In 10 Schritten zum Berliner – so wirst auch du einer

Nach ein paar Monaten als Neuberlinerin, lernt Franzi nach und nach, sich durch den Großstadtdschungel zu navigieren und nimmt euch dabei mit. Als Einstieg: was ist eigentlich ein typischer Hipster-Berliner? Und wie wird man selbst zu einem solchen?

  1. Trag schwarz! Der erste Schritt zu deiner Existenz als angepasster Berliner ist der „All Black Look“ und wer sich hier einen Fehler erlaubt, der ist als Local gleich raus. Denn Farbe wird in den Augen der meisten Hauptstädter völlig überbewertet, daher trägt der Berliner schwarz. Wer ganz wagemutig ist, kombiniert dazu vielleicht noch einen Grauton, aber Vorsicht, dass es hier nicht zu fröhlich wird!
  2. Pack den Turnbeutel aus! Der nächste Schritt auf deiner ehrwürdigen Reise zum Berlinertum ist die Taschenwahl und die muss hier nochmal gesondert erwähnt werden. Es wäre doch eine Schande, wenn du dich nun schon ganz in schwarz mit dunkelgrauen Akzenten gehüllt hättest und dich nun bei den Accessoires verraten würdest. Dabei folgst du einer ganz einfachen Richtlinie: verwende nichts, dass deine Mutter, Oma, Tante oder irgendein verantwortungsvoller Erwachsener als „vernünftige Tasche“ bezeichnen würde. Schon gar nichts aus Leder. Da tappst du dann nämlich nicht nur in die „Nicht-Berliner“ sondern auch noch in die Veganer-Hasser (s. Punkt 5) Falle. Und das kann kein gutes Ende nehmen…
  3. Reg dich über die BVG auf! Du hast dich auf dem Weg verirrt, bist in die falsche Bahn gestiegen, die falsche Straße hochgelaufen? Und deshalb bist du jetzt viel zu spät dran zu deinem Treffen mit hippen Berlinern, die auf keinen Fall erfahren sollen, dass du nicht zur Gattung der hippen Berliner gehörst? Hilfe ist nah: schieb’s auf die BVG (für alle ganz blutigen Anfänger die Berliner Verkehrsgesellschaft, oder so ähnlich…). Dabei packst du natürlich nicht mit der Wahrheit aus, dass die Stadt dir viel zu groß und unübersichtlich ist und du deshalb auch die öffentlichen nicht verstehst. Nein, du steigst direkt in eine Schimpftirade auf Baustellen und Zugstörungen ein. So im Stile von: „Diese verdammte S2847 ist zwischen dem Hintertupfinger Tor und der Ruskitower Platz schon wieder ausgefallen. Irgendso eine scheiß Störung schon wieder.“ Als Antwort werden dich andächtiges Nicken und totales Verständnis erwarten. Niemand wird an dir als Vollblutberliner zweifeln.
  4. Wirf mit Straßennahmen um dich! Ähnlich wie bei der BVG gilt hier: Fake it till you make it. Berlin ist eine riesige Stadt, selbst der noch so hippe Einwohner kann hier nicht alle Straßen kennen. Deshalb denk nicht lange nach, sondern spring einfach ins Gespräch. Wenn dein Gegenüber plötzlich wild mit dir unbekannten Straßennahmen um sich schmeißt, kontere beim nächsten Mal einfach lässig mit einem: „Auf der mittelneuen Hübschhäuser an der Ecke zur leichtgealterten Zitronenburger Straße hat in der kleinen Kevin-Jerome-Gasse gerade erst dieses ganz neue, super gesunde, überinnovative Café aufgemacht. Was, da warst du noch nicht??!“
  5. Iss vegan/glutenfrei/raw. Oder ärgere dich darüber! Ein kleiner Spaziergang durch die einschlägigen Kieze wird es dir beweisen: hier gibt es vegetarische Metzgereien, vegane Kuchen und glutenfreie Brote soweit das Auge reicht. Die muss natürlich auch jemand kaufen und im besten Falle essen und das ist im Allgemeinen der hippe Berliner. Bei der Vorstellung kriegst du Gänsehaut? Kein Thema, setz einfach deinen grimmigsten Blick auf (s. nächster Punkt) und schimpfe über die „Scheiß Veganer…“
  6. Hör auf zu lächeln! Berliner Freundlichkeit ist ja hinreichend und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt… nicht. Leider meist kein Vorurteil, denn heruntergezogene Mundwinkel, grummelige Einsilbigkeit und verdrehte Augen sind in der Hauptstadt keine Seltenheit. Wichtigste Regel für Anfänger in Sachen Unfreundlichkeit: lächele nie, NIE Menschen an, denen du auf der Straße, in der Bahn oder wo auch immer begegnest. Das könnte dir sonst noch als Nettigkeit ausgelegt werden…
  7. Geh nicht ins Berghain – oder doch? Das Berghain. Man erwähnt es mit wissend hochgezogenen Augenbrauen, senkt die Stimme ein wenig. Man weiß, wovon man spricht, immer mit ein bisschen Abwertung. Schließlich ist uns das doch allen viel zu übertrieben, wer würde sich schon verstellen, um in einen Club zu kommen, so toll kann das doch gar nicht sein. Und doch hat fast jeder eine Geschichte zu erzählen, meist von der Freundin des Freundes, von Menschen die es versucht haben und abgewiesen wurden oder auch nicht. Ob es das wert ist? Da sind sich sogar die hippen Berliner nicht ganz sicher…
  8. Hab ein Bier dabei – immer und überall! „Die Deutschen trinken immer Bier!“ Als naive Hessin hielt ich diesen Spruch für ein Gerücht, das höchstens auf einige entlegene bayerische Dörfer zutrifft. Bis ich nach Berlin kam. Denn spätestens nach einer Bahnfahrt an einem Freitagabend, wurde mir klar, dass die Bierflasche hier nicht Klischee sondern Pflicht ist. Ob beim Essen (hier tut es wahlweise auch noch ein billiger Wein), im Park, am Fluss oder eben in der Bahn - ohne die braunen Glasflaschen geht der hippe Berliner nirgendwo hin. Im Notfall ist auch noch Mate akzeptabel. Man mag ja Alternatives.
  9. Leg dir einen Akzent zu! Die meisten Berliner zeichnen sich wohl dadurch aus, dass sie nicht ursprünglich aus Berlin stammen. Denn nur weil man in der Stadt geboren wurde, ist man noch lange kein hipper Berliner. Und umgekehrt. Vielmehr geht es bei dieser Gattung um ihre Geschichte, ihren Antrieb, um Weltoffenheit und Ambitionen, um Großstadtliebe und Wunschverwirklichung.
  10. Mach Berlin zum Mittelpunkt der/deiner Welt! Als Berliner schimpft man über seine Stadt, über ihre Größe, Baustellen, die Wohnungssituation, die Touristen,… Aber Berlin verlassen? Eine andere Stadt dem oft selbstgewählten Zuhause vorziehen? Niemals! Schließlich ist man sich tief drin doch des großen Glücks bewusst, in dieser Stadt leben zu können, so sehr am Puls der Zeit und des Lebens zu sein. In Berlin zu sein.

 

Coming Home for Christmas – Zuhause verlassen, um nach Hause zu gehen

Noch weniger als eine Woche bis Weihnachten. In gefühlt jeder zweiten Straße Berlins findet sich ein Weihnachtsmarkt, in den anderen werden Tannenbäume verkauft oder Menschen hetzen durch die Geschäfte, auf der Suche nach den letzten Geschenken. Wie wird es hier wohl in einer Woche aussehen? Ich weiß es nicht, denn ich werde nicht da sein, aber so stelle ich mir die Stadt an Weihnachten vor: ruhig. Auch wenn es wohl nicht schneien wird, wird diese ganz besondere Stille frischen Schnees über ihr liegen. Die Stille eines Neuanfangs und gleichzeitig die Stille der Leere. Denn so stelle ich mir Berlin an Weihnachten vor allem vor: leer. Die Geschäfte geschlossen, die Büros verlassen und die Menschen, die sie sonst bevölkern, in Zügen, Autos und Flugzeugen.

Menschen, die die Stadt verlassen. Berliner, die eigentlich mal etwas anderes waren. Die woanders herkommen und zu Weihnachten, zu diesen – ihren – Wurzeln zurückkehren. Ich gehöre dazu. Auch ich werde mich am 22. Dezember in einen Zug setzen und… ja wohin werde ich eigentlich fahren? Nach Hause? Eigentlich schon und doch fühlt es sich vielmehr so an, als würde ich mein Zuhause verlassen. Diese Stadt, in der ich lebe, studiere, arbeite. Diese Stadt, in der ich langsam aber sicher weiß, welche Bahn mich wohin bringt. Diese Stadt, in der ich weiß, wie in meinen Supermärkten die Regale sortiert sind. Diese Stadt, in der ich weiß, wo es den besten Kaffee, die leckersten Falafel gibt. Diese Stadt, in der ich abends nach Hause komme, die Tür zumache und ich sein kann.

Langsam, still und heimlich ist Berlin in den letzten Monaten von einem Traum, einem Abenteuer, einem Neuanfang zu etwas Vertrautem geworden, zu einem Zuhause. Und trotzdem ist es das nicht vollkommen, dazu fehlt hier zu viel, allen voran meine Familie und einige meiner liebsten Freunde, aber ebenso Erinnerungen, Kindheit, eine Vergangenheit. Berlin ist wie eine Leinwand mit noch ziemlich vielen weißen Flecken. Raum, der gefüllt werden will und das auch zweifellos wird, aber das braucht Zeit und noch ist es nicht so weit. Noch ist das hier nur ein halbes Zuhause. Gibt es das überhaupt? Was ist Zuhause? Der Ort, von dem wir kommen, an dem wir geboren wurden, wo wir aufgewachsen sind? Der Ort, an dem wir leben, der unsere Gegenwart und vielleicht auch unsere Zukunft ist? Die Menschen, die wir lieben, ohne die wir uns nie ganz komplett fühlen?

Ja. Und nein.

Denn Zuhause, das ist ein Gefühl. Ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit, von Vertrautheit und manchmal vielleicht auch Langeweile. Und wer sagt, dass man ein Gefühl nur einmal fühlen kann? Genau wie die Liebe in tausenden unterschiedlicher Facetten kommt und wir ganz verschiedene Menschen auf ganz verschiedene Arten lieben können, so können wir auch auf ganz verschiedene Arten zuhause sein. An den Orten, an denen wir aufgewachsen sind, denen unsere Kindheitserinnerungen innewohnen. Bei den Menschen, die uns am nächsten stehen, die uns kennen und die auch da sind, wenn sie nicht da sind. Und an den Orten, die wir zu unserem Zuhause machen, an denen wir uns selbst fordern und weiterentwickeln, an denen wir uns unsere Träume erfüllen. An den Orten, an denen wir leben.

Und deshalb ist es auch nicht paradox, wenn ich davon spreche, dass ich in ein paar Tagen nach Hause fahre, in die Vergangenheit, zu einigen der wichtigsten Menschen, zu vertrauten Gerüchen und Anblicken, zu Traditionen und Beständigkeit. Und im selben Atemzug davon spreche, im neuen Jahr wieder zurück nach Hause zu kommen, in die Gegenwart, in mein Leben, zu neuen Menschen und solchen, die ich noch gar nicht kenne, zu wartenden Chancen und Veränderung. Berlin wird wohl nie das eine Zuhause für mich sein, genauso wenig wird der Ort, an dem ich aufwuchs, das jemals wieder wird. Denn Zuhause, das ist ein Gefühl. Und wer sagt, dass man Gefühle nur einmal fühlen kann?

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