Generation Y: Liberté toujours

Sie proklamiert, er hält dagegen. Oscar Wilde oder John Lennon?

Zwei Jahreszeiten, drei Geschichten, vier Menschen und eine Entscheidung.
Veränderung.

Meine Position ist entschieden. Rennen und bleiben.

Wir sind nicht, wie ihr seid. Nicht, weil ihr älter seid, nicht, weil wir jünger sind. Unsere Geschichte ist eine andere, der gesellschaftliche Kontext ist ein neuer.

Meine Großmutter wundert sich. Sie erkennt sich nicht wieder, nicht in mir, nicht in dieser Welt. Was für mich normal ist, wirkt absurd auf sie. Was ich veraltet finde, ist ihre Realität.

Aus dem Fenster meiner Altbauwohnung sehe ich euch, jung, schön, in euren Second-Hand Klamotten und erkenne, dass es so gradlinig nicht zu verstehen ist.

Ich verwerfe die Angst und erpresse das Glück.
Veränderung.

Zwei Städte, drei Wege, vier Vorstellungen und ein Entschluss.

So waren es weder Lennon noch Wilde, sondern Fernando Sabino, der sagte: “Everything will be okay in the end. If it‘s not okay, it‘s not the end.”

Generation Y Juli

Text.

Desipramin

Wie immer. Der Morgen, wie üblich. Die Sonne scheint. Aufstehen, Zähne putzen, Falten zählen, duschen.

Voll Ungeduld: Frühlingsgefühle oder Altersdepression?

"Die Zeit rast" – klingt verdächtig nach Kurzlebigkeit vollen Haares.

Doch das stört doch keinen großen Geist.

14 minus 2,5 Dioptrien Blindheit, abzüglich 5 Schritten Weisheit und 3,5 Einheiten Schlafmangel ergeben genau drei fröhliche Zierfältchen.

Glückseligkeit oder Resignation?

"Ja, ja" – die richtige Antwort will im falschen Moment nicht als Verleumdung verstanden sein.
Vielmehr geht es um die Tiefe der ungeliebten Furchen, um Abenteuer und Mut.

Nein, Stubenhocker will ich nicht sein. Lieber verlieren und weinen, um zu gewinnen.

Vergesst die Falten. Wild ist das Leben.

Mittwoch, 22.56h

Ich kotze, spüle und starre in die weiße Kloschüssel. Aus der Küche höre ich Stimmen. „Die Triangulation zwischen zwei Subjekten und dem besprochenen Komplex.“

Was auch immer. Der Geschmack von Magensäure überwältigt den von Cola und Rum und ich ergebe mich, übergebe mich auf ein Zweites. „Wenn ich dir nicht verrate, dass ich noch Jungfrau bin, ist das nicht gelogen.“ „Doch…“ Der empörte Gegenruf verscheidet sprudelnd in die Tiefe des Abflussrohres.

„Gehst du von einer Welt unterschiedlicher Realitäten aus, so existiert die Lüge nicht. Es ist wie gesagt, ein Dreieck in dem du, ich und die Nicht-Wahrheit stehen.“

Die Übelkeit lässt nicht nach. Ich höre Schritte. Eine dritte Stimme feuert nun das Wortgefetz an. Es scheint um das Recht auf Geheimnisse zu gehen. Mein Magen zieht sich zusammen und ich rufe, dass ich noch fünf Minuten bräuchte meine Haare in eine tanzfeste Position zu bringen.

Die Schritte kommen unbeirrt näher. Klopfen. Die Tür geht auf. Ich hatte nicht mal geschafft abzuschließen. Ein Blick der Bestürzung. Ich wende mich wieder der Toilette zu und presse ein: „Mir geht es gut.“ heraus, gefolgt von einem weiteren Cuba Libre in falscher Richtung. „Deine Mutter ist dran.“ Ich schüttele den kopf, doch ein unkontrollierter Rülpser verrät meine Anwesenheit. „ja sie hat sich den Magen verdorben. Ja, ja…. bestimmt der Spinat von gestern.“ Bis bald. Das glaubt sie nie im Leben. Obwohl – es ist Mittwoch vor Mitternacht. Ein Glas Wasser hilft. Ich richte mich auf, sortiere meine Haare, übertünche mein kreideweißes Gesicht und schreite auf wackeligen Beinen zum Ursprung allen Unheils. Das Versprechen, niemandem zu sagen, was ich gemacht hatte, war mein. „Geschminkt. Frisiert. Ich bin bereit zum ausgehen.“ und bemühe mich um ein überzeugend leichtfertiges Grinsen. Meiner Komplizin fällt das Lächeln leichter.

„Rein theoretisch ist Lügen ein höchst interessantes Thema. Allein die Existenz der Lüge lässt sich nicht beweisen, solange du Wahrheit nicht zu definieren weißt.“

Ich kannte mal einen, der kannte einen, der hatte eine Freundin. Also diese eine Freundin von mir hatte einen Freund und der hat behauptet von Alkohol noch nie gekotzt zu haben.

Ist doch eh alles nur erfunden.

Eine Weihnachtsgeschichte

Es ist acht Uhr am Abend. Dunkel. Kalt. Ich sitze in der Bibliothek. Die Plätze leeren sich. Allein die panisch Frustrierten harren aus. Versuchen die Angst mit routinierter Akzeptanz zu beruhigen. Mir wächst ein Barthaar.

Vom Tisch her lacht höhnisch die Frage nach Schein oder Sein. Abendländische Philosophie. Gedankenlosigkeit verdrängt geballte Konzentration. Eigentlich sollte ich lernen. Eigentlich ist Vorweihnachtszeit. Eigentlich Stille. Eigentlich Ruhe. Dagegen das Lärmen um Frieden.

Krampfhaft des Wissens habhaft zu werden, studieren, entgegen der Zeit in der Hoffnung sie überlisten zu können. Meinem Sitznachbarn fallen die Augen zu und der Kopf auf den Tisch. Er erschrickt. Ich kämpfe mit meinem Barthaar.

Es ist widerspenstig. Es ist borstig.

Die Bibliothek schließt. So muss Wissen vor Zeit kapitulieren. Ein strenger Geruch von Resignation steigt mir in die Nase, vermischt sich mit dem gebrannter Mandeln.

Noch einmal reiße ich an dem widerborstigen Ding. Befreie mich von eigentlich und denke an Weihnachten. Es ist wie nach Hause kommen. Ihr seid niemals zu alt und einsam zu hip.

Die Absonderlichkeit des Zusammenlebens

Wenn andere dich und deine Mitbewohner anschauen als hättet ihr ein Verhältnis, wie zwielichtige Cousins, deren Geheimnis man lieber nicht wissen möchte; wenn einer von euch das Gefühl hat von einem gleichgeschlechtlichen Ehepaar adoptiert worden zu sein und wenn ganz prinzipiell immer von dir im Plural gesprochen wird, dann könnte man meinen es läge ein psychisch pathologisches Gruppenproblem vor. Ganz falsch ist dieser Kurzschluss vielleicht nicht, doch möchte ich die Diagnose konkretisieren. So ist den Begrifflichkeiten des ersten Satzes der Kern meiner Analyse schon zugeschrieben, doch mache niemandem einen Vorwurf, der die dezent eingeführten Schlagworte in jeder einzelnen Zeile der Einführung übersehen hat.

Nun wo ihr den ersten Satz noch einmal gelesen habt, kann ich ja fortführen. Es geht also um die absurde Zusammengehörigkeit in Wohngemeinschaften, um die abstruse Vertraulichkeit, der vorweggenommen wird, dass herkömmlich freundschaftliche Beziehungen ihr nicht standhalten können. Wobei es mir genau genommen, um die Undurchschaubarkeit des Verhältnisses von Mitbewohnern für Aussenstehende geht. Vielleicht beziehe ich mich auf einen Einzelfall und doch hoffe ich, dass manche von euch verstehen wovon ich spreche.

Der meist beschränkte Raum den man mit mehr oder weniger fremden Menschen teilt, baut Spannung auf. Denn egal ob du, am Morgen nach einer wilden Nacht aussiehst wie, ich zitiere: „vom Teufel zerhackt“ oder aber enthusiastische Telefonate führst, deren Inhalt nicht für die Ohren Dritter bestimmt sind, genau das sind die Momente in denen dein Mitbewohner dir gegenübersteht und dich angrinst. Du kannst dich nicht verleugnen und das ist der Punkt der Entscheidung: entweder du ziehst aus oder du gibst dich hin. Gehen wir von Letzterem aus, denn darin liegt der Kern meiner Diagnose. Ihr werdet im romantischsten und gleichzeitig abartigsten Sinn Familie. Abartig, da ein Charakteristikum von Familie darin liegt, dass man sich die Mitglieder nicht aussuchen kann und du dich ganz freiwillig ähnlichen Zwängen und damit meine ich natürlich verschobene Forderungen und Erwartungen unterwirfst, denen du dich gerade entzogen hast. Romantisch, weil du trotz der Ferne zur Heimat ein Gefühl von Zusammengehörigkeit entwickeln kannst.

Jede Herausforderung ist dieses Erlebnis wert. Denn auch, wenn die Anderen, wer auch immer sie sind, sich trockene Münder darüber reden, dass ihr zu selbstverständlich vertraut seid, um einfache Freunde und zu unähnlich um Geschwister zu sein, euch aus Unverständnis jegliche existente und nicht anerkannten sexuelle Orientierung andichten. Doch ist es eines der schönsten Dinge, die ihr erleben könnt. So ziehet zusammen und werdet Cousins und Cousinen, adoptiert euch gegenseitig, denn das Gefühl sich in der Gemeinschaft verlieren zu können bedeutet zu Hause zu sein.

Die Widersprüchlichkeit der Nacktheit

Es ist noch nicht lange her, da saß ich in gemütlicher Runde am Frühstückstisch und plötzlich leuchtete sie unpassenderweise, frech am T-Shirt vorbei, direkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit; die eine von zwei Brüsten, sieht man von weiteren verdeckten, doch anwesenden Brustpaaren ab. Es ist nicht erwähnenswert, dass es die rechte meiner eigenen Brüste war, bzw. die linke aus der anderen Perspektive. Aber ja, sie war da, unübersehbar und auf geradezu charmante Weise provokant, eine Charaktereigenschaft die den runden Dingern eigen ist.

Alles weitere Gekicher darf sich jeder an dieser Stelle frei nach Lust und Laune selbst ausspinnen, doch ehrlich gesagt war es halb so aufregend, wie erwartet. Theoretisch blieb die Nacktheit jedoch an unserem Tisch kleben. Vielleicht lag es auch an der Hitze der letzten Wochen, die das Thema unumgänglich zu machen schien.

Verwunderlicherweise bringt mich das Thema immer noch in eine gewisse Verlegenheit. Bei all den Brüsten, die mir tagtäglich von riesigen Werbetafeln zuzwinkern, sollte ich doch von einer befangenen Meinung zum Thema Nacktheit geheilt sein und wenn ich an dieser Stelle von mir spreche, so meine ich mich als Repräsentant der Generation Y; denn einige unwissenschaftliche doch nicht zu unterschätzende empirische Feldforschungen haben ergeben, dass ich erstens nicht die Verklemmteste bin, wobei das nichts zur Sache tut und zweitens eine allgemeine Unsicherheit bzw. Verlegenheit bei tatsächlich nackter Haut, außerhalb des eigenen düsteren Schlafzimmers auftritt.

Wie kann das sein, wo wir uns den ganzen Tag von aufreizenden Bildern zum Kaufen animieren lassen, müsste sich doch eine gewisse Normalisierung eingeschlichen haben. Gut, es ist sicher ein Unterschied, ob man Freunde oder Fremde ohne jegliche Bekleidung herumtollen sieht, doch was spricht gegen eine Entsexualisierung der Nacktheit im eigenen Freundeskreis, in der eigenen WG? Da wir doch sowieso an den Anblick nackter Körper gewöhnt sind, könnten wir doch den eigenen naturalisieren im Sinne davon, dass wir ein natürliches Verhältnis zu ihm aufbauen und der Angst wir könnten mit den Modellen auf der Straße nicht mithalten, die Show stehlen.

„Das wäre doch langweilig, wenn ich alle nackt kenne. Wo bleibt da die Spannung, wenn du das erste Mal eine Person ausziehst und den Körper den du vorher nur erahnen konntest, enthüllst. Liegt darin nicht die Lust?“ Ein Argument das ich einsehe, doch habe ich so einiges dagegen zu halten, denn zum einen kennt jeder die goldene WG-Regel, die bei der es darum geht, dass man weder angezogen noch nackt Körperflüssigkeiten mit seinen Mitbewohnern austauscht, denn Vorsicht ist besser als Nachsicht oder so ähnlich, am Ende ist immer einer eifersüchtig.

Wie auch immer, gerade dieses Argument spräche für mehr Nacktheit in Wohngemeinschaften, da, wie aus dem obigen Zitat ersichtlich wird, genau damit der Prozess der Naturalisierung gefördert würde. Unter uns gesagt, würde ich aber gerade so offenen WGs hier und da mal eine Orgie andichten, ich meine wer von euch würde das nicht? Wenn man schon nackt ist. Genau darin liegt die Widersprüchlichkeit der Nacktheit, ist sie allseits gegenwärtig, übersexualisiert sie, ist sie in Kleidung und Tücher gehüllt so steigt die Spannung , der Reiz sie zu erkunden und trotzdem ist nicht jeder Körper an jedem Ort ein Sexobjekt.

Ich für meine Wenigkeit plädiere genau deshalb für mehr Nacktheit in unserer Gesellschaft, vielleicht aus purer Freude, unter anderem aber auch aus der Überzeugung, dass es die Zweifel an der Schönheit des eigenen Körpers beheben könnte.

Nun reißt euch die Kleider vom Leib, ein Hoch auf den heißen Sommer!

Ich rette die Welt… oder auch nicht.

Wie jeden Dienstag steht er mit mir vor dem Institut: gebatikte Aladin-Hose, gräuliches Leinenhemd und beige Hanfschuhe. Wild gestikulierend schimpft er auf Benetton, H&M und überhaupt, die Produktionszustände in Bangladesh. Recht hat er.

Ich denke an Indonesien, Taiwan und Südamerika und schaue an mir herunter: die Jeansjacke aus dem Second-Hand-Shop um die Ecke, ist ja irgendwie hip gerade, auch meine Leggins von AA. Da blitzt mir weißes Gewissen schwarz in der Sonne entgegen und dann esse ich Bulgur, kaufe Bio-Milch und -Eier und überhaupt verzichte ich auf Fleisch.

Eine Beweiskette der Unschuld, deren roter Faden sich vor Grausen zusammengerollt und in die Ecke geworfen hat. Denn das eine hat nichts mit dem anderen zu tun, allein mir helfen die zusammengeschmissenen Halbargumente eine dünne Schicht einer Weltretter-Farce vor mir selbst aufrechtzuerhalten und ganz ehrlich gesagt funktioniert nicht mal das.

„Du bist nicht die Einzige,“ hört sich in meinen Ohren, mehr nach Drohung als Trost an. Gerade diejenigen meiner Generation, die aufgrund hervorstechender Individualität in der Masse der Alternativen untergehen, preisen ihr Ökotum.

Sie gehen auf den Markt und hängen ihr Umweltbewusstsein in Form von weisen weltverbesserer Werbepostkarten als Türschild an ihre WG-Toilette.  33 Sklaven arbeiten momentan für den Luxus, den ich mein spärliches Studenteneigen nenne, zumindest nach Berechnung von slavery-foot-print, ein erschreckendes Ergebnis, das im Alltag doch schnell vergessen ist.

Verschämt popel ich ein wenig in der Nase und wünsche mir mehr Ehrlichkeit, wahrscheinlich ist auch der indienreisende Weltretter nur ein Schauspieler seiner selbst, doch trotz allem wäre ich manchmal lieber ein bisschen mehr wie er.

Lasst uns das Leben genießen

„Und was studierst du so?“

„Wirklich? Cool, aber was kannst du damit machen?“

„Taxifahren? Das hört sich großartig an. Du könntest einen mobilen Zigarettenservice einführen... Zaxi, deine Zukunft.“

Nun, über die Tiefe des Kraters der Niveaulosigkeit solch einfallsloser Kreativität lässt sich diskutieren. Doch abgesehen davon, was werden all die Kommunikationswissenschaftler, Soziologen oder Gendermaster tatsächlich eines Tages machen? Wen werden die, in der Theorie dem Sozialen dienenden, Erziehungswissenschaftler ihr Soziales nahe bringen?

Gefangen im Teufelsdreieck der studierten Wissenschaft,  der sich unendlich spiegelnden Möglichkeiten. Eine beklemmende Freiheit, die phantasmagorische Zukunft einer übergebildeten Generation. Wobei übergebildet fühlt sich der Großteil wahrscheinlich auch nicht. Wie man jedoch operationalisisert, Interviews auswertet und Wahrscheinlichkeitsdiagramme abstrakter Gesellschaftsphänomene erstellt, weiß sogar Monsieur: „7 Jahre drittes Semester“.

 Theoretisch können wir alles und gleichzeitig nichts. Denn das Wissen bleibt auf der Strecke, im Rennen von einer Prüfung zur Nächsten, auf der jagt nach Punkten, nach Status und am Ende gibt es nicht einmal Kuchen.

Man schreibt über uns, wir sehnten uns nach Sicherheit und bürgerlicher Sesshaftigkeit. Generation Y, gehören wir Jungstudenten noch dazu oder sind wir nur Nachläufer, die nicht einmal von dem Wunsch nach Halt getragen werden, die irgendwo fern dem Bürgertum und unglücklich im Choas ihren Weg suchen.

„Stell dir vor, du müsstest ein Leben lang den selben Beruf ausführen.“ – „Furchtbar !“  

Es ist eine absurde Angst, aus der heraus sich die Masse in Wissenschaftsstudiengänge flüchtet, die moderne Beweisbarkeit vergöttert und ein Halleluja auf die neuste Technologie singt. Es ist das Eifern nach großem Wissen, das Streben nach der Erfüllung einer Illusion, doch über die Realität nicht fliegen können.

Großvater versteht das nicht und noch weniger, wie man nach fünf  Jahren sich doch für Kunst entscheiden kann, wo man doch kurz vor der Abschlussprüfung stand.

Unter uns gesagt, ich weiß auch nicht genau warum wir uns so zwanghaft der Freiheit verschreiben und nicht merken, wie wir dabei unsere eigenen Fußfesseln schmieden.

Doch es wird Sommer jetzt, also lasst uns das Leben genießen, solange wir es nicht verstehen.

Mich feiern lassen, will ich auch.

Mit dem neuen Jahr: neue Hoffnung, neue Liebe und alte Illusionen. Auch 2013 beginnt wie jedes Jahr, nur sind wir ein Jahr älter und der Unschuld ein Jahr ferner. Doch wächst mit jedem Tag das Gefühl von Freiheit, Stärke und gerne würde ich an dieser Stelle Weisheit anbringen, paradoxerweise ist es jedoch passender von Jugendlichkeit zu sprechen. Auf dem Höhepunkt der Euphorie über Unbesiegbarkeit und Vorfreude auf das Kommende, kam ich vor Kurzem ins Gespräch mit einer älteren Dame, die mir all meine nicht vorhandenen Zukunftssorgen nahm, indem sie sagte: „...und wenn Sie später kein Geld verdienen, dann suchen Sie sich einfach einen reichen Gatten.“ So also, dachte ich und schüttelte mich. Auf diese Weise hatte ich mein Leben noch nicht betrachtet. Als hätte die gute Frau eine Lawine losgetreten, die mit Donnergetöse auf meine chaotische, fein ungeplante, ohne Plan-B verzierte Realität krachte, entwickelte sich Heirat als stürmisches Diskussionsthema bei verschiedenen abendlichen Zusammentreffen.

Nun möchte ich jedoch eines zu Anfang klarstellen: Dies ist kein pseudoromantisches Abstract aus dem Leben einer Studentin, welches mit den Worten „Ja, ich will.“ schließt. Vielmehr ist es ein Auszug unterschiedlicher biergeschwängerter Gesprächsverläufe, der die bunten Zukunftsvisionen einer Generation widerspiegelt, von der man meint, dass Tradition gestorben sei.

Es ist eine Generation, der die Welt zu Füßen liegt, die vor Möglichkeiten nicht weiß, wo sie beginnen soll und vor allem weniger als Generationen zuvor weiß, wie ihre Zukunft aussehen wird. Den Weg Schule, Ausbildung und Ehe gehen in unserer westlich-europäischen Welt meist nur Leute, die inzwischen am Stock laufen oder aus Hinterwaldhausen nicht herausgekommen sind. Trotz allem wollen doch die meisten im Bekanntenkreis heiraten, ausgenommen der Heiratsfeinde natürlich. Es soll etwas besonderes sein oder weil „...mein Freund schon so alt ist, dass er eh keine Frau mehr findet und wir schon sehr gut zusammenpassen.“ Die Hölle auf Erden für die Hochzeitshasser, ein kluges Argument für die Zukunftsängstler. Eines Tages allein zu sein, ist deren große Sorge. Heirat also als Mittel zum Zweck - pfui, wie unromantisch.  

Und trotz, dass der Großteil von uns Scheidungskind ist, der Zweifel kann über den Optimismus namens „große Liebe“ nicht siegen, denn diese eine Liebe ist anders als die der Anderen. Doch wenn die Liebe so groß ist, warum muss sie dann vor aller Welt dargestellt werden? Das Fest ist berauschend, das Essen gut und der Champagner fließt; das kann auch der größte Gegner nicht schlecht reden. Der noch ledige zukünftige Bräutigam sagt: „Wenn ich das Glück habe, eine solch große Liebe zu finden, dann soll es auch alle Welt wissen.“ Es soll etwas Außergewöhnliches sein. „Mich feiern lassen, will ich auch.“ sagt der Zyniker.  Das Fest als schlagendes Argument, doch das träumende Mädchen, im Körper einer emanzipierten Frau, ist empört. Der letzte Katholik ruft: „Die Kinder, die Kinder, sollen die denn als Bastarde geboren werden?“ Ja, die Kinder, es scheint um Erziehung gehen, vielleicht auch um Tradition.

Mir, für meinen Teil, bleibt nur Eines noch zu sagen: „Ja ich will“. Vielleicht aber auch nicht.

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