch einmal eingeladen. Und wenn man es dann noch einmal schafft unter die ersten Drei zu kommen, dann ist man im Jahresfinale. Und das habe ich gewonnen. Zeitgleich war ich noch bei der hauseigenen Improvisationstruppe und dachte, dass ich es geschafft hätte – aber nein, so war dem dann doch nicht. Doch ich habe in dieser Zeit gemerkt, dass die Sachen, die ich auf der Bühne gemacht habe, nicht ganz authentisch waren und habe da dann an mir selbst gearbeitet und erstmal fünf Jahre pausiert und fest in einer Grundschule als Erzieher gearbeitet. Und dann kam der Punkt, an dem ich gedacht habe, dass ich das jetzt noch einmal probieren sollte.

Konntest Du dich denn nicht identifizieren mit deinem Bühnenprogramm oder wieso hast Du erstmal eine Pause eingelegt?

Damals konnte ich das nicht, weil es inhaltlich etwas ganz Anderes war, als ich es jetzt mache. Das war nicht so personifiziert, denn in meinem jetzigen Programm erzähle ich, was mir passiert und damals war das recht allgemein gehalten und hatte keine richtigen Konturen.

Improvisierst Du Dein Programm?

Ein gewisser Teil ist immer improvisiert. Der beste Vergleich ist der mit den Lianen. Du hast diese Strippen, das sind deine festen Gags und wie du dahin kommst, ist jedes mal ein bisschen anders.

Du füllst also die Zwischenräume?

Ja, ich fülle das. Man kann es auch auf das Publikum angleichen. Und echte Stand-Up-Comedy hat immer viel mit Improvisation und vor allem viel mit dem Publikum zu tun, weil ich bei vielen anderen in Deutschland das Gefühl habe, dass es im Prinzip wie ein Gedichtvortrag ist. Es sind auswendig gelernte Sachen, die auch gar nicht auf das Publikum eingehen. Das versuche ich nicht zu tun.

Du versuchst es nicht zu tun? Was meinst Du damit?

Das bedeutet, dass es manchmal natürlich schlecht machbar ist. Mein Programm besteht auch zu einem großen Teil aus Musik und da hast du nicht viele Möglichkeiten, weil es dort feste Strukturen gibt. Und um richtige Improvisationscomedy zu machen, braucht man einfach zwei oder drei Personen mehr, damit es richtig flutscht, denn dort ist das Publikum noch mehr mit eingebunden. Und da alleine eine Geschichte vorzutragen, kommt irgendwie nicht gut. Und Sketche kommen besser an als Stand-Up-Sachen.

Das Geschäft der Stand-Up-Comedy ist doch in den letzten Jahren geboomt: Cindy aus Marzahn zum Beispiel.

Ja, das ist sicherlich richtig. Aber man merkt, dass in dem Geschäft mehr Masse als Klasse vorhanden ist. Und die erste Generation hatte noch dieses Neue. Heute musst du als Stand-Upper wesentlich individueller sein, du musst viel genauer wissen, was du eigentlich machst, denn je mehr der Markt überflutet ist, umso kritischer wird auch das Publikum. Man lacht nicht mehr, es ist verdammt schwer Menschen für sich zu begeistern. Auch diese Typen-Comedy ist überfüllt, wie beispielsweise Ausbilder Schmidt oder Cindy aus Marzahn. Die spielen eine Figur. Und diese bedienen als Figuren eine gewisse Klientel. Doch bei ihnen besteht das Problem, dass wenn sie ihre Uniform ablegen, die Frage hochkommt, ob er dann noch genauso gut ankommt. Ich gehe lieber als ich auf die Bühne und mache dann Stimmung und Dialekte nach, aber ich kann immer wieder in mich selbst reingehen – und das nimmt man mir dann ab.

Glaubst Du, dass die Identifikation auf der Bühne durch die Kinder kommt, mit denen Du fast täglich zusammenarbeitest? Schließlich sind Kinder ja die größten Kritiker, sagt man zumindest.

Ja, das sage ich selber auch. Es ist schwerer vor Kindern zu bestehen als vor Erwachsenen, auch wenn es die meisten Leute nicht glauben. Im Allgemeinen ist Humor eine sehr differente Sache, denn was dem einen gefällt, muss wiederum dem anderen nicht gefallen. Und wenn ich mir überlege, was mir in meiner Kindheit gefallen hat und worüber ich heute lache, dann muss ich sagen, dass wir alle viel zu kopflastig geworden sind. Ich bin ein unglaublicher Fan vom Jim Carrey, denn ich mag es, wenn jemand eine Fresse zieht und dämliche und geile Körperbeherrschung hat, die er dann wieder verulkt. Man muss alles miteinander vermischen. Und wenn ich jemanden 90 Minuten sehe, dann will ich selber Abwechslung haben. Und ich bin generell so, dass ich auch immer versuche es aus der Sicht zu sehen, wie mich andere sehen.

Hast Du durch Deine jüngsten Erfahrungen bei „Sky“ dein Programm selbst verändert?

Ja, das merke ich auch in der Musik. Denn eigentlich wollte ich Rockmusiker werden, bin dann aber Erzieher geworden. Die Geschichte erzähle ich dann auch auf der Bühne. Ich achte jetzt einfach mehr auf meine Stimme, denn diese muss sehr klar und verständlich sein. Ich versuche genau dieses Zwischending zu bekommen, dass man sich Sachen mehrmals angucken kann. Ich möchte Leute zum Lachen bringen und eine gute optische Performance liefern. Die ganzen Geschichten, die ich auf der Bühne erzähle, sind mir tatsächlich auch so passiert. Natürlich gebe ich die mit einem kleinen Quäntchen der Übertreibung wieder. Deswegen kann ich jetzt auch im Vergleich zu vorher authentischer wirken.

Wie sehen die alltäglichen Geschichten, die Du auf der Bühne vorträgst, dann aus?

Beispielsweise kannst du nicht einmal 15 U-Bahnstationen mit der Bahn durchfahren, ohne dass zwei „Motz“-Verkäufer und drei Musiker vorbeikommen. Oder eine Schlange im Supermarkt, wo nur alte Omas vor dir stehen und es dauert und dauert. Über solche Sachen halt.

Fragt man sich da nicht einmal irgendwann, ob man so etwas bringen kann?

Nein, alles natürlich nicht. Aber es gibt ein paar Gesetzmäßigkeiten, die du bei der Comedy beachten muss und dann kann dir eigentlich nichts passieren. Schwarze sollten über Schwarze Witze machen, Dicke über Dicke und sei selbst immer das Opfer deines Sportes, weil du dann keinen verletzen kannst und auch keine grenzwertigen Reaktionen hervorrufen wirst.
Ein Bekannter von mir ist Jude und macht es beispielsweise so, dass er auf der Bühne zum Anfang sagt „Wir machen jetzt einen Deal: Für die nächsten 45 Minuten verzeihe ich Ihnen Auschwitz und Sie mir Michel Friedmann.“ Dieser Mensch polarisiert.
Ich will nicht polarisieren. Viele Kollegen sagen, dass man polarisieren muss um erfolgreich zu sein. Ich teile diese Meinung nicht.

Wieso nicht?

Ganz einfach. Ich habe als Inhalt meiner Programme etwas, was die Hälfte der Gesellschaft hat: Kinder. Und für Musik begeistert sich eigentlich auch jeder, dann noch die Alltagsprobleme hinten ran, weil es jeder weiß, wie nervig es ist, wenn man an der ellenlangen Schlange an der Kasse beim Supermarkt steht. Warum soll ich denn dann polarisieren? Menschen, die polarisieren, müssen sich die Sympathien doch viel härter erarbeiten.

Hast Du schon einmal auf Bühnen Dein Programm vorgetragen, wo das Publikum nicht „aktiv“ war?

Ja, sicher. Da hättest du einen Reißigballen durch den Wilden Westen jagen können. Aber solche Erfahrungen sind gut.

Worauf kommt es als Comedian an?

Wichtig ist, dass du eine Nummer hast, die du ganz oft spielst. Wenn du auf die Bühne kommst, gibst du dir erst einmal die Blöße. Wenn das Publikum nicht so reagiert, wie du es gern hättest, dann sagt dir in dieser Situation jeder Profi, dass du genau dann einen Schritt auf das Publikum zugehen sollst. Aber wenn du genau in dieser Situation anfängst zu polarisieren, dann bist du verloren. Eine Situation, an die ich mich noch gut erinnere: Ein Typ geht auf die Bühne bei der „Talentschmiede“, reißt zwei unglaublich grottenschlechte Witze, keiner lacht. Wieder der Reißigballen und auf einmal meint er „Berliner halt.“ Der war tot, das kannst du nicht machen. Greif doch nie dein eigenes Publikum an, ich schieße mir ja auch nicht bei einem Hundertmeterlauf auf der Zielgeraden in beide Beine.

Kann man von dem Comedian-Job leben?

Unter einer Bedingung kannst du das. Das Einzige, was wirklich funktioniert, ist das 90-Minuten-Soloprogramm, was du haben musst. Weil wenn du alleine auftrittst, musst du dir die Gage nicht teilen, du kannst rumreisen, bist auf niemanden angewiesen und ziehst einfach deine eigene Show durch. Wenn du alle drei Tage einen Auftritt hast, dann kann man schon davon leben. Aber du brauchst eine gute Agentur und ein sehr gutes Soloprogramm halt. Auch mit diesem lasse ich mir sehr viel Zeit, weil ein halbgutes empfiehlt man nicht weiter. Meine 90 Minuten sollen abwechslungsreich sein.

Wo siehst Du Dich in zehn Jahren?

Es gibt immer zwei Fälle, den schlechten und den guten. Der schlechte: Dass mich meine Frau verlassen hat, ich mittelloser Erzieher bin, der immer noch in Kitas sein Unglück macht. Der bessere Fall: Wenn ich ein paar gute Soloprogramme hätte und damit meine Familie über die Bühne zaubern könnte.

Die abschließende Frage: Wann fängt Deine Show auf „Sky“ an?

Mitte März, der genaue Ausstrahlungstermin steht noch nicht fest. Immer 20.15 Uhr, Montags auf „Sky“.

Wo am Strand die Palmen stehen

Sechs Jahre ist es nun her. Mein Bein schmerzt immer noch, wenn ich daran zurückdenke, wie es sich an Unmengen scharfer und kantiger Steine zerkratze, als ich meinen aufblasbaren Gummiwal vor dem Untergang in diesem riesigen See bewahren wollte. Er war teuer. Hab ihn von meinem eigenen Geld gekauft.
Doch das riskante Manöver ist mir gelungen. Meinen Wal habe ich gerettet. Nach dem Sprint über die harten und riesigen Steine waren meine Füße und Beine zerkratzt, die Schmerzen vom Sonnenbrand rückten in weite Ferne.
Der Urlaub in Ungarn vor vielen Jahren war eine Odyssee. Ich fuhr mit meinen Eltern an den Plattensee oder besser gesagt den Balaton. Als kleines Kind verwechselte ich den riesigen ungarischen See immer mit dem Ballermann auf Mallorca, dachte schon damals an feierwütige Partymenschen – und an Palmen.

Es liegt mittlerweile auch nicht nur 10 Jahre in der Vergangenheit, sondern war auch zeitgleich der sechste und letzte Urlaub im ungarischen Tourismus-Hochgebiet. Um Mitternacht – es muss ein Freitag gewesen sein – fuhren wir mit dem Auto los. Doch nie schafften wir es zu einer vereinbarten Zeit aufzubrechen, ganz egal wohin, weil mein Vater immer seinen obligatorischen Gang auf das Klo antreten musste. Er schien sich dabei geistig auf die lange Fahrt einstellen zu können und in sich zu gehen – auch wenn die Fahrt nur fünf Minuten dauerte. Aber solche Puffer hatte meine Mutter eingeplant. Sie machte sich keinen Stress, trotzdem sie eigentlich alles organisierte. Die Fahrt, die Verpflegung für uns Kinder sowie die Decken, in die wir uns während des Fahrens einkuscheln und schlafen sollten. Auch jede Reisetasche wurde von ihr gründlich durchgegangen und geplant. Dennoch sollte ich mir im Vorlauf des Urlaubes selbst darüber Gedanken machen, wie viel ich von meiner Kleidung mit nach Ungarn nehmen wollte. Ich weiß noch, wie ich nur zwei Schlüpfer und zehn T-Shirts mitnahm. Achso, und eine Hose. In dem Moment, in dem sie sie den Hügel Wäsche sah, den sie bügeln sollte, reichte es ihr: sie machte einen Wisch durch meinen Schrank und auf einmal lag alles auf den Boden. Der Wutanruf auf mein Handy folgte wenig später, dass ich „sofort!“ nach Hause kommen sollte.

Meine große Schwester war immer vorbildlich. Sie half meiner Mutter, bügelte ihr Zeug selber. Sie war fünf Jahre älter als ich. Und diese fünf Jahre machten sie für mich zu einem monströsen Ekelpaket. Sie durfte länger wach bleiben als ich, durfte Alkohol trinken, durfte mit den Erwachsenen an einem Tisch sitzen. Sie durfte alles.

Unsere zwei Katzen blieben natürlich im trauten Zuhause in Deutschland. Oma sollte sich darum kümmern. Das machte sie gern, denn sie war schließlich auch ein festes Mitglied in unserer Familie.

Nachdem mein Vater eine Rolle Klopapier aufgebraucht haben muss – so lange war auf der Toilette – wirkte sein Blick fahl und blass. Es ging ihm nicht gut und so musste die erste Zeit der zwölf Stunden langen Fahrt meine Mutter am Steuer sitzen. Sie war ein Universaltalent und mein Vater ein Tollpatsch. Mein Vater wusste das. Jede Woche äußerte er seinen Unmut darüber, dass meine Mutter kochen konnte, einkaufen konnte, Sachen am Computer erledigen konnte, bügeln konnte – er beschwerte sich eigentlich über all das, was er nicht konnte. Minderwertigkeitskomplexe im großen Stil. Ob er die Fahrt nach Ungarn zuerst deswegen nicht antreten konnte um meine Mutter zu ärgern, hat sich bis heute nicht geklärt. Sie sind geschieden.

Unsere Fahrt führte über die Tschechei, die Slowakei und zu guter Letzt in unser Domizil Ungarn.  Kurz hinter der Grenze der Tschechei kamen die ersten leicht-bekleideten Frauen auf uns zu, sobald mein Vater, der seit dem Grenzübergang wieder am Steuer saß, langsam fuhr. Sie hoben ihren Arm, wollten, dass wir anhalten. Meine Mutter sagte nur leise: „Es ist mein Mann, also zieh die Hände ein, sonst hack‘ ich sie dir ab!“ Meine Schwester schlief, nein, sie pennte. Ich hasste sie, denn sie war bockig, wusste immer alles. Das Wort „Schlafen“ wird meinen Gefühlen zu dieser Zeit nicht gerecht. Es war also klar, was da für Frauen rumstanden. Auch wenn ich noch sehr jung war, begriff ich das Elend, in dem diese wohl gesteckt haben müssen.

Der boshafte Spruch von meiner Mutter war nicht makaber, sie meinte es eher witzig, kostete den schwarzen Humor mal wieder bis auf das Äußerste aus. Sie erklärte uns das Schicksal der jungen Damen und verdeutlichte uns, wie gut wir es eigentlich haben.

Es wurde hell. Die Sonne vertrieb die dunklen Wolken am Himmel. Es war diesig, leichter Nebel legte sich auf die Berg- und Hügellandschaften in der Tschechei. Es dauerte nicht mehr lange, bis wir die Slowakei erreichen würden. Auf einmal ging nichts mehr weiter. Wir hatten fast die Grenze der Slowakei erreicht und vor uns baute sich ein ellenlanger Stau auf – wie ein Orkan, der sich in seiner vollsten Pracht vor unser Auto stellte.

Drei Stunden standen wir, ich war immer noch wach. Es war mittlerweile schon hell und die Morgensonne knallte auf unser Auto. Meine immer noch pennende Schwester wurde auch endlich wach und befreite sich aus ihrer Decke. Wohl zu warm geworden. Es war die slowakische Grenze, die wir passieren sollten. Die Grenzkontrollen waren allerdings so langsam, dass der Stau erst nach gut drei Stunden aufgelöst war und wir durch die Slowakei fuhren, bis wir endlich Ungarn erreichen sollten.
Von der ungarischen Grenze sind es noch gut zwei Stunden, die wir fahren mussten um unser Domizil, den Plattensee, zu erreichen. Ich stellte mir vor, wie die Palmen am Strand stehen, der Sand vom Strand zwischen meinen Zehen durch das immer wiederkehrende Wasser weggespült wird. Meine Erwartung türmte sich noch mehr auf, als am Horizont, den ich durch die Frontscheibe anschaute, ein zweiter Himmel entstand. Er war etwas dunkler als der richtige Himmel. Nur ganz leicht konnten wir erkennen, dass ein kleiner, schmaler Strich den Unterschied zwischen Himmel und Himmel ausmachen sollte. Es war kein Himmel, es war der Balaton, den wir aus der weiten Ferne sahen. Meine Schwester, die mittlerweile nicht mehr weg nickte und auch die schöne Landschaft genoss, hielt in diesem Moment einfach den Mund. Wie wir alle. Unsere Vorfreude auf den gemeinsamen Urlaub schien in diesem Moment ihren Höhepunkt erreicht zu haben.

Keine zwei Stunden später erreichten wir unser Ferienhaus, nicht weit vom Wasser, direkt im Tourismus-Gebiet. Es war mittlerweile schon tiefster Nachmittag, die Sonne prallte. Die Häuser am Balaton sind nicht anders als in Deutschland. Kleine bis mittelgroße Grundstücke, normale Häuser, manchmal bis zu drei Etagen hoch. An unserem Haus rankte sich der Efeu bis zum Dach. Die ganze Fassade war grün. Überall hörten wir ein leises Summen. Wir kamen näher. Das Summen wurde zu einem Vibrieren. In dem Efeu war ein riesiges Wespennest. Hier konnten wir nicht wohnen.

Ein paar Telefonate mit der Agentur, die uns das Haus vermittelte, später, sahen wir uns in einem anderen Vorgarten wieder. Das Haus schien schön. Ebenso wie die Brüste der älteren Dame, die in der Nachmittagssonne ihren Körper nackt wärmen wollte. Ein toller Anblick zur Begrüßung, der der Spontaneität geschuldet war. Sie wusste nichts von ihrem Glück, dass sie für die kommenden 14 Tage in ihre Garage, die sie sich liebevoll eingerichtet hatte, einzieht. In Ungarn machen es viele Hausbesitzer so. Sie stellen während der Urlaubszeit ihr Haus zur Verfügung für die vielen Touristen. Überall am Straßenrand sieht man Menschen, die ein Schild in der Hand halten. Gebrochenes Deutsch: „Ferinwonung zum vermieden!“ In dieser Zeit ziehen sie in einen Anbau – oder eben in die Garage. An den Namen der alten Frau kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur, dass wir mit ihr Apfelmus machten und dass sie uns immer viele ungarische Süßigkeiten gab.

Es folgten die Tage, die wir am Strand verbrachten. Meine Illusion des feinen Sandes und der Palmen wurde prompt zerstört. Denn der Balaton hat keinen Sandstrand, sondern riesige Steine, die ihn begrenzen. Über viele Leitern kann man in den See steigen und weit herauslaufen, denn der See ist bis zu einem bestimmten Punkt sehr flach. Doch das tat der guten Laune keinen Abbruch, auch wenn mein Sonnenbrand sich wie ein Waldbrand anfühlte. Alles tat weh. Aber nicht nur mich sollte es treffen, sondern auch meine verehrte Frau Mama, meinen Vater und meine Schwester. Wir standen vor dem Spiegel und zogen uns eine Art Stirnband verbrannter Haut ab. Lecker.

Das kommt davon, wenn mein Vater eine verantwortungsvolle Aufgabe übernimmt und die Sonnencreme, die man  vor dem Sonnenbad nimmt, erst  danach aufträgt, damit die Haut nicht austrocknet. Wir lagen also bei 40 Grad im Schatten am grünen Wiesenstrand und das wie gekochte Eier.

Auch wenn keine Palmen am Strand standen und auch bis heute wahrscheinlich keinen Platz am Plattensee fanden, war die Versöhnung meiner Erwartungshaltung groß, als die Damen und Herren mit ihren umgebauten Rädern am See anfuhren und gekochten Maiskolben verkauften. Ungarn ist günstig.

Fünf Jahre hintereinander fuhren wir dorthin. Das sechste und vorerst letzte Mal sind wir in die Hauptstadt Budapest gefahren. Eine schöne Stadt mit vielen Brücken, Kirchen und vielen verwinkelten Gassen. Wir verliefen uns. Rannten und suchten unser Auto. Acht Stunden lang. Meine Füße waren schwarz und stanken. Ich hielt sie, nachdem wir endlich im Auto saßen, aus dem Fenster. Wir fuhren auf der Autobahn zurück zu unserem Ferienhaus, im Hintergrund lief „Bye, bye American Pie“ von Madonna. Es ist viel mehr passiert, als hier in der Geschichte dargestellt wird. Die Puszta war auch ganz schön, das Baden, das Einkaufen. So viele kleine Geschichten und Anekdoten die sich um den Urlaub versammelten und reihten. Genau wie diese, dass sich meine Mutter von meinem Vater ein gutes halbes Jahr später trennte – sie blieben gute Freunde. Mein Schwester war sowieso in dem Alter, dass sie beim nächsten Mal nicht mehr mitkam. Der Gummiwal lebt auch heute noch. Gut verstaut ist er im Keller.

Nur Mutti, ihr neuer Freund und ich fuhren das kommende Jahr in den Urlaub: nach Tschechien. Und damit hatten wir wahrlich gute Erfahrungen gemacht.

ACTA ad acta legen

Ein lautes Knarzen – und schon ist es geschehen: man wird abgehört. Wurden nun noch ein paar Wörter über das System, eine mögliche Flucht oder über das gestrige West-Radioprogramm gewechselt, so hatte man schon verloren. Dieses Szenario ereilte viele Bürger der ehemaligen DDR – wenn sie das Glück besaßen, zu Hause ein Telefon zu haben.

Damals waren staatsfeindliche Aussagen alles, was sich gegen die DDR richtete, auch wenn sich eigentlich nur über die paar Bananen beschwert wurde, die man wieder nicht vom Einkauf – trotz ellenlanger Schlange vor der „Ziehharmonika“ – mit nach Hause gebracht hatte.

Die Folgen, die aus den Abhörungen damaliger Zeiten resultierten, waren oft verbunden mit einem weitreichenden persönlichen Schicksal – nicht nur für den Einzelnen, sondern teilweise auch für die ganze Familie.

Eigentlich zeigt die Überwachung, die ein Staat ausübt, am Beispiel der ehemaligen DDR, wie abstrus der Gedanke ist, sich nicht mehr frei äußern zu können, weil einem der Staat im Nacken sitzt und schon nach den ersten Härchen von diesem greift.

51 Millionen Menschen in Deutschland sind online

Wo es sich zu Honecker und Mielkes Lebzeiten um eine Bestrafung durch eine Haftstrafe im Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen und der Zerstörung von vielen Familien drehte, geht es bei der heutigen Debatte der staatlichen Überwachung um den Entzug des Internetzugangs und vor allem um das Urheberrecht. Dass sich darüber scheinbar ebenfalls sehr viele Menschen beschweren, zeigt, dass das Internet, ursprünglich als Mittel für das Militär gedacht, in der Mitte unserer Gesellschaft steht – und wir uns darum rund herum versammeln. Selbst eine Menschenrechtsorganisation forderte nun, dass ein Zugang zum Internet ein Menschenrecht sei. Julia Reda ist Pressesprecherin der Jungen Piraten, sie unterstreicht diesen Punkt und sagt: „Der Vernetzungsprozess wird sich nicht aufhalten lassen und Menschen auf der ganzen Welt werden ihr Recht auf den freien Informations- und Kulturaustausch einfordern.“ Es ist schließlich auch Fakt, dass immer mehr Menschen das Internet nutzen, allein in Deutschland verfügen laut einer Umfrage von „Aris“ 51 Millionen Menschen über einen Zugang zum Internet – und die Zahl steigt.

Dadurch, dass sich die Welt im Wandel befindet und vor allem, weil die Digitalisierung den Einzug auf allen Gebieten findet, wachsen die Probleme – sagen die Verwertungsindustrien. Vor ein paar Jahren, als das Internet noch in den Anfängen stand, kauften sich die Menschen CDs. Auf vielen der Platten fand sich bald ein Kopierschutz, der den Verbraucher daran hindern sollte, die Musik illegal zu brennen. Nicht wenige konnten den Schutz durch ein paar Tricks umgehen und verkauften die CDs oder DVDs weiter. Heute hat sich das Geschäft der illegalen Raubkopien verlagert: auf das Internet.

Fast jeder Film- und Musiktitel findet sich in den weiten Gefilden der Datenwelt des Internets an. Viele Internetnutzer kaufen so die Musik oder Filme nicht mehr legal, sondern laden sie sich illegal von einer Datenbank, wie beispielsweise dem Filmportal „Megaupload“, dessen Gründer Kim „Dotcom“ Schmitz indes wegen unzähliger Missbräuche verhaftet wurde. Er machte sich ein luxuriöses Leben. Mit dem Geld, das die Musik- und Filmindustrie gerne in ihren Geldbeutel sehen will. Allein der Bundesverband der deutschen Musikindustrie rechnet mit Schäden in dreistelliger Millionenhöhe, die nur durch das illegale Verbreiten von Musiktiteln in Deutschland zustande kommt.

Um dies zu verhindern, tüftelten diese Verwertungsindustrien und Politiker an einem internationalen Handelsabkommen – hinter verschlossenen Türen. Was nun langsam an die Öffentlichkeit drängt und an medialem Interesse gewinnt, nennt sich „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“, kurz ACTA. ACTA soll das schaffen, was die Politik in den letzten Jahren versäumt hat, umzusetzen. Eigentlich eine gute Sache: Es soll alle Länder, die sich an ACTA beteiligen, auf den gleichen Stand des Urheberrechtes bringen – sozusagen gibt es Anweisungen und Punkte, eine Art Leitfaden, wie geistiges Eigentum geschützt werden kann. Nach Meinungen von Kritikern ist ACTA ein Plan der Lobbyisten: „Es geht darum, der Verwertungsindustrie ihre Pfünde zu sichern“, sagt Stephan Urbach von der Piratenpartei, der letztens noch mit zu Guttenberg in einem Berliner Café saß, als dem Ex-Verteidigungsminister eine Schwarzwälder Kirschtorte ins Gesicht platschte.

Doch wie sieht ACTA eigentlich aus?

Das internationale Abkommen ist noch in keinem Staat gültig, wurde aber von vielen schon unterschrieben und es sieht vor, dass geschützte Daten oder Marken nicht illegal weiterverbreitet werden. Damit sind nicht nur Musik- oder Filmtitel, sondern auch Ideen, Begriffe, Marken und Bezeichnungen gemeint. Konkret äußert sich das beispielsweise darin, dass die Internetbetreiber stärker in die Pflicht genommen werden sollen und so dazu gezwungen sind, ihre Kunden zu überwachen und jede Kommunikation, in der ein geschütztes geistiges Eigentum illegal weiterverbreitet wird, zu entlarven und sie mit dem Entzug des Internetzugangs zu bestrafen. Doch das ist nicht alles, was ACTA kann.

Bruno Kramm ist Mitglied der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ und außerdem Befürworter der Piratenpartei. Er synchronisierte das Video „Was ist ACTA?“ der Anonymous-Bewegung auf Deutsch: „ACTA ist ebenso wolkig formuliert, dass es dadurch in Verhandlungen dehnbare Standards eröffnet.“ Damit bezieht er sich auf das Grundproblem von ACTA. Denn dieses meint beispielsweise, geistiges Eigentum schützen zu wollen, definiert dieses allerdings nicht, so dass nicht nur Musik- und Videotitel und Marken, sondern auch Texte und Technologien geschützt sind. Es ist also nicht nur der illegale Zugang zu einem Lied, den ACTA versucht, zu verhindern – mit ACTA könnten älteres Wissen bei der Entwicklung und Konzipierung neuer Sachen nicht mehr angewendet werden. Die Befürchtung der Kritiker – wie auch die von Bruno Kramm: Der Zugang zum kulturellen Erbe könnte der Weltbevölkerung durch ACTA nicht mehr zur Verfügung stehen. Und auch die Art und Weise, wie ACTA umgesetzt und vollzogen werden kann, sorgt für Unmut: „Das ist meiner Meinung nach eine Art von klarer Freiheitsberaubung. Ein paar Alben geladen und ich kann nicht mehr an elementarsten Dingen des öffentlichen Lebens teilnehmen. Diese Art von Einschnitten kommt einer Art Zuchthaus gleich!“

Das größte Problem an ACTA ist, dass es dem Gesetzgeber einen großen Rahmen bietet, Entscheidungen zu treffen – frei nach dem Motto: Alles kann, muss aber nicht umgesetzt werden. „Wenn ein Gesetzgeber gewillt ist, solche Maßnahmen (wie sie in ACTA vorgeschlagen werden) einzuführen, wird er in Zukunft auf ACTA verweisen können“, sagt Reda.

Doch kann man einen Vergleich zur staatlichen Überwachung in der DDR ziehen?

Zu aller Erst geht es den Entwicklern von ACTA um Geld, hierbei sind vor allem die Verwerterlobbyies gemeint: „Viele Politiker sind, wenn es um das Internet geht, Lobbyeinflüssen schutzlos ausgeliefert, weil die Funktionslogik des Internets ihnen fremd ist und Vertreter der Verwertungsindustrie ihnen nahe legen, die altbekannten Prinzipien vom Analogen auf das Digitale zu übertragen“, sagt die 25-jährige Pressesprecherin Reda.

Man kann nur erahnen, wie die Verhandlungen zwischen Politikern und Lobbyisten aussehen, jedoch werden die Vertreter der Verwertungsindustrien sicherlich die hohen Zahlen an Steuern ansprechen, die dem Staat durch die Piraterie durch die Lappen gehen, auch das Wort Arbeitslosigkeit dürfte fallen.
In der ehemaligen DDR ging es der Regierung allerdings um eine Ideologie. Hier wurden die Menschen überwacht, weil sie nicht die gleiche Auffassung teilten oder besser gesagt, damit der Staat wusste, dass sie eine andere Meinung hatten.

Beim internationalen Handelsabkommen ACTA dagegen geht es um das Urheberrecht. So weit so gut, denn der Vergleich zur Stasi in der Zeit der ehemaligen DDR wird nur dann deutlich, wenn man zum Einen auf die Entstehungsgeschichte des Abkommens und zum Anderen auf die Umsetzung von ACTA schaut. „Das überhaupt etwas bekannt wurde liegt an Wikileaks, die bereits 2008 die ersten Entwürfe von ACTA veröffentlichten. Das ACTA-Gremium versucht jetzt das Abkommen schnell durch alle Instanzen der EU zu pauken, bevor der Protest auf die Straße geht“, sagt Kramm. Besonders der Punkt, dass ACTA ohne den Einfluss der Internetnutzer verabschiedet wurde, regt die Kritiker auf, „auch wenn es nicht unüblich ist, dass internationale Verträge von Regierungen ausgehandelt und durch die nationalen Parlamente nur noch vollständig ratifiziert oder abgelehnt werden können“, wie Reda sagt. Die Interessen der Internetnutzer wurden hingegen nicht vertreten: „ACTA berührt jeden Konsumenten“, verdeutlicht Urbach.

ACTA kann im Internet eigentlich nur durch die Überwachung umgesetzt werden, wie bereits angedeutet, sollen Internetbetreiber eine Art „Hilfssheriffs“ spielen und die Kommunikation seiner Kunden überwachen – zumindest wäre das laut ACTA eine Art des Vollzugs. „Ein komplett kontrolliertes Internet mit konservativen Wünschen wie Netzausweisen und Überwachung durch Internetdienstanbieter wäre nicht nur der Untergang unserer Demokratie, sondern würde schon viel früher Revolutionen wie zum Beispiel den arabischen Frühling verhindern“, sagt Bruno Kramm, der unter anderem das Musiklabel Danse Macabre gründete und führt an: „Und das alles nur um ein in Zügen über 100 Jahre altes Urheberrecht mit einseitigen Verwerterinteressen installiert im Internet zu betonieren.“

Denn es ist nicht etwas so, dass die Kritiker von ACTA beispielsweise Produktpiraterie verherrlichen wollen – doch das Problem ist, dass „die Interessen der Allgemeinheit hier gezielt zu Gunsten der Rechteverwerter außen vor gelassen werden“, macht Reda deutlich. Konkret heißt das: Nur die großen Haie im Becken werden Geld an oder durch ACTA verdienen, der kleine Musiker wird nur vom vielen Geld träumen können – mehr aber auch nicht.

Im Laufe des Bekanntwerdens von ACTA berufen sich viele Menschen auf das Grundrecht, seine Meinung frei äußern zu können und dass interne Kommunikationen erst dann abgehört werden, wenn ein konkreter Verdacht auf eine Straftat besteht: „Überwachung und andere Grundrechtseinschnitte werden als geeignete Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen festgeschrieben – das ist völlig inakzeptabel, auch wenn ACTA es nicht vorschreibt, sondern nur vorschlägt“, sagt die junge Piratin.

In Deutschland soll ACTA sowieso nicht umgesetzt werden – sagt die Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in ihrer jüngsten Youtube-Ansprache, in der sie sich zum Thema ACTA äußert: „Die Bundesrepublik Deutschland hat keinerlei Gesetzgebungsbedarf!“

In der Tat hat Deutschland beim Urheberrecht schon Vorschriften, die den Umgang mit Urheberrechtsverletzungen regeln. „Politiker, die darauf verweisen, dass viele der Vorgaben in Deutschland bereits umgesetzt sind, verkennen den internationalen Charakter des Informationsaustauschs. Auch Verschärfungen in anderen Ländern schränken unsere kulturelle und wissenschaftliche Entwicklung ein, zumal wenn das Recht so undurchschaubar gestaltet ist“, sagt Reda, die 2010 für eine kurze Zeit die Stellung der kommissarischen Vorsitzenden der Jungen Piraten inne hielt.

Sie sieht in ACTA außerdem eine Gefahr, dass „Menschen beginnen, sich in vorauseilendem Gehorsam selbst zensieren“ und macht zudem deutlich, dass das „deutsche Urheber- und Verwertungsrecht hoffnungslos veraltet“ ist. Julia Reda und Bruno Kramm halten eine Reform des Urheberrechtes für längst überfällig: „Es ist Zeit für eine Revision des Urheberrechtes und die Einführung neuer Schranken zur Sicherheit unserer Privatsphäre, die nun heute auch virtuell stattfindet.“

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

Leutheusser-Schnarrenberger versicherte nebenbei in ihrem neuerlichen Youtube-Video glaubhaft und mit ernster Miene: „Wir wollen keine Sperrungen von Internetzugängen wegen Urheberrechtsverletzungen!“

Es lässt sich vielleicht kein direkter Zusammenhang zwischen der staatlichen Überwachung in der ehemaligen DDR und der heutigen, die durch ACTA beiläufig stattfinden wird, herstellen, doch so dreht sich um die Spirale des Urheberrechts die Frage nach dem demokratischen Willen. Nicht zu vergessen, was passiert, wenn eine machtgeile Regierung ACTA ausnutzt und so das Urheberrecht nicht wie die Produktpiraten missbraucht, sondern auf einer viel stärkeren Ebene. Und dann sind es keine Verluste wie Geld, die irgendwelche Unternehmen plagen, sondern viel größere Schäden, die alle Menschen gleichsam tragen müssen, obwohl ACTA vielleicht nie in ihrem Sinne lag. Und auch wenn Leutheusser-Schnarrenberger glaubhaft versicherte, dass es aus Deutschland keine Zustimmung zum internationalen Abkommen geben wird, zeigt nicht nur ein Vorfall aus der Geschichte, dass Wörter gebrochen werden: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, sagte am 15. Juni 1961 der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, vor laufenden Kameras auf einer Pressekonferenz – gut zwei Monate später beginnen die Arbeiten zum Bau der Mauer. Auch wenn die Einschnitte und Motive zu jener Zeit andere waren, so zeigt es auch, dass dieses System schon einmal nicht funktionierte, denn die DDR hielt ebenfalls nur gute 40 Jahre durch. Auch Bruno Kramm glaubt, dass sich in der heutigen Debatte durch ACTA nichts in das Positive bewege: „Wer so gängelt, wird nicht durch einen Kauf belohnt.“

Der Anti-Hipster

Man mag kaum glauben, doch es gibt ihn – den Anti-Hipster. Um ihn zu erkennen, braucht der Hipster ein geschultes Auge, denn nur er kann den Anti-Hipster vom normalen Menschen, dem Hipster, unterscheiden. Wer sich in der letzten Zeit, vielleicht auch den letzten Monaten (wir wissen selbst nicht wie lange es diese kuriose Kulturbewegung schon gibt) durch die Berliner Szene kämpfte und so manchen Großstadtpiraten prompt als Hipster abstempelte, wird vielleicht nicht gemerkt haben – ehe er sich im verspiegelten Schaufenster selbst als Hipster outen musste – dass es noch Menschen gibt, die fernab dieser Szene leben. Ein gutes Beispiel ist dabei, die Menschen in der U-Bahn zu beobachten, besonders bei den neuen Fahrgeschäften, wo man den Menschen in Reihen wie auf einer Hühnerstange gegenüber sitzt. Dabei kann so mancher Hipster, neben seiner Hauptberuflichkeit als Hipster, noch ganz nebenbei und ohne Aufwand Richter spielen.

Vielleicht aber bewegt man sich noch an den Rand des eigentlich Unübertreffbaren und begibt sich oberflächlich wie man ist auf gewohntes Terrain: die Bewertung. Die Bewertung ist das tägliche  Brot für den geselligen Hipster, um in seiner Art zu überleben, das sei vorweg gesagt. Denn die Bestätigung über sein eigenes Leben holt man sich – es könnte einfacher nicht sein – über andere. Gut, für viele unverständlich, für sie eine reinste Odyssee. Schließlich kommen Hipster zuweilen aus der Großstadt Berlin und weil dort viele Menschen leben, haben Hipster natürlich auch viel zu tun. Um richten zu können, braucht ein wahrer und echter Hipster nur eines: ein geschärftes Auge.

Die Renaissance alter Dinge

Zuerst darf natürlich nur das für „nicht schuldig“, also durchaus passabel, erklärt werden, was eigentlich nicht in das zeitgemäße Bild der Menschen passt. Auf diese Weise werden Telefone von 1900 und vor dem Weltkrieg wieder für modern befunden, furchtbare Schlaghosen kriegen wieder ihren sonderbaren Ruf und auch ein Kassettenrekorder oder Game Boy wird wieder zur Arbeit berufen.

Regel Eins: Nur ein kurzer Augenblick

Doch das ist nicht die erste Phase der Einschätzung anderer durch den Richter. Zuerst blickt das Auge dahin, wohin es immer blickt – auf das Gesicht. Aber nicht allzu lange, schließlich ist es keine Seltenheit, dass man nach der Bewertung feststellt, dass das Gegenüber – so schnöde und antizeitgenössisch es auf den ersten Blick auch aussieht – auch ein Hipster ist. Regel Eins: Immer nur kurz ins Gesicht schauen und vor allem, Leute, vergesst die Haare nicht. Sie sind das, was am Ende einen der Hauptpunkte ausmacht. Aber dazu später mehr.

Regel Zwei: Immer anders sein

Hat man diese erste Phase überwunden, geht man weiter. Trägt er ein zu weites T-Shirt, sind die Farben leicht verwaschen oder aber sind sie schräg und bunt und haben drei Streifen, dann kommt dieser Angeklagte auch sofort in die nächste Runde. Die zweite Regel allerdings besagt auch, niemanden in Phase Drei zu lassen, der obenrum einigermaßen normal aussieht.
Regel Drei: Immer subjektiv bleiben

Die dritte Phase beschränkt sich erstmal nur auf das Untere des Wesens. Hier hat der Hipster die meiste Arbeit seines täglich Brotes zu verrichten. Denn die Bewertung fällt hier bisweilen besonders schwer, haben nämlich die anderen ersten beiden Regeln zu viel Eindruck hinterlassen, was beim Hipster in seiner Haupteigenschaft oberflächlich zu sein durchaus möglich ist, kommt man hier oft zu einem Punkt, an dem man das Subjektive nicht mehr vom Objektiven trennen kann. Daher die dritte Regel: Immer subjektiv bleiben. Die Bewertung der Hose fällt indes als „schuldig“ aus, wenn sie a) zu weit ist und b) einfach zu normal ist.

Regel Vier: Nicht zu viel Grunge

Nun kommt der Hipster wahrscheinlich zu der wichtigsten Kategorie: den Schuhen. Schuhe, wir wissen es, sind wichtig. Mit ihnen können wir den täglichen Ritt durch den Großstadtdschungel auch ohne Blessuren überstehen – nicht jedoch der Hipster. Dieser nämlich braucht nicht die Schuhe, die die Oberfläche von ihm erwartet: Er braucht Bergschuhe. Oder irgendwas anderes, was mindestens fünf Zentimeter über den Knöchel geht. Oder aber scheinbar zwanzig Jahre alte Chucks, die Löcher haben, bei denen Kleber sich löst und die Sohle beim nächsten Regen wohl endgültig dem Mülleimer anvertraut wird. Doch dies könnte wieder dem Grunge-Look entgegen kommen, womit wir uns auch gleich zur vierten Regel begeben: Zu viel Grunge bedeutet Krieg. Denn zwischen den Grunges und den Hipstern tobte vor vielen, vielen Jahren ein einsamer Krieg am unteren Ende der Modewelt, also zu der Zeit, an der so ziemlich alles zum wirklich ersten Mal erfunden wurde. Zu viel Grunge ist für den Hipster nicht gut, danach muss er sein Gemüt erst einmal in einem Berg schwieriger Lektüre, am besten bei Nietzsche, wiederfinden. Aber auch dies ist eine andere Geschichte.

Regel Fünf: Vollständiger Blick auf das Schuhwerk

Die Bewertung der Schuhe fällt, wie bereits angekündigt, dann positiv aus, wenn man in den Schlappen noch laufen kann und wenn – wieder ein sehr entscheidender Punkt – die Schuhe vollständig zu sehen sind. Regel Fünf: Schuhe müssen vollständig zu sehen sein.

Ist die Bewertung und das Richten des anderen Individuums fast abgeschlossen, kommt die Kür: die Haare. Wie bereits erwähnt, sind diese ein besonderer Ausdruck für den Hipster-Menschen von heute. Für sie gibt es keine Bewertungsmaßstäbe. Sie sind sozusagen die Superzahl der Hipster im Spiel 77. Und hier ist alles erlaubt bis auf eines: In keinem Fall zu hygienisch aussehen. Je abgeranzter, desto doller. Besonders der Strubbel-Look und braunhaarige Menschen punkten hierbei, wenn sie, wie gesagt, nicht zu sauber aussehen.

Das Urteil

Hat man die Bewertung abgeschlossen, wird das Urteil gefällt. Hierbei kommt nur der durch (und wird dann nicht weiter angeguckt), der in allen Regeln  mindestens eine gute Zwei bekommen hat, um es mit dem Schulnotensystem zu erklären. Dieser Mensch ist dann einfach a) zu sauber, b) hat nicht Nietzsches Zarathustra in der Hand und c) ist einfach zu normal für diese Welt. Schade für sie, schließlich befinden sie sich ja in der Überzahl und dürfen nicht den Sitten des Hipstertums frönen. Über eine Grenze sollte sich einmal Gedanken gemacht werden. Also ihr lieben Menschen aus Prenzlauer Berg (ist das noch Hipster?), Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln, erhebt Euch und errichtet die Mauer wieder und lasst nur den durch, der den goldenen Regeln entspricht. Zarathustra wird es Euch danken.

Das ist Herr Cetiubinici – klingt komisch, ist aber so

Geschichten von Herrn K.

Es regnet, als Cenk die Bratwurst noch einmal dreht. Ein Mann kommt vorbei und fragt nach Strom, in der Hand trägt er ein Stromkabel und deutet auf seinen Stand neben dem Wurststand. Der Flohmarkt am Berliner Mauerpark ist ein wahres Idyll um seinen Kopf in Tausenden von Kisten zu stecken und mit den Händen in diesen zu wühlen. So mancher findet hier seine halbe Wohnungseinrichtung, ein anderer nur ein altes Service von Oma. Ein klein wenig erinnert das Treiben an einen Besuch im schwedischen Möbelriesen Ikea, mit dem Unterschied, dass die Menschen hier nicht mit dem Auto hin und zurück fahren, sondern „mit‘s Rad“, wie man in den ländlichen Regionen gerne zu sagen pflegt, ihre Sachen nach Hause transportieren – die meisten zumindest scheinen das zu tun.

In den Wintermonaten ist der Flohmarkt und der dazugehörige fast schon legendäre Mauerpark nicht so gefüllt wie im Sommer. Während die Menschen bei warmen Temperaturen hier fast schon um jedes freie grüne Plätzchen kämpfen und die Karaoke im Amphitheater mit Stadionatmosphäre lockt, geht es im Winter ruhiger zu. Egal ob warm oder kalt, hinter dem Grill von Cenk ist es immer warm. Der 33-jährige wendet am Wochenende die Würstchen, allerdings nicht nur im Flohmarkt, sondern immer an unterschiedlichen Standorten. Je nachdem, wo „der Wurstmann“ gerade seine Zelte aufgeschlagen hat. „Ich bin ja eigentlich LKW-Fahrer“, sagt Cenk.

Unter der Woche fährt der Mann mit den kurzen braunen Haaren mit seinem LKW, in dem er Lebensmittel transportiert, meist durch Brandenburg, ehe er an so manchen freien Tagen und auch am Wochenende die Grillzange schwingt. 

„Das Arbeiten am Grill macht mir hier besonders Spaß. Man trifft so viele Leute, die so vieles mitbringen“, sagt er mit einem Lachen, „abwechslungsreicher halt“.

Im Gegensatz zu den vielen weiten Alleen in Brandenburg ist das gut nachzuvollziehen. Doch Cenk entgegnet, dass er auch das Fahren mit dem LKW sehr mag: „Wenn ich durch die Brandenburger Alleen fahre, denke ich über die Natur nach.“

Doch nicht nur im LKW ist er allein unterwegs, auch in seiner Einzimmerwohnung in „Neu Mitte“, wie er selber sagt, lebt er alleine: „Meine Freundin und ich haben uns nach 14 Jahren getrennt, unsere dreijährige Tochter Filiz lebt bei ihr in Falkensee.“ Eine Situation für seine Tochter, die ihm bekannt vorkommt, denn als er selbst noch am Daumen lutschte und sich seine Eltern im zarten Alter von zwei Jahren getrennt haben, wuchs er einst so auf, wie es seine dreijährige Tochter nun erfahren muss: „Hin und wieder macht man sich Vorwürfe, schließlich ist man ja für sein Kind verantwortlich.“

Cenk ist ein sehr fröhlicher Mensch. Diesen Eindruck erfährt man dann, wenn er über solche Situationen in seinem Leben spricht, die für ihn selbst nicht einfach gewesen sein können. Denn anders als seine Tochter Filiz, die mit ihrer Mama im nicht weit entfernten Falkensee wohnt, lebt Cenks Vater in der Türkei, in der Hafenstadt Marmaris. „Ich bin mit beiden Kulturen groß geworden“, erklärt der 33-Jährige mit einem leichten Augenzucken. Die Mutter kommt aus Deutschland, der Vater aus der Türkei. „Ich kann alles essen“, sagt Cenk mit einem breiten Grinsen, „denn ich bin weder Moslem noch einem anderen Kulturkreis zugewandt.“ Er erzählt nicht sehr viel darüber, dass sein Vater so weit entfernt von ihm lebt, es scheint so, als wäre es für ihn kein Problem, denn er geht „auf das Leben zu“, wie er selber sagt. „Man sieht sich halt hin und wieder.“

Ihm hat es nichts ausgemacht, nur mit seiner Mutter aufzuwachsen – ganz im Gegenteil: „Meine Mutti ist so locker drauf, dass ich mich selber erziehen durfte“, sagt er während es aufgehört hat zu regnen und die Sonne zum Vorschein kommt. „Dadurch, dass ich so viel Freiraum hatte, gab es halt auch nicht viele Probleme.“

Manchmal gibt Cenk Aufzählungen wieder, die zu der jeweiligen Situation passen: „Freude, Lachen, Glück.“ Dabei ist es sehr selten, dass er Wörter benutzt, die negative Assoziationen hervorrufen. Sowieso kommen negative Gefühle bei ihm seltener vor. „Man muss halt auch wissen, wenn‘s einem schlecht geht, dass es auch wieder besser wird“, sagt er, „und es gab auch Situationen in meinem Leben, wo es mir nicht gut ging.“

Konkret meint er damit die Zeit, in der eine Leerphase hatte, die Zeiten, in denen er Zuhause alleine war und ein paar Monate keine Arbeit hatte: „Aber die Phasen haben sich nie so lang hingezogen, dass es Narben hinterlassen hätte.“ Mitten im Winter, der nicht wirklich einer ist, wenn die Sonne zeitig untergeht und es sehr schnell dunkel wird, scheint es also doch noch Menschen zu geben, die ihre Mundwinkel oben halten können – Cenk ist so ein Mensch. „Es muss halt auch Phasen geben, in denen man einfach mal nichts macht“, sagt er pragmatisch.

Nur wenn Cenk darüber spricht, dass er kein Türkisch sprechen kann, gibt er sich wehmütig: „Im Nachhinein finde ich es halt schade, dass ich das nicht gelernt habe.“ In seinem Freundeskreis finden sich auch längst nicht nur deutsche, sondern auch türkische Freunde. „Ich besitze das Herz in beide Richtungen“, macht er deutlich, seine Augen wandern indes auf die langsam verschwindende Sonne am Horizont – es wird dunkel.

Er wünscht sich, dass er irgendwann einmal „ohne Pflicht“ sein wird und dann die Zeit hat, mit einer Segelyacht auf dem Atlantik zu segeln. „Den richtigen Wind braucht man im alltäglichen Leben – oder eigentlich immer“, er zieht noch einmal sein Basecap mit dem Schild nach hinten und korrigiert sich: „Wenn er kommt, dann muss man ihn nehmen.“

Die Sonne ist nun ganz verschwunden, viele Händler räumen ihre Waren zusammen, während sich der Wind durch die kleinen Zeltgassen auf dem Berliner Flohmarkt am Mauerpark schlängelt. Ohne ein neues „Billy“-Regal ziehen die Besucher von Dannen und auch auf den klassischen Hot Dog von Ikea verzichten sie. Doch während sich die Menschen ihre Schals und Kapuzen ins Gesicht ziehen, weil der Wind immer stärker und der Regen immer wuchtiger wird, steht ein Mann mit T-Shirt und dem immer noch nach hinten gezogenen Basecap am noch glühenden Grill. „Bratwurst“, schreit er – und lacht.

Probleme, die wir auch gern hätten – Heute: Das Dschungelcamp

Geschichten von Herrn K.

Wahrscheinlich kennt jeder die Werbung im Fernsehen, bei der die Suppe des großen Lebensmittelherstellers Maggi angeblich derartig gut schmeckt, dass sich im Löffel sogar ein Knoten bildet. Das magische Maggi, denkt man sich. In Wirklichkeit allerdings steht Uri Geller hinter dem Trick. Uri Geller, mindestens so berühmt wie der kleine Küchenhelfer aus dem Hause Maggi, der uns mit seiner bräunlich Sippe jede Suppe schmackhaft macht oder besser gesagt, alles gleich schmecken lässt – nach Maggi.

Gut, was hat denn nun der Quotenbrecher „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ mit dem magischen Maggi-Löffel zu tun? Ganz einfach: beide schmecken, mit Verlaub, kacke. Wo am Ende Brigitte Nielsen mit ihren Augenringen Fange spielen kann und ein Ebenbild zu unserer Bundeskanzlerin gibt, wurde der Löffel ganz und gar nicht von Uri Geller in der Maggi-Werbung verbogen, sondern ist nichts weiter als ein schlechter Marketing-Gag. Gut, nun kennen wir auch nicht die Verkaufszahlen von Maggi, dafür aber die vom Dschungelcamp. Ohne Zahlen nennen zu wollen, die Einschaltquoten liegen beim Z-Promi-Camp mehr als gut und erreichen Rekordhöhen.

Ailton spielt mal wieder mit seinen Speckröllchen, No-Name Micaela lässt wieder einmal ein Stück mehr ihrer Intimfrisur zum Vorschein kommen und der Vincent, der philosophiert wieder einmal über die schönsten Tiere der Welt: die Raben. Und, als ob das nichts gewesen wäre, legt sich „Rocker“ Martin Kesici furzend auf seine Matte. Bloß gut, dass es noch kein Geruchsfernsehen gibt. Ja, dann wäre da noch die Ramona Leiß (wer ist das?), Radost Bokel (wtf???) und Kim Debkowski (WER????). Nach einer doppelten Portion Doppel-Z-Promis, kommt dann also noch Jazzy von „tic tac toe“ dazu, die uns an die ganz schlimmen Teenie-Jahre in den 90ern erinnert, Rocco Stark, der mit dem einzig wahren schönen männlichen Körper – neben Heulsuse Daniel Lopes, der mal irgendwann bei einer der hundertausend DSDS-Staffeln mitgemacht hat – er wurde Siebter, oder so.

Brigitte Nielsen ist die einzig wahre Hollywood-Größe

Hach, das heutige Dschungelcamp ist doch auch nicht mehr das, was es mal war. Wo früher noch Caroline Beil von den Straußen gepickt wurde und Daniel Küblböck sich als starker Mann präsentierte, sehen wir heute nur noch eine Frau, die sich mit 50 als lesbisch outete und die einzig wahre Hollywood-Größe, Brigitte Nielsen. Das war die, die eine Schönheitsoperation nach der anderen machte. Hoffen wir für sie, dass sie nicht das billige Silikon aus Frankreich abbekommen hat. Die Geschichte von Ramona Leiß bewegt – ungeachtet der Tatsache, dass sie natürlich auch im Dschungelcamp sitzt – mehr. Warten wir also auf die spannende Geschichte, die Katja Burkhard mit der 12-Uhr-Tagesschau für Arbeitslose auf „Punkt 12“ macht. Da zeigte sich eine ebenfalls ältere Frau mit einem schönen Rücken-Gesicht und veränderter Stimme, die einem was davon erzählte, wie ihre Familie mit der schlimmen Krankheit, lesbisch zu sein, umgeht. Also bitte RTL, wenn ihr schon versucht, Aufklärungsarbeit zu leisten und einen wirklichen Beitrag zur Toleranz leisten wollt, dann sucht Euch demnächst eine Person, die sich auch im Fernsehen zeigt – so wie Ramona Leiß im Dschungelcamp. So denken die Leute vor den Fernsehern dieses Deutschlands ja noch, dass Homosexualität heilbar wäre und dass die Erde eine Scheibe ist. Traurig, traurig, wie man mit den Menschen umgeht. Gut, aber nun zurück zum Dschungelcamp.

Zu so einer richtigen Lach-Show gehört natürlich auch ein schlagfertiges Moderatoren-Team. Und wer sollte das anderes sein als Moppel Dirk Bach und Ex-Pilotin Sonja Zietlow, die schon mit anderen intellektuellen Shows wie „Der Schwächste fliegt“ glänzte. Wenigstens ist sie dem Sender treu geblieben und zeigt sich schon seit Längerem auf der Mattscheibe von RTL. Ja, wäre da noch Dirk Bach, der übrigens ebenfalls wie Ramona Leiß homosexuell ist. Nein – das muss an dieser Stelle gesagt sein – wir sind keinesfalls homophob, allerdings juckt es ein wenig im großen Zeh, wenn RTL auf der einen Seite bei „Punkt 12“ eine große Story um die Homosexualität macht und diese wie eine Krankheit behandelt und auf der anderen Seite einen schwulen Moderator auf die Hängebrücke stellt. Verzeihung, aber es gleicht einem Wunder, dass diese Brücke dieses Gespann aushält.

Gut, wir dürfen auch nicht vernachlässigen, dass wir in Zeiten, in denen „Fernsehen bildet“ den absoluten Nullpunkt unserer Intelligenz erreicht haben. „Fernsehen bildet“, sagte einst Nadine bei der Top-Sendung Frauentausch. Und nicht zu vergessen, dass „Schinkenwors“ Vitamine enthält. Ein Graus, dieses deutsche Fernsehen.

Mehr Worte braucht dieser Rundumschlag nicht, schließlich haben wir dafür Marcel Reich-Ranicki.

Psychologisch wertvoll

Um den angeblichen Bildungsfaktor im Dschungelcamp anzusprechen, so dürfte höchstens ein psychologischer Wertschatz darin gesehen werden. Es war dort sehr schön zu sehen, wie Gruppendynamik funktioniert. Naja, und weil es letztes Jahr so gut funktioniert hat, gibt man dieser bildungsreichen Sendung einen Platz in den Zeitungen dieser Welt. Kein Wunder, dass dann also die halbe Welt zuschaut. Was ist mit den Top-Themen der vergangenen Wochen? Wulff, Eurokrise und ja, selbst „Wetten, dass…“ scheint wichtiger als dieses Programm des Piratensenders zu sein. Aber wollen wir nicht zu sehr in die Kerbe hauen.

Doch wieso gehen diese ach so berühmten Personen in den Dschungel? Doch nicht etwa, um zu üben für den Ernstfall, falls im Dezember doch die Welt untergeht, oder? Nein, natürlich nicht. Denn alle, die jemals diesen schweren Gang in den australischen Urwald angetreten haben oder antreten, leiden hier im prüden Deutschland unter der vielmals als „Arbeitslosigkeit“ bekannten Krankheit. Es ist spannend, wenn man unsere – Verzeihung – „Stars“ dort ihre Geschichten erzählen hört, wenn sie da vor dem Lagerfeuer sitzen und ihre Bohnensuppe auslöffeln. Selbsthilfegruppe für Pomis sozusagen. Der einzige, so scheint es, der einmal einen sehr guten Spruch abgelassen hat, war der Rabenvater Vincent, der sich darüber äußerte, dass  keiner im Camp ein Promi ist, sondern dass diese allenfalls das Prädikat „bekannt“ erfüllen – mit Ausnahme von „Hollywood-Größe“ Plaste-Nielsen natürlich.

„Die Menschen werden von keinem Medium verdummt. Sie werden nur in ihrer Dummheit bestätigt.“ – Gabriel Laub

Und weil Dirk Bach dann manchmal auch etwas Gutes vom Zettel abliest, soll auch ein Zitat von ihm hier Platz finden: „Wir hatten an einem Tag so einen Mitgliederschwund – man nennt uns schon die FDP von RTL.“ Nein, auch wenn ihre Zuschauer kurz nach Ihrer Show im RTL „Nachtjournal“ über die neuesten Ereignisse in der Politik aufgeklärt werden, sie haben einfach eine derart schlechte Sendung, bei der es sich lohnt, sich fremd zu schämen. Eine wirkliche Weisheit brachte einst der Journalist Gabriel Laub: „Die Menschen werden von keinem Medium verdummt. Sie werden nur in ihrer Dummheit bestätigt.“

Der böse Wulff und die sieben Geißlein

Dieser Tage darf sich bei den ganzen Affären um unseren lieben Herrn Bundespräsidenten schon einmal verwundert über die Stirn gestrichen werden, war er doch derjenige, der wie kein anderer das Wort der Affäre prägte. So ist er nunmehr nicht nur stärkster Mann – das sogar noch vor Angela – sondern auch schöpferischer Zeitgeist. Er hat einen Preis verdient, wobei dieser im eigentlichen Sinne den Medien verliehen werden dürfte, sind diese doch so kreativ im Umgang mit dem Bundespräsidenten und seinen Affären.

Auf den ersten Blick, so dachte ich bisher immer, wäre eine Affäre das, was man im Sprachgebrauch als Seitensprung, Betrug, Fremdgehen oder anderes bezeichnet. Also das, was zwischen zwei Menschen, die einander lieben, manchmal gar nicht so selten vorkommt. Gut, kommt auch in den besten Familien vor, doch wenn es im edlen Hause im Berliner Tiergarten im Schloss Bellevue kriselt, dann hat das schon etwas zu bedeuten – meinen schließlich auch die Medien.

Doch ist es nicht etwa der Bruch einer Liebesbeziehung, den Medien-Deutschland dieser Tage interessiert.

Die Kredit-Affäre

Zuerst einmal lohnt es sich, das Blatt der Geschichte von Anfang an los zu spulen und den Bundespräsidenten zu der ersten Wortschöpfung zu gratulieren: die Kreditaffäre.

Sicherlich, interessant scheint dieses Thema nicht wirklich zu sein, hat man doch keine Ahnung von Kreditumwandlungen, Privatkrediten, zinsgünstigeren Krediten. Ach, und von Ministergesetzen und von Politik schon mal gar nicht. Aber über das Wort „Affäre“ stolpert man – gewiss keine schlechte Überschrift für eine Zeitung, deren Absätze bröckeln. In diesem Fall interessieren sich dann nicht nur Business-Männer in Anzug und mit Schlips dafür, sondern auch die Tratschtanten dieses Landes. Wenn sogar die „Bunte“, „Gala“, „Bild der Frau“ ja sowieso, mit diesem Thema aufmischen, muss auch ein gewisser Klatschgehalt drin sein. Erschließen anderer Zielgruppen, so nennt man das im Marketingwesen.

Es dauerte nicht lange, schon redete man über ein Einfamilienhaus der Familie Wulff in irgendeinem Kaff. „Hässlich sieht es aus“, tratschen die Hausfrauen dieses Landes. So wirklich schön mag es auch nicht gewesen sein. Und so wirklich will auch kein Mensch glauben, dass dieses Häufchen Elend aus Backsteinen wirklich 500.000 Euro gekostet haben soll. Ja, und wieso die Presse sich nun wirklich an der Causa Kreditaffäre aufhängt, weiß so richtig auch niemand.

Die Urlaubs-Affäre

Kaum ein paar Tage später, gab es dann die nächste Affäre, nein, es dreht sich immer noch nicht um Busen-Betty aus Bellevue, sondern um Urlaube: die Urlaubsaffäre. Nun hat der Wulff auch noch Urlaub auf Maschmeyers Grundstück gemacht. Gleichzeitig starten die Lästermäuler, ihre Münder aufzureißen. „Läuft da was mit der Ferres?“, fragen sich wohl einige Frauen. Zur Erinnerung für jeden nicht Klatschinteressierten: Maschmeyer ist Veronica Ferres‘ Mann und zugleich noch ein mehr als erfolgreicher Unternehmer – er ist sowas, was man gerne reich nennt. „Doch was ist daran denn so schlimm, dass der Wulff da Urlaub gemacht hat? Keine Ahnung, wer weiß das schon?“ Aber vielleicht läuft ja was mit der Ferres, idyllisch stelle ich mir die Grillabende mit „Busen-Betty“ und „Vroni“ auf jeden Fall vor.

Die Medien-Affäre

Kommen wir nun zur wohl am einfachsten zu begreifenden Geschichte, die sich in den vergangenen Wochen um unseren Herrn von und zu Bundespräsidenten gemehrt hat: die Medien-Affäre. Kurz umrissen dargestellt, ist sie die Affäre, die auf die Kredit-Affäre folgte. Doch halt – zeitlich gesehen ist sie die Affäre, die eigentlich schon vor der Kredit-Affäre ihren Lauf nahm. In den Ring steigt auf der einen Seite Herr Diekmann aus der Chefetage der „Bild“-Zeitung, immerhin die erfolgreichste – pardon, auflagenstärkste – Zeitung im ganzen Land und auf der anderen Seite olle Christian. Gut, moralisch gesehen nehmen sich beide nicht wirklich viel. Doch ein bisschen Wehmut fühlt man schon in der Magengrube, wenn selbst der Deutsche Journalisten-Verband Christian Wulff rügt, er würde die Pressefreiheit nicht achten. Um kurz auf den Punkt zu kommen, haben beide aufgrund ihrer Blödheit eine Backpfeife verdient. Denn wer auf einmal nicht mehr nur (!) über die „Fesselsex-Oma“, den „Hamster-Dödel“ oder die „Terror-Witwe“ in gewohnt reißerischer Manier titelt, sondern in keiner Weise Stammtischparolen von sich gibt und sich auf einmal sehr sachlich hinstellt,  sieht sich auf einmal als Opfer. Wer über Pressefreiheit auf der einen Seite spricht und schreibt, sollte nicht vergessen, dass das ach so schutzlose Opfer kein geringerer ist als die „Bild“-Zeitung, die seit Jahren immer wieder Äußerungen von sich gibt, wo es sich ebenfalls lohnt über die Pflichten der Presse zu sprechen – aber das ist eine andere Geschichte, die in den Klatschzeitungen dieser Welt keinen Platz findet.

Ach ja, ein Wort zu Wulff sei gesagt. Sicherlich können wir es verstehen, dass man etwas nervös ist, wenn man weiß, dass die „Bild“-Zeitung über etwas sehr Prekäres von einem selber schreiben will, dass vielleicht den Job kosten könnte. Doch – eine direkte Frage sei gestattet – , lieber Herr Wulff, wieso wussten Sie davon, dass die „Bild“-Zeitung über diese Kredit-Affäre Bericht erstatten wolle? Ja, es ist spannend. Da scheint es so, als wäre Diekmann erst der Freund und dann der Feind. Nun ja, gleiches musste sich wohl auch zu Guttenberg schon eingestehen. „Die Bild ist und bleibt halt mächtig, kannste nichts gegen tun“, denken sich wohl nun einige. Aber wohl doch: Einfach mal die Klappe halten. So wie es einst der „Vater der Einheit“ Helmut Kohl, um es mit „Bild“-Worten zu beschreiben, mit dem ebenfalls mysteriösen „Spiegel“ gemacht hat. Gut, vielleicht mögen diese Worte für Klatschi und Tatschi nicht sehr interessant sein – geschrieben werden müssen sie dennoch. Aber nun, liebe Labertaschen der Republik, kommt wieder was für Euch.

Die Betty-Affäre

Vorweg sei gesagt, dass nachfolgende Meldung mehr Klatsch- als Informationsgehalt haben wird, also hinhören! Die Betty war Prostituierte. Na das ist doch mal was, oder? Gut, richtig fundiert ist das natürlich nicht, aber immerhin ein Gerücht, das in den Redaktionen des Landes die Schnüffelnasen aufhorchen lässt. Wirklich rausbekommen wird es keiner, allerdings liest sich „Bettina, pack deine Brüste aus!“ auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung bestimmt gut.

Nach alledem sollte unser Wülffchen doch den Hut nehmen. Denkste! Der krallt sich an den genau den Sessel, in den schon vorher Weizsäcker, Herzog, Heuss und andere pupsten. Sie alle waren wahrscheinlich ehrenvoller als der jetzige Bundespräsident. Doch eines haben sie alle nicht getan: Ein Wort so geprägt, wie es Christian Wulff gemacht hat. Wir dürfen gespannt sein, welche weiteren Affären Schnüffelhase Diekmann als nächstes aufdeckt. In diesem Sinne: „Wulff dir deine Meinung!“

Neujahrsausgabe!

Liebe Leserinnen und Leser, 

Silvester haben wir hinter uns gelassen, das neue Jahr ist schon wieder älter, als einem lieb sein kann. Trotzdem – frisch und fröhlich seht Ihr heute Abend unsere erste Ausgabe für 2012, die wieder einmal mit vielen schönen Themen aufwartet.

Zuerst gibt es diesmal natürlich wieder ein neues Statement zur Generation Y und – das fügt sich sozusagen nahtlos ein – einen kritischen Blick auf ein höchst juristisches Phänomen: wie bewerten wir das Aussehen Anderer? Und wenn wir nun schon bei den leichteren Dingen angelangt sind, sei auch noch ganz dringend der Text zur Emanzipation des Mannes empfohlen.

Mit einem spannenden Gastbeitrag zu Togo geht es mit dem Wegweiser diesmal also nach Afrika, dafür bleibt es mit einem IrlandArtikel im Broterwerb europäisch. In Kultur & Eselei machen wir nur einen ganz kleinen Sprung, nämlich in die hiesige Clublandschaft, die dank der Transmediale im Februar wieder noch wunderbarer als sonst blinken wird.

Politisch kann es in dieser Ausgabe eigentlich nur ein Thema geben, jeder ahnt es schon, wir sprechen es trotzdem aus: Wulff hat ein paar mistige Dinge getan, die man ruhig noch mal ganz sachlich aufarbeiten kann. Andere Menschen haben indes ganz andere Probleme und Sorgen: Wir haben einerseits das idiotische Getummel im diesjährigen Dschungelcamp in den Blick genommen und kurz danach einen erfrischenden Wurstverkäufer im Mauerpark getroffen, der uns vorgestrahlt hat, wie Optimismus aussieht und uns doch noch hoffen ließ.

Zuguterletzt widmen wir uns im Porträt einer Dame, die für eine klare, spezielle Mode einsteht, damit die  Welt der schönen Dinge kräftig umgekrempelt hat und bei all diesen Leistungen natürlich trotzdem nicht frei von Fehlern war: Coco Chanel.

Mit der Modelei halten wir‘s selbst natürlich wieder sehr berlinerisch – diesmal hat es uns nach Schöneberg getragen.

Soweit, wir hoffen, Ihr hattet einen wunderschönen Start ins neue Jahr und wünschen Euch viel Freude mit der neuen Ausgabe und nicht vergessen, Euch den Wecker zu stellen auf die berühmte eine Minute nach Mitternacht.

Eure Redaktion.

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