Immergut 2014 – Würdiger Auftakt in den Festivalsommer

Zum 15. Mal bietet das Immergut Festival in Neustrelitz wieder drei Tage feinste Popkultur auf ausverkaufter Wiese. Das Festival empfiehlt sich erneut als Sammelstelle kleiner Labels, die ihre Künstler ins Rennen um die Herzen der treuen Besucher schicken.

So ist das Immergut eine Fundgrube an frischen Bands – und erster Indikator für den bevorstehenden Festivalsommer. Als jetzt auch noch das sonnige Wetter passte, war das Komplettpaket der Freude geschnürrt: Am frühen Nachmittag ging es zum Anbaden an einen der vielen Seen in der unmittelbaren Umgebung, am Nachmittag konnte den Lesungen gelauscht werden, ehe am Abend die Bühnen bespielt wurden. Unter anderem mit sanftmütigen Klängen von Hundreds, Real Estate und Girls in Hawaii. Judith Holofernes, gut bekannt als Frontfrau von Wir sind Helden, präsentierte sich mit ihren ersten Schritten als Solokünstlerin dem Publikum. Wem das alles zu ruhig war, fand mit Cloud Nothings und Die! Die! Die! auch schrammeligen Rock im Festivalprogramm.

Das Altbekannte

Jedes Immergut braucht seine Homecoming-Band. Die Gruppe Slut aus Ingolstadt reiht sich nahtlos ein in die Garde um Readymade, den Sportfreunden Stiller oder Beatsteaks, die als Bands der ersten Stunde das Immergut zu dem gemacht haben was es heute ist. Melancholischer Rock weicht auf dem neuen Album auch mal elektronischen Einflüssen. Maßgeblich daran beteiligt ist der Produzent Tobias Siebert, der von der Band ins Boot geholt und dem Publikum als weiterer Gitarrist vorgestellt wurde. Sanft gerockt wurde also auch weiterhin (nur) an den Gitarren, Innovationen gab auch beim diesjährigen - sage und schreibe - 20-jährigen Bühnenjubiläum der Band nicht zu sehen. Slut bleiben Slut.

Zu Bonaparte - auch alte Bekannte des Immerguts - muss angesichts der steilen Karriere nicht mehr viel gesagt werden. "Sie" sind eigentlich und vor allem "er", nämlich der Schweizer Tobias Jundt, der mit seinen energiegeladenen Auftritt und einer grandiosen Bühnenshow einfach unglaublich viel Spaß bereitet.

Das Überraschende

"Nanu?", wird sich der ein oder andere gedacht haben, "Feine Sahne Fischfilet spielen auf dem Immergut!". So richtig passen die soliden Punkrocker mit Ska-Einschlägen nicht ins sonst übliche line up des Festivals. Doch Passgenauigkeit ist ohnehin nicht die Stärke der Ostseejungs, meint auch der Verfassungschutz von Mecklenburg-Vorpommern. Dieser hatte die Band 2011 in ihrem Bericht als linksextrem eingestuft. Den Musikern gefiel das gar nicht, auch wenn es ihrer Bekanntheit sicher nicht geschadet haben dürfte. Deftige Texte in Deutsch, Bekenntnisse gegen Nazis und dafür, einfach mal die Sau rauszulassen zu dürfen: Dazu hatten Feine Sahne Fischfilets eine Schar an treuen Fans gleich mit im Gepäck - die das Festzelt zum beben brachten.

Soulig bis krakehlig schmettert Samuel T. Herring, der charismatische Frontmann der US-Amerikanischen Band Future Islands, seine ganze Leidenschaft ins Mikro zum verträumten Synthpop-Rhythmus. Irgendwas passt bei dieser Band ganz gewaltig gut zusammen. Das meinen auch die Besucher und fordern euphorisch ihre Zugabe ein. Mehr als einen Titel ließ der Zeitplan des Festivals aber leider nicht mehr zu. Future Islands gehören sicher zu den Überraschungen des Immerguts.

Das Finale

Mit FM Belfast ist der perfekte Soundtrack gefunden zu dem es sich hervorragend für alle Marathonläufe Deutschlands trainieren ließe. Treibend und energiegeladen, so präsentierte sich die Gruppe schon einmal vor vier Jahren auf dem Immergut. Nun waren sie zur besten Zeit auf die Hauptbühne geladen um das finale Feuerwerk zu zünden. Dies ist den Isländern sichtlich gelungen. Apropos Isländer: Kann mir eigentlich mal jemand verraten, aus welcher heißen Quelle dieser Insel ständig neue Musikgrößen emporsprudeln?

Das Bleibende

Der Immergutrocken e.V. organisiert jährlich am letzten Maiwochenende das Festival und legt dabei viel Wert auf Details. Kein großer Biersponsor verstellt die Sicht auf das Wesentliche. Hier hat Popkultur ein würdiges Zuhause. Und so geht es mit dem Gefühl zurück, an einer wahrhaft immerguten Sache teilgenommen zu haben. Auf ein Wiedersehen!

Zur Fotostrecke: http://slyle-magazin.de/galerie/128/

Immergut Festival 2014

Zum Blogeintrag: http://slyle-magazin.de/blog/424/
Fotos von Henrik Nürnberger

Dzien dobry, Wroclaw!

Polen ist kein gänzlich unbekannter europäischer Nachbar mehr, doch können die Wenigsten mit handfestem Wissen über das Land hinter Oder und Neiße punkten. Unser Autor Henrik  will das ändern und liefert eine kleine Anregung für eine Tour in den wirklich nahen Osten.

Breslau – oder doch besser WrocÅ‚aw?

Auch bei aller politischen Korrektheit ist es in Ordnung von Breslau zu sprechen. Genau so wie es legitim ist, von Kopenhagen statt Kjøbenhavn zu reden, oder Москва́ als Moskau zu bezeichnen. Wer allerdings seine interkulturelle Kompetenz unter Beweis stellen möchte, kann den Namen WrocÅ‚aw gern nutzen. Doch wenn, dann bitte auch richtig! Gesprochen: „Wrozwuaw“, mit einem gerollten „r“. Wer diese erste Lektion verinnerlicht hat, bucht von Berlin die nächste Mitfahrgelegenheit und setzt sich in Andrzejs VW Golf, der dann in sagenhaften drei Stunden über Polens herrlich buckelige Autobahnpiste Richtung Südosten heizt. Vier Stunden später steht man bereits mitten auf dem „Rynek“, dem zentralen Marktplatz der Stadt – und die Erkundung kann beginnen.

Świdnica, 58-106 Wrocław

Dreh- und Angelpunkt

Rund um das ansehnliche Ratusz (Rathaus), umrahmt von herrschaftlich bunten Giebeln im Jugendstil, pulsiert das junge Leben der Stadt. WrocÅ‚aw beherbergt über 140.000 Studenten, also etwa so viel wie Berlin. Doch bei einer Einwohnerzahl von 630.000 sind die Studierenden deutlich tonangebend im Stadtbild. Viele Cafés, hier und da kleine Fakultäten der altehrwürdigen Universität und übertrieben viele Kirchen schaffen einen bunten Strauß, der immer wieder noch unentdeckte Ecken offenbart. Nachts öffnen sich hier die Türen zu Kellern und Gewölben von Clubs oder schummrigen Kneipen. Es gibt keinen Ort, der so viel Leben in sich vereinigt wie die kleine Innenstadt Breslaus. Bei Tag und bei Nacht.

Ratusz/ Rynek, 50-996 Wrocław
 

Bärchen-Kantine

Über nackten Beinen prangt die Kittelschürze der Mitte-50‘er Damen, die einen eilig und kühl abfertigen. Lange war ich fasziniert von dieser etwas speziellen Umgebung der Milchbar MiÅ› („Bärchen“). Nach drei Wochen mit der täglichen Portion Pirogi, Polens Teigtaschen-Klassiker, musste ich dann doch woanders essen gehen nach der Uni. Nicht weil mir die Pirogi für drei ZÅ‚oty (70 Cent) über waren, vielmehr bildete ich mir ein, die schaurig-schöne Atmosphäre einer Krankenhaus-Kantine auch auf dem Teller schmecken zu können. In Maßen genossen bleibt MiÅ› trotz allem ein Erlebnis – und erste Anlaufstelle für Studenten und hungrige Touristen.

Kuźnicza 48, Wrocław

Brücke der Liebenden

Auf dem Weg zum Dom folgt man einem kleinen Geflecht von Brücken, weshalb die Breslauer diese Gegend selbstbewusst als ihr Venedig bezeichnen. Doch anders als die ihrer Seele beraubten Stadt Venedig, kann man hier wahrhaftig die Liebe entdecken: Überall knutschende Pärchen auf Parkbänken und junge Verführer, die auf der Brücke mit einer Rose in der Hand auf ihr Date warten. Polens Hang zur Romantik – nirgendwo wird dieser so augenscheinlich wie rings um die Brücke zu den eindrucksvollen zwei Türmen des Doms. Kein Wunder, dass irgendwann mal ein Pärchen auf die Idee kam ein schmuckes Schlösschen als Zeichen ihrer Liebe an das Stahlgeländer der Brücke zu hängen. Mittlerweile baumeln diese dort zu Zehntausenden, die Aleksandras und Kamils, Kasias und Mareks, MaÅ‚gorzatas und Jakubs... Nach dem Befestigen werfen Paare die Schlüssel in die hier noch gemütlich fließende Oder.

Katedralna 12, 50-328 Wrocław

Improvisiert und spontan

Schummrige Keller mit teuer eingekauften Elektro-DJs, dementsprechend hohe Eintrittspreise und hippes Klientel: Läden, die in ihrer Aufmachung den Berliner Clubs in nichts nachstehen, kolonisieren die Breslauer Karte für Nachtschwärmer. Im Schatten zwischen diesen neuen Tempeln und den klassisch-klischeehaften Ost-Proll-Schuppen müht sich eine kleine alternative Szene um Aufstieg im insgesamt reichhaltigen Nachtleben der Stadt.
Von all dem unbeeindruckt thront das Art Café „Kalambur“ in zentraler Lage. Innen ist es verwinkelt, klein und sehr gemütlich. Tanzabende wirken oft improvisiert und spontan – wohl auch deshalb sind sie so entspannt und kommunikativ, sodass die Zeit beinah unbemerkt verstreicht. Auch tagsüber ist das „Kalambur“ jederzeit eine Anlaufstelle für ein kühles Książęce Ciemne, das wohlschmeckende Schwarzbier aus der Region. Im Sommer gibt es hier Klavierkonzerte in der Fußgängerzone. Noch nie habe ich mich so in eine Bar verliebt!

Kuźnicza 29A, 50-328 Wrocław

Wer noch immer glaubt, dass Russland östlich von Berlin beginnt, für den ist ein Tag in WrocÅ‚aw das  ideale Einstiegsprogramm. Und nach durchzechter Nacht im „Kambur“, fährt schon am Morgen MichaÅ‚ zurück nach Berlin.

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