Hauptstadtgeschichten: Wohnst du schon?

Ich bin auf der Suche. Präziser: Ich bin auf der Suche nach einer Bleibe in Berlin-Neukölln. Und das nicht erst seit gestern, wohlgemerkt. Von Besichtigungstermin zu Besichtigungstermin verlaufe mich nur noch jedes dritte Mal und das auch um ein Drittel weniger katastrophal als noch vor zwei Jahren. In zwei weiteren Jahren könnte ich bei dieser Quote so etwas wie ein Zuhause gefunden haben. Aber mal von Anfang an: Meine Zeit in der Wohngemeinschaft neigt sich dem Ende zu. Menschen ziehen zusammen, Arbeitsplätze zwingen in zumindest akustische Isolationen und die Hausverwaltung saniert. Ob man sich nicht für verschiedene Wohnungen im sanierten Haus bewerben könne? „Ich glaube nicht, dass Sie sich das dann noch leisten können", belustigt sich eine von Harry Gerlachs Damen. Herr Gerlach ist der Immobilienmogul, der rund um Neukölln durch seine äußerst geschmackvollen Farbkombinationen besticht.  Ich wohne derzeit in orange-blauen Streifen; das Treppenhaus hingegen überzeugt mit Durchfallbraun und Himmelblau und goldene Sterne versuchen, olfaktorische sowie anderweitige Insignien allgemeiner Bedürftigkeit zu übertünchen. „Urbaner Charme“, so nennt Harry das in seinen Ausschreibungen.

Ein eher historischer Charme begegnet mir bei der ersten Wohnungsbesichtigung. Der etwa sieben Zentimeter breite Spalt Licht, der es in das mit braunem Teppichboden ausgelegte Zimmer geschafft hat, fällt auf ein gefühlt lebensgroßes Kreuz. Mit einem Jesus dran. In der Ecke sitzt eine alte Dame, die nicht spricht, aber höflich lächelt und ab und zu nickt. Zum Beispiel wenn der Makler sagt, dass der Geruch schon auch noch weggehe, sobald erst einmal Boden und Tapeten abgerissen seien.

Apropos Makler: Eigentlich könnte man – nun, da die Gebühr ohnehin abgeschafft ist –aufhören, über die Abwesenheit jedweder Verhältnismäßigkeiten der vom Mieter getragenen Maklergebühr von 2,5 Kaltmieten und Begriffe wie „Gehalt“ herumzureiten. Ist es jedoch von einem Menschen mit entsprechendem Stundenlohn zu viel verlangt, (ich bin kein Pedant, aber – pünktlich) an der entsprechenden Wohnung zu erscheinen und selbige aufzuschließen?

Offenbar schon! Bei einer der nächsten Wohnungen hat der Herr nämlich, nachdem er mit dreißig minütiger Verspätung die fünfzehn köpfige Truppe bemurmelt oder -grüßt, den Schlüssel vergessen. Huch. Die beiden einzigen Aufgaben, die man ihm aufgebürdet hatte, waren scheinbar einfach zu schwierig. Großzügiger Weise dürfen wir ihm die Bewerbungsunterlagen der nicht besichtigten Wohnung dennoch abgeben. Mit ausgefüllter Selbstauskunft, welche eine Unterschrift der anfallenden Maklergebühr beinhaltet. Zur Erinnerung: 2,5 Kaltmieten. Diese will er im Übrigen auch für das folgende Exemplar.

Durch die herkömmlichen Massenbesichtigungen in Mitleidenschaft gezogen, steigt meine Motivation, als ich gänzlich allein empfangen werde. „Ach, kommt außer mir keiner mehr?“ ­– „Nein. Werden Sie denn nervös, so ganz allein mit mir?“ – „Nein. Aber nach den letzten Besichtigungen empfinde ich Einzeltermine doch als luxuriös.“ – „Oh ja, Baby. Mit mir allein zu sein ist der reine Luxus“. Die Unterlagen solle ich bitte bis 20 Uhr zusenden, („nenn mich ruhig) Johnny“ findet es nämlich „richtig ungeil“, danach noch Jobmails auf sein iPhone 6 zu bekommen. Das verstehe ich natürlich und bedanke mich. Man gönnt es mir – „Schon ok“.

Doch seid auf der Hut, voreilige Vorbehalte – es gibt sie, die Schwerverdiener. Mit schwer sind etwa – zum letzten Mal, versprochen – 2,5 Kaltmieten gemeint und mit Verdienern diejenigen, deren Arbeitsaufwand etwas mit ihrer Bezahlung zu tun hat. Oder die diesen zumindest in einem Verhältnis wähnen. Die Dame in der Weserstraße zum Beispiel war vor meiner Besichtigung immerhin schon in einer Wohnung in Britz – also bestimmt acht Autominuten entfernt! „Da muss man seinen Job schon lieben, wenn man den ganzen Tag so auf den Beinen ist wie ich. Und obwohl er so hart ist, liebe ich ihn, jeden Tag. Ich sehe tolle Wohnungen, spreche den ganzen Tag mit netten Menschen, gönne mir dafür aber auch mal ein paar Stündchen in der Sonne.“ Irgendwer muss sie ja tun, die Knochenjobs. Merk- und denkwürdig, dass RTL II daraus noch nichts gemacht hat.

Zum Thema „nette Menschen“ und schlechtes Fernsehen: Offenbar grundlos dachte ich bis zu dieser Stelle, es sei zu albern für das Real Life außerhalb von „Berlin Tag & Nacht“ und dergleichen, Dialoge zu „scripten“. Da bei der Berliner Wohnungssuche aber alle Parameter kognitiv begabter Verhaltensformen in Not aufeinandertreffen, gibt es auch hier nichts, was es nicht gibt. Und so üben zwei Mädels meines Alters den Dialog mit dem Makler draußen schon einmal. „Okay, also du bist der Makler! Guten Tag, freut mich sehr“, beginnt die Mitbewerberin. „Guten Tag“, sie schütteln sich die Hände und ich fühle mich erinnert an das weihnachtliche Kaufladen-Spiel mit meiner Schwester, welches ganz ähnlich ausgesehen haben muss. „Die Wohnung gefällt mir wirklich sehr! Wie sind denn die Nachbarn so?“ – „Das ist gut, zeig dich interessiert! Ja, also die Nachbarn sind eigentlich ganz normal“, erklärt die Makler-Freundin fachkundig. „Ab wann könnten Sie denn einziehen?“ Sie nimmt ihren Job ernst. „Wohnen könnte ich hier erst ab nächsten Monat. Selbstverständlich würde ich aber ab sofort bezahlen“, fügt sie schnell hinzu und runzelt fragend die Stirn. „Sehr gut“. – „Cool, frag mich noch was!“ – „Psst, da kommt er. Sieht der aber gut aus. Spiel die Mädchenkarte“. Aufgrund besagter Mädchenkarte lässt die Besichtigung sich auf eine Stunde, drei Oktaven zu hoch und drei peu à peu geöffnete Knöpfe herunterbrechen und ich wähne mich bereits auf einem Zeltplatz überwintern.

Zum Glück hat die Fahrt durch die soziale Geisterbahn nach etwa zehn Besichtigungen aber ein Ende. Denn die Dame aus der Weserstraße hat weder Zeit noch Mühe gescheut und meine Bewerbungsunterlagen einfach an den Vermieter weitergegeben – der mir eine Woche später zusagt. Zwar kommt dieser zur Schlüsselübergabe um halb zehn statt um die vereinbarten acht Uhr, hat die richtigen Schlüssel vergessen und bringt mit einem vom Sims gestoßenen Wasserglas fast ein auf dem Hinterhof spielendes Kind um, aber immerhin steht mein Bett ab sofort in meinen eigenen vier Wänden um mich von dieser Odyssee zu erholen.

Welcome to the machine

Praktika können manchmal den Weg ins Berufsleben ebnen. Aber eben nur manchmal. Autorin Juliane berichtet über zwei Wochen, in denen sie erfuhr, wie Wasserknappheit zu Geld, Geld zur Maschine, zum Arbeitsplatz, zur gesellschaftlichen Groteske wird. Oder so ähnlich.

Ich hätte sehr gerne ein Praktikum bei der taz gemacht, doch das klappte nicht ganz. Ich habe sieben Jahre lang studiert und künftige Unentgeltlichkeiten indoktriniert bekommen, bin zeitlich, räumlich und moralisch unsagbar flexibel. Dazu noch abartig motiviert, ehrenamtlich total engagiert, unvorstellbar dynamisch, im Besitz einer Millionen Referenzen und eines in Zukunftsangst begründeten Masochismus. Fünf Praktika reichen für eine befristete Anstellung nicht? Kein Problem.
Und siehe da: eine internationale interkulturelle und interreligiöse Einrichtung auf der Suche nach willigen „irgendwas mit Medien“-Girls.

„Sollten wir uns für Sie entscheiden, lässt sich auch über eine Übernahme sprechen. Irgendwann muss dieser Praktikums-Wahnsinn ja aufhören.“ Beeindruckt von generösem Scharfsinn, wie ihn der Theologe, der jetzt doch lieber die Yacht mit den beiden Mädels im Goldkettchen-Arm hätte, an den Tag legt, lodert meine Hoffnung in eine Wirklichkeit von öffentlichen Bewerbungsverfahren und einer bezahlbaren Zukunft auf.

Unter der Registerkarte meiner eigenen Unkenntnis verbuche ich den Fakt, dass man im „Co-working space“ des Vereins – also der Wohnung des Chefs – nur via Skype-Chat kommuniziert und sich die Sex-Stories seines 13-jährigen Sohnes anhören muss. Doch ungetrübten Pflichtbewusstseins hole ich am ersten Arbeitstag um 8 Uhr „Geschäftsleute“ vom Flughafen ab. Den Lachshäppchen-Tisch herzurichten und zu wischen, während der Altherren-Club dann in die Weinstube schlendert, ist schließlich auch sowas wie „Öffentlichkeitsarbeit“, lasse ich mir sagen. Und für die „Geschäftsleute“ sauge ich auch gerne den Co-Wir-erfinden-uns-eine-Daseinsberechtigung-Space; wollte ich nicht eine Arbeit, bei der ich genug Raum zum Denken habe? So macht es mir beispielsweise auch nichts aus, tagtäglich von seiner hormongestörten Katze angefallen und den 100-jährigen Freunden des Chefs nach gemeinsamen Drinks gefragt zu werden. Das Ganze hat nämlich auch Vorteile, versuche ich den Stolz zu striegeln. Zum Beispiel, wenn er einen seine „international prominenten Salons“ veranstaltet, zu denen seine mitleidigen Freunde 15 Euro Eintritt (ich darf umsonst rein; war ja schon zum Putzen da) und Wein bezahlen müssen, den ich gerade von Lidl angekarrt habe. Ein 16-Stunden Tag für monatliche 300 Euro „muss schon drin sein,“ wenn man auf internationalen Ebene arbeiten will. Ich denke an Ahmed, meinen Lieblings-Späti-Mann, und frage mich, ob das stimmt.

Anstatt jedoch Sterni und YumYum zu verkaufen, sitze ich lediglich am Telefon. An diesem koordiniere ich als „Project Coordinator“ nämlich eine Tagung in Peking. Auf Nachfrage werde ich eingeweiht, dass die Summe erst fast finanziert sei, aber „das wird schon“. Koordination, Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising sind nämlich „im Grunde ein- und dasselbe“, weiß ich jetzt. Ach, und die Tagung hätte schon vor einem Jahr stattfinden sollen. Aber da war das Geld auch erst „fast da“. Die Flüge für die 30 Teilnehmer sind quasi gebucht, ich muss nur noch eben die 120.000 Euro zusammen kriegen. Ich halte mich für eine relativ Multi-Tasking-fähige Type und fühle mich herausgefordert – eine relativ beschränkte Reaktion, weiß ich retrospektiv.

Die Konferenz tagt zur „Wasserknappheit entlang der historischen Seidenstraße“. Interessant, notwendig sicherlich auch – mach‘ ich mit. Aber der Inter-Alles-Verein ist ja nicht von gestern und weiß, dass es heute für und gegen fast alles Maschinen gibt: Problem? – Maschine. Warum also nicht gegen Wasserknappheit?! Gesagt – getan, zwei Mitarbeiter eingestellt, eine handvoll regelmäßiger „wichtiger externer Gäste“, und dann müssten die Dinger doch gebaut sein! Kann man im Grunde also schon verkaufen. Das wäre vor allem gut für das Konferenz-Budget, denn durch diese werden die Maschinen ja an den Mann gebracht, und dann irgendwann sogar gebaut. Mit dieser feingliedrig logistischen Kenntnis wird auch mein Arbeitsalltag am Telefon klarer.

Beim legeren Socken-Gang auf dem Weg zum Kätzchen, lugt etwas ins Zimmer „Ruf doch mal eben bei Coca Cola in Peking an!“ – Stimmt! Die Schamgrenze hier längst überschritten und eine belegte Leitung simuliert, der nächste heiße Tipp: „Und was ist mit McKinsey?“. „Hallo, spricht dort McKinsey? Hier Juliane aus Berlin, ich würde gerne Geld für eine Tagung bekommen, die nächsten Monat vielleicht stattfindet und Wasser-Reinigungs-Maschinen bewirbt. Von deren Geld wir hier angestellt sind. Nein, die gibt es noch nicht. Nicht absehbar. Nun, wenn genug Maschinen verkauft sind, um den „Techniker“ zu bezahlen. Na auf der Konferenz! Grand Hotel Peking. Schade, schön‘ Tag!“. Techniker heißen nämlich diejenigen Menschen, welche Dinge, die wir Geisteswissenschaftler uns ausdenken, so hinmachen, dass es sie gibt.

Dem Wunsch, bereits nach der zweiten Woche gehen zu dürfen, begegnet man mit dem Angebot einer Festanstellung. Ein Heftchen bekomme ich dazu, da sind große graue Klötze abgebildet, die wahrscheinlich in einem zukünftigen Modus ihrer Existenz Wasser entlang der historischen Seidenstraße entsalzen. Ich verabschiede mich also von den Konferenz-Teilnehmern aus Afghanistan, Tajikistan und Usbekistan, denen wir Praktikanten seit einem Jahr Visa versprechen; auch von den Maschinen-Bauern, die wöchentlich anrufen um sich in heroischer Zeitlupe und im Namen jedweder Handels-Codices vor den Bau der aberwitzigen Aufträge des „Chefs“ zu werfen und ich verabschiede mich selbst von der Dame, die unter dem bezaubernden Namen „Mme Noelle“ ganz reizende Salon-Einladungen schreibt – eine der Chef-Fantasie entsprungenen Figur („klingt doch gut, finden Sie nicht?“). Wahrscheinlich während einem seiner Pornos in der „Head Office“ nebenan, während ich bei Google, H&M oder Nestlé um Geld bettle.

So gerne will ich eine Maschine bauen, die Hybris und Unfähigkeit zu wenigstens umweltfreundlichem Toilettenpapier oder Delphin-freien Thunfischdosen „macht“. Entlang der historischen Seidenstraße. Zumindest deren Existenz habe ich in diesen zwei Wochen verifizieren können.

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