Alles begann mit dem schon lange gehegten Wunsch, einmal den Kontinent zu besuchen, über den die hiesigen Zeitungen ihre Berichterstattung auf wenige Themen wie Krieg, Krisen und Konflikte reduzieren. Es geht nach Afrika, genau genommen nach Togo. Wo genau das liegt, weiß hier in Deutschland eigentlich kaum jemand. Vertraut mit dem Namen sind einige vielleicht nur deswegen, weil seit geraumer Zeit auch in Deutschland der Trend angekommen ist, seinen Milchkaffee oder Café Latté „to-go“ auf dem Weg von A nach B zu schlürfen.

Weiter südlich, fast 5000 Kilometer entfernt von den gehetzten Kaffeetrinkern, da wo der Kaffee bestenfalls herkommt, erstreckt sich die ehemalige französische Kolonie Togo mit ihrer Haupstadt Lomé ungefähr 5700 km² über den westlichen Teil Afrikas. Regelrecht eingequetscht zwischen Ghana und Benin zählt Togo – so groß wie Hessen und Baden-Württemberg zusammen – zu den kleinsten Ländern des Kontinents.

Wie es dort tatsächlich ist, lässt sich schwer beschreiben. Noch sicher im Flugzeug sitzend hat man das Gefühl, sich bestmöglich auf den Aufenthalt vorbereitet zu haben. Die schrulligen Damen im Tropeninstitut haben einem immerhin sechs verschiedene Spritzen in den Arm gerammt, das Anti-Mückenspray ist auch im Koffer und das Antibiotikum, das angeblich gegen Malaria helfen soll, verteilt sich bereits seit einer Woche im Blut. Nicht zu vergessen: die deutsche Botschaft in Togo weiß aufgrund einer Krisenvorsorgeliste, in die man sich hoffentlich eingetragen hat, dass man nun für drei Monate im Land verweilt. Jetzt kann nichts mehr passieren, denkt man. Tut es auch nicht.

Entgegen einiger afrikanischer Länder, in denen tatsächlich Krieg und Krisen zum Alltag gehören, kann man sich in Togo recht sicher fühlen, sofern man gewisse Regeln beachtet. Während man nur nachts nicht alleine unterwegs sein sollte, lohnt sich nach der Ankunft bei Tageslicht ein erstes Erkunden des eigenen Viertels mit dem schönen Namen Kodjoviakopé. Doch schnell stellt man fest, dass ein gemütlicher Spaziergang bei tropisch-feuchten Temperaturen von 30 Grad wenig Sinn macht. Die Togoer scheinen das schon früher begriffen zu haben und bewegen sich lieber, sofern es der Geldbeutel zulässt, auf einem zemijan fort – die afrikanische, sehr komfortable Version eines Taxis, bestehend aus Motorrad und Fahrer, von denen in Lomé auf die Einwohnerzahl von 1,2 Millionen schätzungsweise 20.000 kommen sollen. Die Gebrauchsanweisung ist leicht: Hand in die Luft strecken, ein Fahrer hält, der Preis wird ausgehandelt und los geht es durch die Straßen, die oft nicht mehr als ungeteerte Staubpisten sind, um die Schlaglöcher herum, durch Schlammpfützen vom letzten Dauerregen Richtung Ziel. Anfänglich noch etwas steif auf dem Beifahrersitz klebend, spielen sich um einen herum bizarre Szenen ab: Hier teilen sich ganze Familien ein Motorrad, gleichzeitig dient das Gefährt als Transportmittel für Ziegen und Möbelstücke. Während das arme Tier – an den Vorderbeinen gehalten – neben dem fahrenden zemijan baumelt, werden die Möbelstücke geschickt auf den Köpfen von Fahrer und Beifahrer balanciert. Neben diesem eindrucksvollen Manöver zeigt sich ohnehin schnell, dass die Togoer das Transportieren von Lasten auf dem Kopf  perfektioniert zu haben scheinen. Neben Körben mit Lebensmitteln, Kleidung oder Säcken mit Zement finden auch Schulbücher und Handtaschen ihren Weg aufs Haupt.

Erreicht man schließlich den Teil Lomés, den auch das wendige Motorrad nicht befahren kann, ist man im Herzen der Stadt angelangt: der Grand Marché im Stadteil Assignomé. Da Lomé, abgesehen von einigen durchaus hübschen Kolonialbauten, keine Sehenswürdigkeiten vorzuweisen hat, stellt sich der Markt als eindrucksvollste Erfahrung heraus. Hier verkaufen vornehmlich Frauen alles was nicht niet- und nagelfest ist. Das Treiben und der Lärm sind unbeschreiblich. Es wird gehandelt, lautstark Ware angepriesen oder einfach nur geschwätzt. Feste Preise gibt es nicht. Als yovo und damit als Weißer, als der man unschwer identifiziert wird, zahlt es sich aus, hartnäckig zu feilschen, wobei man immer freundlich bleiben sollte. Gerne schnellen die Preise für unsereins in die Höhe, was nur allzu verständlich ist, denn bei einem Bruttoinlandsprodukt von etwas mehr als 1$ pro Kopf und pro Tag zählt jeder CFA-Franc. In Europa aber steckt das Geld, also warum nicht etwas mehr von den yovos verlangen.

Immer noch auf dem Markt, gelangt man, dem penetranten Geruch von getrocknetem Fisch folgend, in ein dreistöckiges Warenhaus. Neben der Fleischabteilung, um die diejenigen, die noch etwas länger unter den Fleischliebhabern verweilen wollen, lieber einen großen Bogen machen sollten, finden sich in der dritten Etage Auslagen von Federn, Muscheln, Hölzern und Knochen. Irgendwie uninteressant, denkt man sich und es zieht einen zurück in die zweite Etage zu den afrikanischen Stoffen made in China. Doch man irrt. Später erfährt man, dass es sich hierbei um Utensilien der Voodoo-Religion handelt, die unsereins gerne mit irgendwelchen Stoffpuppen und Nadeln in Verbindung bringt, die in Westafrika aber nach wie vor stark verbreitet ist.

Abends, wenn bereits um sechs die Nacht über Lomé hereingebrochen ist, die Stadt im Dunkeln liegt, weil wieder einmal der Strom abgestellt wurde, zieht es einige unter das Mückennetz über dem Bett. Nach Sonnenuntergang geht nämlich die berüchtigte Anopheles, eine der Malaria-Mücken, ihren Gelüsten nach Blut nach. Greift man zu hellen Klamotten und Autan, lohnt es sich aber, seine Angst vor dem gemeinen Vieh zu überwinden und das Nachtleben zu erkunden, die Anopheles schafft es so oder so irgendwann durch die zahlreichen Abwehrmechanismen und kettet einen ans Bett.

Schlafen kann man um diese Uhrzeit sowieso noch nicht, denn afrikanische Beats nehmen in einer gigantischen Lautstärke den gesamten städtischen Raum ein. Überall ist was los, die Menschen treibt es nach draußen. Mit den neu gewonnenen Freunden zieht einen der Geruch von gebratenem Fleisch ins „Brochette de la capitale“ am belebten Boulevard. Hier gönnt man sich zunächst die  höllisch scharfen Fleischspieße mit Yams-Fritten. Uns etwas fremdartig, aber durchaus lecker, ist aber auch die afrikanische Speise Fufu, ein fester Brei aus Maniok- oder Yamswurzeln mit Soße, die es einige Straßen weiter im „Nopegali“ zu kosten gibt. Sofern man dann das Essen gut vertragen hat, lässt es sich in Lomé bis zum nächsten Morgen tanzen – sei es auf der Straße, in einer Bar oder tatsächlich in einem der wenigen Clubs, die sich in ihrer Türsteherpolitik kaum von den deutschen unterscheiden.  

Erst am nächsten Morgen, wenn man das Haus auf der Suche nach einer frischen Tasse Kaffee verlässt und sich an einer kleinen Bude am Straßenrand sitzend wiederfindet, wo der braune Sud eine Plörre aus aufgelöstem Pulver mit gezuckerter Kondensmilch darstellt, ist man wieder ganz in Lomé angekommen. Hinter einem hupen die zemijan-Fahrer, die Kinder singen „Yovo, yovo bonjour“, Schweiß und Staub vermengen sich auf der Haut. Da gibt es nur eins: schnell an den Strand, vielleicht findet sich dort ein ruhiges Plätzchen!