Die Generation Y…

...geht in die zweite Runde. Oder vielmehr die redaktionelle Auseinandersetzung mit dem Thema.

Ich habe in der Oktober-Ausgabe begonnen, mich mit der letzten Generation, die noch ein Leben ohne Internet kennt, aber trotzdem mit demselben aufgewachsen ist, auseinanderzusetzen – der Generation Y, unserer Generation. Daraufhin wurde monatlich mit einem Artikel aus der Slyle-Redaktion geantwortet. Dabei sind ganz unterschiedliche Blickwinkel entstanden, die ich nun meinerseits gewillt bin zu kommentieren.

Meine gute Freundin Juliette hat zu ihrem Geburtstag ein neues Macbook bekommen. Am nächsten Tag nimmt sie es mit in die Uni. Sie wurde 24. Im Seminar klappt sie es vor sich auf. Denkt, wie schön es aussieht. Tauft es Fred. Denkt an ihren Kater, der auch Fred heißt. Drückt den Startknopf. Wartet. Denkt an ihre Mutter. Endlich. Checkt ihre Emails. Wartet bis sich die Seite lädt. An wen kann man jetzt noch denken? Auf einmal möchte ihr die Dozentin den Termin für die nächste Sprechstunde mitteilen. Juliette bückt sich, kramt in ihrer Tasche herum. Findet es schließlich. Das braune Notizbuch. Fragt nach einem Stift. Wird fündig. Schreibt sich den Termin auf – das Blatt Papier. Der Akzent.

Als ich vor vier Monaten den ersten Y-Artikel schrieb, hatte ich versucht, unseren Umgang mit dem Internet zu beschreiben. Ich hatte behauptet, wir würden so selbstverständlich surfen, wie atmen.
Fundiert wurde diese Einschätzung mit einer Theorie des amerikanischen Autors Mark Prensky, welcher Vertreter unserer Generation als die ersten „Digital Natives“ bezeichnet und unsere Vorgänger-Generation als die letzten „Digital Immigrants“. Letztgenannten unterstellt er einen dicken Akzent. Akzent insofern, als dass sich die Immigranten beispielsweise Emails ausdruckten, um sie als Hard-Copy zu speichern oder nach einem Blatt Papier kramten, obwohl sich die brennend wichtige Information viel schneller im Laptop notieren ließe. Akzent, weil sie Herkunft und alte Gewohnheiten in einer neuen Umgebung oder Zeit nicht verstecken können, oder wollen. In diesem Fall einer Zeit, einer Umwelt ohne Internet. Die Reaktion auf den ersten Y-Artikel ließ mich jedoch an dieser Theorie und seiner Terminologie zweifeln.

Akzente sind interessant. Juliette zum Beispiel hat einen sehr schönen französischen Akzent. Er ist Ausdruck ihrer Wurzeln und Persönlichkeit. Wenn sie sich aufregt, wird ihr Deutsch beispielsweise plötlisch ganz ‚art, laut und feuscht. Sie ist zwar nicht besonders stolz auf ihren Akzent, aber auf ihre Herkunft dafür umso mehr. Aber ist der Begriff ‚Akzent‘ wirklich auch auf unsere Gewohnheiten aus einer vor-vernetzten Zeit anzuwenden? Die Analogie scheint plausibel, doch ist sie wirklich praktikabel um einen Vertreter der Generation X von einem Vertreter der Generation Y zu unterscheiden? Der Tenor der letzten Y-Artikel lässt mich diese Frage verneinen. Schließlich triefen sie nur so vom dicken Akzent einer prädigitalen Zeit. Obwohl ihre Autoren alle nicht älter als 24 sind.

Die einen befürchten fehlende Wertschätzung der eigenen Leistung, wenn ihnen ihre Noten nicht mehr auf Papier vorgelegt werden, sondern durch Agnes oder andere ungeliebte Uniseiten mitgeteilt werden. Die anderen plädierten sogar für die totale Verweigerung; setzten das Internet mit Stress gleich und befanden die Wissensaneignung und -speicherung als eine andere, wenn sie zu einem Großteil vorm PC stattfindet. Ein anderer wünscht sich sogar die Zeit vor dem „Social Networking“ zurück und hofft, dass mal wieder sein alter Schulfreund an der Tür klopft und ihn mit dem Ball unterm Arm zum Fußball einlädt. „Klar!“, „ ...aber wo sind die anderen?“. Meine Befürchtung ist, dass Autoren wie Prensky einfach zu voreilig waren. Man kann Technik-Affinität nicht mit Modernität gleichsetzen und jedem 20-jährigen Technik-Affinität zu unterstellen, wäre absurd. Wie löst man diese Identitätskrise nun? Wer sind wir eigentlich? Wir, die Generation Y? Wer sind wir, wenn nicht Kinder des Internets?

Folgendermaßen könnte man hastig, mit Fahnenschwänken und Hymnenklang konkludieren: Wir bestehen eben doch nicht nur aus Bits and Bytes; Es gibt doch noch etwas in unseren Twittbook-Seelen, das nicht auf dem Präsentierteller liegt, das sich nicht so leicht auf einem Blog reduzieren lässt, das vielleicht sogar menschlich, schlicht und analog ist. Die Generation Y als Menschen aus Fleisch und Blut? Nicht so schnell: Am 18. Januar 2012 war Wikipedia nur eine von vielen Webseiten, die sich an einem internationalen Protest gegen ein US Amerikanisches Gesetz namens SOPA beteiligten. SOPA sollte der dortigen Exekutive mehr Möglichkeiten zur Bekämpfung von Copyright-Vergehen ermöglichen. Das Gesetz könnte zur Folge haben, dass Seiten wie Youtube oder andere Webhosting-Seiten ihre Tore schließen müssten. Wikipedia machte auf diesen Umstand aufmerksam, indem sie einen Tag lang den Ernstfall, bzw. Ausfall probte. Für 24 Stunden wurde die Seite mit einem schwarzen Schleier verhängt.

Was würden die obigen Internet-Skeptiker machen wenn der Ausfall ein Dauerzustand wäre? Wenn das Internet weiter kommerzialisiert würde und wir nur noch einen extrem eingeschränkten Zugang zu selbigem hätten? Oder komplett ohne Internet? Zumindest kurzfristig würde der Stress zunehmen. Der Bolzplatz wäre leer. Handynummern hat man doch nur noch von seinen guten Freunden. Was aber ist mit langfristig? Wie war es früher? Wir mussten von einer Bibliothek in die nächste rennen um auch nur das kleinste Referat vorzubereiten, in die Videothek um die Abendunterhaltung zu sichern und mit dem Kauf des neuen Albums der Lieblingsband bis zum nächsten Monat warten, weil wir diesen Monat schon alles für überflüssige Gesellschaftsmagazine ausgegeben hatten.

Wer glaubt, unser junges Leben würde ohne Internet besser laufen, hofft vielleicht auf die nächste Generation. Die kennen nämlich wirklich kein Leben mehr, das ohne Internet stattfindet und werden der geschichtlichen Dialektik zufolge eine Gegenbewegung anstoßen. Sie werden dann nur von dem leben, was sich in ihrer nahen Umgebung finden lässt: Telefon, Fernseher und Kühlschrank. In der Uni sind sie dabei komplett ausgegrenzt und es wird ein neues Anti- Diskriminierungsgesetz angestrengt. Auf den Lebensläufen sind dann nicht nur die Angabe von Religionszugehörigkeit und Bild verboten, sondern auch die Angabe von EDV-Kenntnissen. Ok, das klingt jetzt ein wenig zugespitzt, trifft aber vielleicht einen Wunsch, den viele teilen und sich nicht trauen auszusprechen. Vielleicht klingt diese Welt für viele ja ansprechend und der mainstreamige, allgegenwärtige Internet-Hype geht an einigen 20- oder 30-jährigen vorbei. Es gibt keinen der sie mitnimmt, niemanden der sie versteht. Und tatsächlich ist das Internet in vielen Bereichen zu einem Zwang geworden. Wer an einer deutschen Uni studiert, weiß das. Hier geht nichts mehr ohne das Internet. Bei Beschwerde bekommt man gesagt, es gehöre nun eben auch zur Ausbildung eines Studenten, sich Computer- und Internet-Kenntnisse anzueignen. Es gibt Kampagnen für bewussteren Umgang im Internet, Computer-Kurse und vieles mehr. Kurse für Internet Verweigerer gibt es nicht. Immerhin Slyle nimmt sich derer an, die sich ein Leben unter ständigem Internet Stress nicht leisten möchten und hat sein Magazin nun im Café Pimpinelle ausliegen. Ganz umsonst. Danke Slyle.

eMannzipation

Modeerscheinung oder letztes Aufbäumen eines verlorenen Geschlechts?

Überall in Berlin sprießen sie aus dem Boden: Bars ausschließlich für Männer. Sie heißen „Sportbar“, „Man‘s Inn“ oder „Rosi‘s Vergeltung 2“. In den Unis machen sich sogenannte „Männer-Parteien“ breit und auch in der Politik treffen Männerthemen langsam auf Gehör. Der Wunsch nach einem männlichem Refugium scheint groß. eMannzipation ist Mode. Ein kleiner Überblick:

Der Widerstand hat ein Gesicht bekommen und übt sich in Diversität und Multikulti: „Der Leitspruch ‚Männer müssen eben zusammenhalten‘ ist in letzter Zeit durch so viele enttäuschte Männer-Münder gewandert, dass wir doch eh schon alle Brüder sind“, sagt Zorro Weisser, der erste Männerbeauftragte Deutschlands, oder wie er auch genannt wird: Der zornige Zahlvater. „Ob schwarz, weiß oder blau: Bei uns ist jeder willkommen. Wir Männer sind doch alle gleich.“

Dass das Amt des Männerbeauftragten bislang nur virtuell existiert, stört Zorro nur bedingt: „Das ist einfach ein Ausdruck unserer fehlenden Lobby. Ich bin ein Sprachrohr, ein Ventil für all jene traurigen, gequälten, jungen und alten Männer in Deutschland, die einfach nicht mehr weiter wissen. Wir haben einfach nichts mehr zu sagen!“

Unter Tränen erzählt er von seiner Misere: Nach ihrer Scheidung wollte seine Frau ihm das gemeinsame Kind wegnehmen. Als sie auf Schwierigkeiten stieß, beschuldigte sie Zorro des sexuellen Missbrauchs seiner Tochter und häuslicher Gewalt. Die Richter haben ihr geglaubt. „Ich weiß nicht was passiert ist. Ich habe mein Kind nie missbraucht und geschlagen wurde ich doch immer!“ Jetzt lebt er alleine in einer Zweizimmerwohnung und darf weder seiner Tochter, noch seiner Frau näher als 50 Meter kommen. Seitdem kämpft Zorro für Gleichberechtigung.

„Wir leben in einem Matriarchat. Das hat nicht nur was mit Urgötting Merkel zu tun, sondern mit unserer ganzen Gesellschaft. Männerbashing ist modern geworden.“

Unterdrückt von zu viel Weiblichkeit fühlte er sich eigentlich immer schon. In der Schule wurde er von den Mädchen diskriminiert, weil er ihren Rollenauffassungen nicht entsprach – er war ein schüchterner und sensibler Junge. Als er ein Mädchen um ein Rendezvous bat, lachte diese ihn nur aus. „Die meisten Jungs wurden so immer wieder untergebuttert. Nur weil sie zu weich waren. Wer nicht in ihre engen Rollenklischees passte, wurde ignoriert.“ Nach der Schule wurde es nicht besser. Sein Traumberuf: Verkäufer. Am liebsten Eisverkäufer. Wegen seines Geschlechts wurde er oft nicht einmal mit einer Absage beehrt. Am Ende wurde die Stelle immer mit einem Mädchen besetzt. Als er dann endlich eine Anstellung bei einem namhaften Discounter gefunden hatte, wurde er von seinen Kolleginnen nicht ernst genommen: „Nur unser Filialleiter hat mich manchmal in den Arm genommen, wenn ich eine Nummer zu oft falsch eingegeben oder mich an einer Kiste Würstchen verhoben habe.“ Und mit den Frauen wurde es auch nicht leichter. Welche Frau entscheidet sich schon für einen Verkäufer? „Ich interessiere mich nicht dafür, was eine Frau für einen Beruf hat. Warum muss ich mehr aus mir machen als ich bin?“ Zorro schaut träumerisch aus dem Fenster seiner grauen Ost-Berliner Plattenbauwohnung.

Mittlerweile gibt es zusätzlich zu dem Männerbeauftragten die erste Männer Partei Deutschlands. Ihr Ziel: Gleiche Rechte für Frauen, Kinder und Männer.

Studenten der Humboldt Universität zu Berlin organisieren momentan eine Protestaktion gegen ihr Unicafé „Die Krähe“. Dieser gemütliche Rückzugsraum, in dem man sich bei entspannender Musik auf die nächste Vorlesung vorbereiten kann, steht nicht jedem offen: Einmal in der Woche veranstaltet das Café einen sogenannten Lesben- und Transen-Tag. Männer wie Zorro haben hier keinen Zutritt. Sie werden laut der Studenteninitiative verständnislos angestarrt und müssen die Räumlichkeiten umgehend verlassen. Durstige Männer dürfen sich nicht einmal aus dem Wasserhahn des Cafés Leitungswasser einschenken – man wird höflich auf die Toilette verwiesen. Die pure Schikane, so die Initiative.

Davon, dass dieses Engagement mehr als nur ein vorübergehendes Phänomen ist, zeugen die tiefen  Emotionen, die die Akteure mit ihm verbinden. „Das ist für uns kein Witz, sondern Überlebenskampf“, erklärt Zorro so erregt, dass seine Wörter langsam wackelig werden. „Die Lage ist für immer mehr Männer einfach nicht auszuhalten.“

Obwohl die Bewegung sukzessive an Aufmerksamkeit gewinnt, stagniert die eMannzipation im Menstream – sie bleibt eine Randerscheinung. Doch längst sind es nicht mehr nur die Al Bundys der Gesellschaft, die sich wehren – auch die Wissenschaft beschäftigt sich mit diesem Thema. Es gibt Gender-Studien zum Thema „Masculinity without Money“, oder: „Objekt Mann“.

Auch die Spieleentwickler lassen sich die ständige Diskriminierung nicht mehr gefallen. In Spielen wie „Resistance: The Fall of Men“, soll man metaphorisch gesprochen seine Männlichkeit zurückerkämpfen – zur Not mit schweren Waffen. Gekämpft wird gegen überdimensionale Monster, mit frauenspezifischen Attributen – lautes Gekreische, endlose holprige Dialoge und düstere Welten kennzeichnen das Spiel. Doch wenigstens auf dem virtuellen Spielplatz kann man Unabhängigkeit erleben, denn am Ende hat sich der Held unter Jubel seine Freiheit erkämpft.

Keine Frage. Die erste Männerbewegung für mehr Gleichberechtigung in der Geschichte Deutschlands ist in der Virtualität und dem Internet verortet. Jung, modern, und agil bewegen sie sich gekonnt auf den neuen Plattformen Facebook, Twitter und den zahlreichen Männer-Foren.  

Inspiration und Unterstützung bekommen die jungen eMannzen jedoch auch von der alten Generation. Auf Kundgebungen und in Rundschriften unterrichtet eine alte Männergarde ihre jungen Schützlinge von der Zeit, als die Männer noch die Oberhand hatten – bessere Zeiten, so die Alten. Rentner Hanzo Willhelm, 85, gibt zu, seine Generation habe es schleifen lassen. „Als kleiner Junge hatte ich ein ganz anderes Lebensgefühl. Meine Zukunft stand mir offen. Da gab es keine Diskriminierung gegen Männer. Es ging irgendwie fairer zu.

Irgendwann hat es dann angefangen. Wir gaben zu viel Raum preis und die heutige Männer-Generation hat darunter zu leiden. Nun gibt es nur noch wenige Parteien, die das Ideal meiner Jugend verkörpern.“ Dafür entschuldigt er sich jetzt. „Aber wenigstens kann ich mit meinen Rundschriften ein bisschen dazu beitragen, den Normalzustand wiederherzustellen.“

Dass das männliche Engagement nicht nur auf Unterstützer trifft, liegt wohl in der Sache selbst. Viele Feministen sehen das Problem der Männer nicht. Aus ihren Kreisen wird die Bewegung oft als unbedeutend abgetan. „Wir werden immer als weinerliche Jungs dargestellt, die einfach nicht gelernt haben, sich gegen das starke Geschlecht durchzusetzen und es nun auf die Gesellschaft schieben.“, so Zorro. Dabei sind die eMannzen nicht gegen den Feminismus, sondern sogar für Schwarzer, Roche und Co. „Wir brauchen beide Bewegungen. Frauen sind in manchen Aspekten gesellschaftlich ebenso benachteiligt wie wir. Das müssen wir ihnen zugestehen.“ Am liebsten wäre es dem verletzlichen Mann mit der zarten Stimme, wenn alle an einem Strang ziehen würden. „Oft habe ich versucht, mit ein paar Feminstinnen in Kontakt zu treten, bislang wurde ich jedoch immer nur ignoriert. Typisch eben. Wie früher in der Schule oder als ich mich beworben habe.

Vielleicht liegt es jedoch auch daran, dass Zorro, wie gesagt, bislang nur virtuell existiert. Der Protest, die Wut und Verzweiflung vieler Männer jedoch ist real. Vielleicht wird es Zeit, dies zu respektieren, aufeinanderzuzugehen und die Bewegung aus den Weiten des Internets in die „Wirklichkeit“ zu hieven.

Der Erfinder von Couchsurfing – Die Wahrheit

Wer war der erste Couchsurfer? Im Netz finden sich zahlreiche Artikel vom Personen, die meinen, diese Frage ganz einfach beantworten zu können. Ein Blogger sagt beispielsweise: „Ich bin der erste Couchsurfer von Ägypten!“. Es ist wie ein verrückter Wettbewerb. Der Erfinder vom Couchsurfing selbst jedoch scheint ganz klar couchsurfing.org-Gründer Casey Fenton zu sein. Doch stimmt das wirklich? Wir haben den wahren Erfinder von Couchsurfing ausgegraben. Jim Haynes heißt er, er ist Amerikaner, lebt in Paris und ist eine echte Legende.

Ok, wir haben ihn nie persönlich getroffen. Aber das Internet ist doch ohnehin die beste Referenz, oder? Wie hätten wir ihn auch sonst je kennengelernt? Jim Haynes hat eine Website. Natürlich – wie jede Legende. Auf www.jimhaynes.com erfährt man alles über seine Biographie, seine Veröffentlichungen als Autor, Editor oder Fotograf, sowie Zeitungsartikel über ihn und so weiter und so fort: Wir fühlen uns also kompetent genug, sagen zu können, dass wir ihn wirklich gut kennen. Wir wissen, dass er nun schon 78 Jahre alt ist, schon so gut wie jedes Land der Welt bereist hat, eine Brille trägt und ein bisschen wie der nette alter Herr von nebenan aussieht. Jeden Sonntag veranstaltet er ein Abendessen bei sich zu Hause in Paris, wo sich alle Weltbürger per Mail selbst einladen können. Seit 30 Jahren macht er das nun schon und kennt damit Gott und die Welt.

Ende der 80er Jahre gab Heynes ein Buch heraus, das „Poland: People to People“ heißt und ein Verzeichnis mit 1000 Namen enthält. Unter jedem Namen stehen das Geburtsdatum, eine Liste mit Hobbies und Interessen, Adresse und einer kurzen Selbstbeschreibung der zugehörigen Person. Michael Chrowski beispielsweise schreibt: 11.12.1976, Warschau, „Ich baue oft Sandburgen und feiere gerne Weihnachten“. Oder ein anderer: „Ich bin Ingenieur, habe zwei Kinder und finde die Aussicht aus meinem Fenster schön“. Fast so eloquent wie die momentan ca. 600.000 angemeldeten User bei Couchsurfing.org.

Aus heutiger Sicht ist es kein Wunder, dass Heynes gerade Polen als Pilot-Couchsurf-Nation ausgesucht hat. Die Polen haben einen ausgezeichneten Ruf als Couch-Gastgeber und gelten als extrem freundlich, hilfsbereit und überaus enthusiastisch wenn es darum geht, Touristen ihre Heimat nahe zu bringen. Der Journalist Nicholas Lezard machte 1992 den Selbstversuch und war begeistert von den weltoffenen und herzlichen Polen, die oft nicht einmal wussten, dass sie in dem Verzeichnis stehen. Ihr Lehrer habe ihnen einmal etwas ausgeteilt, dass interessant klang und sie haben etwas ausfüllen und unterschreiben müssen. Dass auf einmal der englische Reporter bei einigen von ihnen angerufen hatte, fanden diese kurz nach der Wende überhaupt nicht schlimm – eher aufregend. Die Mutter eines Gastgebers meinte sogar, der Besuch eines englischen Reporters sei wie ein Sechser im Lotto. Ob die polnischen Mütter das 20 Jahre später noch genauso sehen, ist fraglich.

Fraglich ist auch, ob Jim Haynes wirklich der wahre Erfinder von Couchsurfing ist. Vielleicht hat Leonardo da Vinci ja schon ein solches Verzeichnis angelegt oder Marco Polo. Bevor jedoch nicht jemand mit einem Beweis einer solchen Behauptung daherkommt, heißt der offizielle Erfinder unserer Einheimischen-Vermittlung Jim Haynes. Im Unterschied zum heutigen Couchsurfing war Haynes Verzeichnis jedoch nicht kostenlos – mit fünf Pfund aber auch nicht unerschwinglich. Einige Jahre nach der Veröffentlichung von „Poland: People to People“ war Haynes Idee etwas eingeschlafen. Weitere Verzeichnisse wurden geplant aber nicht vollendet. Es mussten mehr als zehn Jahre vergehen bis Haynes Idee eine Renaissance erfahren und die Bedeutung und Internationalität erreichen konnte die sie heute inne hat – durch die Macht des Internets.

Und oben da leuchten die Berge

Vancouver gilt als eine der schönsten Städte der Welt. 2010 wurde sie von der  Medienungruppe „The Economist“ zum fünften Mal in Folge zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität gewählt. Doch in keiner anderen kanadischen Metropole leben so viele Obdachlose wie hier an der Goldküste.

Manche sagen: Den besten Einblick in eine Stadt bekommt man morgens um 7:30 Uhr, dicht gedrängt bei der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Für keine Stadt gilt dies mehr als für Vancouver. Hier quetscht man sich in den „Skytrain“, eine Transitbahn, die sich führerlos-futuristisch durch die modernen Glasbauten dieser manchmal fast märchenhaften Wolkenstadt schlängelt. Hinter und vor den mal verschlafenen, mal kaffee-quatschenden Vancouveranern hieven sich schwer die in weiße Federkissen gekuschelten Ausläufe der Rocky Mountains in den Blickwinkel.
Im Skytrain hört man auch die am häufigst gesprochenen Sprachen der Stadt. Englisch natürlich, oft auch Kantonesisch aber wie fast überall auf der Welt: Deutsch; gesprochen aus den aufgeregten Mündern der vielen Work-and-Traveler und Touristen. Sogar unter den Kanadiern ist es schwer,  jemanden zu finden, der nicht irgendeine deutsche Großmutter oder zumindest Germanistik studiert hat. Das ist ein bisschen zugespitzt ausgedrückt, trifft aber einen wahren Kern. In diesem Teil der Westküste Nordamerikas bildeten vor den 1980er Jahren Menschen deutscher Abstammung neben den Briten die zweitgrößte Gruppe.
Die meisten Leute steigen an den Stationen Granville oder Burrard Street aus, dort, wo die  Wolkenkratzer stehen und wo viel Geld verdient wird. In drei Minuten kommt schon der nächste Zug. Meistens pünktlich. Nicht schlecht für ein Computerprogramm, das sich von einer 3,5“-Diskette laden lässt und die Menschen sicher und automatisiert durch Vancouver und seine Vorstädte transportiert.Der Stadtteil, in dem viele Leute nicht arbeiten oder oft nicht arbeiten können heißt Downtown Eastside. Hier leben allein 700 der insgesamt 2000 Obdachlosen der Stadt. Wer in Chinatown aussteigt und an den vielen asiatischen Geschäften Richtung Osten zur Hastingsstreet wandert, findet sich vor allem Morgens in der Rush Hour der Obdachlosen wieder. Man muss sich vorstellen: beschäftigt, eilig und bevölkert wie die Berliner Friedrichstraße um dieselbe Zeit, nur mit tausenden Drogensüchtigen, Kranken und Obdachlosen, die Essen und Sozialhilfe ausgeschenkt bekommen. Die Rate der HIV-Infizierten ist hier höher als jene von Botswana.

Die meisten Touristen und Einheimischen trauen sich nicht an diesen Ort. Sie erzählen von Schießereien und Überfällen. Vancouver zieht mit seinem milden Klima und seinen milden Wintern eben nicht nur Touristen, sondern auch jene an, denen es unter dem kanadischen Sozialsystem zu kalt geworden ist.

Etwas weiter von Downtown entfernt befindet sich die Nachbarschaft um den Commercial Drive. Hier gibt es ein eher studentisches und künstlerisches Flair, nur weniger gewollt als in den anderen In-Viertel der Stadt. Der Ein-Dollar-Laden ist hier direkt neben der italienischen Pizzaria. Die kulturelle Szene ist reich. Jeden Donnerstag lädt das Café Deux Soleils zur Open-Mic-Night ein. Hier kann jeder zeigen, was er musikalisch so drauf hat, meist auf höchstem Niveau.

Das Prenzlauer Berg Vancouvers befindet sich in Kitsilano. Hier pflegen die etwas Wohlhabenderen ihr Bio-Öko-Image und zeigen sich gerne mit eigenem Einkaufsbeutel und französischem Käse an der Kasse. Beides gilt hier schon als höchst alternativ; in einer Kultur, in der die Geschmacksstufen des kanadischen Block-Käse mit Zahlen von eins bis vier kenntlich gemacht werden und in der alles in so viele Plastikbeutel wie möglich gepackt wird. Neben Bio Supermärkten gibt es in Kitsilano auch andere interessante Einkaufsmöglichkeiten, wie zum Beispiel den wundervollen Indie-Recordstore Zulu in dem man alles wohlgeordnet von „La Düsseldorf“ bis „Atlas Sound“ findet und zudem noch gut beraten wird.
In diese Gegend Vancouvers gelangt man jedoch nicht mit dem Skytrain, sondern nur mit dem Bus. Der fährt einen anders als sein Kollege zwar nicht so schnell, dafür aber gemütlich und ebenso sicher entlang der hohen Glasbauten, entlang der Parks und der Einfamilienhäuser, entlang der schneebedeckten Berge, die, ob Regen oder Sonnenschein, die Stadt einfach immer schön aussehen lassen. Und wenn man einmal keine Lust mehr auf die Großstadt hat, macht man sich einfach auf die einstündige Reise zu denselben und fährt Snowboard oder Ski. Mit Skytrain und Bus.

Durch die Nacht mit den Panda Kids

Wenn man am Sonntag verkatert mit zwei großen schwarzen Kreisen um die Augen und gefühlten zwei Kilogramm Glitzer in den Haaren aufwacht, weiß man, dass der letzte Abend keine normaler war. Rekapitulieren fällt schwer. Mit Blick auf den riesigen Stapel Funkel-Klamotten neben dem Bett denken wir jedoch, dass diese Geschichte nicht einfach verloren gehen darf. Wir erinnern uns: Man sagte uns, wir sollten über zwei Studenten berichten, die einen Modeblog betreiben. Wir sollten zu ihrer Wohnung in Moabit fahren und bei Panda klingeln.

Die Panda Kids heißen Laura und Joost und führen uns durch ihre weitläufige Panda-WG. Eigentlich eine typische Altbauwohnung: ein langer Flur, hohe Decken, große Zimmer, wenige Möbel. Laura flitzt in einem Cocktail aus aufgeregten Gesten und abgeklärten, müden Augen mit ihren krümelmonster-blauen Haaren zwischen Spiegel, Badezimmer und lustiger Lady-Gaga-Geschichte umher. In Joosts Zimmer umkreisen Heimorgel, Vintage-Klamotten und Kinderschulranzen ein paar Buffalos, die er mit blinkenden Diskokugel-Spiegelchen beklebt hat. „Wir gehen heute zur Join the Sparkle-Party“, sagt er begeistert und fügt hinzu, es sei die beste Party des Jahres. „Sparkle“ heißt funkeln und wir sind froh, dass wir heute zufällig unsere einzigen Glitzer-Klamotten tragen.

Gegründet haben sich die Panda-Kids vor ungefähr einem Jahr. Joost und Laura kannten sich aus der Uni, wo sie gemeinsam Chinesisch-Kurse besuchten. Schnell wurde klar, dass sie eine Idee teilen: Als leidenschaftliche Partygänger wollten die beiden nicht einfach immer nur „dabei sein“, sondern das Nachtleben aktiv mitgestalten: Sie starteten ihren Blog Chloroformtv.de und machen seitdem kurze, witzige Videos über die Party- und Modewelt Berlins.

Plötzlich steht Laura in der Tür mit einem großen Schmink-Etui. „Die Panda-Augen sind dran“, verkündet sie strahlend. Wie Profis stattet sie uns in nur wenigen Minuten mit schwarzen Augen und zusätzlichem Glitzer für die Party aus.
Jetzt kann es losgehen und wir machen uns zusammen mit ihren Freunden auf den Weg zu Monster Ronsons auf der Warschauer Straße.

In der Schlange vor dem Club treffen wir Larry, einen sehr exaltierten Typ in einem BH, der alles liebt und umarmt was ihm vor die Nase kommt. Die Panda Kids danken es ihm mit Begeisterung und Panda-Liebe. Diese Liebe startet und endet meistens mit einem lauten „Ahhh!!!“

Ein bisschen Larry steckt in in den meisten Männern und Frauen, die wir an diesem Abend treffen. Ganz viel zum Beispiel in dem letzten Gewinner des Space-Cuffs-Wettbewerbs, einer Drag Queen mit so viel Herz, dass es von der Panda-Umarmung beinahe gebrochen wird. Verletzlichkeit und Herzlichkeit sind etwas, was die Atmosphäre an diesem Abend beflügelt. Das und die ausgefallenen Kostüme. Wir sehen einen glitzernden Space-Soldaten hier, einen goldenen Metall-Druiden dort und einen gelben Klaus-Nomi hinter der mit viel Liebe und Sparkle dekorierten Theke. Die Deko und die Kostüme scheinen fragil, nur für diesen einen Abend gemacht. Joosts Spiegelsteine hingegen kleben fest und unverwüstlich auf den hohen Plateauschuhen. Wir sind begeistert, schauen den Performances zu, bewundern die Poletänzer, hüpfen zu Live-Musik. Jeder ist sehr offen und freundlich. Wir fragen uns, wie die Pandas da rein passen.

Pandabären sind extrem selten. Vom Aussterben bedroht. Ein Grund, weshalb sie von vielen Menschen geliebt werden, ist ihre Schönheit. Ob die Bären von ihrer Ausstrahlung wissen, bleibt ungeklärt. Diese Panda Kids scheinen etwas darüber zu wissen. Das lässt sie und die anderen anwesenden Blogger hier so herausstechen. Gerade als Joost und Laura diesen einen Typen vom Exberliner mit dem Nasenring begrüßen, schaut Frank von „I Heart Berlin“ eher kühl herüber. Irgendwie sind sie alle Panda-Kinder heute Abend. Die Blogger. Sie scheinen beruflich hier zu sein, bewegen sich gekonnt auf der Zuschauertribüne, können sich deshalb aber auch nicht gehen lassen: Nichts ist so prekär wie das Sehen und Gesehenwerden auf der Zuschauertribüne, während die Schauspieler dem Publikum ihr Herz ausschütten.

Uns gefällt dieses Theater jedenfalls sehr und wir beziehen es beim Disco-Tanzen sicher in die Auswahl der besten Parties des Jahres mit ein. Versprochen. Derweil heißt es für die Pandas harte Arbeit für ihren Blog. Es werden die üblichen Verdächtigen der Szene begrüßt und Interviews mit den Stars und Sternchen der Nacht geführt. Dazu halten sie zum Beispiel der Frontfrau von der Band „Italoporno“ ein riesiges Schaumstoff-Mikrofon unter die Nase, schenken ihm vor der Kamera ganz viel Panda-Liebe und fragen ihn über das aus, was am Ende als lustiger O-Ton auf dem Youtube-Video Platz haben könnte. Auf ihrem Blog Chloroformtv.de finden sich so nun schon  Veröffentlichungen wie „How To Be a Panda“ oder „Water Your Mind Garden“. Alles ziemlich witzig, süß, crazy und mit viel ostasiatischem Jugendcharme.

Mit der Zeit wird uns dann auch klar, wie die Pandas in diese Welt der zarten Draq-Queen-Seelen hineinpassen. Die Blogger sind gerngesehene Gäste, denn sie verleihen den Parties weniger zusätzliche Öffentlichkeit als vielmehr Relevanz. Wir leben in einem Medienzeitalter und manchmal fühlt es sich an, als hätten Ereignisse gar nicht stattgefunden, wenn nicht irgendwo über sie berichtet wurde. Sei es auf Partyfotos.de, Facebook oder eben den zahlreichen Blogs. Vielleicht sind es sogar die Blogger selbst, die diese Sparkling-Party überhaupt existieren lassen. Wir hoffen jedenfalls, dass ihr Leuchten mit Hilfe der Panda Kids noch in 1000 Jahren zu sehen sein wird.

Ronald Pofalla – Uuuund weil es nicht klappt!

Wie ein konservativer Politiker es immer wieder schafft, unsere innersten Gefühle auszusprechen.

Manchmal ist das Herz dem Kopf in Sachen Rationalität um Meilen voraus. Der Kopf oder auch „Das Gehirn“ genannt, fälschlicherweise das Zentrum des menschlichen Verstandes, kann nämlich auf ziemlich unreife Gedanken kommen: „Kopf sein“ heißt manchmal eben einfach „Kindskopf sein“. Das Herz muss dann als die gute Seele des Körpers intervenieren, dem Kopf gut zureden und alles wieder heile pusten. Das Herz ist nun einmal viel erfahrener als der Verstand, der, wenn er denn wieder überschäumt, gleich alles mit einem wilden blubbrigen Meer braun-blauer, gärender Brause bedeckt.

Ähnliches Interventionsverhalten konnte laut Spiegel Online letztens bei unserem Kanzleramtsminister Ronald Pofalla beobachtet werden. Dessen aus „kleinen Verhältnissen“ stammendes Herz hatte schon immer wegen Pofallas Entscheidung, der CDU beizutreten, die Augen verdreht, doch ließ gewähren, als es sich so unsterblich in ein süßes blondes Parteimitglied der Jungen Union verliebt hatte. Anscheinend langte es ihm dann doch und griff nach einer Sitzung der nord-rheinwestfälischen Landesgruppe, ganz nach Herzensmanier, keulformartig in die Karriere seines Wirts ein. Es konnte die Dummheiten der Kollegen einfach nicht mehr ertragen: „Der macht mit seiner Scheiße die Leute verrückt“ soll Pofalla über seinen Parteifreund Wolfgang Bosbach gewettert haben. Danach platze ihm sogar „Ich kann seine Fresse nicht mehr sehen“ heraus.

Da hat das Herz des Diplom-Sozialpädagogen gesprochen. Es wollte sagen: „So jetzt ist aber Schluss mit dem CDU-Blödsinn, den ich mir die letzten 36 Jahre anhören musste.“ Bosbach, der neben Muslimen, Freiheit und Paintball-Spielen nun auch die EU hasst, war einen Schritt zu weit gegangen. Er hat den sonst so unschuldigen Pofalla mit seinen Äußerungen derart gereizt, dass dieser seine Abscheu nicht mehr zurückhalten konnte.

Die Medien vermarkten sich geschockt. Pofalla, in Fachkreisen auch Prollfalla genannt, habe über die Strenge geschlagen. So könne man mit dem sich verdient gemachten Abweichler Bosbach nicht umgehen. Es gebe doch schließlich auch Meinungsfreiheit (da hätte Bosbach sich fast in sein eigenes Bein gebissen). Wir machen jetzt von selbiger Gebrauch und haben jedenfalls nichts dagegen, wenn Prollfalla sein Herz sprechen lässt.

Zumal es ja nicht das erste Mal war, dass Prollfalla von dem CDU-Haufen genug hatte. Guttenbergs parteiinterner Name „Rumpelstilzchen“ soll angeblich von ihm stammen und Norbert Röttgens Wahl zum CDU-Landesvorsitzenden in NRW versuchte er fast manisch mit aller Kraft zu verhindern. Endlich ein konservativer Politiker, der sich für die Menschen einsetzt.

Auf Youtubes „Wall of Suggested Shame“ hat sich der sonst so zurückhaltende Politiker ohnehin einen festen Platz gesichert. Sein „Uuuund weil es nicht klappt!“-Video erreichte Kultstatus und fast 50.000 Klicks. Wenn unser Sprachrohr auf die Kacke haut, dann richtig. Er spricht uns aus der Seele. Spricht, wie unser Orphan-Orakel Sarrazin aus, was wir kleinen Leute uns nie zu denken geträumt haben. Wir kleinen Leute, wie Prollfalla selbst einmal einer war, (vor der Sache mit den Steuern). Er spricht Gedanken aus, zu denen uns einfach das nötige Niveau fehlt. Doch jetzt können wir es auch sagen.

„Bosbach, wir können deine Fresse nicht mehr sehen!“. Dieser Satz war nach seiner Veröffentlichung plötzlich in aller Munde. Nun ist er wieder ein wenig verstummt. Bleibt uns nur noch, auf Prollfallas hoffentlich bald erscheinenden Bildband: „Bosbach schafft sich ab“ zu warten, während wir gespannt von weiteren Herzensangelegenheiten unserer Spitzenpolitiker träumen.

Die Generation Y…

...sind wir! Wir sind schnell gelangweilt, haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, können uns nur schwer konzentrieren und wählen deshalb die Piratenpartei. Was aber viel spannender ist: Wir sind die letzte Generation, die ein Leben ohne Internet kennt. Eine Typisierung aus erster Hand oder warum der Generationskonflikt heutzutage ein digitaler ist:

Die meisten Artikel über „uns“ leiten mit der Generation X ein. Wahrscheinlich, weil sie von ihr geschrieben werden. Als moderne Opportunisten wollen wir uns diesem Trend nicht verschließen und ersparen euch den Weg zu Wikipedia: „Vertreter der Generation X sind in den 60er und 70er Jahren geboren und zeichnen sich durch Konsumverweigerung und Vorliebe für depressive Musik aus.“ Wie sich die Zeiten ändern. Der typische X-ler ist heute Ende 30 und bei gutem Wetter im Monbijou Park beim Boule-Spielen in Designerklamotten anzutreffen. Verschloss er sich zu „Nevermind“ noch dem Konsum, kauft er nun die 20-Jahre-Nevermind-Special-Edition. Bei Plenarsitzungen im Bundestag erkennt man ihn daran, dass er ununterbrochen auf sein Ipad starrt.

Man merkt: Uns ist die Generation X suspekt. Wir finden ihren Jugend- und Technologiewahn gar kindisch und närrisch. Wir können unsere Begeisterung für das neuste Ipad im Zaum halten und kommen auch ohne internetfähiges Handy aus. Für uns ist das Internet wie für die Generation X der frische Orangensaft zum Frühstück im Elternhaus. Nichts besonderes. Wir trinken ihn einfach. Ohne groß darüber nachzudenken.
Bei den Älteren ist dies nicht der Fall. Sie sind nicht mit dem Internet groß geworden und kommen oft nicht aus dem Strahlen heraus, wenn sie von ihrem Twitter- oder Facebook-Account reden. „Ich habe mir letztens bei Amazon ein Buch bestellt.“ – Toll.

Da wir ungefähr zwischen den 80er und frühen 90er Jahren geboren wurden, verbindet uns Y-ler noch eine weitere entscheidende Tatsache: Wir sind die letzte Generation, die sich zumindest vage an eine Zeit ohne Internet erinnern kann. Wir sind die letzten Vermittler zwischen der digitalen und der analogen Welt. Sind wir ausgestorben, gibt es kein zurück mehr. Menschen in der Zukunft werden sich fragen, wie wir von Partys erfahren oder wie wir sie ohne Google-Maps gefunden haben. Oder was Google überhaupt ist. Irgendwann wird der älteste noch lebende Y-ler durch die Talkshows gereicht und genötigt, Bücher über seine prä-digitalen Erfahrungen zu publizieren. Online natürlich.

Er wird darüber berichten, wie er mit 11, 12, 13 und auch noch 14 Jahren nichts unversucht ließ, um  seine Eltern zur Anschaffung eines 56k-Modems zu bringen. Wie er sich über seinen ersten Computer mit Windows 3.1 auf gerade einmal zehn Disketten gefreut hat. Wie er seinen Eltern verzweifelt erklären musste, dass man mit dem Computer auch Audio-CDs hören kann oder wie sie Musik auf einen Mp3-Player kopieren. Aber das war später. Ein Jahr zuvor hatten ja alle noch MiniDisk und den tragbaren Kassettenrekorder von Sony. Während unsere Mütter von einer Zeit ohne Telefon und Autos schwärmen, werden wir unseren Enkeln von einer Zeit ohne die böse Cloud und ohne personalisierte Werbung berichten. Eine Zeit, in der man im Unterricht durch die Spiegelung an seiner G-Shock die Lehrer ärgerte und nicht durch illegale Blogs oder die Ipod- Buzzer-App. Ruhigere Zeiten. Familiärere Zeiten. Wir verklären ungehemmt.

Während vorangegangene Generationskonflikte noch auf Real-Life-Schlachtfeldern wie Musik oder Kleidung ausgetragen wurden, finden sie heute viel versteckter statt. Mit leisem Augenverdreher in einer Commentzeile oder hämischen Hyperlinks auf einem Modeblog. Online eben.

Wir sind die ersten „Digital Natives“ und unsere Vorgängergeneration die letzten „Digital Immigrants“. Es ist eine nach Science Fiction klingende vor allem von dem amerikanischen Schriftsteller und Spieledesigner Marc Prensky geprägte Dichotomie. Von einem dicken Akzent der Immigranten ist bei ihm die Rede, da sie sich in der digitalen Welt mit prädigitalem Vokabular zu bewegen versuchen. Weil sie sich Emails ausdrucken, um sie als Hard-Copy zu sichern oder Kollegen in ihr Büro bestellen, um ihnen eine lustige Website zu zeigen, anstatt einfach eine URL zu schicken.

Ihr Akzent geht jedoch über Prenskys Beispiele hinaus. Viel tiefgreifender ist, dass sich Digital Immigrants über ihre Realität mit Facebook, Twitter, Google und Co. über ihre gewohnt etablierten Medien auszudrücken versuchen.

Sie verschreiben uns sogenannte Medienkompetenz, während sie nicht gemerkt haben, dass wir schon viel weiter sind. Sie verstehen Facebook und Co. genauso wenig wie der gemeine Berliner den rheinischen Karneval. Er bewertet ihn über, glorifiziert ihn, verteufelt ihn als Gefahr, während wir einfach nicht zuhören. Wir haben nämlich keinen Fernseher und kein Radio und lesen die Süddeutsche Zeitung nur sporadisch und zur Abrundung unseres Retro-Outfits. Wir haben unsere eigenen Kanäle.

Prensky setzt genau bei diesen neuen Kanälen an. Er möchte einen neuen Weg der Wissensvermittlung beschreiten, der mehr an die Denkstrukturen der Digital Natives angepasst ist. Er möchte mehr Multitasking, mehr Bilder und Spiele als Lehrmaterialien, als zu lange und zu stringente Texte. Doch wer soll sie uns vermitteln? Die Älteren tun sich schwer, adäquate Zugänge zu entwickeln oder zumindest unsere jahrelange Praxis vor dem Fernsehen und dem Internet anzuerkennen.

Der zeitgenössische Generationenkonflikt entpuppt sich deshalb als kalter und leiser, weil wir sprichwörtlich aneinander vorbeireden. Ein Konflikt ohne stabile Plattform, zwischen digitalen Einwanderern und Ureinwohnern im grob gewebten ultra-durchlässigen Netz.

Zum Glück ist die Zeit auf unserer Seite. Bis wir von der Generation Z abgelöst werden. Dann bleibt abzuwarten, ob nicht wir es sind, die missverstehen. Generationenkonflikte sind halt irgendwie doch immer gleich. Generationen verändern sich und bleiben sich treu. Ein Satz, der derart geäußert wohl nur in den eigenen Bart gesprochenen wird, weil keiner unserer Adressaten ihn hören kann. Außer vielleicht als pixeliges Echo aus einer fremden Webzeit.

Der richtige Klingelton und der Weg ins Licht

Immer mehr Leute tragen Kleidungsstücke und Accessoires von denen gesagt wird, sie seien irgendwie ironisch zu verstehen. Wir haben uns gefragt, warum die Straßen plötzlich voller Ironie-liebender Menschen sind, die Welt aber immer noch nicht lustiger geworden ist.

In der letzten Ausgabe von Slyle haben wir über die neuen Hipster-Handys berichtet. Wir haben festgestellt, dass eines ihrer Features ist, dass sie so unheimlich schön ironisch zu verstehen sind.

Anna aus der Werbeakquise hat jetzt auch ein sogenanntes Hipster-Handy. Während sie eigentlich arbeiten müsste, telefoniert sie damit fröhlich mit Gott und der Welt. Dabei raucht sie eine dieser neuen Fred-Zigaretten mit der 0 drauf.

Nichts für ungut Anna. Anna ist wirklich nett und auch klug, aber was Ironie bedeutet, hat sie bis heute nicht verstanden. Für Anna ist das Handy einfach ein Modestatement. Genauso wie der Opa-Hut, die Steppjacke oder die 90s-Frisur. Welcher Hipsterkörper diese Dinge aufgrund seiner ausgeprägten Liebe zur Ironie trägt, hat es verfehlt und seine Werbetafel uniformiert. Nein – Opa und Rich-Kid-Accessoires, getragen von Tausenden, haben nichts mehr mit Ironie zu tun, sondern mit Mode. So einfach ist das. Und so schlau ist das. Denn wer hat heutzutage schon Zeit, hinter das Wörtliche zu schauen? Und wer würde sich ernsthaft mit wirklich ironischen Statements auf die Straße trauen? Wer würde mit Gesundheitsschuhen ins Berghain gehen oder sich eine Halbglatze rasieren, obwohl er erst 16 ist? Man würde entweder abwertend angesehen oder übersehen werden. Gerade von jenen, an die diese Statements adressiert sind: Den ironie-liebenden Hipsterleuten. Wirklich ausgefeilte subtile ironische Statements wollen deshalb von langer Hand geplant und professionell ausgeführt sein oder man steht ganz schnell im Abseits des lokalen Scheinwerferlichts.

Besonders in Kants Deutschland setzen sich originär ironische Individualisten oft der großen Gefahr aus, als nicht-rationale Kindswesen dazustehen. Ein hartes Pflaster also für Einzigartige. Bald wird man dann entmündigt und kommt in ein Haus, das voller interessanter Individualisten ist, die alle ganz viel Zeit für ihre originellen und ironischen Mode- und sonstigen Statements haben. Abgeschottet von der Öffentlichkeit und mit Ausgangssperre. Für diejenigen, die einen Job haben, geht das allerdings gar nicht.

Doch wer sagt überhaupt, dass Individualismus gut ist? Jean-Paul Sartre? Angela Merkel? Anna schreit aus dem Hintergrund „Apple“ und hat nicht ganz unrecht. Was ist individueller als sein eigener Macbook in der Unibibliothek? Der Inhalt vielleicht, nur den sieht man ja nicht.

Aber möglicherweise hat Anna recht und Apple & Co sind wirklich die größten Nutztragenden von unserem Drang nach Individualismus. Hätte da nicht diese neue Bio-Vegan-Eisdiele um die Ecke aufgemacht. Die verkaufen veganes Bio-Eis zum angenehmen Preis von 90 Cent pro Bällchen. Vor allem Soja-Joghurt-Mango ist zu empfehlen. Darauf ein paar Smarties und der Sonntag ist gerettet. Doch wie sind wir jetzt eigentlich von Ironie zu Individualismus und Soja-Eis gekommen? Alle drei funktionieren im Alltag irgendwie nur, wenn sie leider schon wieder zu offensichtlich sind, um lustig, interessant oder einzigartig zu sein. Es muss eben doch immer auch nett aussehen und lecker sein. Also nach den Regeln spielen. Das ist wohl auch der Grund, weshalb Stereotyperei boomt und wir in jeder Subkultur immer die gleichen genormten Gesichter sehen. Das gilt für Hipster genauso wie für Metaller oder Mathematikstudenten. Man will dazugehören, aber trotzdem einzigartig sein. Individualismus in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen eben. Was manche als Fake-Individualismus bezeichnen würden, fühlt sich oft einfach besser an, als den Weg ins ewige Energiesparlampen-Licht alleine antreten zu müssen. Manchmal trifft man dort nämlich auf Gestalten, die man da einfach nicht sehen möchte. Wie den gruseligen Norwegen-Mörder oder diesen Weirdo aus der Schule, mit dem keiner befreundet sein wollte, weil er sich in der Pause immer geritzt hat. Da braucht man dann Freunde, die zu einem stehen. Und wie erkennt man die in der großen Stadt Berlin, wenn nicht durch den richtigen Klingelton?

Die PARTEI

Wenn sich rechte und linke Hand die Hand geben und von der Mauer der Liebe träumen:
oder „Der hitler hat ja auch mit demokratischen Wahlen die Macht an sich gerissen!“

Wie will man in einer Satirezeitschrift satirisch über eine Satirepartei um die Satirezeitschrift Titanic  sprechen? Wir von Slyle sagen: Indem man sie und seine Vertreter ernst nimmt!
Wir denken: Einmal Satire reicht an Satire – zu viel Satire wäre doch irgendwie zu viel Satire – würde die Satire ja irgendwie wieder de- oder aussatieren.
Wir haben uns deshalb mit Anna Bauer (kein Künstlername), der Kandidatin für das Bürgermeisteramt der Partei „Die PARTEI“ für den Berliner Bezirk Neukölln, getroffen und sie endlich einmal so richtig ernst genommen.

Eigentlich ist „die PARTEI“ nur wieder so eine weitere Partei, die man eigentlich schon satt hat. Korrupt, opportunistisch – eine weitere „Partei der extremen Mitte“, wie sie sich selber nennt. Wäre da nicht die charmante Anna Bauer.
Anna Bauer lebt und kandidiert in und für Neukölln. Das Auffangbecken für Exzentriker jeder Art. Besoffene. Studenten. Dönerland. Anna Bauer bildet in diesem Drecksloch allerdings die Ausnahme. Sie gehört laut FORSA und Bild-Umfragen zum Mainstream. Ihr Plan: Wie ca. 30% der Deutschen möchte sie „Die Mauer“ an ihrem gewohnten Platz sehen.

Mit der Mauer hatte die 21-Jährige jedoch zu Anfang herzlich wenig zu tun. Noch vor zwei Jahren lebte die betont graue Maus in dem kleinen niederbayrischen Dorf Niederviehbach (Name nicht geändert) und wuchs dort idyllisch zwischen Kühen und Schweinen auf einem Bauernhof auf. Politisch war bei ihr damals, abgesehen von einem Klassensprecher-Posten, tote Hose.

Rekrutiert wurde sie dann von dem, wie sie ihn nennt: „Größten Vorsitzenden aller Zeiten“,  Martin Sonneborn. Sie zog nach Berlin und ließ sich für eine Partei instrumentalisieren, deren Slogan „Politik mit Profil – Politiker mit Sexappeal“ lautet und die von „der Zeit mit dem Schießbefehl“ nur ohne Schießbefehl träumt. Von „Der Zeit“ eben.
Und wie gesagt: Sie will eine Mauer, aber eine „Mauer der Liebe“.
Genau damit wurde sie schließlich von dem 25 Jahre älteren Sonneborn nach Berlin gelockt – die genaue Beziehung zwischen den beiden bleibt unklar.

Dass gegen Anna Bauer nun ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz (für jene, die uns das nun wirklich nicht glauben:
http://www.berlin.de/polizei/presse-fahndung/archiv/354767/index.html) läuft, stört sie nicht. „Also darüber sind wir anderer Meinung“, sagt sie im verblendeten RAF Terroristen-Ton.

Mit der Berliner Hau-ruck-Polizei kam sie in Kontakt, als sie rechte Wähler „fischen“ wollte und mit ihren Parteigenossen beim „Fackelmarsch“ durch das Brandenburger Tor erwischt worden war.  
Während andere Eltern bei einem solchen sozialen Abstieg das Kind gleich wieder in das heimische Niederviehbach abtransportieren würden, seien dort alle stolz auf die Beauftragte für Bikinimode und Atomtests. „Meine Familie unterstützt mich da voll und ganz!“

Parteien wie Die PARTEI sind derzeit schwer in Mode. Mit jedem Tag sprießen neue rechtsextreme Linksparteien und linksextreme Nationalsozialisten aus dem Boden unserer Putin-liberalen Parteienlandschaft. Selbst die etablierten Volksparteien lässt dieser Hype der Widersprüche nicht kalt. Längst wurden sie alle an einem Tisch gesichtet, dieselbe grüne Brühe süffelnd – und sogar die FDP schließt unter ihrem neuen Namen „Die Neue FDP“ das Label der Arbeiterpartei nicht mehr aus.

Anna Bauer ist halt eine echte Politikerin. Opportunistin war sie ja eigentlich schon immer, erzählt sie stolz. Die Leistungskurse Mathe und Französisch belegte sie nur, weil sie sich gute Noten erhoffte. Jetzt studiert sie Kunstwissenschaft in Berlin. Nicht zufällig der hippste Studiengang der Szene-Stadt.

Auf die Frage, ob sie glaubt, mit der PARTEI so ganz an die Spitze kommen zu können, kontert sie: „Der Hitler hat es ja auch mit demokratischen Wahlen geschafft!“
Wo sie Recht hat, hat sie Recht und so arbeitet sie sich langsam aber gewissenhaft durch die mediale Unterwelt der Freaks und Freakinnen.
So wurde zuletzt von ihrem Absturz auf der CDU-Facebook-Party berichtet, wo sie halbnackt und bemalt auf sich und die PARTEI aufmerksam machen wollte.
Eigenen Angaben zufolge wurde sie sogar von der party-affinen Crowd herzlich willkommen geheißen. Zustimmung fand sie auch oder gerade bei den CDU-Alteingesessenen, so Bauer. „Sex sells“ eben. Das gilt auch auch für die Oppas der CDU. „Die älteren Herren sind für alles mit nackter Haut zu begeistern und deren Frauen sowieso“, strahlt das immer mehr an Unschuld verlierende Landei Anna.

Alles in allem beeindruckt das Engagement der jungen PARTEIgenossin! Dass sie der Gesellschaft jedoch die iPhone-Spiegel-App vor die Nase hält, scheint ihr bei dem ganzen Theater nicht bewusst zu sein. Dass wir Normalos, die wir die Politik doch auch ernst nehmen, uns mit unseren hässlichen Grimassen jetzt schon fast nicht aus dem Haus trauen, interessiert die junge und attraktive Wahlkämpferin der PARTEI nicht. Den Todesstoß nimmt sie in Kauf.
Dass Politik keinen Spaß macht, haben wir ja schon früh gelernt, aber dass er uns so zur Reflexion treibt, dass es uns sogar bis hin zum Selbstmord des eigenen Selbstverständnis führt, dazu hat keiner Lust. Vor allem nicht in unserer „der Inhalt dieser Verpackung enthält keine großartigen Zusatzstoffe“-Gesellschaft. Dann wählen wir lieber die „Neue FDP“ und wissen was wir haben.

P.S. Die Partei hat noch alle möglichen Führungspositionen zu vergeben! Bei Interesse bitte auf keinen Fall melden! Die finden euch!

Die neuen Hipster-Handys sind da!

Das Nokia 1112 und Samsung E10802

Neukölln, Kreuzberg und jetzt sogar Mitte: aus der Welt der Hipster und Szene-Leute ist das digitale Telefonieren und Sms-Versenden nicht mehr wegzudenken.
Besonders beliebt sind dafür das Nokia 1112 und das Samsung E1080w. Zwei Handys, die das multimediale Gesamtkunstwerk versprechen. Ob in Szene-Clubs, -Bars, oder bei der neusten Magazin-Release-Party: überall sieht man sie am Ohr der trendigen 16-36-Jährigen originelle Informationen über das neuste „Weeknd“-Album oder die aktuellste „Garage“-Uniform transmitten.
Wir haben uns einmal für euch die Mühe gemacht, dem Phänomen Hipster-Handy auf den Grund zu gehen und seine wichtigsten Features zusammengestellt.

Das Ironie-Feature:
Das  Nokia 1112 und das Samsung E1080w strotzen nur so vor Ironie und Ausdruck einer antimaterialistischen kapitalistischen Grundeinstellung. Das innovative „no camera“-Konzept erlaubt es dem uniquen Individuum, vor allem in Touristengegenden so richtig aufzutrumpfen. Wer hier mit einem Samsung E1080w oder noch besser mit einem Nokia 1112 auftritt, wird gesehen und will gesehen werden. Der Vorteil: neuste Ironen-Technik ironisiert jeden Fehltritt. So kann man mit dem Hipster-Handy in der Hand auch mal den Schritt zum Bockwurststand oder zu ZARA wagen. Dabei liegt das oldschool Nokia 1112 knapp vor seinem Konkurrenten, der mit Farbdisplay und modernem Design dis-fällt. Für den ganz Trendigen kann dieses Meta-Ironie-Gimmick jedoch auch den subtilen Reiz des Samsung ausmachen. Für diejenigen, die der Ironie mit Ironie über die Ironie entkommen möchten, ist dieses Handy also genau die richtige Wahl. Dem Otto-Normal-Hipster, der die subversive Erfahrung nicht sucht, reicht hingegen das Nokia 1112.

Das Konnekting Feature:
Laut Hersteller erlauben einem das Nokia 1112 und das Samsung E1080w, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben, die einem besonders wichtig sind. Es soll uns einfach leichter gemacht werden, „die kleinen Freuden des Lebens zu genießen“. Dieses Versprechen halten beide Handys! Der begrenzte Speicher im Telefonbuch macht es möglich, nur mit den angesagtesten Freunden in Kontakt zu bleiben und das Löschen alter Bekannter aus dem Heimatdorf wird durch intuitive Menüführung zum Kinderspiel. Innerhalb weniger Handgriffe schafft man so Platz für neue, bessere „Leute“. Dabei sehen sich die Hipster-Handys als erfrischendes Komplement zu Facebook und Co., wo man auch mal schnell zum Szene-Verlierer degradiert werden kann, wenn man zu wenige Freunde sein Eigen nennt.
Mit der begrenzten Anzahl an Klingeltönen gelingt es einem zudem, seinesgleichen durch Anklingeln schon von Weitem im nächsten Szenecafe ausmachen zu können. Oft kann dies jedoch zu peinlichen Missverständnissen führen, wenn man beispielsweise den verloren gegangenen besten Freund in der Szene-Crowd anruft und von überall die Handys gezückt werden. Laut Hersteller können  aus solchen Peinlichkeiten aber auch neue Bekanntschaften entstehen.

Das „I Don‘t Care“-Feature:
Das Samsung E1080w macht es besonders leicht, nicht zugeben zu müssen, dass man ein Hipster- Handy besitzt, weil man ein Hipster ist. Durch den billigen Preis kann man seine prätentiösen Absichten einfach auf das unschlagbare Angebot und sein kleines Graphikdesign-Einkommen schieben. Wie kein anderes Handy erlauben diese beiden, eine Unbekümmertheit vorzutäuschen, die schier unglaublich ist: „Das war einfach das Handy, das die mir dazugegeben haben! Ich wusste nicht, dass es ein Hipster-Handy ist!“.
Leider ist das Nokia 1112 nicht mit dem „I don‘t care“-Feature ausgestattet, denn um ein Exemplar des Klassikers in Besitz nehmen zu können, bleiben einem viele anstrengende Stunden vor Ebay nicht erspart.

Das Kapitalismus-Feature:
Das Samsung E1080w trumpft noch mit einem weiteren Feature auf!
Die unzähligen Tastenkombinationen, die bei Tastensperre einen Emergency-call auslösen, erlauben es, in jeder peinlichen Gesprächspause – aus Versehen – den ersehnten Notruf auszulösen und damit auf seine körperliche Unversehrtheit und hohen potenziellen gesellschaftlichen Mehrwert aufmerksam zu machen. Das Nokia mit seinen lediglich drei Emergency-Tastenkombis lässt es hingegen äußerst unglaubwürdig aussehen, wenn man schon wieder 112 angerufen hat. Hier besteht sogar die Gefahr, als aufgeflogener Hipster schnell ins virtuelle Abseits zu geraten.

Das Entertainment-Feature:
Da sich Szene-Menschen nicht gerne über den neusten „Diablo“-Teil oder das neuste „Call of Duty“ unterhalten, bieten das Nokia 1112 und das Samsung E1080w ein Unterhaltungskultur-Gesprächsthema der etwas individuelleren Art. Nicht über den neusten Blockbuster muss dann philosophiert werden; die beiden Handys machen es möglich, sich intensiv über Snake 2 oder dieses komische Indiana Jones-Spiel auszutauschen. Da Snake 2 auf dem Nokia sogar Labyrinthe enthält, ist für unbegrenzten alternativen Gesprächsstoff gesorgt.

Abschliessend stellen wir fest, dass beide Handys mit ihren Features das Leben des Hipsters erleichtern und seinem vita superficiale den gewissen Touch geben können. Das Nokia 1112 besticht durch auffälliges Oldschool-Design und schlichtes Schwarzweiß-Display. Die etwas anspruchsvolleren Hipster werden jedoch lieber zum Samsung E1080w greifen, da seine Ironisierungs-Funktion ausgefeilter und seine „I don‘t Care“-Attitüde abgestimmter ist.  
Preislich bewegt sich das Nokia 1112 neu bei 40€ (erhältlich bei Ebay, Ebay-Kleinanzeigen und anderen). Das Samsung ist mit 20 € weitaus günstiger und bei jedem Mediamarkt, bzw. meistens bei Abschluss eines Base-Studenten-Vertrags umsonst von „Hinter der Ladentheke“ erhältlich.
Wir sind von den beiden Handys begeistert und haben mit dem Samsung gleich die ganze Redaktion ausgestattet. Leider mussten wir sie wieder zurückgeben, da der Klingelton unisono einfach unerträglich ist.  Hipster Hitler hat bestimmt auch eins!

Leserschreiben:
Auf Ihren Artikel in der Augustausgabe hin habe ich mir das Samsung E1080w gekauft. Ich muss leider sagen, dass ich von dem Handy nicht so begeistert bin wie Sie. Die Knöpfe sind meiner Meinung nach viel zu unsensibel und Speicherplatz ist noch genug da, um auch den letzten Deppen ins Telefonbuch aufzunehmen. Zudem muss ich bei Ihrem Artikel anmerken, dass hier Szene-Menschen und Hipster in einen Topf gesteckt werden. Diese Verallgemeinerung gefällt mir überhaupt nicht. Als Szene-Kenner kann ich von mir behaupten, dass meine Freunde eher Smartphones besitzen als das Samsung. Bei den Hipstern bin ich gut damit angekommen, aber aus der Szene bin ich jetzt raus. Danke!