Nachts in Neukölln

Manchmal passieren skurrile Sachen, wenn man nachts mit Freunden unterwegs ist und einen Unterschlupf sucht. Man pirscht die Straßen auf und ab und nimmt trotzdem alles wahr, was sonst nur wie die Lichter in einem Tunnel an einem vorbeirauschen würde. Irgendwann sieht man einen Schriftzug, der einen aus irgendwelchen Gründen plötzlich stehenbleiben lässt. Little Stage steht da in rot-blauen Leuchtbuchstaben. Jonasstraße 1, Berlin Neukölln.

Unversehens findet man sich dann auch gleich an der Bar wieder, schaut sich um und überlegt hin und her, ob man gehen oder bleiben soll. Musik läuft noch nicht, der Mann an der Bar erzählt aber, dass später gefreestylt wird. Gut, dann erst einmal ein paar Treppen tiefer. Dort kann man ziemlich gut rumlümmeln, Billard spielen oder fernsehen. Wenn oben auf der Bühne was los ist, wird aber alles per Live-Kamera nach unten gebeamt. Das ist dann auch ziemlich schnell soweit und weil es hier unten so verdammt gemütlich ist und es nun also praktischerweise diesen Fernseher gibt, versinkt man lieber im Ledersessel, als nach oben zu kraxeln.

Auf der Bühne sind inzwischen zwei Jungs dabei, sich mit Reimen zu überbieten. Einer von ihnen ist höchstens 16 und auch, wenn man von Rap überhaupt gar keine Ahnung hat, kann man sich ganz gut vorstellen, wie schwer es sein muss, einige Minuten am Stück Reime zu basteln, die auch noch eine Geschichte erzählen. Den beiden gelingt das ziemlich gut – keiner von ihnen hat irgendwelche Texthänger oder wiederholt ständig dieselben Sachen, zwei wesentliche Punkte beim Freestylen. Ein Freund hat mal erzählt, dass die Worte in dem Moment, in dem er die Bühne betritt, einfach zu ihm kommen. Er übt fast jeden Tag, auf dem Weg zum Bus oder beim Duschen. Er sagt, dass man sich eine Art Archiv anlegen muss im Kopf, ein Repertoire, auf das man dann einfach zurück greift. Davon, Texte aufzuschreiben um besser üben zu können, hält er nichts. Ein anderer Freund sagt indes, dass er es gerade wichtig findet, nicht nur zu freestylen, sondern auch zu texten – um ein besseres Sprachgefühl zu bekommen und das Jonglieren mit den Worten besser einprägen zu können. So richtig verstehen und erklären kann man solche unterschiedlichen Herangehensweisen vermutlich gar nicht; jeder funktioniert und lernt da anders.

In der Little Stage hat jeder die Möglichkeit, sich auszuprobieren, mit anderen zu messen, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Beim Freestylen eben, aber auch zum Karaokesingen oder dem Jambalaya, das seit Ende des letzten Jahres jeden ersten Mittwoch im Monat einen bunten Teppich aus Musik, Theater, Tanz und Poetry knüpft, auf dem es sich wunderbar tanzen, lauschen oder fläzen lässt. Ein großes, aber sympathisches PS sei noch kurz hinterher geschoben: „Für Schnösel und Piefkes ist das kein Platz“, das macht die Homepage unmissverständlich klar. Aber die verirren sich aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso nicht hierher.

Nähere Infos unter: http://little-stage-berlin.blogspot.com

Gerhard Richter Retrospektive

Als Walter Benjamin in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts seinen berühmten Kunstwerk-Aufsatz schrieb, ließ er seine Befunde vor allem um ein wichtiges Problem kreisen: Wenn Möglichkeiten technischer Reproduzierbarkeit auf den Plan treten, dann verändert sich die Art und Weise, wie Kunstwerke rezipiert werden. Sie sind nicht länger an Rituale oder kultische Momente gebunden und damit einem bestimmten Kreis vorbehalten, sondern – Benjamin macht das  vor allem an den Techniken der Fotografie fest – einer größeren Öffentlichkeit zugänglich und verlieren so an Kultwert. An seine Stelle tritt das, was Benjamin den Ausstellungswert nennt. Wenn er die Fotografie als populäres Beispiel bemüht, dann deswegen, weil sie noch mehr als die Malerei die Spuren ihrer Entstehung verwischt – auf technischer Ebene. Die Linse eines Fotoapparates rückt Dinge anders in den Fokus, als das menschliche Auge, Nachbearbeitungen können sogar Dinge sichtbar machen, die dem menschlichen Auge niemals zugänglich wären. Und das Ergebnis schließlich, die Fotografien selbst, ist um seine Aura, um den Kontext seiner einmaligen Erscheinung, gebracht.

Gerhard Richter, der große deutsche Maler, um den es hier eigentlich gehen soll und der am neunten Februar seinen 80. Geburtstag feierte, ist für zwei sehr verschiedene Beobachtungen wichtig, die sich beide an das eingangs Gesagte knüpfen lassen. Einmal ist eine seiner wirkungsvollsten Techniken das Abmalen von Fotografien – eine interessante mediale Rückübersetzung – und darüber hinaus gibt es aktuell kaum einen anderen Maler, dessen Figur der eines großen Stars so nahe käme, um den sich eine so geheimnisvolle Aura rankt. Unglaublich viele Menschen sind am 12. Februar vor die von Mies van der Rohe 1967 verwirklichte Neue Nationalgalerie gekommen, um die Eröffnung der Gerhard Richter zum Geburtstag gewidmeten Panorama-Ausstellung mitzuerleben. 130 Bilder und fünf Skulpturen kann man bis Mitte Mai sehen, einen Querschnitt durch Richters gesamtes Œuvre sozusagen. Die Stücke – mal sind es bekannte wie „Betty“ aus den 80er Jahren, mal weniger bekannte – sind chronologisch sortiert und verweisen auf die ganz unterschiedlichen Techniken und das entstandene Material, die Richter seit den frühen 60er Jahren verwendet und zur Anschauung gebracht hat.

Geboren wurde Richter 1932 in Dresden, aufgewachsen ist er in der Oberlausitz. Er begann 1951 sein Studium an der Kunstakademie Dresden, unter anderem unter Karl von Appen, jenem Bühnenbildner, der vornehmlich für seine Arbeiten zu Brecht‘schen Stücken am Berliner Ensemble bekannt wurde. Richter floh 1961 nach Westdeutschland und trieb sein Studium schließlich an der Kunstakademie Düsseldorf voran; zehn Jahre später erhielt er dort eine Professur für Malerei.

Seit den frühen 60er Jahren hat sich das angehäuft und zusammengetragen, was die Panorama-Schau nun zeigt. Begonnen hat Gerhard Richter mit den schon erwähnten Abmalungen, für die er Zeitungsmaterial sichtete, das er dann vergrößert auf Leinwand überträgt. Es entsteht auf diese Weise eine Ästhetik, die unscharf und surreal wirkt, die auf das, wie sie einmal klar gezeigt hat, zwar noch verweist, es aber gleichzeitig verunklart und verbirgt. Parallel zu diesen Abmalungen hat Richter immer schon andere Techniken angewendet – die Farbtafeln von 1966 sind ein prominentes Beispiel dafür; er hat dort nach dem Vorbild von Farbmusterkarten wie man sie im Baumarkt findet farbige Flächen nebeneinander gesetzt. Mitte der 70er folgen die Grauen Bilder, dazwischen hat er sich immer wiederholende Motive im Blick – die Kerzen-Bilder, von denen eines nun auch in der Neuen Nationalgalerie zu sehen ist, die Seestücke oder die Wolken-Bilder. Das Gesamtwerk Gerhard Richters auf einen Nenner bringen zu wollen, ist nicht nur unmöglich, sondern auch unsinnig. Zu oft hat er in Interviews selbst davon gesprochen, stillos sein zu wollen und gerade in der großen Bandbreite seines Schaffens selbst artikuliert sich eine Art Hinweis auf Probleme, die tiefer gehen als die Frage nach Stilempfinden und Genrezugehörigkeiten. Die Zeit hat dazu einmal etwas sehr Schönes geschrieben: „Richter ist ein Künstler des postideologischen Zeitalters. Er verschafft der Kunst eine neue Freiheit, er entlastet sie von Symbolen und Behauptungen.“ Genau in dieser Abtragung von alten Lasten liegt dann die Möglichkeit, sie als Versatzstücke zu markieren und neu zu arrangieren. Walter Benjamins Diagnose aus der Zeit, in der die Fotografie ein großes Medium wurde, hing eng mit einem Auraverlust zusammen. Gerhard Richters Bilder werden trotzdem in einer Sprache von Aura und Erhabenheit gelesen. Sie sind nicht kultisch oder von einem Ritual abhängig, aber sie entziehen sich Eindeutigkeiten und werden so zu Momenten einer Aura, die nicht auf technische Reproduktion hinaus möchte, sondern um Wahrnehmungspraktiken, Möglichkeiten der darstellenden Kunst und nicht zuletzt auch die Figur des Malers selbst kreist.

Mode und Cynismus: Teil 8 – Berlin Neukölln

Die frohe Kunde, dass Neukölln nicht nur Rüpel & Rütli ist, hat nun vermutlich auch ihren Weg in die Köpfe letzter skeptischer Menschen gefunden. Die Gentrifizierung ist auch hier angekommen und das schon seit einigen Jahren. Nur hat man in den vergangenen Monaten stärker als zuvor bemerken können, wie kleine Läden, Cafés und Galerien wie Pilze aus dem Boden sprossen. Für die, die nach Neukölln kommen, weil sie hier während des Studiums eine schöne Zeit zwischen Kleinkunst, Werkstätten und anderem kreativen Potential haben können, ist das wunderbar. Die Mieten sind halbwegs erschwinglich, Tendenz natürlich steigend, und wenn es dann doch 50 Euro mehr werden, na, dann kriegt man das meistens auch irgendwie gestemmt. Ein letzter Indikator dafür, dass der Stein eigentlich erst angefangen hat, ins Rollen zu kommen: eine erste Bio Company auf der Sonnenallee hat letzten Herbst eröffnet, es werden gewiss einige weitere Filialen folgen. Buschkowsky freut sich, ein bisschen Gentrifizierung tue dem Viertel gut, sagt er.

Das eigentliche Problem liegt natürlich ganz woanders. Dort zum Beispiel, wo Adiletten und übergroße Schmuddel-Pullis nicht getragen werden, weil sie vielleicht gemütlich sind und dabei auch noch lässig und cool aussehen, sondern weil das Portemonnaie gar nichts anderes zulässt. Die Verlierer der Gentrifizierung sind, ganz gleich ob Türken, Deutsche oder Sudanesen, diejenigen, die hier schon ganz lange gewohnt haben und plötzlich weg müssen. In die Plattenbausiedlungen im Süden beispielsweise. Wer findet, dass es zwischen Karl-Marx-Straße, Hermannstraße und Sonnenallee schmutzig und trist ist, war bestimmt noch nicht in der High-Deck-Siedlung am Ende der Sonnenallee oder in der Gropiusstadt. Dort ist die Arbeitslosigkeit höher als im Durchschnitt, besonders unter Jugendlichen. Um die Wirksamkeit von Klamotten schert man sich wahrscheinlich wenig oder zumindest ganz anders, als das zwischen Reuterkiez und Rathaus Neukölln der Fall ist. Und dennoch ergibt sich hier wie in so vielen anderen gentrifizierten Teilen der Stadt ein seltsames modisches Spiegelverhältnis zwischen den Alteingesessenen und den Zugezogenen, bei dem sich Fragen nach Coolness, Respekt und Notwendigkeit aufdrängen, die wir an dieser Stelle einmal unangeschnitten lassen wollen.

Stattdessen stromern wir nun dort herum, wo es die Jugend hinzieht. Runter zum Landwehrkanal, dessen Ufer auf der Höhe des Hertzbergplatzes noch das Weigandufer ist, ehe es einige Meter weiter alle paar Tage zur Schleuse von allerhand Gewusel wird: dienstags und freitags gibt es hier am Maybachufer einen türkischen Markt, auf dem man neben Pasten, Oliven und Gewürzen auch Stoffe finden kann – das freut die Bastlerinnen und Bastler, die allenthalben ihre Victorias rattern lassen, natürlich gleichermaßen. Einmal im Monat kann man sich das Genähte auch gleich unter den Nagel reißen, dann sitzen hier alte und junge Menschen zum Nowkoelln Flowmarkt in ihren Büdchen und verkaufen Wiederentdecktes oder Neugemachtes. Wenn es draußen zu kalt ist, kriegt man per Datenstrom geflüstert, in welchem der vielen kreativen Räume man sich stattdessen durch Klamottenberge robben kann oder in welcher offenen Siebdruckwerkstatt es gerade einen DIY-Workshop gibt. Würde man aktuell eine kleine Landkarte erstellen, auf der überall dort, wo Galerien, Cafés, kleine Modelabels oder Clubs eröffnen, ein kleiner leuchtender Punkt blinkt, man wäre vermutlich ähnlich fasziniert und verloren wie beim Anblick des Sternenhimmels.

Entgegen der anfänglichen Befunde über den langen Rattenschwanz, den die Entwicklung zum Szene-Kiez da hinter sich herzieht, zeigt sich bei so etwas wie dem Neukölln Fashion Weekend im Oktober vergangenen Jahres, dass der Umgang mit dem Problem der Gentrifizierung nicht nur ein Nebenschauplatz ist, sondern auch in der Szene selbst offen thematisiert wird. 32 Labels konnten dort ihre Mode-Kollektionen vorstellen und genauso, wie bei der Auswahl von Stoffen auf Nachhaltigkeit geschaut wird, ist das auch im sozialen Bereich der Fall. Organisationen wie das Netzwerk Mode & Nähen, kurz Nemona, versucht deswegen gezielt, die Designer auf solchen Veranstaltungen wie dem Fashion Weekend auch mit Modeproduzenten und Zwischenmeistereien zu vernetzen – das sind meist kleine Schneidereien, die nicht für Endkunden, sondern für Designer kleinerer Kollektionen arbeiten, für die es sich gar nicht lohnen würde, an einem anderen Standort produzieren zu lassen. Genau da werden vor allem kleine Änderungsschneidereien oder Stickereien interessant, die in Neukölln ganz oft von Türken betrieben werden. Sie sollen gleichsam integriert und gefördert werden, auch wenn dabei, wie Sabine Hülsebus von Nemona sagt, natürlich nicht immer ein richtiger Job abspringt. Was aber bleibt, sind wichtige Kontakte und zwar auf beiden Seiten. Denn die Zwischenmeistereien „sind für die Designer ganz wichtige Berater in Material- und technischen Fragen.“ Besser kann ein Nebeneinander von kultureller Szene-Entwicklung und sozialer Unterstützung eigentlich gar nicht aussehen – wir drücken die Daumen und wünschen uns, dass diese Fahrtroute beibehalten wird.

Spectral – Über die zwölfte Ausgabe des club transmediale-Festivals

2005 haben der club transmediale und Meike Jansen, die als Redakteurin, Autorin und Veranstaltungsproduzentin arbeitet, gemeinsam einen Band herausgegeben, der sich mit Körperlichkeit, Strategien der Repräsentation und Geschlechterfragen in der elektronischen Musik beschäftigt. Im Klappentext findet sich ein Vorhaben formuliert, das den „Gendertronics“-Band und den club transmediale gleichermaßen um- und antreibt. Es heißt dort: „Über die psychedelischen Trancen der 60er, die Kraftwerk-Robotik der 70er, die Techno-Ekstasen und genderpolitischen Interventionen der 90er bis zur Laptop-Performance oder Versuchen akustischer Kontrollpolitik – immer neu bleibt zu verhandeln, wie die Elektronik und der Körper von wem in welcher Absicht und in welchen Kontexten verkabelt werden.“ An der Schnittstelle zwischen Neuen Medien, elektronischer Tanzmusik und kulturwissenschaftlichen Diskursen zu werkeln, gelingt dem ctm seit über zehn Jahren auf eine Art und Weise, die ihresgleichen, zumindest hierzulande, sucht. Weil Bewegung und Performance in diesem Kontext zwei Begriffe sind, die auf keinen Fall aus dem Blick geraten dürfen, sollte man sich dann und wann auch in den Club wagen. Denn schon Miss Kittin wusste und schrie laut heraus: „You can philosophize forever, you will never find the words. When was the last time you sweat on a dance floor?“

Der club transmediale trat 1999 mit dem Vorhaben an, die transmediale um ein Programm rund um zeitgenössische elektronische Musik zu ergänzen. Die transmediale selbst gibt es um einiges länger: 1988 entstand sie, zuerst als „VideoFilmFest“, aus dem Wunsch heraus, Produktionen elektronischer Medien, die im Rahmen der Berlinale umgesetzt wurden, ein eigenes Agitationsfeld zu geben. Der Hintergrund: bis dahin hatten solche Produktionen gar keine eigene Plattform, waren von den gängigen Filmfestivals sogar ausgeschlossen. Zurück zum Eigentlichen aber. Gegründet von Jan Rohlf, Marc Weiser, Lillevän Pobjoy und Timm Ringewaldt, ist der club transmediale heute die größte Veranstaltung seiner Art in und um Deutschland herum. Workshops, intermediale Installationen, Diskussionen und allerlei Anderes geben ihm das Gesicht, das ihn zu so einer spannenden Sache macht, wenn es um den Nutzen und die Probleme von Digitalisierung, Musik und neuen Kunstformen geht.

Das Motto der diesjährigen, zwölften Ausgabe ist ebenso kurz wie eingängig. „Spectral“, das heißt zuerst einmal „geisterhaft“ oder „gespenstisch“. Mit Musik hat das vielleicht erst auf den zweiten Blick etwas zu tun. Der club transmediale hat dabei vor allem Erscheinungen im Fokus, die in letzter Zeit verstärkt beobachtet werden können und zu denen die Etikettierung indes ziemlich gut passt: Drag, Witch House, analoge Synthiemusik, Neo-Industrial. Was ihnen gemein ist, so der Gedanke des Festivals, ist die Beschäftigung mit negativen Energien, mit Bewusstlosigkeiten und Ohnmacht. Sie sind strukturell dicht und um sie im Kern zu ergründen, müssen gewissermaßen immer erst ein paar Schichten an musikalischen Elementen abgetragen werden – das macht sie interessant und zugleich verstörend, ein bisschen so, als würde man in einem endlos erscheinenden Labyrinth aus Zimmern nach einer kleinen Kiste suchen und dabei viel Staub, Rost und Getier entdecken.

Das Programm, das den ctm 2012 füllt, ist – das ist allerdings zu erwarten gewesen – sehr eng. Man braucht in jedem Fall stets frische Ohren und flotte Beine, um alles mitnehmen zu können oder aber geht streng selektierend vor. Am 27. Januar beginnt der club transmediale mit der CTM.12-Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg Bethanien; drei Tage später folgt dann der musikalische Auftakt im HAU 1 und HAU 2 mit unter anderem Charles Curtis, Carol Robinson und Conrad Schnitzler. Das ganze Programm im Detail runterzurasseln, macht nun natürlich wenig Sinn, deswegen seien einfach einige kleine Punkte erwähnt, die anzusehen und zu hören sicherlich lohnt. Am 1. Februar sind das beispielsweise Mouse on Mars, die seit den frühen 90ern als eines der wichtigsten Projekte im Bereich abstrakter elektronischer Musik gelten. Zuletzt erschien 2006 „Varcharz“, das neue Album „Parastrophix“ folgt nun aber passenderweise Mitte oder Ende Februar. Am 4. Februar wird es im Gretchen ziemlich knusprig, wenn Hudson Mohawke sein Feuerwerk aus Hip Hop und Elektronika zündet – der Junge schaufelt Beats ineinander, dass es eine helle Freude ist und hat es geschafft, den Musikredakteuren des Planeten eine ziemlich schwierige Aufgabe zu geben: wie nur soll man das alles nennen? Hologram Rock, Turbo-Soul oder Kaleidoskop-Funk – das war alles schon im Rennen, aber weil Namen nun eben nur Schall und Rauch sind, belässt man es am besten einfach dabei, sich die bunte Suppe reinzuschaufeln und Spaß daran zu haben. Am letzten Tag, dem 5. Februar, wird es mit Cristian Vogel, Rechenzentrum und anderen noch einmal ziemlich laut und experimentell im .HBC. Bassgewitter, feines Knistern und Rauschen, Flächen, die sich auftürmen oder ineinander verschieben – die perfekte musikalische Übersetzung für das, was den diesjährigen club transmediale umgetrieben hat.

Für nähere Informationen zum Programm und zu Tickets seht bitte auf der Homepage nach: www.ctm-festival.de

Die Abwesenheit der Farbe – Coco Chanel im Portrait

Namen werden zu Marken, wenn den Personen dahinter Dinge gelingen, die richtig sind, die Sinn machen oder die eben einfach grandios und neu sind. Wenn man Chanel sagt, dann meint man nicht zwangsläufig die Frau, die dem Imperium Chanel den Namen gegeben, es geformt hat. Man meint dann den Wert einer Sonnenbrille oder eines Lippenstifts. Oder man bricht das Ganze ironisch auf und schmiert sich mit einem Edding oder einem Stück Kohle das berühmte Logo auf einen Baumwollbeutel um unmissverständlich zu signalisieren: der ranzige Fake ist viel cooler als es das Original je sein kann. Überhaupt scheint es, dass das Interesse der Person Chanel erst in den letzten paar Jahren wieder eine Art Konjunktur erlebt hat. Einmal mag das daran liegen, dass gleich zwei Filme in den Kinos waren, die versucht haben, sich dem Leben der Französin zu nähern – „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ und „Coco Chanel & Igor Strawinski“ –, dann aber auch an einer erst kürzlich erschienenen Biographie der britischen Journalistin und Autorin Justine Picardie. Sie fand in Deutschland über den Steidl-Verlag ihren Weg in die Buchläden und ist mit einigen schönen Illustrationen von Karl Lagerfeld versehen.
 
Ungefähr zeitgleich kam noch eine andere Biographie heraus. Sie stammt von dem amerikanischen Autor Hal Vaughan und ist fast schon eine Enthüllungsgeschichte. Vaughan zeichnet darin die Geschichte einer Coco Chanel, die man ohne Weiteres zu einem spannenden Krimi verfilmen könnte. Es geht dabei um ihre antisemitische Haltung, um bestimmte Kreise, in denen sie verkehrte, um ein Doppelleben also. Hierzulande wurde kein gutes Haar an Vaughans Buch gelassen, „operettenhaft“ und „pittoresk“ sind Worte, die sich in die Rezensionen der einschlägigen deutschen Tageszeitungen gegraben haben. Ein moralisches Statement soll das hier nicht werden und deswegen bleiben wir auch näher bei dem, was uns die Modegeschichte erzählt.

Geboren wurde Coco Chanel 1883 als Gabrielle Bonheur Chasnel im französischen Saumur. Nach dem frühen Tod der Eltern verbrachte sie sechs Jahre im Waisenhaus eines katholischen Klosters, wo sie Näherin wurde. Sie nahm anschließend immer wieder Schneideraufträge an, trieb das Handwerk stetig voran und eröffnete 1910 ihr erstes Hutatelier in Paris. Das Geld dazu bekam Chanel von ihrem damaligen Geliebten, einem Sohn Pariser Großindustrieller. Nur fünf Jahre später konnte sie dank eines Kredits ihres nächsten Geliebten bereits verschiedene Modesalons eröffnen, in denen sich bereits das fand, wofür Chanel später so berühmt werden sollte: funktionale, lockere Kleidung mit klaren Linien, die auf pompöse Verzierungen oder enge Schnitte verzichteten. Ihre Mode wurde zum „Inbegriff der Eleganz“, wie die Vogue 1916 schrieb. Kurze Röcke, körperbetonende Materialien und Stoffe, mit denen zuvor kaum gearbeitet wurde – das war neu und faszinierend und zugleich skandalös.

In der Zeit vor dem Vichy-Regime gelang es Chanel, beinahe ein kleines Imperium aufzubauen. Sie hatte mehrere Tausend Angestellte und vermutlich ebenso viele Freunde und Bekannte, darunter Romy Schneider, Igor Strawinsky oder Pablo Picasso. Was dann geschah ist das, worum Vaughan sein Buch kreisen lässt: Chanel soll ab 1940, genau zum Beginn des Vichy-Regimes also, vom deutschen Geheimdienst rekrutiert worden sein. Danach, so Vaughan in seiner Biographie, soll sie eine Affäre mit Hans Günther von Dincklage gehabt haben, der direkt unter dem Propagandaminister Goebbels arbeitete. „Durch ihn“, so eine Rezension der Süddeutschen Zeitung,  „lernte die Französin hochrangige Nationalsozialisten kennen, mit deren Hilfe sie versuchte, die alleinige Kontrolle über das Parfum Chanel zu bekommen.“ Ob das für die Marke Chanel Auswirkungen haben muss und wenn ja, wie diese aussehen, das entscheidet bitte jeder für sich.

Chanels Versuch, nach dem Krieg so etwas wie ein großes Comeback zu stemmen, scheiterte. Zu fatal waren die Auswirkungen, die die Spekulationen über die möglichen Kollaborationen mit den Nazis mit sich gebracht hatten. Auch die Interventionen durch Churchill, den Chanel seit den 20er Jahren kannte und der ihr im August 1944, als sie sich für die vermeintlichen Kollaborationen verantworten musste, zur Seite stand, konnten daran nichts ändern. Erst in den 60ern gelang es ihr, wieder Fuß zu fassen in der Modewelt. Dass Jacqueline Kennedy eine ihrer besten Kundinnen war und kaum eine Gelegenheit verpasste, im schönen Chanel-Kostüm vor die Öffentlichkeit zu treten, wird dabei nicht ganz unerheblich gewesen sein. Wie ist nun aber jene Marke entstanden, die wir heute so ganz ohne Wissen um die Person dahinter in den Mund nehmen?

Der Name, der an dieser Stelle fallen muss, ist natürlich Karl Lagerfeld. Er begann seine Arbeit für Chanel 1983 und wurde ein Jahr später Chefdesigner. Seitdem hat er für das Modehaus acht Kollektionen kreiert, die von Métiers d‘Art bis zu Haute Couture alles abdecken. Von der BBC gibt es übrigens eine sehr schöne und unterhaltsame Dokumentation in fünf Teilen, die den weiten Weg zeigt, den eine kleine Skizze aus Lagerfelds Notizbuch nehmen muss, bis sie auf einer der großen Modenschauen schließlich an die Körper der Models gelangt. Sie heißt

" target="_blank">„Signé Chanel – Im Hause Chanel“ und ist mit ein wenig Suchaufwand ziemlich fix in den Untiefen des WWW aufzuspüren. Was man hier neben viel Wuselei und Hektik auch sehen kann, ist die unheimliche Faszination, die von der Figur Lagerfeld ausgeht. Er hat die Marke, das kann man ohne große Umschweife sagen, nicht nur entstaubt und mit vielen neuen Kollektionen bestückt, sondern sie auch zu einer Art Verbindlichkeit für all diejenigen gemacht, die etwas auf sich halten. Und nicht zuletzt gehen selbst die nun so cool gewordenen Baumwollsäcke mit hingeschmiertem Statement auf ihn zurück: Vor drei Jahren konterte er nach einem kurzen Disput mit Heidi Klum auf eine schnippige Antwort ihres Mannes Seal ziemlich lässig mit einem Stoffbeutel auf dem groß und schmutzig stand: Karl Who?

Mode und Cynismus: Teil 7 – Berlin Schöneberg

Schöneberg in den Griff zu bekommen ist gar kein so leichtes Unterfangen. Wenn man nicht selbst dort wohnt oder Freunde kennt, die man dann ab und an mal besucht, treibt es einen vermutlich nicht besonders oft in den recht schmalen Streifen, der sich zwischen Friedenau und Tempelhof auftut. Zu sehen gibt es dort aber eigentlich eine ganze Menge: den Rudolph-Wilde- und Heinrich-von Kleist-Park, die gegen Volkspark, Mauerpark und die anderen üblichen Verdächtigen wie wunderbare, grüne Oasen der Glückseligkeit wirken – sauber, ruhig, sogar das ein oder andere Häschen hoppelt einem hier über den Weg, dicht gefolgt von ambitionierten Schnellrennern natürlich, die in der gängigen, bisweilen etwas übertriebenen  Sportelkluft durchs Geäst jagen.

Dann ist da auch noch das legendäre Rathaus Schöneberg, das einem auch fernab des Geschichtsunterrichts schon einmal zwischen die Finger geraten sein sollte. John F. Kennedy hat sich dort im Juli 1963 mit einem Zitat, das man nicht extra zu wiederholen braucht, erst in die Köpfe der Menschen eingeschlichen und sich dann einen festen Platz erobert. Weg aber von den historischen Sachen und auf in die Safari.

Schöneberg ist auf den ersten Blick geprägt von vielen Altbauhäusern, die größtenteils von Familien oder Studenten bewohnt werden. Besonders etwas südlicher, um das Bayerische Viertel und die Rote Insel herum, drängelt sich eine schöne Fassade neben die andere, sieht man kleine Geschäftchen und Cafés, aber auch urige Berliner Kneipen. Hier eine spezifische Mode zu benennen, fällt nicht nur schwer, es ist fast unmöglich. Stilsicher kommt das meiste, was man in der Nähe des U-Bahnhofes Julius-Leber-Brücke sieht auf jeden Fall daher und angenehmer als in den aktuellen Szenevierteln gleich mit dazu – obwohl das natürlich immer ein sehr subjektives Geschmacksurteil ist und bleibt. Trotzdem: Riesen-Stiefel mit ein bisschen reingestopftem Hosenende, speckiger Jacke von anno dazumal und schlauchigem Schal sieht man erstmal eher selten, stattdessen ziemlich fein abgeschmeckte Klamottenmenüs, die einfach gut aussehen, aber eben auch nicht groß auffallen.

Ein bisschen durchwachsender ist es zwischen Bundesplatz und Inssbrucker Platz. Es gibt dort einmal den Volkspark Wilmersdorf, wo es wirklich schön ist, rundherum aber auch ein paar Ecken, die eher ärmer wirken. Die Menschen gehe hier schon mal im Trainingsanzug zum Einkauf, oftmals – das erinnert ein bisschen an die Reise durch Marzahn – haben sie kleine Hunde bei sich, die bisweilen unliebsam hinterher gezerrt werden. Noch einmal in den Süden gefahren, machen wir einen letzten Halt am Nollendorfplatz. Er ist ein bisschen wie ein Knoten, an dem verschiedene Welten sich berühren, miteinander auskommen oder sich auch mal aneinander reiben. Zuallererst sind da die Eisenacher Straße und ihre Berührungspunkte, die als Schwulen-Kiez gelten. Es gibt hier unheimlich viele Bars, Cafés und Kneipen, einmal im Jahr, dann, wenn es wieder wärmer ist, findet das Motzstraßenfest statt. Nun gibt es aber immer wieder auch Berichte über tätliche Übergriffe auf Schwule, die einfach nicht abnehmen wollen. Das Problem, dass Schwule in ihrem eigenen, Mitten in der Szene also, angegriffen werden, führt zu dem gerade erwähnten Aufeinandertreffen verschiedener Milieus. Oliver Schneider, Besitzer eines Cafés, das zynischerweise den Namen „Heile Welt“ trägt, hatte vor drei Jahren im Tagesspiegel bereits darauf hingewiesen: „Es sind ja nur bestimmte Straßenzüge hier gutbürgerlich“, sagt er und verweist anschließend darauf, dass die „Krawall-Macher“ oft nur ein paar Straßen weiter wohnten, in vielen Fällen Migrationshintergrund hätten und sich daraus dann – das liegt auf der Hand – die klassischen Probleme beim Zusammenprall verschiedener Weltbilder ergäben. Das ist zwar, zumindest für diese Ausgabe, nicht unser Thema, kann einem aber zu denken geben. Das tun wir denn auch während wir im Sonnenuntergang den Rückweg antreten.

Medien

„Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“ – Das sind die Worte, die Max Goldt in den Sinn kamen, als er einmal in Ruhe über die Bild-Zeitung nachgedacht hat. Max Goldt ist Musiker und Schriftsteller, schreibt seit Langem mal regelmäßiger, mal unregelmäßiger für die Titanic, veröffentlicht zusammen mit Stephan Katz als Katz&Goldt Comic-Strips in der Intro und anderen Zeitschriften und hat 2008, auf die Empfehlung von Daniel Kehlmann, den Kleist-Preis erhalten. Dass seine Worte so drastisch sind, liegt sicherlich daran, dass eine nüchterne Diskussion der Bild und ganz eigentlich auch sehr vieler anderer Formate bisweilen unmöglich ist. Es ist schwer, in der Diskussion über die Polemik eines Medium eben jene in eine Klammer zu zwängen. Das hier soll kein Pamphlet gegen die Bild-Zeitung werden und wenn sie trotzdem oft zur Erwähnung kommt dann deswegen, weil sich an ihr sehr schön einige prägnante Momente zeigen lassen, die sich immer dann einstellen, wenn man in Bezug auf Medien, die die Moralkeule schwingen, schließlich selbst zur Keule greift. Vielleicht kann man aber ein bisschen besser Herr der Sache werden, wenn man sich an einigen Begriffen entlang arbeitet, die immer wieder aufblitzen, wenn man sich mit der Wirkungsmacht bestimmter Medien auseinandersetzt.

Zunächst ein kurzer Blick in die Geschichte. Das Phänomen ‚Medienkritik‘ ist nämlich keines, das erst in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist, sondern ist seit jeher aufs Engste mit der Entstehung und Etablierung von Medien selbst verwoben. Schon im fünften Jahrhundert vor Christus kann man in Platons berühmtem „Phaidros“-Dialog eine ziemlich große Verdrossenheit erkennen. Es geht dort um das Verhältnis von Schrift und Wissen und es lassen sich einige wichtige Thesen herausstellen, von denen hier nur ganz wenige genannt sein sollen. Das Schlüsselmoment ist, grob gesagt, dass mit der Schrift das Vergessen kommen wird. Dazu muss man sich natürlich vor Augen führen, dass die Schrift zu Zeiten Platons etwas gewesen ist, was ein vorab bestehendes System – eine orale Kultur nämlich, in der Dinge nur mündlich weiter gegeben wurden – abgelöst hat. Eine solche Medienrevolution war dann mit ähnlich großen Sorgen verbunden, wie sie auch unsere Großeltern haben, wenn sie uns fragen, ob wir denn überhaupt noch lesen. Die Schrift also macht, so die Überlegung im Phaidros-Dialog, dass Wissen zwar erweitert, aber nicht sorgfältig erarbeitet wird. Es steht zur Verfügung, ist so aber gar kein richtiges Wissen mehr, sondern eher ein Meinen, ein Auf-einen-fahrenden-Zug-Aufspringen sozusagen. Und das ist zu allem Überfluss auch noch in eine ziemlich starre Form gegeben, insofern ein Schriftstück immer nur etwas in sich Abgeschlossenes repräsentiert, aber niemals mündlich-dialogisch vorgeht.

Dieser kurze Einschub hat vor allem zeigen sollen, wie weit die Verbindung zwischen Neuen Medien und einer dazugehörigen Kritik zurückreicht. Als in der Frühen Neuzeit, um 1445, der Buchdruck dank der von Gutenberg erfundenen beweglichen Lettern möglich wurde, sah es ganz ähnlich aus; wie ein Lauffeuer konnten sich Wissen und Informationen, aber natürlich auch sehr viel Unfug verbreiten. Kommunikationsstrukturen haben sich grundlegend geändert, die Wirkungsmacht des Mediums Schrift war groß wie nie zuvor, ebenso wie die Sorgen um ein Versagen des Mediums: aus einer kleinen Fehlinformation in einem Schriftstück konnte durch die schnelle und weitreichende Verbreitung plötzlich eine überregionale Meinung werden. Der bekannte kanadische Philosoph und Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan hat die hier nur kurz erwähnten Übergangsphasen von verschiedenen Medien in andere genau untersucht und dem vor-elektronischen Zeitalter den einschlägigen Namen „Gutenberg-Galaxis“ verliehen.

So schnell, wie die Zeitung, wie wir sie heute verstehen, im 15./16. Jahrhundert ein populäres Medium geworden war, so schnell entstand auch Kritik an ihr. Die erste Buchveröffentlichung, die die Probleme um das neue Medium in den Blick nimmt, datiert auf das Jahr 1676 und stammt von dem Dichter und Rechtsgelehrten Ahasver Fritsch. Es geht ihm vor allem darum, zu zeigen, welche Gefahren sich mit dem Zeitungslesen verbinden können, „eitel, unnötig und arbeitsstörend“ sei nämlich die Sucht des Lesens. Ganz ähnlich lesen sich derzeitige Kritiken an Internetkonsum und digitalen Medien. Mit der Bild-Zeitung oder anderen großen Formaten hat das auf den ersten Blick wenig zu tun, es stellt aber vielleicht eine gewisse Relation her und hilft dabei, nicht allzu schnell in kulturpessimistische Äußerungen und Weltuntergangsszenarien zu verfallen.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, jene Begriffe einmal aufzurufen, von denen eingangs schon kurz die Rede war – sie hängen mit dem Zeitungswesen noch viel stärker zusammen als irgendeine der geschilderten Medienrevolutionen. Axel Springer hat 1981 von sich gegeben, „der einfache Mann krieg[e] nur Recht durch BILD.“ Er hat damit selbst das moralische Diskussionsfeld geöffnet, indem er die Existenz der Zeitung in eine Notwendigkeit dreht. Umgekehrt hieße das nämlich, der kleine Mann hätte ohne die Bild-Zeitung niemals Recht, nichts zu sagen, wäre schier uninteressant. Er entmündigt ihn damit zugleich und macht ihn glauben, es bestünde eine gewisse Dringlichkeit darin, ein Sprachrohr wie die Bild zu haben. Man kann und muss dann konsequenterweise sagen: Wenn der kleine Mann mit den Worten Springers offenbar eine Figur ist, die an die Hand genommen werden muss und in Sachen Meinungsbildung und Urteilsfindung etwas Hilfestellung braucht, dann ist es umso fataler, ihn so wenig ernst zu nehmen und diese Urteilsfindung so provokativ, moralisch wertend und polemisch zu gestalten, wie es überhaupt nur geht. Die Macht, die Zeitungen dann gegenüber ihrer Leserschaft entwickeln, ist deswegen problematisch, weil eben nicht alle Leser, sondern nur die wenigsten Positionen abwägen, ehe sie zu Urteilen gelangen. Meinungen, die auf dem Fundament kritischer Überlegungen aufgebaut sind, hängen ganz maßgeblich mit dem Grad der Bildung zusammen – nur vier Prozent der Bild-Leser aber haben die Hochschulreife, die Mehrheit hingegen einen Haupt- oder Realschulsabschluss. Der Kniff, den Bild und andere nun anwenden, um den Umweg der langwierigen, sorgfältigen Meinungsfindung zu umgehen, ist der Kommentar. Die Otto-Brenner-Stiftung, die Wissenschaftsstiftung der IG Metall, hat das zu Beginn des Jahres sehr anschaulich in einer Studie zusammengetragen. Dort heißt es: „Fast alle Texte in ‚Bild‘ – egal ob gestalterisch als Bericht oder Meldung ausgewiesen – sind wertende, behauptende und kommentierende Beiträge. Texte, die in der Hauptsache informieren oder gar orientieren, sind sehr selten […].“ Der große Vorteil einer solchen Verteilung ist, dass sich so nahezu alles in eine Gleichung packen lässt, in der ein Urteil von außen schwer wird. Die Leserschaft wird sagen: „Der eine Redakteur der Bild-Zeitung sieht das so!“ und der Redakteur selbst kann sich darauf verlassen, ja auch nur seine Meinung kund getan zu haben und dagegen kann man, wenn das in Form eines Kommentars geschieht, nun einmal nichts sagen. Es führt aber zu einem anderen Aspekt, der nun tatsächlich mit Moral und Verantwortung zu tun hat: Die Redakteure von Bild und anderen Blättern sind natürlich keine Idioten, die es nicht besser wüssten. Das heißt, sie schreiben in bestimmte Richtungen, weil sie wissen, dass diese Richtungen in der Leserschaft vielleicht als Überlegungen schon präsent sind, und machen sie so zu mehrheitsfähigen Meinungen. Auch dafür hat die Otto-Brenner-Stiftung sehr schöne Worte gefunden: „Inhalte werden systematisch ignoriert und notfalls sogar zerschnitten. ‚Bild‘ zeigt immer nur einen einzigen Weg, nie eine Landkarte.“ Und dieser Weg ist allzu oft gepflastert mit dicken, fetten Moralbrocken, die aber immer so subjektiv und vage daherkommen, dass sich stets sagen lässt: „Da ist halt einer, der mal eben seine persönliche Meinung preisgegeben hat.“ Von Manipulation kann man trotz dieser Arbeitsweisen nicht sprechen; sie liegt erst dann vor, wenn Informationen verfälscht oder erfunden werden. Solange das nicht geschieht, fallen bestimmte Gewichtungen, Selektionen und Ausdrucksweisen unter die Schwierigkeiten, die sich für jeden Journalisten ergeben und sich nie ganz vermeiden lassen. Zurück also zu den Redakteuren selbst und damit auch zum Eingangszitat von Max Goldt. Eines der Kernprobleme von Bild und anderen scheint doch in der Schere zwischen Schreibern und Lesern zu liegen und sie ist es auch, die es unmöglich macht, bestimmte Dinge in Schutz zu nehmen oder herunterzuspielen. Günter Wallraff, Schriftsteller und Enthüllungsjournalist, ist eine der wichtigsten Figuren, wenn es darum geht, das moralische Problem bei der Wurzel zu packen. Vor mehr als 30 Jahren hat er seine „Anti-Bild-Trilogie“ begonnen, eine Art Abrechnung mit den Recherche- und Berichtmethoden der Zeitung, die das Ergebnis seiner dreimonatigen Arbeit in der Hannoveraner Bild-Redaktion war. In einem Interview von 2002 kommt er zu jener Äußerung, die sicherlich als Knackpunkt in der Kontroverse um die Moral und Verantwortung von Medien gelten muss. Er sagt: „Das sind Zyniker. Intern verachten die ja die eigenen Leser. Peter Boenisch, der Schlagzeilen wie Schlagstöcke zu handhaben wusste, hat die eigenen Leser in seinen Kreisen ‚Primitivos‘ genannt.“ Dass es nicht am ‚einfachen Mann‘, von dem Springer einst gesprochen hat, sein kann, das unheimliche Dickicht polemischer Berichterstattung zu durchforsten, ist völlig selbstverständlich. Umso wichtiger ist es aber, dass das Wissen darum in den zukünftigen Schreibergenerationen nicht ganz verloren geht und zumindest diskutiert wird. Dass sich das Verantwortungsbewusstsein dann zugleich vom Medium selbst weg- und in andere, kritische Leserkreise hineinbewegt ist eine Wende, die nicht gut ist, aber noch immer besser als eine völlige Reflexionsarmut.

Die Zunft des Zimmermanns

Glücklicherweise ist diese Rubrik nie mit dem Ziel in den Ring gestiegen, aktuelle Berufstipps zu geben, sondern hört sich stattdessen Geschichten von früher und heute an, stöbert in staubigen Nischen und wischt den Staub im Anschluss sorgfältig weg – dann kommt bisweilen nämlich recht Interessantes zum Vorschein, Traditionen, die allmählich in Vergessenheit geraten, oder Erscheinungen, um die man sich noch nie geschert hat.

Mit dem Zimmermann verhält es sich heutzutage wohl so oder so ähnlich. Kaum jemand weiß über die Zunft des Zimmerers viel zu berichten, allenfalls hat man mal von einem Bekannten davon gehört oder eine Reportage dazu gesehen. Dabei hat das Zimmereihandwerk eine lange und populäre Geschichte und ist auch heute noch ein Ausbildungsberuf. Innerhalb des mittelalterlichen Zunftwesens war es völlig unentbehrlich – für den Bau von Zunfthäusern oder Fachwerkhäusern bedurfte es ganz selbstverständlich einer ausgebildeten Fachkraft. Erst mit dem Zeitalter der Industrialisierung begann eine Art Niedergang und zwar nicht nur der Zimmerei-Zunft, sondern der Zünfte im Allgemeinen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Produktion und Handel fielen nicht mehr in eins, sondern wurden getrennt, Manufakturen und Massenproduktionsunternehmen lösten kleine Betriebe ab und machten die selbstständige Tätigkeiten nahezu unmöglich.
Sogenannte Handwerkerinnungen fangen die kurz umrissenen Traditionsverluste heute so gut es geht ab. Sie sind eine Organisationsform, in der sich Handwerker auf lokaler und regionaler Ebene zusammenschließen,  um ihre gemeinsame Schnittmenge – das Handwerk selbst also – fördern zu können. Ihnen ist es in gewisser Weise zu verdanken, dass uns auch heute noch hin und wieder ein Geselle in Tracht begegnet. Gesellen – das sind dem mittelalterlichen Schema nach all Diejenigen, die die erste Lehrzeit bereits hinter sich haben, den heutigen Facharbeitern vergleichbar sind und sich auf den Weg in die Wanderschaft begeben. Was sich für unsere Ohren vielleicht ein wenig lustig anhört, ist in Handwerksberufen ein ganz wesentlicher Abschnitt auf der Karriereleiter. Während der Wanderjahre nämlich konnten überregionale Kenntnisse und Arbeitstechniken erlangt werden und das ist dem momentan so angesagten Städte- und Praktikums-Hopping gar nicht mal so unähnlich. Die Wanderschaft jedenfalls wurde so zu einer wichtigen Vorstufe jedes angehenden Meisters und wird auch heute noch – ganz besonders unter Zimmerern – betrieben; es gibt allerdings nur noch einige hundert Wanderer pro Jahr. Die Kleidung, die oft gar nicht richtig beobachtet, sondern im schlimmsten Falle als Zunftkutte abgetan wird, erzählt indes recht spannende Geschichten. Wer zum Beispiel weiß heute noch, dass der Zylinderhut ein Symbol des ‚Freispruchs‘ zu Beginn der Wanderschaft ist, dass die Weste immer genau acht Perlmuttknöpfe hat, die für die acht Stunden täglich geleisteter Arbeit stehen, oder dass das Jackett wiederum mit sechs Perlmuttknöpfen besetzt ist, die für die wöchentlichen Arbeitstage stehen? Wer nun glaubt, dass das Zimmerer-Handwerk ein aussterbendes ist, der irrt: in Bayern beispielsweise steigen die Zahlen der Auszubildenden seit ein paar Jahren – wenn auch nur in kleinen Schritten. Homepages wie www.zimmerer-ausbildung.de bemühen sich derweil, den Staub vergangener Jahrhunderte abzuschütteln und sich stattdessen in ein frisches Gewand zu werfen. Sie zeigen Berufslaufbahnkonzepte und warten mit multimedialen Trailern auf. Statt von Wanderschaften oder Zunftkleidern ist in den Informationsblättern zwar nun von Wahl- und Pflichtmodulen, von Bachelor und sogar Master die Rede, aber sie helfen zumindest dabei, dem Zimmerei-Handwerk ein wenig von dem Stellenwert zurückzugeben, den es einst hatte.

Mode und Cynismus: Teil 6 – Berlin Friedrichshain

Einer der schönsten Plätze Berlins – das ist natürlich ein ganz subjektiver Befund – liegt in der Nähe der Oberbaumbrücke. Auf Kreuzberger Seite, dort wo die Cuvrystraße beginnt und auch schnell wieder endet, gibt es eine kleine Brachfläche mit netter Street Art, bösen Gestrüppen und einem kleinen bisschen Sand, die längst die halbe Stadt für sich entdeckt zu haben scheint. Ganz gleich, ob man dort im Sommer sein Bier trinkt oder sich im Winter einfach eine kleine Nase Frischluft holt – der Blick auf die Brücke und ein bisschen Stadt ist fantastisch. Allein die großen Häuser am anderen Ufer stören etwas. Gemeint sind Universal, MTV oder das nhow Hotel. Ihre Architektur ist famos und interessant, aber sie erinnern einen daran, wie in den letzten Jahren mit ganz viel Kreativität ganz viel Geld gemacht wird. So wirbt das nhow ganz unverhohlen mit dem seltsamen Spruch „Elevate your Stay – The Music and Lifestyle Hotel Berlin.“ Ab 125 Euro pro Nacht und Nase kann man hier dann eben einfach – kreativ sein. Und wenn sich im Angesicht der Spree und beim Blick auf  die  eingangs geschilderte Brachfläche gegenüber dann der ultimative Song einschleicht und sogleich eingespielt werden möchte, na, dann wird per Zimmerservice das passende Instrumentarium geliefert. Die Kreativköpfe von heute haben keine Zeit zu verlieren. Heute Berlin, morgen London und Mailand, übermorgen New York – wer weiß, was die Woche bringen wird. Bei aller Liebe zur Musik und ihrer Förderung – ist das nicht ein bisschen albern? „Ja, isses!“, sagen einige der alteingesessenen Friedrichshainer; „Nö, is cool so, genau das braucht Berlin!“, ruft‘s aus der anderen Ecke und so richtig entscheiden kann man sich dann auch nicht mehr. In jedem Fall ist die Stralauer Allee seit ihrer Neubepflanzung eine Art blinkende Linie in den Köpfen all der Kreativwirtschaftler dieser Erde geworden. Wichtig nämlich und zugleich das, wo Friedrichshain beginnt. Zumindest dann, wenn man von Südwesten kommt. Um des lieben Friedens Willen pirschen wir nun also vorbei an der schmalen Szene-Zone, vorbei an dunkelblauen Dufflecoats, viereckigen Brillen, braunen Lederboots und Baumwollbeuteln (die offenbar also auch im Winter taugen?!) und stromern dann weiter zur Warschauer Brücke. Hier ist der Tumult stets riesengroß: schaut man mal eine Minute nicht nach vorn oder ist ein bisschen langsamer als der Rest, hat man prompt Nasen oder Ellenbögen in Mund oder Kreuz hängen. Modisch erhascht man also auch nur das, was einem direkt vors Gesicht läuft. Zumeist sieht das blondiert und mit feschem Strickstirnband und ledernem Oma-Rucksack behangen aus. Dieser Eindruck hält sich auch dort, wo vornehmlich Touristen oder Menschen ohne Platzangst aber dafür mit viel Zeit speisen, trinken und diskutieren: auf der Simon-Dach-Straße. In der Tat ist es hier sehr schön, Cafés und Restaurants reihen sich nahtlos aneinander, hin und wieder gibt es auch mal einen kleinen Laden mit Selbstgemachtem oder Schallplatten. Von dort ist es dann auch nur einen Katzensprung bis zum Boxhagener Platz, wo man im Sommer schön sitzen und im Winter mindestens genauso schön auf dem Markt seine Wochenendeinkäufe erledigen kann. Der Grad an fein durchgestylten Menschen mit coolen Accessoires und Kindern ist im Vergleich zum Prenzlberger Kollwitzplatz noch ziemlich gering.

In Richtung der Frankfurter Allee kommt man schließlich dorthin, wo zur Wendezeit Hausbesetzungen an der Tagesordnung waren. Wieviele derer, die nun hier wohnen, darüber Bescheid wissen, können wir nicht sagen – die Straßen aber erzählen Geschichten, die spannend sind, wenn man einmal nach ihnen sucht. Die Mainzer Straße, die eigentlich gar keine richtige Straße ist, weil sie dafür viel zu kurz daherkommt, hat eine solche Geschichte. In den 80ern wurden hier etliche leerstehende Altbauten besetzt; im November 1990 eskalierte die Situation und endete in einer Straßenschlacht. Davon sieht man heute nichts mehr – die Fassaden sind saniert, die Mieten gestiegen, die Gentrifizierung zeigt sich auch in Friedrichshain von ihrer schönsten und zugleich fiesesten Seite: oft kann man sich nur noch nur mit straffem Zeitmanagement, reicher Familie oder einem guten Stipendium eine Wohnung in einem der hergerichteten Altbauten leisten. Leben lässt es sich indes ziemlich günstig – in all den kleinen Straßen rund um die Frankfurter Allee kann man für wenig Geld gut essen und trinken. Überhaupt scheint Friedrichshain von einer angenehmen Ausgewogenheit: Punks laufen samt Hund und Bier neben älteren Damen und Kindern mit Öko-Laufrad, zugezogene Spanier unterhalten sich derweil mit dem türkischen Spätshopbesitzer um die Ecke. Aber wie so vieles hier verdankt sich natürlich auch dieser Eindruck nur einem kurzen Vogelflug – und damit verabschieden wir uns ins neue Jahr.

Portrait: Björk

Björks vollständiger Name ist in etwa so kompliziert, wie man sich das bei einer Isländerin vorstellt: Björk Guðmundsdóttir wird er geschrieben, die richtige Aussprache bleibt uns ein Rätsel – dem Mann im Internet, der in einem kurzen Audiofile irgendetwas nuschelt, möchten wir nicht trauen.

Zur Welt gekommen ist Björk 1965 in der isländischen Hauptstadt Reykjavík, aufgewachsen in einer Kommune, in der Musik den ganzen Tag über in kleineren oder größeren Wolken durch die Zimmer zog. Weil kleine Mädchen Wolkenhascherei gern mögen, dauerte es nicht lange, bis Björk sich selbst in einer Musikschule wiederfand – im Alter von fünf Jahren und mit Gesang-, Klavier- und Flötenkursen gleich auf den richtigen Kurs gebracht. Sechs Jahre später begann das, was man leicht beim Namen nennen könnte, wenn es nicht in Verbindung mit einem elfjährigen Knirps stünde: Björks große Karriere. Ein Grundschullehrer hatte sein Ohr zur richtigen Zeit am richtigen Ort und passende Aufnahmegeräte sowie Paket und Briefmarke auch gleich zur Hand – im Nu reiste das Tape mit Björks Version von „I Love To Love“ zu Radio One, einem großen isländischen Radiosender. Kurz darauf erschien das Debütalbum, das ganz unverschnörkelt den Namen „Björk“ trug. Das Album markiert den ersten Punkt einer langen Chronologie, die davon erzählt, wie ihre Musik an Björk gewachsen ist, sich mit ihr verändert hat – oder eben umgekehrt.

In den frühen 80ern gründete sie mit einer handvoll anderer Musiker die Gruppe Kukl. Kukl, das bedeutet übersetzt soviel wie Hexerei oder Zauberei und entstand aus der Idee heraus, einige Momente damaliger Avantgarde-Musik in der Gussform einer Band stillzustellen. Drei Jahre lang funktionierte das, es entstanden drei Rockalben, die sich recht gut verkauften, an deren Ende aber trotzdem die Auflösung der Gruppe stand. Was für Kukl das Aus bedeutete, bedeutete für Björk und drei weitere ehemalige Mitglieder zugleich den Anfang eines neuen Projektes: den Sugarcubes. Ihnen gelang, was bis dahin ausgeblieben war – sie wurden über die isländischen Landesgrenzen hinaus bekannt, hatten mit ihren drei Alben besonders in Großbritannien und Amerika Erfolg. Was schon für die Sugarcubes markant war und nach deren Auflösung 1992 auch mit Blick auf Björks Solokarriere ganz entscheidend wurde, ist – zunächst einmal ganz platt gesagt – Björks Stimme. Sie ist eigenwillig und anders, natürlich, aber vor allem ordnet sie sich anderen Instrumentierungen nicht unter, sondern funktioniert gleichsam selbst wie ein Instrument, nimmt Trompete oder Klavier an die Hand oder stellt sich ihnen quer. Das ist bis heute so geblieben und vielleicht einer der Gründe dafür, warum die Figur Björk eine ist, an der sich die Geister scheiden.

Sieben Alben hat Björk seit 1993 veröffentlicht. Sie waren durchweg sehr erfolgreich, allen voran aber „Post“ von 1995 und, wenn man den allgemeinen Rückgang der Verkäufe berücksichtigt, der die Nuller Jahre unsicher gemacht hat, auch das 2007er „Volta“-Album. Und dann sind da natürlich etliche Einzelstücke, die zum Konsens gehören, wenn man sich über die Musikgeschichte der letzten 20 Jahre verständigen möchte: „All Is Full Of Love“ von 1997 zum Beispiel, mitsamt dem dazugehörigen Musikvideo von Chris Cunningham, der neben diesem grandiosen Stück vor allem auch sehr schöne Produktionen für Aphex Twin, Autechre oder Squarepusher geliefert hat. Oder auch „Army Of Me“ oder „Cocoon“ – verspielt, verknistert, mit vielen Tönen, an die sich das Ohr erst gewöhnen muss, denen es aber trotzdem gelingt, innerhalb ihrer Dramaturgie ein angenehmes Ebenmaß zu entfalten.

Björks aktuelles Album heißt „Biophilia“ und ist erst vor Kurzem erschienen. Es soll ein Gesamtkunstwerk sein. Selbstverständlich kann man die Frage zulassen, wann Björk denn einmal nicht Gesamtkunstwerke hat machen oder selbst eines hat sein wollen: Stets tritt sie in Kostümen großer Designer auf, die nicht nur optisch unheimlich viel hermachen, sondern im besten Falle auch noch musikalisch eingebunden werden. So gehen Halsmanschetten plötzlich in Perlenketten über, die ein wenig später als Rasseln zum Teil eines Tracks werden. Bei „Biophilia“ geht es aber eben nicht nur um Mode, nicht nur um Farben und Formen, Muster und modische Zitate, sondern um viel mehr – es setzt künstlerisch wie auch wirtschaftlich neue Maßstäbe. Zuerst einmal erscheint es parallel als CD, auf Vinyl und als Download. Und zugleich verbindet es Workshops, Tourneen, Videos, Apps und einen eigenen Dokumentarfilm auf kongeniale Weise. Es entwirft einen riesigen Kosmos, in dem es um Spiel und Vernetzung, um Naturwissenschaft und Ästhetik geht. Innerhalb dieses Kosmos gibt es nun verschiedene Songs, die man einmal als ganz normales Album erwerben kann, dann aber auch – und das macht natürlich viel mehr Spaß – als eine erweiterte Version, über die man zugleich Zugriff auf die anderen Elemente des großen Zauberstreichs hat. Jeder einzelne Titel ist nämlich zugleich eine App, die sich einem je spezifischen naturwissenschaftlichen Thema widmet. Es geht dann um biologische Rhythmen, um Parasiten und Viren, ganz allgemein also um Regelmäßigkeiten und Unregelmäßigkeiten. Und die existieren und funktionieren – hier erschließt sich das ästhetische Potenzial der ganzen Geschichte – eben nicht nur in den positiven Wissenschaften, sondern auch in der Kunst. Diese Ebenen miteinander zu verschränken, ohne sich in Fachwissenschaftlichkeit oder Langeweile zu verlieren, ist wohl das große Verdienst von Björks aktuellem Werk. Und vermutlich ist es auch eine Vorausschau auf das, was uns in Zukunft ganz häufig erwarten wird. Insofern es das Spektrum ästhetischer Erfahrbarkeit von Musik und Wissenschaft auf eine Weise erweitert, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat, ist es vor dem Hintergrund ganz vieler zukünftiger Fragen, die um die Umsetzung und Vermarktung von Musik kreisen, ein wichtiges Moment. Und Björk gleichsam eine Art moderne Marionettenspielerin.

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