Letzter Ausweg: Malle oder so ähnlich. Ein Karrieretipp der etwas anderen Art.

Der letzte Monat der Saison naht. Noch 30 Tage, dann geht es wieder Richtung Heimat. Ins kalte, verregnete, depressive und weit-entfernte Deutschland. Der September strahlt die letzte Wärme des Sommers aus, zeigt uns die ersten Anzeichen des Herbstes und kommt jedes Jahr zur gleichen Zeit wieder. Ungefähr so könnten auch die Gäste charakterisiert werden. Der Sommer war, auf Deutsch gesagt, scheiße, Regen und Sonne im Wechsel, kaum gingen die Temperaturen über 30 Grad und auch sonst gibt es nichts Erfreuliches aus Deutschland zu berichten. Irgendetwas mit „Steuern erhöhen“, „die Mieten steigen“ und „für das Bildungssystem setzt sich auch keiner mehr ein“. Eine riesige Schar von Kneipenparolen rollt über die Clublandschaft. Jeder einzelne beichtet seine individuellen Probleme. Seien sie aus der Arbeits-, Familien- oder Privatwelt. Ganz egal, fürs Urlauben scheint keiner den Preis bezahlt zu haben. Den meisten wird erst klar, dass sie entspannen wollten, wenn sie ihre Koffer zur Rückreise packen dürfen. Ein durchgeplanter, ganz normaler Tag eines Cluburlaubers steht an. Das Kind in den Kinderclub stecken, sich für die Massage am Nachmittag eintragen lassen und den Mann beim Wasserball am Vormittag anmelden. Möglichkeiten, seine freie Zeit zu verplanen, gibt es zur Genüge. Ein Programm, erstellt von den Animateuren, das keinen Moment der Langeweile aufkommen lässt. Nachdem alle für diesen Tag angebotenen Aktivitäten abgehakt sind und das Abendessen genossen wurde, bleibt gerade mal eine Stunde, um sich für die anstehende Abendshow in Schale zu schmeißen. Direkt im Anschluss finden die Gäste in den diversen Abendetablissements dann ihren nächtlichen Höhepunkt.

Zum all inclusive Angebot gehören nicht nur die zahlreichen Getränke von Apfelsaft bis Zombie oder die Speisen von Frühstück bis Mitternachtssnack, nein, auch die Animateure sind im Preis mit inbegriffen. Sie sind schließlich dafür da, dass der Urlaub zu einem Erlebnis der Extraklasse wird. Auch, wenn das Essen mal nicht so gut schmeckt, die Getränke weniger alkoholisiert sind und die Sonnenbänke am Strand seit sieben Uhr in der früh mit dem Handtuch eines anderen Hotelgastes belegt wurden. Der professionelle Unterhalter steht für Rat und Tat stets zur Verfügung. Ist immer bereit zu helfen und wird sich um die Angelegenheiten der Gäste, in jedem Augenblick, kümmern. Jeder einzelne hat „Zeit für Gefühle“. Für ein kleines Ständchen zwischen Tür und Angel geduldet sich der gestresste Animateur gerne. Er sieht jedes einzelne Gespräch als Gästekontakt, das ihm bei der Bewertung am Ende jede Menge Vorsprung einbringt. Eine positive Bewertung ist nämlich das Aushängeschild des Clubs und wichtig für die Rückfallquote der Urlauber, die nächstes Jahr wiederkommen sollen, im Glauben daran, diesem netten, sympathischen und aufgeschlossenen Animateur erneut zu begegnen. Auch lenkt er, kontinuierlich, von den eigentlichen Problemen der Gäste ab. Dass das Zimmer zu klein, das Wasser im Pool zu kalt, die Musik im Gelände zu laut ist und die anderen Urlauber sich nur beschweren, weiß der verlässliche Animateur längst. Eigentlich kann er es schon nicht mehr hören, vermittelt dennoch das Gefühl, gebraucht und verstanden zu werden. Mit einer Taktik, die aufgeht. Ein bisschen mit lästern, ein wenig dagegenhalten und am Ende alles auf andere schieben. Klappt prima, wirkt einwandfrei und stellt zufrieden – beide Seiten.

Auch sonst spielt der Animateur eine entscheidende Rolle im Leben des Cluburlaubers. Nicht nur, dass er die besten Restaurants, Discotheken, Bars und Kneipen in der Gegend kennt. Er begeistert, bezaubert, bringt zum Lachen, wischt die Tränen auf, kann Träume erfüllen und ist noch dazu immer präsent. Von früh bis Mitternacht, manchmal etwas länger und hin und wieder bis zum nächsten Morgen. Nerven kann er natürlich auch. Gerade dann, wenn die Ansage zum Volleyball in einer Lautstärke zum Besten gegeben wird, bei der der Mittagsschlaf, in der prallen Sonne, bis auf weiteres verschoben werden muss. An allen Aktivitäten will man nun auch nicht teilnehmen und ein striktes „NEIN“ sollte da ausreichen. Letztendlich hat der Animateur es fertig gebracht, die Sonnenanbeter zu überzeugen, jetzt doch mitzuspielen. Ein Hoch auf ihn.

Der Gast ist König, das steht außer Frage. Nur welche Position hat der Animateur? Ein strikter Betreuer ist er nicht. Ein stilvoller Begleiter keineswegs. Etwas von einem Schauspieler, einem Komödianten, einem Tänzer und einem Unterhalter steckt in ihm. Anziehend, hypnotisierend, manipulierend und fesselnd, bewegt der Animateur die Urlauber zu Taten, die sie nie für möglich gehalten haben. Sie tanzen, spielen, lachen und singen wie kleine Kinder. Das liegt nicht nur an den alkoholisierten Getränken, an den zu intensiven Sonneneinstrahlungen oder gar an der frischen Meeresbrise. Vielmehr schafft es der Animateur, die Hemmungen der Gäste auf einen Nullstand zu reduzieren und sie dazu zu bewegen, sich frei und unbeobachtet zu fühlen. In einer geschlossenen Gesellschaft, in der alle gleich sind. Irgendwie Ironie des Schicksals. Wurde sich anfangs über alles und jeden beschwert, werden die schlechten Eigenschaften am Ende einfach weg „animateurisiert“. Ein zweites Hoch also, auf die in blau-weiß-, gelb-blau-, rot-weiß- oder in sonstigen Farbkombinationen gekleideten Animateure. Die sich nicht nur im Gelände der Clublandschaft bestens auskennen, die Menschen zum Mitmachen motivieren, den Therapeuten in jeglicher Hinsicht spielen und irgendwie kindisch auftreten sondern eben auch noch ihren Job ausüben.

Gerade Gäste bezeichnen den Animatuerposten als einen Knochenjob. Sie sehen das Programm, vollgepackt mit Aktivitäten wie Volleyball, Wasserball, Dart, Fußball oder diversen Kinderprogrammen. Dann die Unterhaltungsspiele zwischendurch. Die Proben für die Abendshows, die Abendshows an sich und dazu der ständige Gästekontakt. Wirkt viel, im Endeffekt aber hat der Animateur genügend freie Zeit. Nur muss jeder selber wissen, wie er sie nutzt. Auch muss jeder persönlich einschätzen, wie lang er in diversen Abendetablissements verweilen will, um fit für den nächsten Tag oder für die Saison zu bleiben. Wer seinen freien Tag, von dem ein Animateur einen pro Woche hat, genießt und ihn nicht unbedingt immer wieder zum Auskurieren nutzt, der kann an für sich eine sehr schöne Zeit in Anspruch nehmen. Sollte dennoch der Stressfaktor ziemlich hoch sein, empfiehlt sich ein gemütlicher Spaziergang, alleine, am Strand entlang. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Plätze entdeckt, an denen keine nervenden Touristen, heulende Kinder oder egozentrische Teamplayer anwesend sind. Vielleicht verleitet gerade einer dieser Plätze zum Träumen, mit Blick aufs Meer, dem Sonnenuntergang und dem Wellenrauschen.