Und zack, alleine.

Vorbei. Was bleibt ist Zukunft! Die heilt die Zeit, weiß Autor Joscha.

Man hat sich daran gewöhnt. Man mag es, nein man liebt es, man kennt es nicht mehr anders. Und dann bricht es weg, entweder auf einen Ruck, oder in einem langen, schleichenden Prozess. Es hat nichts miteinander zutun, das Genießen von Zweisamkeit, mit dem, was zwischenmenschlich passiert. Das Zwischenmenschliche ist also nicht mehr das, was in dem Moment das Richtige erscheint, also entscheidet man sich für Neuland. Ja und dann bemerkt man, dass ein ganzer Apparat den Geist aufgibt.

Die Sicherheit der Zweisamkeit, die kontinuierliche Pflege des Selbstwertgefühls, der inspirierende Antrieb, die Wolke der Sinnhaftigkeit – verweht. Profillos. Scheinbar die Kontur in der Zeit der Hingabe verwischt. Nicht in ihr aufgelöst, sondern im Ich nicht mehr erkannt. Es ist die berühmte Hälfte, die sich zusammenfaltet und verschwindet.

Diese höchste Destruktivität, ist die Geburt für neues Leben. Auch biologisch entsteht Neues aus Zersetzung. Wunden lecken ist erlaubt, sogar gewünscht. Rastlosigkeit normal.

Und langsam regt sich etwas: Die Ersatzbefriedigung, gefunden im Alltag, darf wieder unwichtiger werden. Man selbst rückt ins Zentrum, es schärft sich eine Kontur, das Auge erkennt sich im Spiegel.

Der Mensch ist ein Multitasker, er lebt von Vielinteraktion. Sein Ich ist stets an der Schwelle zwischen dem Innern und der Welt. Lehnt er sich zu weit aus dem Fenster, fällt auch er, wie alles nach Newton. Er kann das, er tut das und bindet so seine Fäden in der Welt. Jeder Faden hat seine eigene Sensibilität und Wichtigkeit und doch sind sie alle ursprünglich und notwendig. Im Alter steht man dann hoffentlich vor einem Netz aus Leitern und Rutschen, die in ihrer Anzahl so viel vorhanden, dass auch mal eine Sprosse brechen und ein Loch in einer der Rutschen klaffen darf. So rückt man eben das Netz näher zusammen und beginnt mit der Reparatur. Der Mensch als Virus im Modus des self-assembly. Aus eigenem Innern bauen, auch durch Zerstörung. Durch die richtige Infrastruktur ist nämlich dann das Ich in der Welt und bei dir. Die Dualität, die eigentlich keine ist.

Es ist also kein Problem, wenn man auf einmal die Lieblingsmusik nicht mehr hören kann, weil sie belegt ist – aber es ist die riesige Chance darin wieder jeden einzelnen Ton wahrzunehmen und zu lieben. Das ist man nämlich, die Musik!

Die Känguru-Offenbarung

Über ein kommunistisches Känguru und seinen kleinkünstlerischen Mitbewohner. Marc-Uwe Kling hat seine Trilogie fertig gestellt und präsentiert in „Die Känguru-Offenbarung“ eine dramatische Verfolgungsjagd um die Welt, oder so ähnlich.

Frankfurt, Alte Oper. Alles ganz schön groß, ganz schön viel Gold. Ganz schön viele wie Stewardessen gekleidete Frauen, die einem den Weg in den Saal weisen. 2400 Plätze, allesamt ausverkauft. Es ist dunkel. Ein Mann betritt die Bühne oder sagen wir eher: Er läuft verstohlen zu seinem Tisch, hinter dem er Platz nimmt. Es ist Marc-Uwe Kling, Kleinkünstler von Beruf. Seit 2009 verarbeitet er sein Trauma des Kleinkünstler-Daseins in einer Buchreihe: Der Känguru-Trilogie. „Er hat es geschafft“, werden seine Poetry-Slam-Kollegen sagen, „er lebt den Traum des Kleinkünstlers!“

Zurück zu den Fakten. Damit auch jeder weiß, worum es hier überhaupt geht: Herr Kling hat mit den „Känguru-Chroniken“ und dem „Känguru-Manifest“ zwei Bestseller geschrieben, in denen er über sich und das Känguru, was zufällig eines nachmittags bei ihm einzog, berichtet. Nun ist das letzte Buch der Trilogie erschienen, was „Die Känguru Offenbarung“ heißt – und mit dem sich der ehemalige Student der Philosophie momentan auf Lesetour befindet.

Das Känguru ist Kommunist, Marc-Uwe Anarchist und so kämpfen sie beide, wenn sie mal gerade nicht Nichtstun, gegen die böse Marktwirtschaft. Die Känguru-Chroniken behandeln die erste Zeit des gemeinsamen Zusammenlebens und sind voll von Gesprächen mit absurdem, aber auch stets kritischem Inhalt. Subtil und humoristisch gelingt es Kling Kritik am Kapitalismus, dem Umgang mit Technik und Medien, der Staatsgewalt oder auch an der erfolgsorientierten Erziehung von Kindern zu üben. Aber hauptsächlich ist er einfach nur furchtbar witzig!

Vor allem die Hörbuch-Versionen der Bücher sind zu empfehlen. Es ist stets wunderbar, den Diskursen der Beiden beim Kiffen zuzuhören oder sie in die Kneipe zu Herta, einem wahren Berliner Original, zu begleiten. Im Manifest gründet das Känguru dann schließlich eine Organisation. „Das Assoziale Netzwerk“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit „Anti-Terroranschlägen“ den Kapitalismus von innen heraus zu zermürben. Vielleicht sollte man auch noch erwähnen, dass das Känguru beim Vietcong war und dort seine Führungsqualitäten erlernt hat. Naja, und in diversen Filmen, bevorzugt mit Terence Hill und Bud Spencer. Die Grundstrukturen der Vorgänger-Organisation des „Assozialen Netzwerks“ basieren beispielsweise auf den Regeln des Boxklubs aus „Fightclub“. Man merkt, dass die gesamte Trilogie ganz schön verworren und mit tausend Anekdoten bespickt ist, oder?

Jedenfalls gibt es da auch noch einen Antagonisten, einen Gegenspieler zum Känguru: den Pinguin. Von diesem Pinguin weiß man bis zum dritten Teil nicht, was er eigentlich macht, außer, dass er immer das Gegenteil vom Känguru tut. Genau diese Lücke füllt „Die Känguru-Offenbarung“. Das Känguru, was aus der Haft des „Ministeriums für Arbeit und Produktivität“ fliehen konnte (lange Geschichte, hat was damit zutun, dass die Politik immer rechter und wirtschaftsdiktierter wird und man nicht mehr faul sein darf, aber das Känguru gerne faul ist), ist am Anfang des Buches noch im Untergrund, kehrt dann irgendwann zu Marc-Uwe zurück. Der ist völlig depressiv geworden, weil er nicht mehr ohne Känguru kann. Dann beginnen die Beiden den Pinguin um die ganze Welt zu verfolgen. Känguru und Kleinkünstler treffen ständig Leute aus dem „Assozialen Netzwerk“,  welches sich jetzt schon über die gesamte Erde verteilt hat, oder Backpackerinnen, die „you-know-Backpacker-Englisch“ sprechen und auf Stimmungsaufhellern sind.
Aber auch Personen aus der Vergangenheit des Kängurus finden immer wieder ihren Platz. So zum Beispiel sein ehemaliger Mitkämpfer beim Vietcong oder auch seine ehemaligen Bandkollegen von der Band „Krankenhaus“, die noch immer „Big in Japan“ sind. Sie bringen Licht in das Dunkel der Vergangenheit des Kängurus und so klären sich viele Fragen, die sich in den ersten beiden Büchern immer wieder stellten, endlich auf.

Auf der Bühne präsentiert Marc-Uwe Kling das alles mit sehr viel Charme und Witz. Seine Känguru-Stimme ist unnachahmlich gut und zwischen den Kapiteln plaudert er ein bisschen mit  Techniker Kevin über ihre Partie „Quizduell“. Und so wird das Programm zu einem lockeren Vorleseabend – mit anschließendem Bauchmuskelkater vom vielen Lachen. Es lohnt sich also nicht nur alle Bücher zu lesen oder sich die Hörbücher anzuhören, sondern Herrn Kling auch mal live zu erleben. Das kann man übrigens noch bis Ende Mai. Und tatsächlich ist hier der Satz „Zu empfehlen für die ganze Familie“ angebracht. Okay, korrigieren wir den, indem wir „Familie“ durch „Gesellschaft“ ersetzen, denn an meinem erlebten Abend waren vom Punk, über den Anzugschnösel, den Max Mustermann und den siebenjährigen Zahnlückenträger (Begriffe sind bitte frei zu gendern), alle Formen des Menschen vorhanden und lachten zusammen. Eigentlich eine wunderbare Sache, dass im Humor doch alle zueinanderfinden! Und merkwürdigerweise wohl dann auch in der Unzufriedenheit mit unserem politischen und wirtschaftlichen System, was ja stetig unter Beschuss steht und belacht wird, aber diesen Sack lassen wir heute mal zu.

„Die Känguru-Offenbarung“ mag von Langzeit-Fans kontrovers diskutiert werden und es werden Fragen aufkommen wie: „Ist das noch Kleinkunst, oder nur noch Geld?“ Ich sage dazu: Es ist das Ende einer Trilogie. Und manchmal ist es eben schmerzhaft, wenn Geheimnisse gelüftet werden. Dass die Geschichte nicht mehr in Berlin-Kreuzberg seinen Spielgrund hat, sondern auf der ganzen Welt und vor allem, dass es mehr Handlung hat und nicht nur kleine Anekdoten erzählt werden, das alles kann missfallen – aber Sir „Kleinkunst“ Kling hat das alles sehr elegant gelöst und einen würdigen Schluss geliefert.

In dem Sinne: Bye Bye and Tudelu Känguru!

Where to, Miss?

Taxifahren ist in unserer westlichen Welt ganz normal. Es zählt zu den Dingen, die man eben so tut, wenn man unterwegs ist. Anders ist das in Indien: Dort wird das Taxifahren gerade zu einer Art emanzipatorischer Demonstrationsbewegung. Das Unternehmen „Sakha Consulting Wings“ bietet den Service exklusiv für Frauen an. Am Steuer der Taxis sitzen ausschließlich Fahrerinnen, die ihre Kundinnen von Ort zu Ort bringen. Filmstudenten der Filmakademie Ludwigsburg begleiteten zwei Taxifahrerinnen. Das Ergebnis: der sehenswerte Dokumentarfilm „Where to, Miss?“.

Nacht. In der Epoche der Romantik, der Bereich des Rausches, des Unterbewussten und der Selbsterkenntnis. Voll von Gefühlen und Magie. Und genauso wirken die Bilder des Teasers von „Where to, Miss?“.

Chandni ist seit 2010 die erste Taxifahrerin Indiens. Geschickt lenkt sie ihren Wagen durch ein Meer aus bunten Lichtern. Devki, die gerade ihre Ausbildung zur Taxifahrerin macht, lächelt am Tag des Holi-Festes mit farbverwischtem Gesicht. Auf der Straße steht eine Kuh, die im Morgengrauen aus der Hand eines Mannes gefüttert wird. Die Schönheit dieser Bilder steht im krassen Kontrast zur Thematik des Filmes.

Erst im Dezember 2012 beschäftigte die brutale Vergewaltigung einer 23-jährigen Studentin in Delhi die Weltöffentlichkeit. Gewalt gegen Frauen ist dort kein Einzelfall. Nacht bedeutet für indische Frauen Angst und Sperrzeit und so sind die „cabs for women, by women“ wichtig für ihre Kundinnen. Die Dokumentation „Where to, Miss?“ zeigt, wie Chandni und Devki in der männerdominierten Gesellschaft ihres Heimatlandes zurechtkommen und wie sie einen Beitrag gegen Rückständigkeit und vorgefertigte Traditionen leisten.
Die Idee zum Film kam Manuela Bastian, Studentin für Dokumentarregie, bei einer Indienreise. Gemeinsam mit Jan David Günther (Kamera/ Bildgestaltung) und Arvid Klapper (Ton) flog Manuela dann im Frühjahr 2013 auf eigene Kosten und ohne langwierige Vorrecherche nach Indien.

Der Soundtrack zu „Where to, Miss“ wird übrigens von Milky Chance produziert. Nicht nur, dass die Jungs sich einem solch wichtigen Thema annehmen ist ein Glücksfall, sondern auch, dass sie durch ihre momentan exponentiell wachsende Bekanntheit, die Menschen auf das Thema aufmerksam machen. Aber hauptsächlich ist es schön, wie wunderbar Bild und Ton miteinander harmonieren.
Im März 2014 wird das Team noch ein mal nach Delhi reisen und die Dokumentation fertigstellen.

Von ihren Erfahrungen beim Dreh und mit ihren beiden Hauptprotagonistinnen berichten Manuela und Jan David im Interview.

Manuela, wie war es für dich als Frau nach Indien zu reisen?

Hauptsächlich besteht erstmal kein Unterschied, ob man nun als Frau oder als Mann nach Indien reist, weil du sowieso als westlich-aussehender Mensch die ganze Zeit angestarrt wirst. Am Anfang kann man da noch ganz gut darüber hinwegsehen. Aber nach einigen Wochen ist das dann so penetrant, dass es einfach anstrengend wird. Gerade auch als Kamerateam. Aufmerksamkeit wird dann zur Schwierigkeit. Da ich nie allein unterwegs war, bin ich auch nicht in gefährliche oder beängstigende Situationen gekommen. Allerdings sind wir während unseren Dreharbeiten in eine recht unangenehme Lage geraten, als wir von einem Ladenbesitzer in dessen Shop eingesperrt wurden, weil er nicht wollte, dass wir dort weiter filmen.

Und wie war es für dich als Mann, Jan David?

Für mich war die Reise an sich ein Abenteuer und ich habe es schon so empfunden, dass Frauen noch ein bisschen intensiver angestarrt werden.

Für den Film ist schon eine Menge Geld durch Crowdfunding zusammengekommen. Zudem habt ihr den Pitch der deutschen Filmhochschulen auf der Berlinale gewonnen, Glückwunsch dazu. Ihr scheint irgendetwas richtig zu machen! Gibt es Neuigkeiten in Sachen Finanzierung?

Jan: Es gibt einige Möglichkeiten, die sich im Umfeld der Berlinale, durch den Gewinn des Pitches und natürlich auch durch die Promo seitens Milky Chance ergeben haben und die ziemlich vielversprechend sind. Wir sind gerade in einer Abwägungsphase. Generell arbeiten wir alle neben unserem Studium mehr als drei Stunden am Tag für das Projekt. Da ist es natürlich großartig, wenn unser Projekt so honoriert wird. Auch die positiven Zusprüche zu dem Teaser in den sozialen Medien sind bestätigend und schön.

Devki verweist in dem Teaser darauf, dass sie keine Angst haben möchte und so als gutes Vorbild vorangehen kann. Wie habt ihr das bei den anderen Frauen in Delhi wahrgenommen?

Manu: Devki ist bisher auch nur zu einem gewissen Teil emanzipiert. Sie ist mit dem Emanzipationsprozess noch nicht ganz fertig. Sie konnte sich nicht immer durchsetzen und kämpft noch immer, um an den Punkt zu gelangen, wo sie hin will. Chandni ist da schon emanzipierter. Sie wird aber weiterhin jeden Tag mit den Problemen des Frau-Seins konfrontiert – beispielsweise durch die männlichen Taxifahrer oder andere Männer, die sie nicht akzeptieren. Emanzipation ist ja nie ein abgeschlossener Prozess und ist anstrengend, gerade in diesem Umfeld.
Jan: Die Angst kam mir allgegenwärtig vor – und zwar in allen Schichten. Bei allen indischen Frauen, die ich kennengelernt habe, schien sie mir vorhanden zu sein. Natürlich ist es so, dass – je nachdem aus welcher Schicht man kommt – man andere Möglichkeiten hat sich gegen die Angst zu wehren. Wer weniger Geld hat, kann sich – wenn überhaupt – eine Rikscha nehmen. Das ist dann natürlich schon gefährlicher, als eine Taxifahrt.

Ist Emanzipation dort schon auf der Tagesordnung?

Manu: Es ist seit einigen Jahren so, dass in dieser Richtung viel passiert. Das hat man medial in Deutschland auch gar nicht so mitbekommen. Noch fehlt die Öffentlichkeit. An der Tagesordnung ist Emanzipation nicht, aber es gibt gerade seit dem Bekanntwerden der Vergewaltigungen im Jahr 2012 viele Frauen und Männer, die sich für die Stellung der Frau immer mehr einsetzen.

Jan, wie war aus deiner Perspektive der Umgang der Männer mit Manuela als Frau und Regisseurin?

Jan: Grundsätzlich wurde ich von den Männern angesprochen, Manu wurde gar nicht beachtet. Der Vater von Devki hat es beispielsweise nicht akzeptiert, dass Manu das Sagen hat und sie musste, obwohl sie ja die Regisseurin ist, darum kämpfen von ihm anerkannt zu werden. Das ist uns an allen Stellen widerfahren: Sämtliche Fragen oder organisatorischen Dinge wurden nur an mich gerichtet.

Was hat dich am meisten erschreckt?

Manu: Für uns unvorstellbar: Frauen in Indien können nachts nicht auf die Straße gehen. Beziehungsweise müssen sie sich genau überlegen, ob sie noch einmal rausgehen und ob sie noch eine Begleitung finden. Frauen in meinem Alter können nicht einfach abends mal ein Bier trinken gehen. Sie müssen das Risiko abwägen. Das war schockierend für uns.

Wie war das Arbeiten mit euren Protagonistinnen und wie seid ihr dabei vorgegangen?

Manu: Die Sprachbarriere war tatsächlich eine Schwierigkeit. Ich hatte eine Übersetzerin, mit der ich viel zusammengearbeitet habe. Es gab dann aber auch eine Kommunikation zwischen Devki und mir, die – ohne dass wir die gleiche Sprache sprechen – ziemlich gut funktioniert hat.

Was war euch besonders wichtig in Sachen Bildgestaltung? Ihr habt beispielsweise nur nachts und im Morgengrauen gedreht...

Jan: Da wir ja durch künstliche Beleuchtung nicht in das Bild eingreifen konnten und wollten, habe ich mir ein paar Regeln aufgestellt, wie meine Bildgestaltung aussehen soll. Gestaltung fängt ja da an, wo man bewusste Entscheidungen für eine Richtung trifft. Die Entscheidung nachts zu drehen hat natürlich mit dem Thema zu tun, aber auch mit der künstlichen und interessanten Farbwelt, die dadurch entsteht. Und natürlich mit der Welt der Nacht. Es geht um das Spiel der Lichter und die Isolation durch sie gegen die Dunkelheit. Man kann das vielleicht übertragen auf die Sicherheit, die durch Lichter in der Nacht entsteht oder eben nicht.

So eine Reise samt Flug, Equipment und Unterkunft muss ja auch geplant sein...

Manu: Ja, da muss ich mal meiner großartigen Produzentin Bianca Laschalt danken. Durch sie wurde das erst alles möglich. Es ist toll, wie sie mit einer unglaublichen Energie diesen Film vorangetrieben hat!

Der Soundtrack zu „Where to, Miss“ wird ja von Milky Chance produziert. Wie war es, als ihr das erste Mal den Track für eure Dokumentation angehört habt?

Jan: Es war ein sehr bewegender Moment, weil wir so viele Monate eine Idee verfolgt haben. Es ist gar nicht so einfach für jeden, der irgendetwas Künstlerisches macht, zu kommunizieren, was man eigentlich will und das geht jeweils nur über das eigene künstlerische Medium. Wir haben uns unglaublich von Clemens und Philipp verstanden gefühlt. Der Track hat etwas getroffen, was wir mit dem Film ausdrücken wollen. Es war eine Kommunikation, die über das Sprachliche hinausging.
Manu: (lacht) Ich fand den Track so toll, dass ich ihn am liebsten für mich und das Team behalten hätte. Der allergrößte Milky Chance Fan in unserem Team ist unser Cutter Maximilian Raible!

Mal was ganz anderes: Auch in Deutschland gibt es Sexismus im Alltag. Wie begegnest du dem, Manu?

Das ist eine Energiefrage bei mir, ob ich mich damit konfrontiere oder ob ich das ignoriere. Es gibt schon viele Situationen, die mich provozieren können und die sich ändern sollten. Aber es gibt auch Sexismus gegen Männer, der genauso unangebracht ist.

So zum Abschluss: Beschreibt doch noch bitte, wie „Where to, Miss?“ für euch sein soll. Und das bitte in drei Worten!

Jan: Ich kann das eigentlich nur in drei Bildern beantworten...
Manu: Mutig, neu, inspirierend.

Alligatoah Live

Fotos von Joscha Bongard

Los, empört euch

Wir ergreifen kaum noch die Initiative, viel lieber schlucken wir Ärger kommentarlos runter. Dabei gibt es doch genug Grund für Aufstand: Hier ein Skandal, da Unrecht. Doch das Beschweren ist anstrengend.

„Prism“ – ein Wort, das wohl niemand mehr gerne liest. Lieber wird munter weitergescrollt, Fotobeitrage und Musikvideos sind doch viel unterhaltsamer. Kurzum: Der Skandal, der eigentlich jeden Nutzer von Telekommunikation beschaftigen müsste, wird beiseite gekehrt. Dieses „Prism“ nervt eher, als dass es empört.

Unsere allzeit vernetzte Smartphone-Generation wird von Informationen geradezu überschüttet. Dem medialen Overkill halt kein Gehirn auf Dauer stand. Und trotzdem lassen wir die Informationsflut freiwillig über uns ergehen. Weil wir ja nichts verpassen wollen! Doch führt genau das zu neuen Problemen: Da wir in kürzester Zeit immer mehr Informationen prasentiert bekommen, wird es immer schwieriger zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu entscheiden. Noch aufwendiger ist dann die Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen – dazu gehört, mehrere Quelle heranzuziehen, sich eigene weiterführende Gedanken zu machen, sich eine differenzierte Meinung zu bilden. Eine Person, die diesen Weg geht, wird sich namlich nicht mehr zurücklehnen, sondern wird das tun, was heutzutage viel zu selten getan wird: Sie wird sich für eine Sache engagieren! Und Engagement beginnt schon, wenn man Erkenntnisse und Wissen mit anderen Personen teilt.

Meinung wird Einheitsbrei

Es ist langst nicht damit getan, dass man alle vier Jahre seine politische Meinung per Kreuzchen ausdrückt. Warum findet Empörung hauptsachlich nur noch über Kommentarfunktionen von Zeitungen oder anderen Medien statt? Warum gibt es das Recht auf Versammlung, wenn wir davon nicht Gebrauch machen, indem wir beispielsweise Demonstrationen organisieren? Die Antwort ist recht einfach: Bequemlichkeit, Verdrossenheit, dazu das Gefühl von Wirkungslosigkeit, auch Unwissenheit und – nicht zu unterschätzen, aber keine Entschuldigung – Zeitmangel.

Wenn man junge Menschen wahrend ihrer schulischen Laufbahn durch immer höhere Lernansprüche überfordert, dann fördert das sicherlich nicht gerade das eigenständige Denken. Meinung wird so zum Einheitsbrei.

Leistung auf Knopfdruck

In Schulen wird menschlicher Umgang gelernt. Empathie, Toleranz und Hilfsbereitschaft – alles wichtige soziale Kompetenzen – werden geprägt. Wenn sich jedoch Unterrichtsinhalte auf blankes Faktenwissen beschränken, dann bleibt Sozialkompetenz auf der Strecke. Das ist mehr als schade, denn fest steht: Jeder Mensch braucht Bildung und die Möglichkeit das soziale Miteinander – auch außerhalb der Familie – zu erlernen und zu praktizieren. Nur durch diese Komponenten können sich Individuen frei entfalten – und was ist stärker, als eine Gesellschaft aus gebildeten Individuen?

Leider bleibt dieses Idealbild von Schule eine Utopie. Alles was zählt, ist abfragbares Wissen. Eben Leistung auf Knopfruck, damit sich Schüler nach abgeschlossener Hochschullaufbahn nahtlos in das funktionierende System einfügen. Diese falsche Ausrichtung von Schule und auch Job führt dazu, dass Jugendliche und Erwachsene von morgens bis abends lediglich mit „ihren Aufgaben“ beschäftigt sind. Aufraffen, sich in gesellschaftliche Themen einbringen? Nö. Der Griff zur Fernbedienung ist um vieles verlockender.

Bequemlichkeit als Armutszeugnis

Die Öffentlichkeit ist in einer Demokratie das größte Druckmittel. Gut organisierte Demonstrationen sind auch medial ein Highlight und setzen Politiker mehr unter Druck als jede Petition. Doch Empörung ist anstrengend. Und so ist die weit verbreitete Bequemlichkeit ein echtes Armutszeugnis.

Bequemlichkeit hat wiederum viel mit politischen Entscheidungen zu tun: Politik geschieht heutzutage oft mit dem Anspruch der Optimierung. Wachstum, Wachstum, Wachstum. Was fehlt, ist Kreativität zur Veränderung von Politik dahingehend, dass es doch vor allem um ein gutes soziales und kulturelles Miteinander gehen sollte. Leider gibt es keine Lobby für Glück. Geld ist nicht alles. Uns geht es gut, zumindest den meisten. Elend wird geschickt ausgelagert, die wirklich unmenschlichen Dinge passieren weiter entfernt.

Empört euch!

Zu oft denkt man, als Einzelner könne man nichts verandern. Doch auch das hat uns die Geschichte gezeigt: Wirkmachtigkeit entsteht aus Einzelnen, Masse kann dann einiges bewegen. Es gilt also die Kommunikation wieder zu stärken, Bequemlichkeit zu überwinden und den direkten Kontakt zu suchen. Einmischen, Gleichgesinnte finden und sich empören. Ja, es geht noch besser!

Der erst kürzlich verstorbene Resistance-Kampfer Stephane Hessel fasst es in seinem Aufruf „Empört Euch!“ großartig zusammen: „Die schlimmste aller Haltungen ist die Indifferenz, ist zu sagen: ›Ich kann für nichts, ich wurschtel mich durch.‹ Wenn ihr euch so verhaltet, verliert ihr eine der essenziellen Eigenschaften, die den Menschen ausmachen: die Fähigkeit, sich zu empören, und das Engagement, das daraus folgt.“

Alligatoah Live – Wo der Pogokreis zur Suppenschüssel wird

Irgendwie mag das alles nicht so ganz zusammenpassen. Eine in blaues Licht getränkte Bühne, ein bärtiger Kellner im Frack, der mit dem Swiffer-Staubmagneten noch kurz ein bisschen den Mikrofonständer putzt, jetzt dröhnen die Boxen, eine Stimme, wie die eines Minnesängers erfüllt den Raum und dann Lichtshow und zwar nicht zu knapp. Okay, es ist doch ein Konzert – nicht, dass sich gerade mein Traum von einem Nobelrestaurant mit einer Dauerwerbesendung mischt. Alle Zweifel sind beseitigt: Ein Typ in beigefarbenem Safari-Outfit steht im Lichtkegel und rappt. Es ist wohl eher ein Sprechgesang, von den großen Ticketportalen wird Alligatoah als „Rapbarde“ und „Minnesänger“ angepriesen und das trifft es ziemlich genau.

Er ist eigentlich eine Hip-Hop-Band, bestehend aus dem Rapper Kaliba 69 und dem Beatproduzenten DJ Deagle, zwei fiktiven Figuren, die er erfunden hat, weil er beim Texte schreiben und Beats basteln nicht alleine sein wollte. Eine Ein-Mann-Armee, die alles, was sie publiziert, noch selbst macht. Der zweite Herr im Frack ist den meisten bekannt als Battleboi Basti und unterstützt Alligatoah auf seiner Tour als Backup-Rapper, damit die Punchlines noch mehr knallen.

Direkt beim Intro wird klar, dass die beiden nicht nur feine Lyric mitgebracht haben, die übrigens auf dem Index gelandet ist, sondern auch wummernde Bässe, die ordentlich reinhauen. Der Hip-Hopper freut sich, über den Flow, der doch in letzter Zeit bei vielen anderen Rappern unter Synthies verschwindet, auch wenn es bei Alligatoah meist überhaupt keine typischen Hip-Hop Beats sind. Von Pop, über Rock bis hin zur Flöte im Hintergrund: Was immer bleibt, sind die perfekten, humoristischen Reime.

So abwechslungsreich wie die Musik sind auch die stets ironischen, ziemlich verworrenen Texte. Das erste Hören reicht oft nicht, um die vielen genialen Wortspiele zu erkennen und man ist geneigt zu denken, wenn man nicht wirklich dem Text folgt, dass Alligatoah nur ein Spaßrapper ist. Er selbst sagt, er mache Satire und das stimmt auch. Denn seine Lieder, so verrückt und provokant der Inhalt auch ist, sind voll von Kritik. Ob Alligatoah sich über den hippen Dorgenkonsum in seinem Charterfolg „Willst du“ auslässt, oder in „Rabenväter“, die Helicopter-Eltern unserer Gesellschaft anblufft, er tut es mit so viel Selbstironie und Satire, dass es kein plakatives Rumgejammere ist – sondern richtig Spaß macht und wirkt.

In „Rabenväter“ wird eine weitere Qualität deutlich, Alligatoah kann sich auch batteln, und seine, in den Songs immer wieder angedeutete, Dissfähigkeit macht im direkten Duell mit Battleboi Basti besonders viel Spaß. Gerade weil Battleboi Basti mit seiner extrem schnellen Raptechnik die ganze Sache noch anfacht.

Die Show ist aufgebaut wie eine Geschichte: Alligatoah erzählt sie, leitet gewitzt über zum nächsten Track und bringt so nebenbei noch zum Lachen. Das Bühnenbild besteht aus einem Stuhl, ein paar Möbeln, einem Kleiderständer und zwei Kinderwagen, aus denen es ab und zu raucht. Alligatoah beschwert sich dann kurz „Kind, wenn das deine Mutter wüsste... Das bleibt unter uns“ und macht weiter.

Sein Song „Es ist noch Suppe da“ wird für ein kleines Gepoge genutzt, aufgefordert durch die Frage, ob man nicht einen kleinen Suppenkessel bilden könne. Das Publikum macht willig mit, es überrascht generell, wie textsicher neue und alte Fans sind, denn auch das wird klar: Alligatoah hatte schon eine große Fanbase vor seinem neuen Album Triebwerke, was ihn in die Charts auf Platz 1 und natürlich auch in den Mainstream brachte. Der Student steht jetzt also neben dem Girlie, es ist ein buntes Publikum, was da zusammen seinen Star feiert. Man merkt direkt, dass das kein 0815-Konzert ist, sondern eines, was mit viel Liebe und Freude durchdacht wurde. Ähnlich einer selbstgemachten Pizza, oder so.

Mein ganz persönliches Highlight, ist nicht „Willst du“, auch wenn seine Drogenhymne an diesem Abend natürlich am meisten gefeiert wird, sondern „Fick ihn doch“, weil hier meiner Meinung nach alles zusammenkommt, was gute-Laune-machenden Rap ausmacht: Flow, dröhnender Bassbeat, und Punchlines en masse! Nach dem Abend in Kassel bin ich auf jeden Fall Fan und freue mich, dass es immer wieder neuen intelligenten und satirischen Rap gibt.

All denen, denen KIZ zu hart geworden ist, denen bei Marteria manchmal der Witz fehlt, die wissen, wer Käptn Peng ist, oder nicht viel von Standard-Hip-Hop halten, wird Alligatoah gefallen. Und generell werden viele ihn entdecken, oder weiter lieben und so ist es wohl nicht allzu spekulativ, wenn man behauptet, dass Alligatoah einer der Großen im deutschen Rapbiz werden kann!

Gegönnt sei es ihm – ist er doch, wie viele Interviews beweisen, ein äußerst sympathischer Kerl. „Denn sein Herz hat ihm befohlen, dass die Stadt in Flammen steht.“ – den Befehl hat der Herr definitiv ausgeführt!

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen